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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Von politischen Wirrköpfen und Spaltpilzen

Das Fahr­zeug fiel auf. Nicht wegen des Sterns auf dem Küh­ler, davon fuh­ren durch Koblenz eini­ge. Son­dern wegen der Beschrif­tung. Aus der Fer­ne glaub­te man den Schrift­zug POLIZEI zu erken­nen, es war die ver­trau­te Typo, weiß auf blau­em Grund, oben und unten begrenzt durch eine gestri­chel­te Linie. Tat­säch­lich stand dort aber: FRIEDENSFAHRZEUG. Auf die­se Idee muss­te man erst ein­mal kom­men. Sie hat­te Chri­sti­an Volg­mann beim Abwa­schen. Den krea­ti­ven Wer­be­fach­mann traf ich zufäl­lig im »Deut­schen Kai­ser« unweit des Deut­schen Ecks, wo Wil­helm Eins am Zusam­men­fluss von Mosel und Rhein rei­tet. Die Ame­ri­ka­ner schos­sen den Bron­ze­mon­ar­chen 1945 aus dem Sat­tel, und als ich in den 80er Jah­ren zum ersten Male dort stand, war der Sockel nackt und bloß und hieß »Denk­mal der Deut­schen Ein­heit«, umrahmt von Tafeln, die den Ver­lust von Schle­si­en, Pom­mern und Ost­preu­ßen, von Sach­sen, Thü­rin­gen und Bran­den­burg et cete­ra beklag­ten. Kurt Tuchol­sky hat­te sei­ner­zeit in der Weltbühne das Mon­strum zum »Faust­schlag aus Stein« erklärt, wel­ches jenes Deutsch­land reprä­sen­tie­re, »das am Krie­ge schuld gewe­sen ist«. Er mein­te den von 1870/​71, als das deut­sche Kai­ser­reich blu­tig zur Welt gekom­men war. Ein bun­des­deut­scher Zei­tungs­ver­le­ger spen­dier­te einen Neu­guss – ein poli­ti­sches wie finan­zi­el­les Dana­er­ge­schenk. Der Sockel muss­te näm­lich mit eini­gen Mil­lio­nen Mark von der Stadt restau­riert wer­den, und oben­drein herrsch­te gro­ße Empö­rung über die Wie­der­auf­rich­tung eines Sym­bols des deut­schen Mili­ta­ris­mus. Die tra­di­ti­ons­be­wuss­ten Erben zeig­ten sich jedoch kon­se­quent: Das neue Rei­ter­stand­bild wur­de am 2. Sep­tem­ber 1993 auf den Sockel gehievt. Dar­an nahm nur Frank­reich Anstoß – es war näm­lich jener Tag, an wel­chem Napo­le­on III. die Kapi­tu­la­ti­on vor 122 Jah­ren unter­zeich­net hat­te. Fort­an hat­te es am »Sedan­tag« schul­frei und Sie­ges­denk­ma­le in ganz Deutsch­land gege­ben. Das alles schien man in Koblenz ver­ges­sen zu haben oder ver­ges­sen machen zu wol­len, gegen Amne­sie gibt es hier­zu­lan­de kei­ne Impfpflicht.

Der frie­dens­be­weg­te Euro­pä­er Volg­mann schien offen­kun­dig nicht infi­ziert. Wir tra­fen uns, wie gesagt, am Ufer der Mosel, in einer Geschichts­lü­ge. Der spät­go­ti­sche Wohn­turm, 1490 errich­tet, wur­de nach sei­nem Bau­herrn Len­gen­feld benannt, doch im spä­ten 19. Jahr­hun­dert kam dort ein Gast­haus unter, das »Zum Deut­schen Kai­ser« hieß. Von die­sem Namen moch­te man sich in der Repu­blik nicht tren­nen, des­halb nennt heu­te jeder Rei­se­füh­rer das Haus irre­füh­rend Kai­ser­haus. Das Gebäu­de über­stand die ver­hee­ren­den Bom­bar­de­ments und rag­te gleich­sam als Soli­tär aus der zwei­tau­send­jäh­ri­gen Stadt her­vor, weil 87 Pro­zent aller Häu­ser in Kriegs­schutt und Asche lagen. Nach der Jahr­tau­send­wen­de setz­te man zur Sta­bi­li­sie­rung einen Neu­bau dane­ben, das Restau­rant mit eben jenem Namen erstreckt sich seit­her über bei­de Häu­ser und zwei Eta­gen. Im Ober­ge­schoss, zwi­schen den alten Mau­ern und unter fla­cher Bal­ken­decke, soll­te an jenem Tag eine Buch­vor­stel­lung mit Dis­kus­si­on erfol­gen, wozu Autoren und Ver­le­ger aus Ber­lin ange­reist waren. Ein­ge­la­den hat­te eine Grup­pe Frie­dens­freun­de, die dort seit gerau­mer Zeit »Koblenz: im Dia­log« ver­an­stal­ten, »ver­nunft­ba­siert, par­tei­frei, bür­ger­nah«, wie sie die­se Run­den nen­nen. Offen­kun­dig sind das Adjek­ti­ve, die von den dor­ti­gen Par­tei­en nicht son­der­lich geschätzt wer­den. Eini­ge von ihnen drück­ten schon mal ihren Miss­mut mit Farb­beu­teln aus; Spu­ren kön­nen noch immer an der Fas­sa­de besich­tigt wer­den. Die Eigen­tü­me­rin des Hau­ses kün­dig­te den tem­po­rä­ren Unter­mie­tern nicht und bewies damit Charakter.

Als wir uns zur Dis­kus­si­on ver­sam­mel­ten, bau­te auf der gegen­über­lie­gen­den Stra­ßen­sei­te ein hal­bes Dut­zend jun­ger Män­ner – auf dem Leder­rücken des einen war ein A im wei­ßen Kreis zu erken­nen – einen Tisch und ein Zelt auf. Dann ent­roll­ten sie ein Trans­pa­rent, auf dem zu lesen war: »Stoppt die AfD«. Ich fand die Hal­tung sym­pa­thisch und woll­te dies auch die Demon­stran­ten wis­sen las­sen, wes­halb ich zu ihnen ging. »Das mei­ne ich auch. Aber könn­te es sein, dass ihr am fal­schen Ort steht?« Mit gewiss zuläs­si­ger Iro­nie klär­te ich auf, dass hier kei­ne Ver­an­stal­tung der AfD statt­fin­de, son­dern eine Buch­prä­sen­ta­ti­on mit Dis­kus­si­on. Als Beleg der poli­ti­schen Aus­rich­tung der Zusam­men­kunft drück­te ich ihnen das Druck­werk in die Hand.

Inzwi­schen hat­te sich der Grup­pe ein dicker Bur­sche zuge­sellt, der eine beacht­li­che US-Flag­ge mit sich führ­te. Die­se wie auch sein Habi­tus lie­ßen unschwer erken­nen, wem sei­ne gan­ze Lie­be galt. Ich gewann nicht den Ein­druck, dass die Umste­hen­den in irgend­ei­ner Wei­se Anstoß an ihm und sei­nem Ban­ner nah­men. Wohl aber an der Initia­to­rin der Ver­an­stal­tungs­rei­he, wie der Spre­cher mit Müt­ze und Horn­bril­le mir wort­reich bei­zu­brin­gen ver­such­te. Sie wur­de als anti­se­mi­tisch, natio­na­li­stisch und ras­si­stisch eti­ket­tiert sowie der Nähe zur AfD bezichtigt.

Nun kann­te ich die­se Sabie­ne Jahn ein wenig bes­ser als die­ser aka­de­mi­sche Stroh­kopf. Sabie­ne stammt aus Hal­le, hat­te spä­ter in Ber­lin im FDGB-Bun­des­vor­stand gear­bei­tet, war nach der »Wen­de« von einer west­deut­schen Gewerk­schafts­lei­tung über­nom­men wor­den, der sie aber den Rücken kehr­te, als man ihr nahe­leg­te, ent­we­der der SPD oder der CDU bei­zu­tre­ten, weil man – wegen des Pro­por­zes – ohne Par­tei­buch in der IG-Füh­rung nicht arbei­ten kön­ne oder dür­fe. So sang und tanz­te sie, was sie auch schon in der DDR erfolg­reich getan und sie damals das Volon­ta­ri­at bei der Frei­heit in Hal­le geko­stet hat­te. Sie kön­ne nur eines sein, stell­te sie damals die Kader­lei­te­rin der SED-Bezirks­zei­tung vor die Wahl: Jour­na­li­stin oder Künst­le­rin. Vor acht­zehn Jah­ren war Sabie­ne nach Koblenz gekom­men und enga­gier­te sich poli­tisch, nach eige­nem Bekun­den »gemä­ßigt links«, aber unor­ga­ni­siert, denn Par­tei­en, Ver­ei­ne und Sek­ten stie­ßen sie so ab, wie die­se die selbst­be­wuss­te, kul­ti­vier­te Frau aus dem Osten nicht moch­ten. Sie pass­te weder in das Raster, noch unter­warf sie sich dog­ma­ti­schen Vor­ga­ben. Sie blieb die eman­zi­pier­te DDR-Frau und nahm dar­um bei­spiels­wei­se Anstoß an dem merk­wür­di­gen Ver­ständ­nis von Anti­fa­schis­mus, als eines Tages an Wil­helms Rei­ter­stand­bild ein Rie­sen­po­ster hing: »Hier könn­te ein Nazi hän­gen«. Die auf Twit­ter geteil­ten Tweets lau­te­ten so: »Hängt da noch kei­ner? Ihr seid so schei­ße inkon­se­quent« (Vallang). »Ja. War­um hängt da kei­ner?« (Klei­ner Prinz), und ein Jörn Elsä­ßer schrieb: »Das doit­sche Eck ist doch viel zu gut für die …«

Der jun­ge Mann vor mir, viel­leicht halb so alt wie Sabie­ne, woll­te mich also glau­ben machen, dass die­se Frau der poli­ti­sche Teu­fel in Men­schen­ge­stalt sei, und berief sich dabei sogar auf den Befund des Stadt­vor­stan­des der Links­par­tei, deren Mit­glied er sei.

Ich schlug vor, dass es viel­leicht dring­li­cher sei, sich mit dem da aus­ein­an­der­zu­set­zen, und deu­te­te mit dem Kopf in Rich­tung des Fah­nen­trä­gers. Da schei­ne Auf­klä­rung nötig. Dann kehr­te ich ins Haus zurück, wo wir als­bald leb­haft über die Ost­aus­deh­nung der NATO, über Natio­na­lis­mus, Ras­sis­mus und Faschis­mus in Euro­pa debat­tier­ten. Kei­nes­wegs kon­tro­vers, denn in der Ableh­nung waren sich alle einig.

Nach etwa einer Stun­de stürm­te eine Frau her­ein, die offen­kun­dig aus dem Kreis der Pro­te­stan­ten kam, denn sie trug unser Buch in der Hand. Sie knall­te es mit dem apo­dik­ti­schen Satz auf den Tisch: »Wir haben es gele­sen. Das ist Schei­ße!« – aus­ge­rech­net vor die Nase des Juden mit dem israe­li­schen Pass, einem der Mit­au­toren des Buches, in wel­chem es um den poli­tisch kon­no­tier­ten Mas­sen­mord an einem hal­ben Hun­dert Odes­saer Bür­gern im Jahr 2014 ging. Es war gewiss Zufall, dass kürz­lich gera­de im fer­nen Neu­see­land eben­so vie­le Men­schen aus ver­gleich­ba­rem Anlass umge­bracht wor­den waren: aus natio­na­li­sti­schem, poli­tisch moti­vier­tem Frem­den­hass. Die glo­ba­le Empö­rung war ungleich grö­ßer als damals.

Dann tram­pel­te sie so demon­stra­tiv wütend hin­aus, wie sie her­ein­ge­tram­pelt war, des Audi­to­ri­ums nicht ach­tend. »Mensch, Rike«, rief Sabie­ne Jahn und eil­te der jun­gen Frau nach, die sie offen­kun­dig kann­te, und dann hör­te man von drau­ßen nur noch lau­te Wor­te, dar­un­ter so schau­ri­ge wie »Sta­si«. Hin­ter­her erfuhr ich, dass es sich um die Spre­che­rin des Stadt­ver­ban­des der Lin­ken gehan­delt habe. Sie ver­moch­te offen­kun­dig nicht nur sehr schnell zu lesen, son­dern auch mit glei­chem Tem­po zu einem ver­nich­ten­den Urteil über die Lite­ra­tur zu gelan­gen. Man konn­te ihr nicht unter­stel­len, viel­leicht bei Sta­lin in die Schu­le gegan­gen zu sein, denn sie war erkenn­bar nach 1990 gebo­ren. Sie beherrsch­te jedoch ver­nehm­lich alle bür­ger­li­chen Voka­beln, mit denen man hier­zu­lan­de heut­zu­ta­ge Men­schen mund­tot machen kann. »Dabei hat­te ich nicht mal ’ne Akte«, sag­te Sabie­ne, die gemä­ßig­te Lin­ke, betrübt über die post­pu­ber­tie­ren­de Genos­sin aus dem stu­den­ti­schen Milieu und brei­te­te den Man­tel der Nach­sicht über den Zwi­schen­fall. Das sei nur Aus­druck von Unwis­sen und Unrei­fe, mein­te sie ent­schul­di­gend, so albern wie der tadeln­de Hin­weis von Rike P. bei irgend­ei­ner gemein­sa­men Frie­dens­de­mo, sie möge das doch hier bit­te las­sen. Was? Dass Sabie­ne ihren Lebens­ge­fähr­ten in den Arm nahm und ihn küsste …

Wie üblich blie­ben nach dem offi­zi­el­len Ende der Ver­an­stal­tung die mei­sten noch da, nur das Häuf­lein Pro­te­stan­ten und der Ami-Freund hat­ten sich getrollt. Unter denen, die das Gespräch unge­zwun­gen fort­setz­ten, war eben auch jener mir bis dato unbe­kann­te Erfin­der des Auf­kle­bers »Frie­dens­fahr­zeug«. Inzwi­schen rol­len sech­zehn Pri­vat­au­tos durch Deutsch­land, allein in Ham­burg fünf, vom Por­sche bis zum ein­sti­gen Sani­täts­fahr­zeug ist alles dabei. Der Schrift­zug sei nicht nur ein Hin­gucker, son­dern er pro­vo­zie­re Gesprä­che, was beab­sich­tigt ist. Ein­mal, so berich­te­te Sil­ke Volg­mann, sei sie auf der Auto­bahn hin­ter Nürn­berg von der Poli­zei auf einen Park­platz gelotst wor­den. Sie sei ziem­lich ver­un­si­chert gewe­sen, weil sie fürch­te­te, dass ent­we­der an der Beschrif­tung des Che­vro­lets oder an ihrer Fahr­wei­se Anstoß genom­men wor­den war. Weder noch. Die bei­den Beam­ten such­ten den Gedan­ken­aus­tausch zum The­ma Frie­den und woll­ten wis­sen, wes­halb sie auf die­se Wei­se öffent­lich ihre Gesin­nung zu erken­nen gebe, was aktu­ell nicht in Mode sei. Gesprä­che sol­cher Art gebe es auf Park­plät­zen vor Super­märk­ten und in Innen­städ­ten, unauf­ge­regt und unauf­dring­lich, nor­ma­le Bür­ger reden mit nor­ma­len Bür­gern. (»Lasst uns den Frie­den auf die Stra­ße brin­gen. Es geht nur mit­ein­an­der und nicht gegen­ein­an­der!«) Zustim­mung allenthalben?

»Nö«, sag­te Chri­sti­an Volg­mann und zeig­te mir Fotos sei­nes Trans­por­ters, auf den ein David­stern und ANTI über den Schrift­zug FRIEDENSFAHRZEUG gesprüht wor­den war. Aus wel­cher Ecke die Attacke kom­me, glaub­te er zu wis­sen, er tra­ge das glei­che Kains­mal, das auch Sabie­ne ver­passt wur­de. Einen ver­meint­li­chen Anti­se­mi­ten mit einen David­stern zu denun­zie­ren und einen Anti­mi­li­ta­ri­sten zum Frie­dens­geg­ner zu erklä­ren: Wie kru­de ist das denn? »Ach«, sagt Volg­mann, »es sind poli­ti­sche Wirr­köp­fe und Pro­fil­neu­ro­ti­ker.« Die Lin­ke hat im 56-köp­fi­gen Koblen­zer Stadt­rat einen Sitz – ob sie den bei der näch­sten Kom­mu­nal­wahl Ende Mai wird ver­tei­di­gen kön­nen, ste­he in den Ster­nen. So auf kei­nen Fall.

Die Stim­men von Chri­sti­an und Sil­ke Volg­mann bekom­men sie jeden­falls nicht. Die bei­den Wes­sis sind dann näm­lich bereits »nach drü­ben gegan­gen«. Seit Ende März leben sie in einem 28-See­len-Dorf bei Greifswald.