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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Angesichts des Bösen

Die Rede von Bun­des­prä­si­dent Frank Wal­ter Stein­mei­er am 28.10.2022 zur Lage unse­res Lan­des in Zei­ten von Krieg und wei­te­ren immer bri­san­te­ren inter­na­tio­na­len Span­nun­gen nann­te die FAZ eine Blut- und Schweiß-Rede. Die­se Ein­ord­nung erin­nert dar­an, dass die Rede des bri­ti­schen Pre­mier­mi­ni­sters Win­s­ton Chur­chill aus der Früh­pha­se des Zwei­ten Welt­krie­ges als Blut-Schweiß-und-Trä­nen-Rede in die Geschich­te ein­ging. Der Bezug zur Zeit des Zwei­ten Welt­krie­ges drückt die Dra­ma­tik aus, auf die Frank Wal­ter Stein­mei­er die Bevöl­ke­rung ein­zu­stim­men beabsichtigte.

Stein­mei­er benutz­te die Wor­te »Frie­den« und »Frie­dens­di­vi­den­de« in sei­ner Rede sie­ben­mal. Das erin­nert an Bert Brechts Gedicht »Wenn die Obe­ren von Frie­den spre­chen«: »Wenn die Obe­ren vom Frie­den reden, weiß das gemei­ne Volk, dass es Krieg gibt. Wenn die Obe­ren den Krieg ver­flu­chen, sind die Gestel­lungs­be­feh­le schon ausgeschrieben.«

Stein­mei­er begann sei­ne Rede mit einem Blick zurück auf fried­li­che­re Zei­ten: »Die Jah­re vor dem 24. Febru­ar waren (…) geprägt vom Glücks­mo­ment der Deut­schen Ein­heit, vom fried­li­chen Abzug der sowje­ti­schen Trup­pen, vom Ende der Block­kon­fron­ta­ti­on und dem Zusam­men­wach­sen Euro­pas. Es waren Jah­re der Frie­dens­di­vi­den­de, von der wir Deut­sche in der Mit­te des ver­ein­ten Euro­pas reich­lich pro­fi­tiert haben.« Er stellt die Jah­re der Nato-Ost­erwei­te­rung als fried­li­ches Zusam­men­wach­sen dar.

Die Kri­tik des US-Stra­te­gen der Nato-Stra­te­gie des Kal­ten Krie­ges Geor­ge F. Kennan an der Eska­la­ti­on der Span­nun­gen in Euro­pa von Anfang 1997 macht deut­lich, dass die­se Dar­stel­lung Pro­pa­gan­da ist: Er schrieb in der New York Times: »Eine Erwei­te­rung der Nato wäre der ver­häng­nis­voll­ste Feh­ler der ame­ri­ka­ni­schen Poli­tik in der gesam­ten Ära nach dem Kal­ten Krieg.« Sie wer­de »die natio­na­li­sti­schen, anti­west­li­chen und mili­ta­ri­sti­schen Ten­den­zen in der rus­si­schen Mei­nung anhei­zen« und ent­spre­chend »nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf die Ent­wick­lung der rus­si­schen Demo­kra­tie haben«. In der Kon­se­quenz wer­de sie, »die Atmo­sphä­re des Kal­ten Kriegs in die Ost-West-Bezie­hun­gen zurück­brin­gen und die rus­si­sche Außen­po­li­tik in Rich­tun­gen trei­ben, die uns ent­schie­den miss­fal­len werden«.

Eine wei­te­re Mär ist Frank Wal­ter Stein­mei­ers Vor­wurf, Russ­land habe am 24. Febru­ar »die euro­päi­sche Sicher­heits­ord­nung in Schutt und Asche gelegt. In sei­ner impe­ria­len Beses­sen­heit hat der rus­si­sche Prä­si­dent das Völ­ker­recht gebro­chen, Gren­zen in Fra­ge gestellt, Land­raub began­gen. Der rus­si­sche Angriff ist ein Angriff auf alle Leh­ren, die die Welt aus zwei Welt­krie­gen im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert gezo­gen hatte.«

Auch das ist rei­ne Pro­pa­gan­da: Der Ver­trag zur Deut­schen Ein­heit von 1990 erteilt Deutsch­land und den Alli­ier­ten des Zwei­ten Welt­krie­ges die Auf­ga­be, auf eine Frie­dens­ord­nung hin­zu­wir­ken, die die Sicher­heits­in­ter­es­sen »eines jeden Staa­tes«, also auch die Russ­lands und der Ukrai­ne, berücksichtigt.

Die von Geor­ge F. Kennan kri­ti­sier­te Nato-Poli­tik hat genau das getan, was Frank Wal­ter Stein­mei­er auf Russ­land abzu­wäl­zen ver­sucht. Es ist unbe­strit­ten, dass der Krieg auch in sei­ner beid­sei­ti­gen Zer­stö­rung zivi­ler Zie­le Kriegs- und somit Völ­ker­recht bricht. Doch die Schwarz-Weiß-Dar­stel­lung einer Allein­schuld für die Kata­stro­phe hält kei­ner Über­prü­fung stand, da die­ser Krieg, wie alle, nicht ohne sei­ne Vor­ge­schich­te zu ver­ste­hen ist und ohne ein Ver­ständ­nis der Vor­ge­schich­te nicht zu lösen sein wird.

Bun­des­prä­si­dent Stein­mei­er kün­digt zudem eine ganz neue Eska­la­ti­on an, näm­lich die des US-/Na­to-Blocks gegen­über der Groß­macht Chi­na: »Chi­nas wirt­schaft­li­cher und poli­ti­scher Macht­an­spruch ist dar­in ein zen­tra­ler Fak­tor. Die­ses Rin­gen wird die Zukunft der inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen auf lan­ge Sicht prä­gen.« Was der Bun­des­prä­si­dent hier macht, das erin­nert an ein Papier des US-Kon­gres­ses vom Janu­ar 2022 zur Groß­macht-Kon­kur­renz: Dort ist die Rede von einem neu­en »Schwer­punkt auf Chi­na und/​oder Russ­land, von »Nukle­ar­waf­fen, nuklea­re Abschreckung und nuklea­re Rüstungs­kon­trol­le«, von »Fähig­kei­ten zur Füh­rung der soge­nann­ten hoch-ent­wickel­ten kon­ven­tio­nel­len (nicht­nu­klea­ren) Kriegs­füh­rung«. Die­ses Papier liegt der inter­na­tio­na­len Diplo­ma­tie seit Ende Janu­ar 2022 vor.

Bun­des­prä­si­dent Stein­mei­ers Posi­ti­on, die Frie­dens­di­vi­den­de sei »auf­ge­zehrt« in einer »Epo­che im Gegen­wind«, setzt vor­aus, dass es vor dem 24.2.2022 eine sol­che Frie­dens­di­vi­den­de noch gege­ben hat­te. Das trifft genau­so wenig zu, wie Stein­mei­ers ein­sei­ti­ge Zuschrei­bung der Ver­ant­wor­tung für die Kata­stro­phe auf Russland.

Er meint, die Deut­schen auf mili­tä­ri­sche Kon­flik­te vor­be­rei­ten zu müs­sen; er ver­mei­det dabei den Begriff »Krieg«, son­dern spricht statt­des­sen von Deutsch­lands Ver­ant­wor­tung in der Nato, die eine Mili­tär­or­ga­ni­sa­ti­on ist: »Wir müs­sen kon­flikt­fä­hig wer­den, nach innen wie nach außen. Wir brau­chen den Wil­len zur Selbst­be­haup­tung, und wir brau­chen auch die Kraft zur Selbst­be­schrän­kung. Wir brau­chen kei­ne Kriegs­men­ta­li­tät – aber wir brau­chen Wider­stands­geist und Wider­stands­kraft! Dazu gehört zual­ler­erst eine star­ke und gut aus­ge­stat­te­te Bun­des­wehr – aber die Bun­des­wehr braucht auch eine Gesell­schaft, die ihr den Rücken stärkt. (…) Die Welt seit dem Epo­chen­bruch ist eine ande­re – und das bedeu­tet, dass wir von alten Denk­mu­stern und Hoff­nun­gen Abschied neh­men müs­sen. Das gilt ganz beson­ders für unse­ren Blick auf Russ­land. (…) Unse­re Län­der ste­hen heu­te gegeneinander.«

Die Nato igno­rier­te die War­nun­gen west­li­cher Exper­ten wie Geor­ge F. Kennan und ging das Risi­ko eines gro­ßen Krie­ges wis­sent­lich ein: Der Guar­di­an schrieb am 28.02.2022: »Vie­le sag­ten vor­aus, dass die Erwei­te­rung der Nato in einem Krieg mün­den wür­de. Die­se War­nun­gen wur­den igno­riert.« Über­set­zung aus dem Text: »Russ­lands Mili­tär­of­fen­si­ve gegen die Ukrai­ne ist ein Akt der Aggres­si­on (…). Der neue kal­te Krieg des Westens mit Russ­land ist heiß gewor­den. Wla­di­mir Putin trägt die Haupt­ver­ant­wor­tung für die­se jüng­ste Ent­wick­lung, aber auch die arro­gan­te, rück­sichts­lo­se Poli­tik der Nato gegen­über Russ­land wäh­rend des letz­ten Vier­tel­jahr­hun­derts hat dar­an einen schwer­ge­wich­ti­gen Anteil. Ana­ly­sten war­nen seit mehr als einem Vier­tel­jahr­hun­dert davor, dass eine wei­te­re Aus­wei­tung des mäch­tig­sten Mili­tär­bünd­nis­ses der Geschich­te auf eine ande­re Groß­macht nicht gut aus­ge­hen wür­de. Der Krieg in der Ukrai­ne bestä­tigt das end­gül­tig.« Inso­fern ist Bun­des­prä­si­dent Stein­mei­ers Dar­stel­lung, Russ­lands Krieg sei »ein Angriff auf das Recht, auf die Prin­zi­pi­en von Gewalt­ver­zicht und unver­letz­li­cher Gren­zen, (…) ein Angriff auf alles, wofür auch wir Deut­sche ste­hen«, ein durch­sich­ti­ger Ver­such, die Nato von ihrer Eska­la­ti­ons­po­li­tik weißzuwaschen.

Des Bun­des­prä­si­den­ten Ein­stim­mung auf bit­te­re Zei­ten der Ent­beh­run­gen bei gleich­zei­ti­ger Stei­ge­rung der Hoch­rü­stung appel­liert an den Urinstinkt des Men­schen, sich gegen Gefahr zu ver­tei­di­gen: »Wir leben eben nicht in einer idea­len Welt, wir leben im Kon­flikt. Und dafür brau­chen wir Kon­flikt­in­stru­men­te. Und ja, Sank­tio­nen haben Kosten, auch für uns. (…) Es ist doch unser Inter­es­se, dass wir uns mit unse­ren Part­nern Russ­lands Rechts­bruch entgegenstemmen.«

Die Dämo­ni­sie­rung Russ­lands als Ele­ment der Schwarz-Weiß-Pro­pa­gan­da sieht den guten Wil­len im Westen und das Böse im Osten: »Eini­ge glau­ben, es feh­le an ernst­haf­ten Bemü­hun­gen unse­rer­seits, ja, gar an Bereit­schaft zum Ver­han­deln. Ich kann Ihnen ver­si­chern: Nie­man­dem, der bei Sin­nen ist, fehlt der Wil­le. Aber die Wahr­heit ist: Im Ange­sicht des Bösen reicht eben guter Wil­le nicht aus.«

Im Gegen­satz dazu ste­hen die Fak­ten vor dem Kriegs­be­ginn am 24.2.2022: Russ­land for­der­te von der Nato und von den USA Sicher­heits­ga­ran­tien, die der Idee der gemein­sa­men Sicher­heit nach der KSZE-Schluss­ak­te von 1975 und der Char­ta von Paris von 1990 ent­spra­chen. Die Nato wies die­se Anfor­de­run­gen prompt zurück, unter ande­rem mit der For­mu­lie­rung, dass Russ­land kei­nen Ein­fluss auf die Fra­ge habe, wer ihr bei­tritt. Das ist ein fla­gran­ter Wider­spruch zur Frie­dens­ord­nung der gemein­sa­men Sicherheit.

Kriegs­pro­pa­gan­da spielt immer die natio­na­le Kar­te, so auch hier: Frank Wal­ter Stein­mei­er erklärt, es sei »für uns Deut­sche eine Zer­reiß­pro­be. Der Gegen­wind bläst tief hin­ein in unser Land. Die neue Zeit for­dert uns her­aus wie lan­ge nicht.«

An der Stel­le erwähnt der Bun­des­prä­si­dent zwar das Erfor­der­nis der Öko­lo­gie, wohl um Bünd­nis­grü­ne für sei­ne Stra­te­gie zu gewin­nen: »Ohne den Kampf gegen den Kli­ma­wan­del ist alles nichts.« Aber dann kommt der Bun­des­prä­si­dent auf die Deut­schen zurück: »Reich und Arm, Jung und Alt, Stadt und Land: Ver­bin­dun­gen stär­ken, über Genera­tio­nen und vor allen Din­gen Lebens­wel­ten hin­weg – dar­um geht es mir jetzt. (…) Ja, wir wer­den durch eine Zeit der Bela­stun­gen und der Unsi­cher­hei­ten gehen, bevor wir neue Sicher­hei­ten und wie­der ganz festen Grund unter den Füßen haben. Ich wün­sche mir, dass wir uns bei all den Mühen nicht aus den Augen ver­lie­ren, dass wir unse­re Kraft jetzt nicht im täg­li­chen Gegen­ein­an­der ver­geu­den. (…) Wir bewah­ren unse­re Frei­heit, unse­re Demo­kra­tie. Wir machen Deutsch­land zu einer neu­en Indu­strie­na­ti­on – tech­no­lo­gisch füh­rend, kli­ma­ver­ant­wort­lich, in der Mit­te Euro­pas. Ver­netzt, aber weni­ger ver­wund­bar. Wehr­haft, aber nicht kriegerisch.«

Frank Wal­ter Stein­mei­er zeich­net in sei­ner Rede ein bei Natio­na­li­sten idea­li­sier­tes Bild eines ein­heit­li­chen Deutsch­lands. Er über­geht dabei, wie einst Kai­ser Wil­helm in sei­ner Rede zum Ersten Welt­krieg, in der er nur noch Deut­sche und kei­ne Par­tei­en mehr kann­te, Rea­li­tä­ten der sozia­len Unge­rech­tig­kei­ten, die einen sozia­len Spreng­stoff dar­stel­len, den kei­ne Rede aus der Welt schaf­fen kann.