Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Joseph Ratz­in­ger, Papst im Ruhe­stand. – End­lich sind durch Ihren Scharf­sinn die wah­ren Schul­di­gen für den welt­wei­ten tau­send­fa­chen Kin­des­miss­brauch durch Geist­li­che ent­larvt wor­den: die 68er mit ihrem hem­mungs­lo­sen Sexu­al­le­ben. Nun war­ten wir dar­auf, dass Sie auch dem Rät­sel auf den Grund gehen, auf wel­che Wei­se es den 68ern gelang, so inten­siv und nach­hal­tig Ein­fluss auf die Moral der Renais­sance-Päp­ste zu neh­men. Kei­ne leich­te Auf­ga­be, aber Ihnen wird es glücken.

Wer­be­team des Staat­li­chen Hof­bräu­hau­ses in Mün­chen. – Auf der Web­site des von Ihnen betreu­ten geschichts­träch­ti­gen Bier­tem­pels wer­ben Sie mit dem Slo­gan »Für jeden ein Platz. Und für jeden Anlass.« Das wuss­ten schon Lenin und sei­ne Frau zu schät­zen: Nadesh­da Krups­ka­ja soll mit Blick auf die Münch­ner Zeit des Ehe­paars geäu­ßert haben: »Beson­ders gern erin­nern wir uns an das Hof­bräu­haus, wo das gute Bier alle Klas­sen­un­ter­schie­de ver­wischt.« Auch die ein­hei­mi­schen Revo­lu­tio­nä­re kamen gern im Hof­bräu­haus zusam­men. Am 13. April 1919 wähl­ten die Münch­ner Betriebs- und Kaser­nen­rä­te dort den Voll­zugs­rat der zwei­ten (»pro­le­ta­ri­schen«) baye­ri­schen Räte­re­pu­blik mit dem Kom­mu­ni­sten Eugen Levi­né an der Spit­ze. Hun­dert Jah­re spä­ter will die Geschäfts­lei­tung des Hof­bräu­hau­ses davon nichts mehr wis­sen. Wäh­rend sie zunächst nichts dage­gen gehabt hat­te, dass am 13. April 2019 im Münch­ner Zim­mer des Hau­ses eine Vor­trags­ver­an­stal­tung über die histo­ri­schen Ereig­nis­se statt­fin­den soll­te, kün­dig­te sie weni­ge Tage vor dem geplan­ten Datum plötz­lich den Miet­ver­trag. Kein Platz also für jeden? Und nicht für jeden Anlass? Beim Land­ge­richt Mün­chen I kön­nen Sie sich dafür bedan­ken, dass Ihr Slo­gan jeden­falls für die­sen Anlass nicht außer Kraft gesetzt wur­de. Das Gericht ver­pflich­te­te das Hof­bräu­haus zur Ein­hal­tung des Mietvertrages.

Fatih Meh­met Maçoğlu, tür­ki­scher Kom­mu­nal­po­li­ti­ker, 50 Jah­re alt. – Vor fünf Jah­ren wür­dig­te Ossietzky (»So links wie Mer­kel«, Heft 10/​2014), dass Sie als ein­zi­ger Kom­mu­nist in der Tür­kei einen Bür­ger­mei­ster­po­sten errun­gen hat­ten. Die 3000-See­len-Gemein­de und der Distrikt Ova­cık in Ost­ana­to­li­en haben dank Ihrer Poli­tik durch die Bil­dung von land­wirt­schaft­li­chen Koope­ra­ti­ven gute Ein­nah­men erzielt und sie zum Auf­bau eines kosten­frei­en Bus­systems ver­wandt, die Was­ser­prei­se gesenkt, Biblio­the­ken ein­ge­rich­tet und bedürf­ti­ge Schü­ler mit Sti­pen­di­en unter­stützt. Das muss sich bis in die 65 Kilo­me­ter ent­fern­te Bezirks­haupt­stadt Tun­ce­li (Der­sim) und zu ihren 33.000 Ein­woh­nern her­um­ge­spro­chen haben. Dort stell­te man Sie für die Kom­mu­nal­wah­len Ende März 2019 als Bür­ger­mei­ster-Kan­di­da­ten der klei­nen kom­mu­ni­sti­schen Par­tei TKP auf – und Sie gewan­nen über­zeu­gend mit 32,76 Pro­zent noch vor der lin­ken HDP (28 Pro­zent), der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen CHP (21 Pro­zent) und der AKP von Prä­si­dent Erdoğan mit küm­mer­li­chen 14 Pro­zent. Jetzt sind Sie nicht nur Bür­ger­mei­ster von Tun­ce­li. Sie wer­den damit auch, wie die der AKP nahe­ste­hen­de Tages­zei­tung Dai­ly Sabah am 2. April berich­te­te, »als erster kom­mu­ni­sti­scher Pro­vinz-Gou­ver­neur der Tür­kei in die Geschich­te ein­ge­hen«. Hof­fent­lich wird man Sie nicht wie 2016 Ihren auch ord­nungs­ge­mäß gewähl­ten Amts­vor­gän­ger Meh­met Ali Bul unter faden­schei­ni­gen Vor­wän­den fest­neh­men. Damals wur­de die Ver­wal­tung von Tun­ce­li – wie in unzäh­li­gen ande­ren Orten und Pro­vin­zen mit lin­ken Wahl-ergeb­nis­sen – ent­mach­tet und geset­zes­wid­rig unter die Auf­sicht des tür­ki­schen Innen­mi­ni­ste­ri­ums gestellt.

Staats­an­walt­schaft Gera, Kunst- und Ter­ror­sach­ver­stän­di­ge. – Sie ermit­tel­ten bis vor kur­zem, wie erst im April bekannt wur­de, andert­halb Jah­re lang gegen das »Zen­trum für poli­ti­sche Schön­heit«. Des­sen Mit­strei­ter hat­ten bekannt­lich B. Höcke (AfD-Füh­rer für Thü­rin­gen) ein Mahn­mal neben den Gar­ten gesetzt. Das nun löste bei Ihnen den Ver­dacht auf »Bil­dung einer kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung« aus. Der Vor­wurf lau­te­te im Ein­zel­nen, »dass das Kol­lek­tiv einen Poli­ti­ker [eben­je­nen B. Höcke] beob­ach­tet habe«. Nach Ihrer Logik ist auch der Ver­fas­sungs­schutz eine kri­mi­nel­le Ver­ei­ni­gung. Denn der beob­ach­tet ja wohl auch ein­zel­ne Politiker.

Mar­tin Zschäch­ner, Staats­an­walt und Spen­dier­ho­sen­trä­ger. – Kürz­lich haben Sie laut Zeit online 30 Euro pri­vat an die AfD gespen­det. Sie kön­nen ja mit Ihrem Geld machen, was Sie wol­len – pikant wird die Ange­le­gen­heit aller­dings dadurch, dass Sie zugleich der Pres­se­spre­cher jener Staats­an­walt­schaft sind, die Ermitt­lun­gen gegen das »Zen­trum für poli­ti­sche Schön­heit« ein­ge­lei­tet hat, das wie­der­um B. Höcke (AfD) ein »Denk­mal der Schan­de« bescherte …

Neben­ko­sten, Geld­ver­meh­rungs­ein­rich­tung. – Beson­ders in Ber­lin sind Sie flei­ßig am Wirt­schaf­ten. Frü­her hieß es mal: Was ist ein Ein­bruch in eine Bank gegen die Grün­dung einer Bank? Heu­te darf man sagen: Was ist die Kalt­miet­erhö­hung gegen die Mit­tei­lung einer Neben­ko­sten-Ände­rung? Denn die­se ist oft so undurch­schau­bar, dass der Mie­ter aus Angst vor einer Kün­di­gung wegen Zah­lungs­rück­stän­den lie­ber zahlt und zahlt und zahlt …

Kay Bai­ley Hut­chi­son, US-Bot­schaf­te­rin bei der NATO. – Anfang April fei­er­te das nord­at­lan­ti­sche Mili­tär­bünd­nis sein 70-jäh­ri­ges Bestehen. Bei einer Pres­se­kon­fe­renz aus die­sem Anlass äußer­ten Sie (sie­he state.gov), die NATO habe »70 years of peace in Euro­pe« gebracht – »70 Jah­re Frie­den in Euro­pa«. Aber herrscht Frie­den, wenn Bünd­nis-Bom­ben fal­len? Es ist erst 20 Jah­re her, dass NATO-Kampf­flug­zeu­ge ein euro­päi­sches Land bom­bar­dier­ten. Okay, das geschah offi­zi­ell für einen guten Zweck, und die klei­ne Bun­des­re­pu­blik Jugo­sla­wi­en gibt es inzwi­schen nicht mehr. Aber darf man die­sen ohne UN-Man­dat voll­zo­ge­nen krie­ge­ri­schen Akt ein­fach weg­re­den? Als wären kei­ne Zivi­li­sten durch NATO-Beschuss umge­kom­men, kei­ne jugo­sla­wi­schen Jour­na­li­sten durch Bom­ben auf ein Rund­funk­ge­bäu­de umge­bracht wor­den. Und als lit­ten Tei­le der dor­ti­gen Bevöl­ke­rung nicht immer noch unter Spät­fol­gen durch die damals ver­wen­de­ten Uran-Geschos­se. »Frie­den«? Dür­fen Sie als US-Bot­schaf­te­rin so ver­gess­lich sein, oder sagen Sie gezielt die Unwahrheit?