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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Krieg und Vorkrieg

Wie­der ist Krieg. Zu for­dern ist der sofor­ti­ge Stopp des rus­si­schen Angriffs auf die Ukrai­ne. Und zu for­dern ist eine Frie­dens­lo­gik gegen die Ursa­chen des Krie­ges. »Wann Krieg beginnt, das kann man wis­sen, aber wann beginnt der Vor­krieg?« (Chri­sta Wolf) Wer sehen woll­te, konn­te, ja, muss­te schon lan­ge vor­her erken­nen: Wir nähern uns dem Point of no Return.

Noch im Dezem­ber letz­ten Jah­res ver­öf­fent­lich­ten hoch­ran­gi­ge deut­sche Ex-Diplo­ma­ten und -Mili­tärs in »aller­größ­ter Sor­ge« einen drin­gen­den Appell: »Raus aus der Eska­la­ti­ons­spi­ra­le! Für einen Neu­an­fang im Ver­hält­nis zu Russ­land« (nach­zu­le­sen unter die­sem Titel im Inter­net). Es sei aller­höch­ste Zeit, Russ­land und die Nato aus der Kon­fron­ta­ti­on her­aus­zu­füh­ren. Auf der Grund­la­ge der »Aner­ken­nung der Sicher­heits­in­ter­es­sen bei­der Sei­ten« soll­te die Nato auf Russ­land zuge­hen und durch kon­kre­te Maß­nah­men – die Unter­zeich­ner benen­nen sie – auf Dees­ka­la­ti­on hinwirken.

Der Appell erschien – mit Aus­nah­me von zdf.de – in kei­nem ein­zi­gen gro­ßen deut­schen Medi­um. Ledig­lich die Web­site Hei­se, rt.de, die Nach­Denk­Sei­ten und neu­es deutsch­land hiel­ten die­sen ver­zwei­fel­ten Ver­such, den abseh­ba­ren Krieg zu ver­hin­dern, für berich­tens­wert. War­um boy­kot­tier­ten die Main­stream-Medi­en den Appell »staats­tra­gen­der« Persönlichkeiten?

Einer Stel­lung­nah­me der Stif­tung Wis­sen­schaft und Poli­tik, die vor allem die Bun­des­re­gie­rung und den Bun­des­tag berät, erging es nicht anders. Die detail­lier­te Ana­ly­se der mili­tä­ri­schen Kräf­te­ver­schie­bung zu Lasten Russ­lands (vgl. german-foreign-policy.com, 14.2.22) wur­de weni­ge Tage vor dem Angriff Russ­lands auf die Ukrai­ne von Poli­tik und mei­nungs­bil­den­den Medi­en igno­riert. War­um die­se Blocka­de? Weil der Ver­fas­ser, ein Oberst a.D. und Wis­sen­schaft­ler im Bereich Sicher­heits­po­li­tik, das Fazit zieht, Mos­kaus For­de­rung nach Ende der Nato-Ost­erwei­te­rung sei nach­voll­zieh­bar? Bekannt­lich wur­den die bei­den Ver­trags­ent­wür­fe Russ­lands vom Janu­ar – Stopp der Nato-Ost­erwei­te­rung und der Sta­tio­nie­rung von Angriffs­waf­fen in Grenz­nä­he sowie Rück­zug des Mili­tärs auf Posi­tio­nen der Nato-Russ­land-Grund­ak­te von 1997 – umge­hend zurück­ge­wie­sen. War­um wur­den Ver­hand­lun­gen verweigert?

Doch der Vor­krieg hat­te schon lan­ge davor begon­nen. Nach dem Zer­fall der Sowjet­uni­on wuchs dort ein wil­der Kapi­ta­lis­mus, befeu­ert durch die pri­va­te Aneig­nung des gesam­ten Volks­ver­mö­gens. James S. Hen­ry, Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler und inve­sti­ga­ti­ver Jour­na­list, schrieb (»Wie Donald Trump lern­te, Russ­land zu lie­ben. Deals und Seil­schaf­ten aus den Zei­ten der Schock­the­ra­pie«, Blät­ter 2/​2017): Damals »betrie­ben und finan­zier­ten der Westen im All­ge­mei­nen und das US-Finanz­mi­ni­ste­ri­um, USAID (die United Sta­tes Agen­cy for Inter­na­tio­nal Deve­lo­p­ment), das US-Außen­mi­ni­ste­ri­um, der Inter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds und die Welt­bank, die Euro­päi­sche Bank für Wie­der­auf­bau und Ent­wick­lung sowie vie­le füh­ren­de Öko­no­men im Beson­de­ren einen der größ­ten Trans­fers von öffent­li­chem Eigen­tum in pri­va­te Hän­de, den die Welt je gese­hen hat«.

Das Volk ver­arm­te in der Fol­ge rasant: In kür­ze­ster Zeit sank die mitt­le­re Lebens­er­war­tung um 6 bis 7 Jah­re. Wäh­rend die Men­schen hun­ger­ten, mäste­ten sich Olig­ar­chen in Russ­land, Kasach­stan und der Ukrai­ne. Sie ergrif­fen die wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Macht. »Für gewöhn­li­che Rus­sen war es (…) eine Kata­stro­phe. Für vie­le Ban­ken, Pri­vat­ban­kiers, Hedge­fonds, Anwalts­kanz­lei­en und Wirt­schafts­prü­fungs­ge­sell­schaf­ten, für füh­ren­de Ölkon­zer­ne wie Exxon­Mo­bil und BP sowie für kapi­tal­hung­ri­ge Schuld­ner wie die Trump Orga­niz­a­ti­on aber war die Chan­ce, sich an der post­so­wje­ti­schen Beu­te zu näh­ren, ein Got­tes­ge­schenk. Es war Gei­er­ka­pi­ta­lis­mus vom Schlimm­sten« (ebd.). In den USA sahen die Olig­ar­chen (die dort anders hei­ßen) Russ­land und die Ukrai­ne als Beu­te am Ende des sieg­rei­chen kal­ten Krieges.

Die not­lei­den­den, oft trau­ma­ti­sier­ten Men­schen in der Ukrai­ne erfah­ren viel Mit­ge­fühl und Hilfs­be­reit­schaft. Hun­dert­tau­sen­de Flücht­lin­ge sind – wie in zahl­rei­chen ande­ren Län­dern auch – auf Unter­stüt­zung ange­wie­sen. Wel­ches Mit­leid, wel­che Hilfs­be­reit­schaft brach­ten die west­li­che Poli­tik den Men­schen in der Ukrai­ne ent­ge­gen, als sie mit Nach­druck auf ein Asso­zi­ie­rungs­ab­kom­men mit der EU hin­wirk­te? Die­ses bedeu­te­te neo­li­be­ra­le »Refor­men« wie Erhö­hung des Ren­ten­al­ters um fünf Jah­re, Abschaf­fung der Sub­ven­tio­nen für Grund­nah­rungs­mit­tel und Ener­gie, aber auch eine aus­schließ­li­che Zoll­uni­on mit der EU, obwohl fast die Hälf­te des Han­dels mit Russ­land betrie­ben wur­de. Der dama­li­ge Prä­si­dent, der Olig­arch Poro­schen­ko, gab die Paro­le aus, das Abkom­men sol­le »unse­ren end­gül­ti­gen Bruch mit dem rus­si­schen Reich des Bösen festi­gen«. Der Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler Hei­ner Flass­beck kom­men­tier­te: »Das Nach­bar­land Russ­lands, des­sen Schick­sal wir heu­te bekla­gen, wur­de von den west­li­chen Bera­tern unter Füh­rung des Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF) in eine öko­no­mi­sche Lage gebracht, die für das Funk­tio­nie­ren einer jun­gen Demo­kra­tie und für die Lebens­per­spek­ti­ven der Men­schen abso­lut fatal war und ist. Über­le­ben konn­te man im besten Fall als Pro­duk­ti­ons­stand­ort für west­li­che Fir­men, als Roh­stoff­lie­fe­rant oder als Pro­du­zent land­wirt­schaft­li­cher Produkte.«

Neben den wirt­schaft­li­chen gab es auch stra­te­gi­sche Inter­es­sen, deren Zie­le ein ein­fluss­rei­cher Poli­tik­be­ra­ter wesent­lich geprägt hat­te, der vier US-Prä­si­den­ten gedient hat­te: Zbi­g­new Brze­zinski. In sei­nem Haupt­werk »The Gre­at Chess­board« (dt. »Die ein­zi­ge Welt­macht«) beschrieb er 1997 detail­liert die geo­stra­te­gi­schen Eck­punk­te für die dau­er­haf­te Herr­schaft der »ein­zi­gen Welt­macht« USA. Für die US-Vor­herr­schaft müs­se der US-Ein­fluss durch die Erwei­te­rung der EU und der Nato nach Osten weit nach Zen­tral­asi­en aus­ge­baut wer­den. Davor hat­te der rus­si­sche Prä­si­dent Putin immer wie­der gewarnt.

Nun führt Russ­land Krieg gegen die Ukrai­ne. Zu schrei­ben bleibt qua­si die »Chro­nik eines ange­kün­dig­ten Krie­ges«. Wäh­rend Russ­land immer wie­der Vor­schlä­ge zur Zusam­men­ar­beit unter­brei­te­te (vgl. Kai Ehlers in Ossietzky 5/​2022), trieb der Westen die Umzin­ge­lung Russ­lands vor­an. Der US-Diplo­mat Geor­ge F. Kennan schrieb für die New York Times im Jahr 1997, dass die Ent­schei­dung, die Nato bis zu den Gren­zen Russ­lands zu erwei­tern, der ver­häng­nis­voll­ste Feh­ler der ame­ri­ka­ni­schen Poli­tik nach dem Kal­ten Krieg sei. »Die­se Ent­schei­dung kann erwar­ten las­sen, dass (…) sie einen schäd­li­chen Ein­fluss auf die Ent­wick­lung der Demo­kra­tie in Russ­land haben, dass sie die Atmo­sphä­re des Kal­ten Krie­ges in den Bezie­hun­gen zwi­schen Osten und Westen wie­der­her­stel­len und die rus­si­sche Außen­po­li­tik in Rich­tun­gen zwin­gen, die uns ent­schie­den miss­fal­len wer­den« (zit. nach german-foreign-policy.com).

Auch der Ex-Außen­mi­ni­ster der USA, Hen­ry Kis­sin­ger, hat­te noch vor sie­ben Jah­ren ein­dring­lich vor einem Krieg um die Ukrai­ne gewarnt: »Doch wenn die Ukrai­ne über­le­ben und gedei­hen soll, darf sie nicht der Vor­po­sten der einen Sei­te gegen die ande­re sein – sie soll­te als Brücke zwi­schen bei­den Sei­ten fun­gie­ren« (zit. nach infosperber.ch, 9.3.22). Mah­nun­gen hat­ten kei­ne Chan­ce. All das, was seit Kriegs­be­ginn kri­tisch zu den Hin­ter­grün­den ana­ly­siert wird – Umzin­ge­lung Russ­lands, mili­tä­ri­sche Inte­gra­ti­on der Län­der Ukrai­ne und Geor­gi­en in die Nato, der Aus­stieg aus Abrü­stungs­ver­trä­gen und aus Minsk II, Ver­wei­ge­rung aller Ver­hand­lun­gen zu Russ­lands Vor­schlä­gen –, trug zur Eska­la­ti­on des Vor­krie­ges bei. Mah­nun­gen wur­den in den Wind geschla­gen, War­nun­gen ver­puff­ten wir­kungs­los, Appel­le blie­ben unbe­ach­tet – nicht obwohl, son­dern weil damit der Krieg unaus­weich­lich wur­de. Man muss­te nur das Con­tain­ment durch grenz­na­he Manö­ver und Waf­fen­lie­fe­run­gen an die Ukrai­ne stei­gern, Minsk II abster­ben las­sen und mit Hil­fe der Medi­en eine anti­rus­si­sche Stim­mung befeuern.

Die Men­schen in der Ukrai­ne lei­den. Doch wer pro­fi­tiert von der »Zei­ten­wen­de«? Der Krieg ist ein Ver­bre­chen, und Putin trägt die Ver­ant­wor­tung. Aber die west­li­chen Poli­ti­ke­rIn­nen waren kei­ne Schlaf­wand­ler. Ein Auf­ruf bringt die Schluss­fol­ge­rung auf den Punkt: Die Waf­fen nie­der! Frie­dens­lo­gik statt Kriegslogik!