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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Beeindruckt vom Rotarmisten

Die­ses Buch wird vie­le berüh­ren, die wie Egon Krenz 1945 Kind waren und sich wie er in der sowje­ti­schen Zone Deutsch­lands und der DDR am anti­fa­schi­sti­schen Umbau der Gesell­schaft aktiv betei­lig­ten. Bei der poli­tisch-ideo­lo­gi­schen Selbst­fin­dung ent­stan­den freund­schaft­li­che Bezie­hun­gen zur UdSSR und zu Sowjet­bür­gern. Krenz war von »sei­nem« ersten Rot­ar­mi­sten 1945 beein­druckt. (S. 279) Anti­fa­schis­mus und deutsch-sowje­ti­sche Freund­schaft waren Staats­dok­trin der DDR, aber auch Ein­tracht zwi­schen Deut­schen und Russen.

Krenz war ab 1983 Mit­glied des Polit­bü­ros der SED; Micha­el Gor­bat­schow 1985 Gene­ral­se­kre­tär der KPdSU. Er, Hon­ecker und Krenz bestimm­ten damals die DDR-Hal­tung zur deut­schen Fra­ge in Euro­pa, die Hal­tung der BRD dazu Wil­ly Brandt, Hel­mut Schmidt, Hel­mut Kohl, Staats- und Regie­rungs­chefs der USA, Frank­reichs und Großbritanniens.

In 27 Abschnit­ten schil­dert Krenz, wor­in die Par­tei­füh­run­gen der KPdSU und der SED über­ei­stimm­ten bezie­hungs­wei­se kon­tro­ver­se Ansich­ten ver­tra­ten. Man­ches im Umgang mit­ein­an­der war arg – öffent­lich demon­strier­te man Brü­der­lich­keit. Das deutsch-sowje­ti­sche Ver­hält­nis spitz­te sich zu, als Gor­bat­schow de fac­to Hon­eckers Rei­se in die BRD ver­bot. Begrün­dung: »Es geht um unse­re Rech­te, die im Ergeb­nis des Zwei­ten Welt­krie­ges ent­stan­den sind. Dar­an darf nicht gerüt­telt wer­den.« (S. 76). Auch die­se Hal­tung hat­te »eine Vor­ge­schich­te« (S. 131), auf die Krenz ein­geht. Bei­de deut­sche Regie­run­gen hat­ten in deutsch-deut­schen und auch inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen eine begrenz­te Sou­ve­rä­ni­tät. Die »Ver­ant­wor­tung für Deutsch­land als Gan­zes« lag seit Pots­dam 1945 bei allen vier Sie­gern. Die drei West­mäch­te hat­ten zum »Besat­zungs­sta­tut« vor Annah­me des Grund­ge­set­zes der BRD (24. Mai 1949) mit Ade­nau­er noch einen »gehei­men Staats­ver­trag« abge­schlos­sen, den alle Bun­des­kanz­ler vor ihrem Amts­eid unter­zeich­nen muss­ten (soge­nann­ter Kanz­ler­brief oder Kanz­le­r­ak­te). Wil­ly Brandt nann­te das Doku­ment einen »Unter­wer­fungs­brief«, den er nach erster Wei­ge­rung doch unter­schrieb. (S. 67)

Hon­ecker fuhr den­noch 1987 zum Staats­be­such nach Bonn. Gor­bat­schow kri­ti­sier­te auch des­sen Rei­se nach Chi­na. »Die Bezie­hun­gen der DDR zu Chi­na dürf­ten auf kei­nen Fall bes­ser sein als die Bezie­hun­gen der Sowjet­uni­on zu Chi­na.« Das 1987 von SED und SPD erar­bei­te­te Papier »Der Streit der Ideo­lo­gien und die gemein­sa­me Sicher­heit« nann­te Gor­bat­schow »vul­gär-mar­xi­stisch«. (S. 70) An Hon­eckers Miss­trau­en gegen­über Gor­bat­schow ging das enge Ver­hält­nis zwi­schen Hon­ecker und Krenz »in die Brü­che«. (S. 83) Krenz empör­ten Bru­der­küs­se für die Öffent­lich­keit und man­che Heim­tücke unter vier und mehr Augen. Undurch­sich­tig wur­de, was Gor­bat­schow mit Kohl ver­han­del­te. In bei­den Polit­bü­ros wur­den die in der Bevöl­ke­rung immer offe­ner kri­ti­sier­ten Pro­ble­me tot­ge­schwie­gen. Details muss man selbst lesen.

Der Autor stellt in den Medi­en kol­por­tier­te Falsch­mel­dun­gen über die Okto­ber­ta­ge 1989 rich­tig. Will Krenz sich vom eige­nen Ver­sa­gen rein­wa­schen? Und wenn es so wäre? Er ist ehr­lich, was man bei ande­ren Akteu­ren 1989 vermisst.

War Micha­el Gor­bat­schow ein Ver­rä­ter an der DDR und auch an der Sowjet­uni­on? Oft war er ehr­lich und doch ein Heuch­ler, und das von einem Kom­mu­ni­sten der Sowjet­uni­on, von der wir sie­gen ler­nen soll­ten. Krenz: »Ich gehö­re zu den DDR-Bür­gern, die nach 1945 mit einem durch­weg posi­ti­ven, heu­te wür­de ich sagen: mit einem idea­li­sier­ten Bild von der Sowjet­uni­on auf­wuch­sen.« (S. 69)

Egon Krenz: »Wir und die Rus­sen. Die Bezie­hun­gen zwi­schen Ber­lin und Mos­kau im Herbst ´89«, edi­ti­on ost, 304 Sei­ten, 16,99 €

Prof. Dr. sc. phil. Wolf­gang Trie­bel, Jahr­gang 1930, Neu­leh­rer, Stu­di­um Päd­ago­gik, Ger­ma­ni­stik, Geschich­te an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät Ber­lin; spä­ter Hoch­schul­do­zent und Pro­fes­sor für Poli­tik­wis­sen­schaft an der HUB; erzwun­ge­ner Vor­ru­he­stand 1990, danach For­schung und Ver­öf­fent­li­chun­gen über deut­sche Nach­kriegs­ge­schich­te, Auf­be­rei­tung des Nach­las­ses Otto Gro­te­wohls über deut­schen Mili­ta­ris­mus und zur Friedenspolitik.