Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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New Work – Alte Probleme (1)

»New Work« wird als Schlag­wort immer häu­fi­ger genutzt, wenn die Ein­füh­rung neu­er Tech­nik pro­pa­giert wird. »Digi­ta­li­sie­rung erfor­dert Fle­xi­bi­li­tät« ver­kün­det der Bun­des­ver­band der Arbeit­ge­ber­ver­bän­de (BDA) und for­dert des­halb in einem Kata­log »New Work« (sie­he www.arbeitgeber.de). Das Beru­fe-Netz­werk Xing will sich in New Work SE umbe­nen­nen, um so moder­ner zu wirken.

Fir­men­lob­by­isten geht es dabei um die Umge­stal­tung von Arbeits­struk­tu­ren in den Betrie­ben. Ger­ne wird mit Sach­zwang-Argu­men­ten gear­bei­tet: »Auto­ma­ti­sie­rung, Big Data und künst­li­che Intel­li­genz haben eine rasan­te Ent­wick­lungs­ge­schwin­dig­keit«, gibt der BDA die Linie vor. Der Wan­del der Arbeits­welt sei »dank digi­ta­ler Tech­no­lo­gien – wie zum Bei­spiel Künst­li­che Intel­li­genz, Inter­net der Din­ge, Vir­tu­al und Aug­men­ted Rea­li­ty, moder­ne mobi­le End­ge­rä­te, ein stän­dig ver­füg­ba­res Inter­net und Cloud Com­pu­ting – in vol­lem Gan­ge«, ergänzt der Unter­neh­mens­be­ra­ter Ernst Tie­mey­er (Com­pu­ter und Arbeit 11/​2018). Die Digi­ta­li­sie­rung mache »einen Wan­del der Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on und der Arbeits­wei­sen unaus­weich­lich«. André Häus­ling erkennt »bestimm­te Trei­ber«, die eine »Not­wen­dig­keit« für Ver­än­de­run­gen »befeu­ern«. Dazu gehö­re vor allem »die Digi­ta­li­sie­rung, ein­her­ge­hend mit einer ste­tig stei­gen­den Dyna­mik auf den Märk­ten und auch einer wach­sen­den Kom­ple­xi­tät«, so der Grün­der der Unter­neh­mens­be­ra­tung HR Pioneers (https://compass.ptvgroup.com/2017/12/agile-organisationen). »Der Wan­del war­tet nicht dar­auf, bis wir uns ange­passt haben. Im Gegen­teil: Ent­wick­lun­gen zu anti­zi­pie­ren und die Wei­chen rich­tig zu stel­len, ist eine Auf­ga­be für Unter­neh­men und Poli­tik glei­cher­ma­ßen«, wird der BDA nicht müde zu fordern.

In vie­len Publi­ka­tio­nen wer­den die­se Ver­än­de­run­gen nur als Neue­run­gen von Büro­kon­zep­ten dar­ge­stellt. Unter­neh­mens­be­ra­ter Ernst Tie­mey­er spricht vom »Digi­tal Work­place«, der Vor­aus­set­zung für »New Work« sein soll. »Typisch für klas­si­sche Orga­ni­sa­tio­nen ist ein hoher Anteil an Ein­zel­bü­ros, die den akti­ven Aus­tausch unter den Mit­ar­bei­tern erschwe­ren und auf die­se Wei­se auch die Kom­mu­ni­ka­ti­on inner­halb der Orga­ni­sa­ti­on behin­dern«, kri­ti­siert André Häus­ling. Er for­dert »Arbeits­räu­me für team­ori­en­tier­tes Arbei­ten«. »In vie­len Unter­neh­men zeigt sich die neue Arbeits­welt am indi­vi­du­el­len Arbeits­platz«, schil­dert Tie­mey­er: »Die in den Grup­pen­räu­men vor­han­de­nen Bild­schirm­sy­ste­me sind viel­mehr fle­xi­bel von mehr als nur von einem Nut­zer ver­wend­bar.« Es gebe zuneh­mend »kei­ne Ein­zel­bü­ros, kei­ne Orga­ni­sa­ti­on in star­ren Abtei­lun­gen« durch die neue Tech­nik und »papier­lo­se Kommunikation«.

»Eine feste Arbeits­platz­zu­ord­nung ist im digi­ta­len Zeit­al­ter über­holt. Anwe­sen­heits­pflicht gibt es bei uns schon seit drei Jah­ren nicht mehr«, gibt sich Mar­kus Köh­ler, Seni­or Direc­tor bei Micro­soft, in der FAZ als Trend­set­ter. Für Beschäf­tig­te zeigt sich dies in der Pra­xis etwa durch Desks­ha­ring-Kon­zep­te der Unter­neh­men. Bei Neu­bau­kon­zep­ten kann dies bedeu­ten, dass statt 400 Arbeits­plät­zen, die jeden Beschäf­tig­ten berück­sich­ti­gen, nur 300 »fle­xi­ble« Plät­ze ein­ge­rich­tet wer­den. Zum Arbeits­be­ginn suchen sich die Arbei­ten­den einen Platz – soll­te kei­ner mehr vor­han­den sein, soll per Lap­top in Team­räu­men oder im »Work­s­pace« gear­bei­tet wer­den, auch die Arbeit zuhau­se ist dann mög­lich. Beschäf­tig­te, die feh­len­de Plan­bar­keit kri­ti­sie­ren oder einen per­sön­lich mit Fami­li­en­fo­to gestalt­ba­ren Arbeits­platz for­dern, wer­den oft­mals als »alt­mo­disch« kritisiert.

Neue Tech­nik eröff­net »für das Arbei­ten grund­sätz­lich neue For­men der Zusam­men­ar­beit«, so der Fir­men­be­ra­ter Tie­mey­er. Dies ver­stär­ke die »Ver­wi­schung von Arbeits­zeit mit Frei­zeit«. Er spricht von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tools und »New Work«-Projektierungen. »Statt aus­schließ­lich am Desk­top-Com­pu­ter zu arbei­ten, benö­ti­gen und ver­wen­den die Beschäf­tig­ten zuneh­mend auch Smart­pho­nes und Tablets, um etwa E-Mails zu schrei­ben oder Doku­men­te zu tei­len.« Dadurch fle­xi­bi­li­sie­re sich auch der Arbeits­ort: »Büro, Woh­nung, S-Bahn – kaum ein Ort, der nicht zum Arbei­ten genutzt wer­den könn­te.« (Ernst Tie­mey­er: »Digi­tal Work­place« in: Com­pu­ter und Arbeit 1/​2019)

Was als räum­li­che Neu­ge­stal­tun­gen pro­pa­giert wird, zeigt die tief­grei­fen­den Ver­än­de­run­gen durch »New Work«-Konzepte. Ger­ne wer­den die ver­meint­li­chen Wün­sche von Beschäf­tig­ten vor­ge­scho­ben. »Das beste Bei­spiel ist die Mut­ter, eine Füh­rungs­kraft, die ihr Kind zu Hau­se betreu­en will«, argu­men­tiert Tobi­as Schom­mer, Fach­an­walt für Arbeits­recht. »Sie ist tags­über für ihr Team erreich­bar, arbei­tet aber die mei­sten E-Mails mor­gens oder am Abend ab. Laut Arbeits­recht geht das nicht, weil die Ruhe­pau­se zwi­schen der letz­ten und ersten Mail zu kurz ist.« Schom­mer wünscht sich in die­sem Punkt eine Ände­rung der Geset­ze: »Wir wol­len mehr selbst­be­stimm­te Arbeit, also müs­sen wir die­se auch ermög­li­chen.« (www.brandeins.de)

»New Work ermög­licht es uns, auf den Men­schen und sei­ne Bedürf­nis­se acht­zu­ge­ben und ein pas­sen­des Gewand für ihn zu schnei­dern – denn die Bedürf­nis­se sind heu­te so indi­vi­du­ell wie die Men­schen selbst«, assi­stiert die Wirt­schafts­jour­na­li­stin und »New Work«-Expertin Inga Hölt­mann (https://spielraum.xing.com/2018/11/jobtrend-freelancing-dein-neuer-chef-das-bist-du-selbst/).

Ver­trau­ens­ar­beits­zeit, Teil- und Gleit­zeit sieht sie als Aus­druck die­ser Ver­än­de­rung. Die Zahl der Frei­be­ruf­ler hier­zu­lan­de habe sich seit 1999 mehr als ver­dop­pelt, so der Bun­des­ver­band der Frei­en Beru­fe. Für die­se besteht kein Anspruch auf Ren­ten­ver­si­che­rung oder bezahl­ten Urlaub.

Wün­sche der Beschäf­tig­ten, die Arbeits­zeit zu redu­zie­ren, wer­den bei die­ser Argu­men­ta­ti­on aus­ge­blen­det. Dabei macht die Arbeits­zeit­be­fra­gung der Bun­des­an­stalt für Arbeits­schutz und Arbeits­me­di­zin (BAuA) deut­lich: Fast die Hälf­te der Befrag­ten (49 Pro­zent) möch­te die Arbeits­zeit ver­kür­zen, im Durch­schnitt lag dabei die gewünsch­te wöchent­li­che Arbeits­zeit vier Stun­den unter der tat­säch­lich gelei­ste­ten (www.ergo-online.de).