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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Aufstieg und Fall eines Beat-Poeten

Der ame­ri­ka­ni­sche Schrift­stel­ler Jack Kerou­ac zähl­te mit Allen Gins­berg und Wil­liam S. Bur­roughs zu den füh­ren­den Stim­men der Beat-Genera­ti­on, die in den Fünf­zi­gern des 20. Jahr­hun­derts eine der prä­gend­sten sub­kul­tu­rel­len Bewe­gun­gen der USA begrün­de­te. Kerou­ac wur­de zum gefei­er­ten Initia­tor der Gegen­ge­sell­schaft von New York bis West­eu­ro­pa. Mit sei­nen Roma­nen drück­te er das Lebens­ge­fühl einer gan­zen Genera­ti­on aus. Im Fokus sei­nes Schaf­fens stan­den The­men wie exi­sten­zi­el­le Ent­wur­ze­lung, Frei­heits­drang, Lebens­hun­ger und die Suche nach Erleuch­tung. Beson­ders mit sei­nem längst zum Klas­si­ker avan­cier­tem Roman »On the road« (dt. »Unter­wegs«) hat­te er einen gro­ßen Ein­fluss auf die ame­ri­ka­ni­sche Jugendkultur.

Zum 100. Geburts­tag des ersten Pop­li­te­ra­ten der Lite­ra­tur­ge­schich­te hat der Ger­ma­nist Nico­la Bar­do­la eine erste deutsch­spra­chi­ge Bio­gra­fie über Jack Kerou­ac vor­ge­legt. In sech­zehn Kapi­teln zeich­net er den Lebens­weg des legen­dä­ren Beat­niks nach. Gebo­ren am 12. März 1922 in Lowell, Mas­sa­chu­setts, stamm­te Kerou­ac aus einer fran­ko-kana­di­schen Fami­lie. Die eng­li­sche Spra­che erlernt er erst mit sei­ner Ein­schu­lung. Zunächst besucht er die High School in Lowell, ehe er 1939 an die »Hor­ace Mann Prep School« in New York wech­selt. Auf­grund sei­nes Fuß­ball­ta­len­tes bekommt er ein Sti­pen­di­um der Colum­bia Uni­ver­si­ty, wo er Allen Gins­berg und Wil­liam S. Bur­roughs ken­nen­lernt. Infol­ge eines Bein­bruchs wech­selt er wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs zunächst zur Han­dels­ma­ri­ne und ab 1943 zur United Sta­tes Navy, wird aber im Jahr dar­auf wegen psy­chi­scher Pro­ble­me ent­las­sen. Wenn er nicht auf See ist, trifft er sich mit sei­nen Freun­den und zieht mit ihnen durch New York.

Es begin­nen wil­de Jah­re mit Dro­gen, Par­tys, schnel­len Autos, Mäd­chen und Jazz. Kerou­ac bereist Mexi­ko und Euro­pa, arbei­tet als Baum­woll­pflücker, Eisen­bah­ner oder Möbel­packer. Dane­ben beschäf­tigt er sich inten­siv mit Lite­ra­tur, vor allem mit Tho­mas Wol­fe. Die­se gründ­li­che Aus­ein­an­der­set­zung bil­det die Grund­la­ge für sein Erst­lings­werk »The Town and the City« (1948). Zwar ist der Roman kein gro­ßer Erfolg, den­noch beschließt Kerou­ac, Schrift­stel­ler zu werden.

Doch dann lernt er den Klein­kri­mi­nel­len Neal Cas­sa­dy ken­nen. Mit dem cha­ris­ma­ti­schen und extro­ver­tier­ten Freund reist er kreuz und quer durch die USA, immer auf der Suche nach Frei­heit und der besten Par­ty. Eigent­lich steckt dahin­ter die ver­zwei­fel­te Suche der bei­den jun­gen Män­ner nach einem Lebens­sinn. »Nichts hin­ter mir, alles vor mir, wie das auf der Stra­ße immer ist.« Kerou­ac will dar­über schrei­ben, sucht aber zunächst noch nach den rich­ti­gen Aus­drucks- und Sprach­mit­teln. Erst mit dem Rhyth­mus der Bebop-Jazz­mu­si­ker fin­det Kerou­ac schließ­lich sei­nen Stil, indem er die Spra­che dem spon­ta­nen Leben sei­ner Prot­ago­ni­sten anpasst. In einer wah­ren Schreib­ex­plo­si­on ent­steht inner­halb von drei Wochen des Jah­res 1951 das Manu­skript zu »On the road«, das er auf eine zusam­men­ge­kleb­te Schrift­rol­le aus But­ter­brot­pa­pier von 37 Meter Län­ge tippt. Das ermög­licht ein schnel­les Schreib­tem­po, Tag und Nacht häm­mert er im Schreib- und Dro­gen­rausch den Text in die Maschi­ne. Kerou­ac hofft, den Roman in die­ser unge­wöhn­li­chen Form ver­öf­fent­li­chen zu kön­nen. Doch es fin­det sich kein Ver­le­ger, und so erscheint »On the road« erst 1957 in Buch­form. (Übri­gens wur­de die mar­kan­te Schrift­rol­le 2001 für knapp zwei­ein­halb Mil­lio­nen Dol­lar ver­stei­gert.) Das Kult­buch, ein »Lebens­rat­ge­ber für die Genera­tio­nen«, ist in vie­le Spra­chen über­setzt wor­den und hat wohl inzwi­schen eine Auf­la­gen­hö­he von fünf Mil­lio­nen Exem­pla­ren erreicht. In deut­scher Über­set­zung erschien der Roman 1959 bei Rowohlt; die DDR-Leser muss­ten noch bis 1978 war­ten, ehe er in Reclams Uni­ver­sal-Biblio­thek (Band 760) gedruckt wurde.

Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jah­re ent­ste­hen wei­te­re Roma­ne, die eben­falls einen auto­bio­gra­fi­schen Hin­ter­grund haben oder vom Zen-Bud­dhis­mus beein­flusst sind, dar­un­ter »The Sub­ter­ra­ne­ans« (1958, dt. »Bebop, Bars und wei­ßes Pul­ver«), »The Dhar­ma Bums« (1958, dt. »Gamm­ler, Zen und hohe Ber­ge«), »Mag­gie Cassidy« (1959) oder »Lone­so­me Tra­vel­ler« (1960). Sie errei­chen aber nicht mehr die Brei­ten­wir­kung sei­nes Hauptwerkes.

Kerou­ac, der drei­mal ver­hei­ra­tet war, weiß jedoch nicht mit sei­nem zwi­schen­zeit­li­chen Ruhm umzu­ge­hen; er zieht sich immer mehr zurück und ver­fällt völ­lig dem Alko­hol. Die Rol­le des »Pro­phe­ten of the Beats«, die ihm auf­ge­drängt wird, stößt ihn ab. Er fühlt sich miss­ver­stan­den. Sein expe­ri­men­tel­ler Erzähl­stil (angeb­lich ohne Bear­bei­tun­gen), den er selbst »spon­ta­ne Pro­sa« nennt, wird von der Lite­ra­tur­kri­tik häu­fig als »Geschreib­sel« abge­tan. Die letz­ten Jah­re lebt er bei sei­ner Mut­ter, die ihm in die­ser Zeit Halt gibt. Am 21. Okto­ber 1969 stirbt Jack Kerou­ac, von Alko­hol und ande­ren Dro­gen zer­stört, im Alter von 47 Jah­ren in Saint Peters­burg, Flo­ri­da. Nach sei­nem Tod gerät er vor­über­ge­hend in Ver­ges­sen­heit, ehe dann Mit­te der 1970er Jah­re eine Renais­sance ein­setzt, als auch sei­ne letz­ten Wer­ke post­hum erschei­nen. Heu­te ist Kerou­ac, der nie einen Lite­ra­tur­preis oder eine ähn­li­che Aus­zeich­nung bekam, einer der wich­tig­sten und ein­fluss­reich­sten Autoren des 20. Jahr­hun­derts, der mit sei­nem Werk die Türen auch für spä­te­re Jugend­be­we­gun­gen geöff­net hat, obwohl er sich nie mit der Gegen­kul­tur­be­we­gung der 1960er Jah­re iden­ti­fi­ziert hat.

Aus­führ­lich zeich­net Bar­do­la die Lebens­sta­tio­nen des legen­dä­ren Beat­niks nach, wobei der Schwer­punkt auf den 1950er Jah­ren bis hin zu sei­nem Durch­bruch mit »On the road« liegt. Dane­ben beleuch­tet der Autor Kerou­acs lite­ra­ri­sches Schaf­fen, sei­ne Suche nach dem eige­nen Sound und Stil. Anhand zahl­rei­cher Bei­spie­le wer­den die sti­li­sti­schen Ver­än­de­run­gen vom Früh­werk bis zu den post­hum ver­öf­fent­lich­ten Wer­ken her­aus­ge­ar­bei­tet. Bar­do­la zeigt auch, dass Kerou­acs Image eines Alko­hol- und Dro­gen-Pre­di­gers, das ihm ange­hef­tet wur­de und zu dem er durch sei­nen Lebens­stil, der im kras­sen Gegen­satz zu den bür­ger­li­chen Vor­stel­lun­gen stand, selbst bei­trug, sei­nem viel­schich­ti­gen Werk nicht gerecht wird. Kerou­ac hat unzäh­li­ge Künst­ler beein­flusst, dar­un­ter die Beat­les, die Doors oder Bob Dyl­an, der stets auf sei­ne Gei­stes­ver­wandt­schaft mit dem »Beat-Poe­ten« hin­ge­wie­sen hat. Auch deut­sche Poe­ten oder Musi­ker sahen in sei­ner Erzähl­wei­se ein Vor­bild wie Rolf Die­ter Brink­mann, Peter Hand­ke, Nico­las Born, Lud­wig Fels, Wolf Wond­rat­schek oder die Sport­freun­de Stil­ler und Wolf­gang Nie­decken. Bar­do­la, der u.a. schon Bio­gra­fien über John Len­non, Yoko Ono oder Rin­go Starr ver­öf­fent­lich­te, ver­gleicht Jack Kerou­ac mit John Len­non: Bei­de waren krea­ti­ve Köp­fe, bei­de star­ben jung und hat­ten zum Zeit­punkt ihres Todes ihren schöp­fe­ri­schen Zenit über­schrit­ten. Ergänzt wird die Neu­erschei­nung durch eine umfang­rei­che Biblio­gra­fie und einen Bild­teil mit eini­gen per­sön­li­chen Fotos von Kerouac.

Nico­la Bar­do­la: Jack Kerou­ac – Beat­nik – Genie – Rebell – Die Bio­gra­fie, Wil­helm Gold­mann Ver­lag, Mün­chen 2022, 368 S., 20 €.