Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Bildhauerblicke auf Tiere

Was uns mit Tie­ren ver­bin­det: Luft zur Atmung, Ernäh­rung von Lebe­we­sen, Sin­nes­or­ga­ne. Wir leben mit ihnen im Reich der Ani­ma­lia, im Reich der beseel­ten Wesen. Weil man­cher den Tie­ren See­len nicht zuge­ste­hen will, hebt sich der Mensch bis hin zur juri­sti­schen Bestim­mung vom Tier ab, wel­ches er töten kann, aber nicht ermor­den. Der Kunst­aus­stel­lung »Das Tier – Sinn­bild des Gött­li­chen« in Pir­na liegt die empa­thi­sche Inten­ti­on im Ver­hält­nis Mensch und Tier zugrun­de. Über 80 Tier­skulp­tu­ren von mehr als 30 Bild­hau­ern aus Deutsch­land und aus Pir­nas Part­ner­städ­ten Tsche­chi­ens und Finn­lands sind auf den Bastio­nen von Pir­na zu sehen. Seit 2015 wird dort Kunst statt Kano­nen gezeigt.

Von den Wir­bel­tie­ren sind uns die Säu­ge­tie­re am nahe­sten. Ein Bild­hau­er, der von Fritz Jaco­bi im Kata­log (15 €) zitiert wird, macht dar­auf auf­merk­sam, wie ein Tiger sei­nen Kopf trägt, was für eine Kör­per­sta­tik ein Tier hat, so dass er denkt: »Gott ist mehr bei den Tie­ren.« Denn der Mensch wur­de bei der Ver­ga­be der ver­schie­den­sten Kräf­te, die nach dem Mythos an alle Wesen gerecht ver­teilt wer­den soll­ten, fast ver­ges­sen, so dass er noch ohne Decke, Wehr und Schnel­lig­keit dastand. Obwohl der Mensch von Pro­me­theus dann die kunst­rei­che Weis­heit mit­samt dem Feu­er erhielt und er mit die­sen gött­li­chen Gütern das erste unter allen Geschöp­fen wur­de, staunt er immer wie­der über die Fähig­kei­ten der Tiere.

Vom Nestor der deut­schen Tier­bild­ne­rei im 20. Jahr­hun­dert, August Gaul, des­sen 150. Geburts­tag dem Skulp­tu­ren­som­mer in Pir­na den Anlass gibt, zeigt der »Lau­fen­de Orang-Utan«, dass Gaul nicht die Natur imi­tiert, son­dern »das Typi­sche und ihren see­li­schen Kern« fest­ge­hal­ten hat: »Was mich bei den Tie­ren anzieht, ist ganz wesent­lich künst­le­ri­scher Art. Ich mache Tie­re, weil es mich freut.«

Am wei­te­te­sten ent­fernt sind den Künst­lern die so arten­rei­chen Insek­ten, von denen Mat­thi­as Garff hei­ter-sati­risch in einem Kasten geba­stel­te Schmet­ter­lin­ge und Käfer aus Abfall, wie Kro­nen­ver­schlüs­se, prä­sen­tiert, dar­un­ter ein wohl roter Bre­mer Schlüs­sel­kä­fer und ein gigan­tisch-monu­men­ta­ler Kopf der »Heu­schrecke« mit dem er ihre Gefrä­ßig­keit sym­bo­li­sie­ren dürf­te, aber auf ihre grün-gol­de­ne Schön­heit hin­wei­sen will, die er aus Gips, Kle­ber, Lack, Holz, Glit­zer und Asche her­vor­ge­bracht hat. Sel­ten die Amphi­bi­en; von Petr Holeček springt ein Frosch mit über­lan­gen Hin­ter­bei­nen quer durch die Luft, nur ein Punkt hält die bron­ze­ne Figur an der Boden­plat­te. Ein drei­ein­halb Meter gro­ßes Fisch­ge­bil­de aus Faden und Draht schwebt von der Luft­fisch­schöp­fe­rin Sophie Natusch­ke zwi­schen der Festungs­ar­chi­tek­tur. Des­glei­chen ein unter der Decke auf­ge­häng­ter höl­zer­ner flie­gen­der Schwan von Peer Oli­ver Nau. Fan­ta­sie­voll die Skulp­tu­ren, die Mat­thi­as Jakisch aus gefun­de­nen Sand­stein­brocken mit nur gerin­ger Bear­bei­tung zu »Balz« und »Igel« asso­zia­ti­ons­reich formte.

Sehr gern wer­den Vögel von Künst­ler­blicken erfasst, mal in geschlos­se­ner abstrak­ter Form, wie Vin­cenc Ving­lers »Eule«, mal völ­lig zer­fled­dert, wie Petra Graupners zwei Jung­vö­gel, die ihren »ersten Tanz« aller­dings im Aus­stel­lungs­teil des Stadt­mu­se­ums voll­füh­ren. In rea­li­sti­scher Form mar­schiert die »Gän­se­grup­pe« von Gustav Weidanz erho­be­nen Kop­fes. Seit 1958 erin­nert sie in Hal­le vor dem Lan­des­mu­se­um für Vor­ge­schich­te sinn­bild­lich an die Geschich­te von den Gän­sen auf dem Kapi­tol, die durch ihr instinkt­ge­lenk­tes Geschnat­ter die Römer vor einem Stadt­brand warn­ten. Sie sind wie Kri­stof Gru­n­erts »Peli­kan« aus Bron­ze; dage­gen fer­tig­te Mat­thi­as Garff »Kiki« aus Bir­ken­stäm­men, Rei­fen, Lack und Schrau­ben eine monu­men­ta­le Sati­re auf den aus Auto­rei­fen geba­stel­ten Vorgartenkitsch.

Bewun­dert wer­den die schö­nen, span­nungs­vol­len Lef­zen­li­ni­en der »Löwin« von Ger­hard Marcks, der sei­ne Kind­heit im Ber­li­ner Zoo ver­leb­te und dem Tie­re erste Freun­de und Model­le wur­den. Das geschmei­di­ge und listen­rei­che Anschlei­chen bewun­dert Kri­stof Gru­n­erts in der »Gro­ßen Löwin«. Neben Lie­be ver­lan­gen Haus­kat­zen oft Distanz und Respekt, so »Die Wil­de« von Taru Män­ty­nen, die mit glit­zern­den Nop­pen umrü­stet ist und wie ägyp­ti­sche mumi­fi­zier­te Kat­zen Gött­lich­keit aus­strahlt, eben­so Ger­hard Marcks »Tra­gen­de sit­zen­de Kat­ze« und Hel­mut Hein­zes »Por­trät Kater Moritz«. An den scha­kal­köp­fi­gen Toten­gott Anu­bis, der oft als schwar­zer Hund an Grab­ein­gän­gen wacht, erin­nert der sti­li­sier­te deut­sche »Schä­fer­hund«, 1945, aus Eichen­holz von Heinz Theu­er­jahr, ein beson­ders gut ver­tre­te­ner Bild­hau­er. Enge Lie­be erfah­ren Hun­de (Pau­li­na Ska­vo­vá, Ingrid Baum­gärt­ner, Sibyl­le Schwarz); an ihre Wach­sam­keit gemahnt der »lebens­gro­ße sit­zen­de Hund« Sabi­na Grzimeks.

An Haus­tie­ren kann täg­lich Freu­de und Leid erlebt wer­den, wie an der »Zie­ge« von Moni­ka Jung, einem krank­heits­ge­plag­ten Tier. Hoch­ge­schätzt sind Pfer­de, im archai­schen Stil bei Gun­ther Bach­mann, im klas­si­schen aber auch hel­le­ni­sti­schem Stil bei Hans Wimmer.

Glück­li­che und über­ra­schen­de Stel­len sind für jede Skulp­tur und Pla­stik von der Kura­to­rin Chri­stia­ne Sto­ebe und Ko-Kura­to­rin Gise­la Prot­ze in dem weit­läu­fi­gen und win­di­gen Festungs­ge­län­de gefun­den wor­den. Hoch auf der Brü­stung die sich mit gesträub­ten Fell strei­ten­den Kat­zen von Anna Fran­zis­ka Schwarz­bach. Von Vin­cenc Ving­ler der »Kor­mo­ran« im Licht­hof kann nach unten Aus­schau hal­ten. Als Beset­zer des Gemäu­ers gebär­det sich Hans Scheibs brül­len­des »Alpha-Tier«, Holz und Far­be, ein Affen­we­sen, das wie der Mensch die glei­che Erb­an­la­ge für Gewalt besitzt. Dage­gen erweckt der »Goril­la« von Heinz Theu­er­jahr den Ein­druck, als könn­te er Gedan­ken fas­sen. Wim­mers »Zir­kus­pferd« mit schön gebo­ge­nem Kamm, mit gera­dem Schei­tel und Stirn, gerun­de­tem Hüft­ge­lenk und mit zar­ten Fes­seln ist im idea­li­sier­ten Schrei­ten ein Orna­ment oder For­mel, in denen Wim­mer »kei­nen Gegen­satz zum Figür­li­chen, son­dern im Gegen­teil die höch­ste Stei­ge­rung des Figür­li­chen« sieht. Es erscheint als kla­re Sil­hou­et­te vor dem Gewöl­be­bo­gen und wur­de Bild­zei­chen der Pir­n­a­er Aus­stel­lung. Der Raum spricht mit und bestä­tigt den von Fritz Jaco­bi zitier­ten Stand­punkt des Bild­hau­ers Hel­mut Hein­ze: »Eigent­lich müss­te der Bild­hau­er mehr ›raumen‹ als ›kör­pern‹.«

Wenn die Bio­nik die wun­der­ba­ren Her­vor­brin­gun­gen in der Tier­welt als über­trag­ba­re Vir­tua­li­tät für eige­ne Ent­deckun­gen zu begrei­fen erforscht, ent­deckt die Kunst Schön­heit und Wesen der Tie­re, hilft, vom Men­schen­zen­tris­mus weg­zu­kom­men, alle ande­ren Lebe­we­sen zu respek­tie­ren und ihre Beson­der­heit zu erkennen.

Bis 29. Sep­tem­ber, Bastio­nen Festung Son­nen­stein, Pir­na, Mi-So 13-17 Uhr. Zum glei­chen The­ma ist der Rosen­gar­ten des Schlos­ses der Part­ner­stadt Děčín ein wei­te­rer Aus­stel­lungs­ort des Skulpturensommers.