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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Olaf Münchhausen – Retter der SPD?

Eine der Geschich­ten des legen­dä­ren Hie­ro­ny­mus Carl Fried­rich Frei­herr von Münch­hau­sen, bes­ser bekannt als der Lügen­ba­ron, geht so: »Ein ande­res Mal woll­te ich mit mei­nem Litau­er über einen Sumpf sprin­gen. Aber wir spran­gen zu kurz und san­ken, nicht weit vom ande­ren Ufer, bis an den Hals in den Morast. Und wir wären ret­tungs­los umge­kom­men, wenn ich mich nicht mit der eige­nen Hand am eige­nen Haar­zopf aus dem Sumpf her­aus­ge­zo­gen hät­te. Und nicht nur mich, son­dern auch mein Pferd.«

Etwas Ähn­li­ches soll jetzt Olaf Scholz voll­brin­gen, vor­aus­ge­setzt die Mit­glie­der der SPD machen ihn zum aus­sichts­reich­sten Bewer­ber um das Amt des Par­tei­vor­sit­zen­den. Dass sein Name zur all­ge­mei­nen Über­ra­schung weni­ge Tage vor Ablauf der Bewer­bungs­frist ins Spiel kam, hat wohl mit der Sor­ge zu tun, die Din­ge könn­ten einen für die Rech­ten in der SPD uner­wünsch­ten Ver­lauf neh­men. Vor kur­zem hat­te Scholz noch ver­si­chert, der Par­tei­vor­sitz sei unver­ein­bar mit sei­ner Regie­rungs­ar­beit in der Gro­ßen Koali­ti­on. Den drei Inte­rims­vor­sit­zen­den soll er jetzt gesagt haben: »Ich bin bereit anzu­tre­ten, wenn ihr das wollt.« Das erklärt sei­nen Sin­nes­wan­del nur dürf­tig. Wenn’s schief­geht, tra­gen die Ver­ant­wor­tung auf jeden Fall andere.

Einen Tag vor der Kehrt­wen­de des Vize­kanz­lers und stell­ver­tre­ten­den Par­tei­vor­sit­zen­den in dem trost­lo­sen Schau­spiel hat­te einer der Mit­be­wer­ber um den Par­tei­vor­sitz, der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te und gesund­heits­po­li­ti­sche Spre­cher der Frak­ti­on, Karl Lau­ter­bach, gegen­über dem Deutsch­land­funk eine Koali­ti­on auf Bun­des­ebe­ne nach Bre­mer Vor­bild als denk­ba­re Opti­on bezeich­net. Anlass des Gesprächs war die am sel­ben Tag statt­fin­den­de Wahl des neu­en Bre­mer Senats, der ersten rot-grün-roten Lan­des­re­gie­rung in einem west­deut­schen Bun­des­land. Ob das tat­säch­lich eine Opti­on sei, wur­de Lau­ter­bach gefragt. Sei­ne Ant­wort: »Auf jeden Fall. Die­se Posi­ti­on ver­tre­te ich ja schon seit meh­re­ren Jah­ren.« Sie sei in der SPD mitt­ler­wei­le auch weit­ge­hend konsensfähig.

Im Ver­lauf des Inter­views ging Lau­ter­bach ans Ein­ge­mach­te: »Eine Dis­kri­mi­nie­rung der Links­par­tei – das war ja mei­stens der Grund für die Ableh­nung sol­cher Bünd­nis­se – ist heu­te nicht mehr ange­bracht. Das ist eine Par­tei gewor­den, die sich im par­la­men­ta­ri­schen Ver­fah­ren als fair, gut infor­miert und hilf­reich erwie­sen hat.« Ein wirk­li­cher Poli­tik­wech­sel sei mit der CDU nicht zu machen. Im Umgang mit der Links­par­tei habe sich Nor­ma­li­tät ein­ge­stellt. In Bre­men habe man in Ver­hand­lun­gen ein sehr gutes Ergeb­nis erzielt, was die drei Kern­pro­ble­me ange­he: sozia­le Ungleich­heit, Bil­dungs­ar­mut und Umweltschutz.

Auf die Fra­ge, ob er bereit sei, klipp und klar zu sagen, dass die SPD nach der näch­sten Bun­des­tags­wahl bereit sei zur Koali­ti­on mit der Lin­ken, erwi­der­te Lau­ter­bach: »Ich wür­de auf jeden Fall so weit gehen, dass Ver­hand­lun­gen von uns nicht aus­ge­schlos­sen wür­den. Wir soll­ten uns auf das kon­zen­trie­ren, was wir der­zeit vor der Brust haben, und da macht es mir mehr Sor­gen, dass wir in der Gro­ßen Koali­ti­on die Akzep­tanz in der Bevöl­ke­rung ver­lo­ren haben.«

Uni­on und FDP hat­ten sich bereits vor den Äuße­run­gen Lau­ter­bachs in schar­fer Form gegen ein Regie­rungs­bünd­nis nach Bre­mer Vor­bild auf Bun­des­ebe­ne gewandt. »Tie­fer kann die SPD nicht fal­len, wenn sie sich Lin­ken und Grü­nen als Mehr­heits­be­schaf­fer andient«, sag­te der Erste Par­la­men­ta­ri­sche Geschäfts­füh­rer der FDP-Bun­des­tags­frak­ti­on, Mar­co Busch­mann. Und der CSU-Gene­ral­se­kre­tär Mar­kus Blu­me füg­te im Sti­le ver­gan­ge­ner Hetz­kam­pa­gnen hin­zu: »Wir wol­len kei­ne grün-rot-rote Repu­blik mit Bevor­mun­dung, Ent­eig­nung und Verstaatlichung.«

Dies alles vor Augen, das bevor­ste­hen­de Desa­ster bei den drei Land­tags­wah­len im Osten und mög­li­che Neu­wah­len zum Bun­des­tag ein­ge­schlos­sen, scheint Olaf Scholz über den eige­nen Schat­ten gesprun­gen zu sein – er will Kanz­ler wer­den. Dar­an zu glau­ben sei schie­rer Irr­sinn, wenn man sich die Lage der SPD anse­he, hieß es dazu in der Süd­deut­schen Zei­tung. Nie­mand ste­he in der SPD so sehr für die Gro­ße Koali­ti­on wie Scholz. Wenn er den Wett­be­werb um den Vor­sitz ver­lie­ren soll­te, dann auch deswegen.