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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Das bisschen Totschlag

In weni­gen Mona­ten fei­ert die Mensch­heit den 150. Geburts­tag von Eglan­ty­ne Jebb. Die »Mut­ter« der inter­na­tio­na­len Kin­der­rechts­be­we­gung war nicht nur Haupt­in­itia­to­rin der ersten Kin­der­rechts-Dekla­ra­ti­on von 1924 des Gen­fer Völ­ker­bunds. Sie hat­te sich schon zuvor gegen kin­der­rechts-ver­let­zen­de Sank­tio­nen engagiert.

Vie­le Men­schen besit­zen eine Hemm­schwel­le hin­sicht­lich der Tötung ande­rer Men­schen. Die­ser Hin­de­rungs­grund stört bei der Mili­ta­ri­sie­rung zur Kriegs­tüch­tig­keit, denn der zu töten­de Geg­ner soll­te nicht wie ein wür­de­vol­ler Mensch betrach­tet wer­den, um sei­ne Ver­nich­tung leich­ter zu recht­fer­ti­gen. Mög­lich wird dies z. B., indem wäh­rend des Ukrai­ne-Krie­ges rus­si­sche Sol­da­ten – etwa von man­chen Sprin­ger-Jour­na­li­sten und Frie­dens­preis-Trä­gern des deut­schen Buch­han­dels – als »Schwei­ne« oder »Dün­ger« bezeich­net wer­den (vgl. Tobi­as Rie­gel: Die Hass­spra­che im Main­stream, in: Nachdenkseiten.de v. 8.11.2022).

Kon­kre­tes, direk­tes Töten ist aller­dings immer noch eher out – abstrak­tes Töten aus wei­ter Ent­fer­nung (mit­tels Bom­ben aus Flug­zeu­gen oder Rake­ten und Droh­nen, am besten noch fern­ge­steu­ert aus Ram­stein) ist hin­ge­gen ein sehr viel gerin­ge­res Pro­blem. Noch akzep­tier­ter sind Mas­sen­tö­tun­gen durch Sank­tio­nen und Hun­ger­blocka­den, da die meist zivi­len Opfer – dar­un­ter ins­be­son­de­re vul­nerable Grup­pen wie Kin­der – an feh­len­den Imp­fun­gen, feh­len­der Nah­rung, feh­len­dem sau­be­rem Trink­was­ser und man­geln­der medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung qua­si unsicht­bar ster­ben und nicht direkt mit der Tat und den Tätern in Ver­bin­dung gebracht werden.

Eines der am läng­sten und här­te­sten von Sank­tio­nen betrof­fe­nen Län­der ist die Sozia­li­sti­sche Repu­blik Kuba, die seit 1962 durch eine syste­ma­ti­sche US-Blocka­de­po­li­tik öko­no­misch erdros­selt wer­den soll. Seit 1992 wur­den die ver­schie­de­nen Maß­nah­men unter US-Prä­si­dent Clin­ton noch ein­mal ver­schärft. Dabei geht es nicht nur um Pri­mär­sank­tio­nen, die bedeu­ten, dass Insti­tu­tio­nen, Orga­ni­sa­tio­nen, Ban­ken, Unter­neh­men aus den USA kei­ner­lei Han­del oder Wirt­schafts­be­zie­hun­gen mit Kuba betrei­ben dür­fen. Genau­so wich­tig sind die Sekun­där­sank­tio­nen, also indi­rek­te Ver­bo­te gegen alle Staa­ten, Orga­ni­sa­tio­nen, Ban­ken und Unter­neh­men auf der Welt, die kei­ne Geschäf­te in oder mit den USA machen dür­fen, wenn sie zugleich Han­del mit kuba­ni­schen Ein­rich­tun­gen unter­hal­ten. Die Anschaf­fung jedes Hör­ge­räts, jedes Roll­stuhls, jedes Medi­ka­ments, jedes OP-Geräts auf den Welt­märk­ten wird dadurch erschwert. Nicht nur auf­grund des buch­stäb­lich geno­zi­da­len Aggres­si­ons­cha­rak­ters sol­cher Repres­sio­nen erklärt die UN-Gene­ral­ver­samm­lung mit einer Mehr­heit von über 180 Staa­ten seit 1992 jähr­lich die US-Blocka­de für ille­gal und for­dert die USA zu deren Been­di­gung auf.

De fac­to wur­de die­se bru­ta­le Blocka­de seit Beginn des Jah­res 2026 noch ver­schärft, da die USA völ­ker­rechts­wid­rig kei­ne Öl-Tan­ker mehr nach Kuba durch­las­sen, die Insel also prak­tisch iso­lie­ren wol­len. Es ist somit eine Aus­hun­ge­rungs- und Zer­stö­rungs­stra­te­gie der Ver­ei­nig­ten Staa­ten, die Kuba seit Jahr­zehn­ten und jetzt noch ein­mal ver­schärft jähr­lich vie­le Mil­li­ar­den Dol­lar zusätz­lich kostet (jun­ge Welt v. 11.02.2026). Mit ihrer Ver­schär­fung der US-Blocka­de macht sich die Trump-Regie­rung des Völ­ker­mor­des und der Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit schuldig.

Eine im Okto­ber 2025 in The Lan­cet ver­öf­fent­lich­te Stu­die ergab, dass Sank­tio­nen, die in den 50 Jah­ren zwi­schen 1971 und 2021 von den USA und ihren west­li­chen Ver­bün­de­ten ver­hängt wur­den, jähr­lich mehr als 550.000 Todes­fäl­le ver­ur­sacht hät­ten – was in etwa der Gesamt­zahl mili­tä­ri­scher und zivi­ler Todes­fäl­le durch Krie­ge pro Jahr im sel­ben Zeit­raum ent­spricht. Das bedeu­tet: Von 1971 bis 2021 ver­ur­sach­ten Sank­tio­nen über 27 Mil­lio­nen Todes­fäl­le, dar­un­ter fast zur Hälf­te (13 Mil­lio­nen) Kin­der unter fünf Jahren.

Das Ein­ver­ständ­nis mit die­sen Tötun­gen ist zumin­dest in US-ame­ri­ka­ni­schen Regie­rungs­krei­sen groß. Selbst die Ex-US-Außen­mi­ni­ste­rin »Made­lei­ne Alb­right gestand 1996 ein, dass die Sank­tio­nen (gegen den Irak allein in der ersten Hälf­te der 1990er Jah­re; M. K.) ›eine hal­be Mil­li­on Kin­der‹ getö­tet hät­ten. Doch dies sei der ›Preis‹, den man zah­len müs­se« (Tages­spie­gel v. 1.8.2000).

Dazu gehö­ren z. B. auch die zehn­tau­sen­den palä­sti­nen­si­schen Toten der über 16 Jah­re wäh­ren­den israe­li­schen Blocka­de gegen den Gaza-Strei­fen seit 2006, also lan­ge vor dem 7. Okto­ber 2023, etwa, weil es nicht mög­lich war, den Gaza­strei­fen zu ver­las­sen, um medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung oder auch lebens­wich­ti­ge Imp­fun­gen zu erhal­ten. Seit dem sog. Waf­fen­still­stand von Okto­ber 2025 sind nicht nur wei­ter­hin hun­der­te Palä­sti­nen­ser durch Schüs­se und Bom­ben getö­tet wor­den. Über die mehr als 20.000 getö­te­ten Kin­der hin­aus sind etwa 10.000 Kin­der unter fünf Jah­ren akut vom Hun­ger­tod bedroht, weil sie von Lebens­mit­teln und Medi­ka­men­ten abge­schnit­ten sind. »Und 32.000 Men­schen, die von Isra­el ver­wun­det wur­den – dar­un­ter 5.000 Kin­der –, wer­den bald ster­ben, weil sie dar­an gehin­dert wer­den, Gaza zu ver­las­sen, um medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung zu erhal­ten« (Manova.news v. 8.1.2026). Bekannt­lich hat die israe­li­sche Armee prak­tisch alle Kran­ken­häu­ser im Gaza­strei­fen zerstört.

Der­weil beschränkt sich die deut­sche Bei­hil­fe und Kom­pli­zen­schaft beim israe­li­schen Geno­zid im Gaza­krieg nicht nur auf die Lie­fe­rung von Waf­fen und die gleich­zei­ti­ge media­le und poli­ti­sche Dar­stel­lung des Völ­ker­mords als »Selbst­ver­tei­di­gung«. Auch die syste­ma­ti­sche Wei­ge­rung, den Opfern zu hel­fen, zählt zu den Kri­te­ri­en der UN-Geno­zid­kon­ven­ti­on So hat die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land seit März 2024 bis Novem­ber 2025 – im Unter­schied zur Schweiz, zu Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich, Nor­we­gen, Ita­li­en, Spa­ni­en u. a. – kei­ner­lei schwer­ver­letz­te Kin­der in Deutsch­land auf­ge­nom­men, obwohl sich diver­se deut­sche Kran­ken­häu­ser dazu bereit erklärt hatten.

Inzwi­schen kann in der BRD ein deut­scher Jour­na­list mit bra­chia­len EU-Sank­tio­nen – samt sei­ner Klein­kin­der – in die Obdach­lo­sig­keit getrie­ben wer­den, weil er über pro-palä­sti­nen­si­sche Hoch­schul­de­mon­stra­tio­nen gegen den Geno­zid in Gaza berich­tet hat und dies als »pro-rus­si­sche Des­in­for­ma­ti­on« gewer­tet und kri­mi­na­li­siert wur­de (ohne Ankla­ge, Beweis­auf­nah­me, Ver­tei­di­gung, Gerichts­ur­teil, ver­steht sich; vgl. Ber­li­ner Zei­tung v. 24.3.2026).

Bereits vor dem völ­ker­rechts­wid­ri­gen US-Über­fall auf Vene­zue­la am 3. Janu­ar 2026 hat­ten die noch von Prä­si­dent Barak Oba­ma 2015 ver­schärf­ten Sank­tio­nen und der Wirt­schafts­krieg gegen die boli­va­ri­sche Repu­blik zu zusätz­lich zehn­tau­sen­den Todes­fäl­len geführt (vgl. UN-Stu­die: https://reliefweb.int/report/venezuela-bolivarian-republic/report-special-rapporteur-negative-impact-unilateral-coercive). »Die Sank­tio­nen zie­len auf Vene­zue­las Ölin­du­strie ab und ent­zie­hen den Maß­nah­men der Boli­va­ri­schen Revo­lu­ti­on zur Bereit­stel­lung von Nah­rungs­mit­teln, Medi­ka­men­ten und Wohn­raum die finan­zi­el­len Mit­tel. Dies wirkt sich nicht nur auf arme Kin­der aus; Schwie­rig­kei­ten bei Bank­trans­ak­tio­nen auf­grund der Sank­tio­nen führ­ten bei­spiels­wei­se auch dazu, dass vene­zo­la­ni­schen Kin­dern lebens­ret­ten­de Heil­be­hand­lun­gen wie spe­zi­el­le Krebs­the­ra­pien im Aus­land ver­wehrt wur­den« (Manova.news v. 8.1.2026).

Aus Sicht dafür ver­ant­wort­li­cher Akteu­re ereig­net sich hier offen­bar ein schein­bar »sau­be­rer« oder »zivi­li­sier­ter« Mord, bei dem der Auf­trag­ge­ber, der Exe­ku­tor, die Kom­pli­zen und die weg­schau­en­den poten­zi­el­len Zuschau­er kei­ner­lei Blut­sprit­zer auf der offen­bar wei­ßen Weste ertra­gen müs­sen. Dem­nach gibt es offen­sicht­lich »akzep­ta­ble« oder »akzep­tier­te« For­men des Tötens und Ermor­dens, ohne dass eta­blier­te Medi­en, Wis­sen­schaf­ten und Poli­tik dar­an etwas aus­zu­set­zen hät­ten. Das erin­nert an einen Gedan­ken des Dich­ters Ber­tolt Brecht. In sei­nem »Meti – Buch der Wen­dun­gen« heißt es dazu: »Es gibt vie­le Arten zu töten. Man kann einem ein Mes­ser in den Bauch stecken, einem das Brot ent­zie­hen, einen von einer Krank­heit nicht hei­len, einen in eine schlech­te Woh­nung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schin­den, einen zum Selbst­mord trei­ben, einen in den Krieg füh­ren. Nur weni­ges davon ist in unse­rem Staat verboten.«

Die Save-the-Child­ren-Grün­de­rin Eglan­ty­ne Jebb (1876-1928) hat­te schon vor über einem Jahr­hun­dert den Kin­der­rech­te- und Kin­der­schutz­ge­dan­ken mit dem Kampf gegen sog. Hun­ger-Sank­tio­nen, den »stil­len« For­men des Krie­ges gegen Kin­der ver­bun­den. In der Chro­nik der inter­na­tio­na­len Kin­der­rechts­be­we­gung spiel­te der Kampf gegen Hun­ger-Sank­tio­nen schon seit dem Ende des Ersten Welt­krie­ges eine gro­ße Rol­le. »Nach dem Ende des Ersten Welt­kriegs erhielt Groß­bri­tan­ni­en eine Han­dels­blocka­de auf­recht, die Kin­der in Euro­pa hun­gern ließ. Ein Arzt beschreibt die unfass­ba­re Lage: ›Die Kno­chen von Kin­dern sind wie Gum­mi, Tuber­ku­lo­se brei­tet sich schlag­ar­tig aus, Unter­ernäh­rung und Rachi­tis gras­sie­ren. Es gibt kaum Klei­der, im Spi­tal hat es ein­zig Papier­ban­da­gen.‹ Eglan­ty­ne Jebb nahm enga­giert teil am öffent­li­chen Ein­satz gegen Hun­ger und ver­brei­te­ten Infor­ma­tio­nen über die Zustän­de in Euro­pa. 1919 wur­de Jebb inhaf­tiert, weil sie auf dem Tra­fal­gar Squa­re Flug­blät­ter ver­teil­te. Auf den Flug­blät­tern waren schockie­ren­de Bil­der von hun­gern­den Kin­dern zu sehen – und die Schlag­zei­le: ›Unse­re Han­dels­blocka­de lässt Mil­lio­nen von Kin­dern zu Tode hun­gern.‹ Jebb wur­de ange­klagt und schließ­lich ver­ur­teilt. Ihr Straf­ver­tei­di­ger war von ihrem Enga­ge­ment der­art beein­druckt, dass er ihr anbot, die fünf Pfund hohe Stra­fe zu über­neh­men. Bald beschlos­sen die bei­den Schwe­stern, dass pro­te­stie­ren allein nicht aus­reich­te, viel­mehr war sofor­ti­ges Han­deln gefor­dert. Im Mai 1919 wur­de in der bis zum letz­ten Platz beleg­ten Roy­al Albert Hall der Save the Child­ren Fund ins Leben geru­fen« (so schil­der­te es das Maga­zin Save the Child­ren im März 2018). Wenn die Fei­er­lich­kei­ten zum 150. Geburts­tag von Eglan­ty­ne Jebb am 25. August 2026 star­ten, ist zu hof­fen, dass wenig­stens ein paar der den Kin­der­rech­ten sich ver­pflich­tet füh­len­den Men­schen in der Welt auf das Schick­sal der kind­li­chen und jugend­li­chen Sank­ti­ons­op­fer z. B. in Kuba, Vene­zue­la, Palä­sti­na, Iran im Gei­ste von Eglan­ty­ne Jebb auf­merk­sam machen.