Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Polnische Schicksalssommer (I)

Der Som­mer ist in Polen in den letz­ten hun­dert Jah­ren stets Zeit der Ver­än­de­rung. Der August und Sep­tem­ber brach­ten ver­meint­li­che Sie­ge und gro­ße Nie­der­la­gen. Im näch­sten Jahr wird der gro­ßen Streiks 1980 und der Gewerk­schaft Soli­dar­ność gedacht wer­den, die für den Nie­der­gang des Real­so­zia­lis­mus in Polen und letzt­lich des euro­päi­schen Ost­blocks stehen.

Die­ses Jahr geht es um zwei Schlüs­sel­er­eig­nis­se der pol­ni­schen Erin­ne­rung an den Zwei­ten Welt­krieg: den 75. Jah­res­tag des War­schau­er Auf­stan­des und die acht­zig­ste Wie­der­kehr des deut­schen Über­falls auf Polen. Eigent­lich unzwei­deu­ti­ge Daten, denn in bei­den Fäl­len haben Wehr­macht und SS des faschi­sti­schen Deutsch­lands Polen ange­grif­fen und mit Ver­nich­tung über­zo­gen. Pol­ni­sche Bür­ger und Sol­da­ten kämpf­ten hel­den­haft, wenn auch in aus­sichts­lo­ser Lage, für ihre Hei­mat. Grund genug zum Inne­hal­ten und Nach­den­ken über die Opfer, aber auch die Ursa­chen die­ses Krie­ges ein­schließ­lich der Nie­der­la­gen. Polen ver­lor sechs Mil­lio­nen Men­schen, dar­un­ter Polen, Ukrai­ner, Juden – jeden sech­sten pol­ni­schen Staats­bür­ger. Und doch sind die Erin­ne­rungs­fei­ern durch Irri­ta­tio­nen und neue Front­stel­lun­gen gekenn­zeich­net. Ein deut­scher Außen­mi­ni­ster wür­digt die War­schau­er Auf­stän­di­gen und brach­te sei­ne Scham über das, was Deut­sche in und gegen Polen ange­rich­tet hat­ten zum Aus­druck. Die alte Lei­er: Hit­ler war schuld, und die ver­führ­ba­ren Deut­schen wur­den mit­schul­dig. Kein Wort zu den Ursa­chen des Krie­ges, zu den Inter­es­sen des deut­schen Groß­ka­pi­tals und der Grund­be­sit­zer, zu dem unauf­halt­sam gemach­ten Auf­stieg Hit­ler­deutsch­lands zur Aggressionsmacht.

Es ist zu erwar­ten, dass neben den west­li­chen Sie­ger­mäch­ten des Zwei­ten Welt­krie­ges auch Deutsch­land in War­schau an den Über­fall auf den pol­ni­schen Nach­barn erin­nern wird. Russ­land ist uner­wünscht. Wer pol­ni­sche Stel­lung­nah­men aus dem Umkreis der natio­nal­kon­ser­va­ti­ven Regie­rung hört, reibt sich kaum noch ver­wun­dert die Augen. Da wird mit dem Ansatz der Hei­mat­ar­mee des Jah­res 1944 argu­men­tiert: Polen habe sich gegen zwei Fein­de, Deut­sche und Sowjets zur Wehr set­zen müssen.

Geschich­te wird umgeschrieben

Die Geschich­te ist offen­bar kom­pli­zier­ter, und die poli­ti­sche Demenz heu­ti­ger Poli­ti­ker und vie­ler Histo­ri­ker, auch der Öffent­lich­keit, ist bemer­kens­wert, ja erschreckend. Polen ist das erste euro­päi­sche Land, das durch das faschi­sti­sche Deutsch­land mit einem Ver­nich­tungs­krieg über­zo­gen wur­de, in dem es um »Lebens­raum«, Unter­wer­fung einer als min­der­wer­tig ange­se­he­nen sla­wi­schen Volks­grup­pe, die Aus­mer­zung der Juden, die rest­lo­se Zer­stö­rung eines pol­ni­schen Staats­we­sens und sei­ner intel­lek­tu­el­len Eli­te und die Schaf­fung eines Auf­marsch­rau­mes für den als unver­zicht­bar ange­se­he­nen Krieg gegen den ideo­lo­gi­schen und poli­ti­schen Haupt­geg­ner, die Sowjet­uni­on, ging. Für die Sie­ger war nicht ein­mal eine pol­ni­sche Kol­la­bo­ra­ti­ons­re­gie­rung denk­bar, auch wenn Polen durch­aus auch den Okku­pan­ten zu Wil­len sein konnten.

Das Wie­der­ent­ste­hen eines pol­ni­schen Staa­tes auf der Grund­la­ge des Ver­sail­ler Ver­tra­ges und der akti­ven natio­na­li­sti­schen Bewe­gung von Polen auch in den bis­her deut­schen und öster­rei­chi­schen Gebie­ten hat­te vom ersten Tag an deut­sche Mili­tärs und Groß­ka­pi­ta­li­sten gewurmt. Die Tin­te von Ver­sailles war noch nicht trocken, da ließ der Chef der Hee­res­lei­tung, Gene­ral von Seeckt, an einem »Gro­ßen Plan« arbei­ten: der Wie­der­auf­rü­stung einer deut­schen Wehr­macht, die in den Plan­zah­len tat­säch­lich 1939 das wider­spie­gel­te, was Anfang der 1920er Jah­re mehr oder min­der hin­ter dem Rücken der Inter­al­li­ier­ten Mili­tär­kom­mis­si­on auf­ge­schrie­ben wur­de. Die Mili­tärs plan­ten und bil­de­ten aus, deut­sche Kon­zer­ne such­ten alle lega­len und ille­ga­len Mög­lich­kei­ten, um im Aus­land deut­sches Rüstungs-Know­how an den Mann zu brin­gen, Tech­nik zu ent­wickeln und zu erproben.

Diver­se Frei­korps und die neue Reichs­wehr sam­mel­ten ihre Erfah­run­gen gegen die bol­sche­wi­sti­sche Revo­lu­ti­on in den Rand­ge­bie­ten des ein­sti­gen rus­si­schen Impe­ri­ums und gegen pol­ni­sche Auf­stän­di­sche, die erfolg­reich ihren Staat auch in Rich­tung Westen arron­dier­ten. Der Reichs­wehr­füh­rung war klar, dass mit dem von den Sie­gern auf­ge­zwun­ge­nen klei­nen Berufs­heer kein gro­ßer Revan­che­krieg gegen den Westen Aus­sicht auf Erfolg hat­te, aber gegen Polen könn­te man es schon wagen.

Und es fand sich ein uner­war­te­ter Ver­bün­de­ter: Sowjet­russ­land. Die bei­den Paria der Welt­po­li­tik, das Deut­sche Reich und Sowjet­russ­land, begrif­fen 1922, dass ein Aus­gleich, ja ein wirt­schaft­li­ches und klan­de­sti­nes mili­tä­ri­sches Zusam­men­ge­hen bei­den Sei­ten Nut­zen brin­gen konn­te. Ideo­lo­gi­sche Vor­be­hal­te hat­ten vor der Chan­ce des Wie­der­auf­stiegs zurück­zu­tre­ten. Das gar nicht so klei­ne Klein-Klein des Klas­sen­kamp­fes mit poli­ti­schen, pro­pa­gan­di­sti­schen und geheim­dienst­li­chen Mit­teln soll­te davon wenig berührt wer­den. Polen als poten­ti­el­ler gemein­sa­mer Geg­ner – als Rache für die Nie­der­la­gen 1918 Deutsch­lands bezie­hungs­wei­se 1920 nach dem Schei­tern eines Tri­um­phes der Roten Armee gegen die pol­ni­sche Inter­ven­ti­on – schweiß­te unglei­che Part­ner zeit­wei­lig zusammen.

Polen zwi­schen allen Stühlen

Polen selbst war ja eigent­lich das miss­glück­te macht­po­li­ti­sche Kind der Mit­tel­mäch­te, die gegen Russ­land ihr Besat­zungs­ge­biet mobi­li­sie­ren woll­ten. Nach der Nie­der­la­ge der bei­den Kai­ser in Ber­lin und Wien tra­ten die Entente­mäch­te die Erb­schaft an und woll­ten ein star­kes Boll­werk gegen die Bol­sche­wi­sten. Die Nie­der­la­ge der Roten Armee vor War­schau, das »Wun­der an der Weich­sel« 1920 schien dies zu bestä­ti­gen und hob das Selbst­be­wusst­sein der jun­gen pol­ni­schen Repu­blik. Im Ergeb­nis inne­rer Kon­flik­te wur­de das Land, was die heu­ti­gen Demo­kra­ten gern aus­blen­den, seit Mit­te der 1920er Jah­re zu einer auto­ri­tä­ren, dik­ta­to­risch geführ­ten Repu­blik, die wenig Sym­pa­thien für lin­ke Oppo­si­tio­nel­le hatte.

Das Pri­vi­leg des unver­zicht­ba­ren anti­bol­sche­wi­sti­schen Boll­werks ver­lor Polen aber schon in dem Moment, da die west­li­chen Sie­ger­mäch­te Deutsch­land wie­der als eine poten­te­re Gegen­macht gegen den Kom­mu­nis­mus auf­zu­bau­en such­ten. Die noch 1922 mög­li­che und not­wen­di­ge Hin­wen­dung Deutsch­lands zu Sowjet­russ­land in Rapal­lo soll­te kom­pen­siert wer­den. Im Ver­trags­werk von Locar­no, bis heu­te als gro­ße Frie­dens­tat gefei­ert, gab es einen wesent­li­chen Dis­sens: Für den Westen wur­den die Gren­zen garan­tiert, für den Osten, also nament­lich Polen und die Tsche­cho­slo­wa­ki­sche Repu­blik (ČSR), blie­ben es Absichts­er­klä­run­gen, die Ver­ein­ba­rung von Schieds­ge­rich­ten, aber kei­ne Grenz­ga­ran­tien. Das war nicht nur der Insta­bi­li­tät der neu­en ost­eu­ro­päi­schen Staa­ten geschul­det, son­dern vor allem der unver­än­der­ten Furcht vor der Sowjetunion.

Die­se ver­än­der­te Lage ließ auch die deut­schen Eli­ten küh­ner wer­den. Mili­tär, Kapi­tal und Groß­grund­be­sitz, die Rechts­par­tei­en hat­ten ein gemein­sa­mes Eli­ten­pro­jekt: Die Revan­che für 1918, vor allem aber den »Drang nach Osten« – und dies hieß in erster Linie Ver­nich­tung der größ­ten Bedro­hung, der radi­ka­len sozi­al­öko­no­mi­schen Umwäl­zung in Rich­tung Sozia­lis­mus. Der Schock der Revo­lu­ti­on von 1918 steck­te ihnen immer noch in den Knochen.

Der »Drang nach Osten«

Noch waren sie sich nicht einig, wel­che Stra­te­gie sie ein­schla­gen soll­ten: öko­no­mi­sche Durch­drin­gung oder mili­tä­ri­sche Erobe­rung. Carl Duis­berg, mäch­ti­ger Kon­zern­ma­na­ger und IG-Far­ben-Boss, pro­kla­mier­te schon 1931 als Ziel einen Wirt­schafts­raum von Mar­seil­le bis Odes­sa. Die Welt­wirt­schafts­kri­se sorg­te für eine neue Situa­ti­on. Hit­ler und sei­ne Nazi­par­tei waren nicht mehr extre­me poli­ti­sche Rand­ge­stal­ten. Ihr radi­ka­ler Angriff auf alle Lin­ken und Demo­kra­ten wur­de in der tie­fen Kri­se gebraucht. Damit wur­de auch Hit­lers außen­po­li­ti­sches Pro­gramm salon­fä­hig. Er sprach deut­lich aus, was die Macht­eli­ten erhoff­ten, vor allem garan­tier­te er die Här­te, Bru­ta­li­tät und Dem­ago­gie, ein sol­ches Pro­gramm auch umzu­set­zen. Mit der Macht­über­ga­be an die Faschi­sten konn­te er ent­schlos­sen den Kurs auf Krieg umset­zen. Die Mili­tärs hat­ten die Plä­ne und die Orga­ni­sa­ti­on, das Groß­ka­pi­tal aktu­el­le Rüstungs­pro­jek­te und Kapa­zi­tä­ten sowie das Geld – bei allen Pro­ble­men – und anspruchs­vol­le Expansionsziele.

Die Fran­zo­sen, noch mehr die USA und Bri­ten woll­ten die deut­sche Auf­rü­stung mit der kla­ren Vor­stel­lung, dass der Osten, die Sowjet­uni­on zer­schla­gen wird. Wenn die Deut­schen dabei auch Federn las­sen wür­den, umso bes­ser. Polen blieb der unsi­che­re Kan­to­nist: zu schwach, auto­ri­tär geführt, poli­tisch nur bedingt ver­läss­lich. Hit­ler­deutsch­land umwarb die pol­ni­sche Füh­rung zunächst, ein gemein­sa­mer Kampf gegen die Bol­sche­wi­sten könn­te attrak­tiv sein, die Ukrai­ne wink­te als Preis für Polen. Aber die pol­ni­sche Füh­rung, erst recht nach Mar­schall Pił­sudskis Tod, wit­ter­te die Risi­ken, moch­te nicht Juni­or­part­ner der wenig gelieb­ten Deut­schen sein. Mit­te der 1930er Jah­re spann sich wie­der ein enge­res Bünd­nis mit den West­mäch­ten, die selbst unver­än­dert unent­schlos­sen waren und lan­ge auf Appease­ment zugun­sten Deutsch­lands setzten.

Für Hit­lers Gene­ra­le und für Hit­ler selbst war klar, ein Krieg gegen die Sowjet­uni­on muss­te mit oder über Polen erfol­gen. Polen war ide­al als Auf­marsch­ge­biet, es gab Roh­stof­fe, auch Indu­strie, Sied­lungs­raum für Groß­grund­be­sit­zer und Wehr­bau­ern, im Ide­al­fall unbe­grenz­te, recht­lo­se, bil­li­ge Arbeitskräfte.

Ver­trä­ge, die kei­nen Frie­den brachten

Die 1930er Jah­re brach­ten Unru­he. In Asi­en expan­dier­te Japan gewalt­sam, die Welt schau­te weg. In Nord­afri­ka bau­te sich Ita­li­en gewalt­sam ein Kolo­ni­al­reich, die Welt schau­te weg. In Spa­ni­en inter­ve­nier­ten Deutsch­land und Ita­li­en gegen die Repu­blik, Bri­ten und Fran­zo­sen setz­ten auf Neu­tra­li­tät. In Mit­tel­eu­ro­pa revi­dier­te das Deut­sche Reich die Grenz­zie­hun­gen des Ver­sail­ler Ver­tra­ges, schloss Öster­reich an und bau­te hem­mungs­los sei­ne Wehr­macht auf. Es stör­te im Westen die Ver­ant­wor­tungs­trä­ger wenig. Sowje­ti­sche Ver­su­che, ein System kol­lek­ti­ver Sicher­heit zu errich­ten, lie­fen trotz man­cher Ver­trä­ge ins Leere.

Mit dem Ver­such, eine Kri­se um die deut­sche Min­der­heit in der ČSR zu einem Kriegs­an­lass auf­zu­bla­sen, spiel­te die deut­sche Füh­rung Vaban­que. End­lich woll­te sie es wis­sen und der Welt bewei­sen. Aber Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich spiel­ten nicht mit. Sie woll­ten Frie­den um jeden Preis, zumin­dest mit der Preis­ga­be der ein­zi­gen sta­bi­len Demo­kra­tie im Osten, der ČSR. Wie­der ein­mal wur­de über die Köp­fe der Tsche­cho­slo­wa­ken hin­weg ent­schie­den und fak­tisch deren Staats­ge­bil­de ausgelöscht.

Polen betei­lig­te sich am Lei­chen­schmaus, nahm dem am Boden lie­gen­den Nach­barn das Olsa-Gebiet ab. Unschuld sieht anders aus.

Mit dem Ein­marsch der Wehr­macht in die »Rest-Tsche­chei« began­nen Lon­don, Paris, auch War­schau zu begrei­fen, dass sie in ihrer anti­kom­mu­ni­sti­schen Ver­blen­dung für sich selbst ein töd­li­ches Risi­ko her­auf­be­schwo­ren hat­ten. Nun such­te Polen eine Rück­ver­si­che­rung bei den west­li­chen Ver­bün­de­ten, die es auch erhielt, die aber – wie sich zei­gen soll­te – wenig wert in der kon­kre­ten Situa­ti­on war. »Ster­ben für Dan­zig«, dem von Deutsch­land vor­ge­scho­be­nen Streit­punkt, woll­te in Paris oder Lon­don niemand.

5. Sep­tem­ber, 16 – 21 Uhr: Kon­fe­renz »So wer­den Krie­ge gemacht. Vor 80 Jah­ren: Der deut­sche Faschis­mus löst den Zwei­ten Welt­krieg aus«, Ver­an­stal­ter: Hel­le Pan­ke e. V. – Rosa-Luxem­burg-Stif­tung Ber­lin, Kopen­ha­ge­ner Str. 9, 10437 Ber­lin; wei­te­re Infor­ma­tio­nen sie­he: https://www.helle-panke.de/de/topic/3.termine.html?id=2781.