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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Im Jahr der genderfluiden Ratte

»Bei mei­nem Sohn war das noch so ein­fach«, jam­mert ein Freund mir vor. »Als der in die Puber­tät kam und anfing, uns alle zu ner­ven, habe ich ihm ein­fach ein Heft­chen besorgt.« Er sieht sich nach den Frau­en um, die auf der Ter­ras­se den Tisch decken. »Du weißt schon, was für eins.«
Ich weiß, natürlich.
»Seit­dem läuft er in der Spur. Aber bei Mia ist das anders.« Er sieht mich an, als wür­de er mir gleich ein gro­ßes Geheim­nis ver­ra­ten. »Mia gehört doch zur Genera­ti­on Alpha«, mur­melt er.
»Was ist denn das?«
»Das ist die näch­ste Genera­ti­on«, sagt mein Freund mit der glei­chen Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der Her­bert Diess den neu­en VW ankün­digt. »Du weißt schon, die Genera­ti­on Alpha kommt nach der Genera­ti­on Z.«
Ich weiß nicht.
»Seit Coro­na ist doch alles griechisch.«
»Ver­ste­he«, mei­ne ich vor­sich­tig. »Es fängt also wie­der von vorn an im Alpha­bet. Passt ja auch. Die erste Genera­ti­on, die sich ernst­haft mit den Kli­ma­wan­del aus­ein­an­der­set­zen muss.«
Mein Freund wen­det die Steaks. »So ein Quatsch!«, sagt er. »Kli­ma­wan­del, dar­um geht es doch gar nicht. Es geht um« – hier senkt er wie­der die Stim­me – »um Sex.«
Ich sehe ihn fas­sungs­los an. »Aber Mia ist doch erst neun!«
»Na und? Trotz­dem hat sie schon eine Sexua­li­tät. Frag mal ihren Ethik­leh­rer, der hat ihr das haar­ge­nau erklärt. Die haben sogar eine Klas­sen­ar­beit dazu geschrieben.«
»Oh Gott, ist dei­ne Toch­ter etwa so eine links­ver­si­ff­te Grü­ne geworden?«
»Schlim­mer, sie ist für die Libe­ra­len. Frag sie mal nach Mar­co Busch­mann. Ah, da ist sie ja.«
Mia kommt zu uns an den Grill und will eigent­lich nur grü­ßen. Aber ihr Vater fragt sie ganz unver­mit­telt nach unse­rem Justizminister.
»Busch­mann hat mich befreit«, sagt die klei­ne Mia prompt.
»Wie?«, fra­ge ich über­rascht. »Wo warst du denn gefangen?«
»In mei­ner Sexua­li­tät«, sagt Mia. »Mei­ne Eltern haben mir ihre binä­re, mono­ga­me, hete­ro­se­xu­el­le Cis-Lie­be vor­ge­lebt. Das hat mich ein­sei­tig vor­ge­prägt. Aber ich will mich frei ent­fal­ten. Und durch Busch­mann und das neue Selbst­be­stim­mungs­ge­setz kann ich das jetzt auch.«
Nun sind wir längst aus den puber­tä­ren Schwu­len­wit­zen raus­ge­wach­sen. Mein Freund ist maxi­mal tole­rant in Sachen Sexua­li­tät. Schwer vor­stell­bar, dass sich sei­ne Toch­ter nicht frei ent­fal­ten könn­te – auch ohne Buschmann.
»Aber Papa weiß doch gar nicht, was in mir vor­geht. Er kennt nicht mal die Begrif­fe. Aktu­ell füh­le ich mich zum Bei­spiel abinär.«
»Ach?«, sage ich höflich.
»Das muss­ten wir sogar im Ein­woh­ner­amt ein­tra­gen las­sen«, sagt mein Freund. »Hat sie sich zum Geburts­tag gewünscht.«
»Ja«, meint Mia nach­denk­lich. »Aber ich den­ke, so lang­sam wach­se ich aus die­ser Pha­se raus. Näch­stes Jahr um die­se Zeit bin ich bestimmt schon genderfluid.«
Damit lässt sie uns zwei alte Hasen am Grill zurück.
»Das Gute dar­an ist, dass ich mir nicht mehr über­le­gen muss, was ich ihr zum Geburts­tag schen­ke. Man kann ja jedes Jahr sei­ne Sexua­li­tät neu angeben.«
Abends im Bett den­ke ich über die gan­ze Sache nach. Jedes Jahr eine ande­re Sexua­li­tät, jedes Jahr anders füh­len und sich aus­le­ben. Viel­leicht wäre das auch etwas für mich. Am näch­sten Tag las­se ich mich dazu von Mia bera­ten. »Du star­test am besten erst­mal mit demi­gen­der«, emp­fiehlt sie. »Das heißt, dass du zuerst ein Hete­ro-Mann bist, aber auch mal etwas ande­res aus­pro­bie­ren würdest.«
»Okay«, sage ich vorsichtig.
»Im zwei­ten Jahr soll­test du ent­we­der mit bigen­der wei­ter­ma­chen, also ein Stück­chen mehr zwi­schen Mann und Frau rut­schen, oder du wirst ein­fach gen­der­flu­id. Damit bleibst du flexibel.«
»Ist ein biss­chen so wie im chi­ne­si­schen Kalen­der, oder?«, ver­su­che ich einen Witz. »Das Jahr der Rat­te, der Schlan­ge, der Zie­ge – immer etwas anderes.«
Mia lacht nicht. »Für das drit­te Jahr emp­feh­le ich dir gen­der­queer. Damit kannst du dir aus­su­chen, ob du Mann und Frau zusam­men oder nichts von bei­dem bist. Der Begriff umfasst bei­des. Aber von tri­gen­der rate ich dir ab. Das ist gera­de voll im Trend, aber damit wirkst du wie ein Fashion Victim.«
»Tri­gen­der?«, fra­ge ich unsicher.
»Da bist du irgend­wo zwi­schen Mann und Frau und einem drit­ten Geschlecht, das du selbst defi­nierst. Das kann alles Mög­li­che sein.«
»Auch ein Gegen­stand oder etwas Abstraktes?«
»Klar. Alles, was dich anturnt.«
Ich über­le­ge kurz. »Dann bin ich quatrogender!«
»Das gibt’s doch gar nicht!«, mault Mia.
»Doch, ich ste­he auf Frau­en, Bier, Gril­len und Fuß­ball. Das turnt mich alles an.«
»Du bist blöd«, sagt sie und lässt mich stehen.
»Unter­drück mich nicht!«, rufe ich ihr hinterher.
Ich mache den Test beim Amt. Qua­tro­gen­der, das muss es doch geben. Aber der jun­ge Mann schüt­telt bedau­ernd den Kopf. »Wir haben die For­mu­la­re noch nicht umge­stellt. Aktu­ell kann ich Ihnen nur trans­gen­der anbie­ten. Oder einen Reisepass.«
Ich zie­he ent­täuscht ab. Von wegen, gro­ße Frei­heit! Eine der älte­sten Vor­lie­ben wird nach wie vor radi­kal unter­drückt. Busch­mann, du Pflaume!