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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Abenteuerfährten

Der Lyri­ker Tho­mas Böh­me ver­fasst nicht nur bezau­bern­de und lan­ge im Leser nach­klin­gen­de Gedich­te, son­dern auch gewich­ti­ge Roma­ne. »Gewich­tig« kann im Fal­le die­ses sprachmäch­ti­gen Man­nes nur »bedeu­tungs­voll« hei­ßen. Das sind Roma­ne wie »Die Ein­übung der Innen­spur« (1990) oder »Der Schna­ken­ha­scher« (2013). In selt­sa­me Wel­ten ver­set­zen sie einen, selt­sam, weil sie so real sind, dass man alles zu ken­nen glaubt, weil sie ande­rer­seits so fan­ta­stisch sind, dass man meint, so etwas exi­stie­re nur in der Ein­bil­dung. Er kön­ne, so schrieb Tho­mas Böh­me, nur mit­tels Par­odie das ihn Bela­sten­de ban­nen. Setzt man das in Bezie­hung zu sei­nem neu­en Roman »Grün­la­ken«, dann müs­sen die Lasten groß sein, denn Par­odie scheint hier alles zu sein. Gebannt wer­den die Lasten auf hohem lite­ra­ri­schem Niveau und in vie­len Pas­sa­gen amü­sant bis wit­zig. Immer unter der Devi­se: »Denn eine gespen­sti­ge Welt ist das, in der man nicht mal mehr sei­nen eige­nen Tage­bü­chern trau­en kann.«

Nein, trau­en kann man nie­man­dem und nichts in Böh­mes Grün­la­ken-Welt. Denn es ist nicht ein­mal sicher, ob es die­sen Ort über­haupt gibt. Gesucht wird er von einer, das ver­steht sich, ziem­lich ver­däch­ti­gen Exi­stenz. Das ist Andre­as Hahn, der sich lie­ber Adri­an Gal­lus nennt. Anspie­lung folgt in die­sem Roman auf Anspie­lung, doch man schöpft die­sen Reich­tum wohl nicht aus. Denn immer wie­der legt der Autor neue lite­ra­ri­sche Fähr­ten in die klas­si­sche Aben­teu­er­li­te­ra­tur, denen man fol­gen möch­te, aber es ist sou­ve­rän gehand­hab­te Par­odie, man steht am Ende vor Spie­geln. Der Lese­ge­nuss, der hier berei­tet wird, ent­steht, weil man die­sen Tritt­spu­ren nach­spü­ren kann.

Wie es sich für Tho­mas Böh­me gehört, hat auch die Rock­mu­sik ihr Insie­gel hin­ter­las­sen. »WHITEROOM« heißt ein Kapi­tel – und schon flammt der berühm­te Song von Cream in einem auf, aber WHITEROOM könn­te auch ein kli­ni­scher Raum sein oder der Sek­ti­ons­saal, in dem Hahn-Gal­lus sich befin­det. Immer­hin kann er in einer Rand­no­tiz noch beteu­ern, dass er das gar nicht geschrie­ben habe und nicht wis­se, wie der Text in sein Heft gekom­men sei.

Das Ver­wirr­spiel in immer neu­en Facet­ten (wobei mit­un­ter des Guten fast zu viel daher­kommt) schafft die nöti­ge Iro­nie, und in ihrem Gebrauch ist der Autor ein Mei­ster. Deren Schär­fe lin­dert erstaun­li­cher­wei­se den Wund­schmerz, den die­ser Text erzeu­gen kann. Denn Hahn-Gal­lus scheint durch ein Toten­reich, eine Unter­welt zu rei­sen, wo alles schat­ten­haft wird: »Ich blick­te gera­de­wegs in das star­re Kobra-Auge einer Über­wa­chungs­ka­me­ra (…) Drau­ßen schli­chen Sol­da­ten in Tarn­an­zü­gen zwi­schen den Bun­kern her­um. In den Bäu­men hin­gen Laut­spre­cher, aus denen Mind­ni­ght Ram­bler von den Rol­ling Stones, ble­chern ver­un­stal­tet, tön­te.« »Mind­ni­ght Ram­bler« – Irr­tum, Tipp­feh­ler oder Teil von Böh­mes par­odi­sti­schem Spiel? Denn die­sem Roman wäre auch ein sol­cher Titel gemäß, statt des »kor­rek­ten« Mid­ni­ght Ram­bler, wo in Mick Jag­gers Text ein Hahn kräht, wo es auch um das Töten geht. Dass im Roman Tote auf­er­ste­hen kön­nen, ist also fast tröst­lich. Doch bleibt die Fra­ge, was Hahn-Gal­lus mit den höchst ver­däch­ti­gen Vor­gän­gen in einem von ihm mit­be­grün­de­ten For­schungs­in­sti­tut zu tun hat, ob er nicht gar des­sen eigen­ar­ti­gen Chef auf dem Gewis­sen hat. Denn sei­ne Rei­se ist eine Flucht, dau­ernd wird er ver­hört. Die Ver­neh­mun­gen, deren Pro­to­kol­le mit­ge­teilt wer­den, sind von einer sol­chen Absur­di­tät, dass sie schon wie­der ganz real wir­ken. Dies ist über­haupt ein Vor­zug des Romans, dass die Wir­kung des Gro­tes­ken, Frat­zen­haf­ten immer die der Wirk­lich­keit ist. Das trifft für die Kind­heits­er­in­ne­run­gen eben­so zu wie für die Schil­de­run­gen der Gegen­wart oder der nahen Ver­gan­gen­heit, die eben­falls stän­dig prä­sent ist.

Böh­me spannt einen wei­ten Bogen, die Flucht­wan­de­run­gen sei­nes Prot­ago­ni­sten füh­ren durch eine zer­fal­len­de Welt aus Rand­zo­nen, Sperr­ge­bie­ten und Rui­nen. Auch wenn es eine Aben­teu­er­rei­se ist, ein Road-Movie fast, mit vie­len Spu­ren, die auch eine stau­nens­wer­te Bele­sen­heit des Autors erken­nen las­sen und des­sen Fähig­keit zur Ver­wand­lung von Lite­ra­tur, so ver­rät der Text doch die Sehn­sucht nach einer Festig­keit, etwa, wenn auf den Apo­stel Pau­lus (Römer 8) oder Johann Joa­chim Winckel­mann, den »Schö­nen Jüng­ling«, rekur­riert wird.

Um den Scha­ber­nack aus­zu­ko­sten, müss­te man den Roman ein­mal lesen, dann das zwei­te Mal, um den Aben­teu­er­fähr­ten zu fol­gen, ein drit­tes Mal, um dem gewal­ti­gen Bild- und Sprach­reich­tum gerecht wer­den zu kön­nen. Mit wel­chen Absich­ten auch immer jemand sich an die Lek­tü­re macht: Er wird auf sei­ne Kosten kom­men und sich berei­chert fin­den. Und man hält ein schön gestal­te­tes Buch in Hän­den, das darf man dem Leip­zi­ger poe­ten­la­den-Ver­lag dank­bar sagen.

Tho­mas Böh­me, Grün­la­ken, Roman, poe­ten­la­den 2022, 224 S., 22,80 €.