»Verharmlosen, verschweigen, verschleiern, verleugnen und sogar rechtfertigen« – der Journalist Fabian Goldmann hat die Berichterstattung der deutschen Mainstream-Medien während des israelischen Genozids in Gaza untersucht. Sein Fazit: Ein Destaster
Dieses Buch war überfällig. Um das Resultat der Recherchen von Fabian Goldmann gleich vorwegzunehmen: Die Berichterstattung der deutschen Leitmedien über Israels Völkermord in Gaza war mehrheitlich extrem einseitig, verzerrend und desorientierend und genügte so gut wie nie journalistischen Standards. Der Autor wirft vielen Medienvertretern, die beruflich mit dem Thema Gaza zu tun hatten, sogar vor, sich durch ihre Parteinahme für Israel zu Propagandisten eines Völkermords gemacht zu haben.
Goldmann hat die Gaza-Berichterstattung der deutschen Printmedien BILD, SPIEGEL, Süddeutsche Zeitung, TAZ und Welt sowie der Tagesschau vom 7. Oktober 2023 bis zum 19. Januar 2025 verfolgt – also knapp anderthalb Jahre lang. Er legte dabei folgende Maßstäbe an: Journalismus muss wahrhaftig, faktentreu und ausgewogen unterrichten, sorgfältig recherchieren, Behauptungen und Vermutungen kenntlich machen und von rassistischen und diskriminierenden Zuschreibungen absehen.
Der Autor bilanziert, dass die Berichterstattung der deutschen Mainstream-Medien aus Gaza und dem Nahen Osten täglich gegen diese Standards verstoßen hat – und belegt das an sehr vielen Beispielen. Den Anfang machen die Nachrichten über den 7. Oktober 2023, also den Tag des Überfalls der Hamas auf Israel. Was damals genau geschah, ist noch immer unklar, weil die westlichen Medien sich hauptsächlich auf Angaben des israelischen Militärs stützten. Danach war es »ein blutrünstiges Massaker« barbarischer Palästinenser, die sogar Babys enthauptet hätten. Die Vermutung liegt nahe, dass Israel hier in erster Linie rechtfertigende Vorwände für seinen Rachefeldzug in Gaza verbreitete.
Die Baby-Geschichte wurde von so gut wie allen deutschen Medien gebracht. Die Behauptung von den geköpften Babys stellte sich später zwar als Fake heraus, wie selbst die israelische Armee und das Außenministerium des Landes schließlich zugeben mussten. Korrigiert wurden solche Fake-Berichte aber so gut wie nie. Der Autor merkt an dieser Stelle an: »In den kommenden Wochen und Monaten erschienen unzählige weitere Fake-News. Sie zielten alle auf die Entmenschlichung und Dämonisierung von Palästinensern und anderen, die Ziel von Israels Gewalt wurden.«
Für die Gewalt in Gaza wurde in deutschen Medien ausschließlich die Hamas verantwortlich gemacht, auch wenn Krankenhäuser, Moscheen oder Schulen und Universitäten bombardiert wurden. Es handele sich dabei um »Hamas-Kommando-Zentralen«, hieß es. Solche Angaben, die so gut wie immer ausschließlich von Sprechern der israelischen Armee als einziger Quelle stammten, wurden von den deutschen Mainstream-Medien willig und freiwillig übernommen – auch wenn es dafür keinerlei Belege gab.
Der Autor merkt dazu an: »Die Hamas-Kommando-Zentrale, die verlässlicherweise immer sofort dort auftauchte, wo Israel gerade die Bombardierung eines Flüchtlingslagers, einer Schule oder eines Krankenhauses rechtfertigen musste, wurde zum Symbol einer Kriegsführung, die jeden Ort in Gaza zum legitimen Ziel umdeutete, und einer medialen Berichterstattung, die jede noch so absurde Begründung kritiklos übernahm.«
Der Autor führt ein weiteres Beispiel für die völlige Einseitigkeit der Berichterstattung der Tagesschau an: »Die Bilanz nach 15 Monaten Kriegsberichterstattung: Auf vier palästinensische Vertreter kamen in der Tagesschau 136 Israelis. In 313 Abendnachrichten mit Nahost-Bezug ließ die Redaktion 672-mal Personen zu Wort kommen, die nicht der eigenen Redaktion angehörten. Allein Israels Ministerpräsident Netanjahu erhielt 63-mal das Wort. Palästinensische Repräsentanten und ihre Perspektive auf die Gewalt in ihrer Heimat bekamen in der Tagesschau hingegen in etwa so viel Raum wie jene Luxemburgs (3 Auftritte) und Spaniens (5 Auftritte).«
Um die Zahl der von der israelischen Armee getöteten Palästinenser möglichst gering erscheinen zu lassen, fügten und fügen die deutschen Medien bei Angaben über die Opfer meistens hinzu: Es handele sich »um Hamas-Angaben, die sich nicht überprüfen lassen«. Das ist offensichtlich reine Propaganda. Denn das Gesundheitsministerium in Gaza, das die Zahlen herausgibt, untersteht gar nicht direkt der Hamas, sondern dem Gesundheitsministerium der Palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah. Zudem würden die von ihm angegebenen Zahlen vielfach überprüft: von Reportern, Wissenschaftlern, Ärzten und NGO-Mitarbeitern. Der Autor: »Wenn die deutschen Medien versuchten, der vermeintlichen Manipulation der Hamas zu entgehen, gingen sie in Wirklichkeit Israels Propaganda auf den Leim.«
Ein gutes Beispiel für eine verschleiernde und verharmlosende Berichterstattung deutscher Medien war das sogenannte »Mehlmassaker«, das am 29. Februar 2024 im Norden Gazas begangen wurde, als die israelische Armee 118 Menschen erschoss, die die Ankunft eines Hilfskonvois erwarteten. Der arabische Sender Al-Jazeera berichtete: »Die Situation ist unbeschreiblich (…). Das Krankenhaus wurde mit Dutzenden Toten und Hunderten Verwundeten überschwemmt. Die Mehrheit der Opfer erlitt Schussverletzungen und Splitterwunden am Kopf und in den oberen Körperbereichen. Sie wurden durch direkten Artilleriebeschuss, Drohnenraketen und Gewehrfeuer getroffen.«
Die israelische Armee behauptete, die Menschen hätten sich im Gedränge verletzt. Die Tagesschau berichtete am selben Tag überhaupt nicht über das von Augenzeugen, Ärzten und Rettungskräften gut dokumentierte Massaker, sondern nur über die Ankündigung der israelischen Armee, den Vorfall untersuchen zu wollen. Auch andere deutsche Medien berichteten in ähnlicher Weise, wobei sie verschwiegen, wer die eigentlichen Täter waren – israelische Soldaten. Nur DER SPIEGEL berichtete an diesem Tag korrekt: »Israelische Armee schießt auf Menschenmenge – Berichte über Dutzende Tote«.
Ein anderes Beispiel. Am 1. April 2024 meldete Al Jazeera die völlige Zerstörung der Shia-Klinik in Gaza. Was die Israelis hinterließen, war blanker Horror. Der US-Sender CNN ließ Augenzeugen zu Wort kommen, die berichteten, wie israelische Soldaten Ärzte, Pflegerinnen und Patientinnen exekutiert hätten. Die palästinensische Nachrichtenagentur WAFA sprach von »Hunderten von Leichen«. Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Euro-Med bezeichneten die Zerstörung der Klinik als »eines der größten Massaker der palästinensischen Geschichte«. Natürlich verbreiteten Sprecher der israelischen Armee die Version, dass sich unter der Shifa-Klinik eine Kommando-Zentrale der Hamas befunden habe. Die Tagesschau, DIE WELT, TAZ, der MDR und DIE ZEIT übernahmen diese Version.
Keine dieser medialen Anschuldigungen konnte belegt werden. Deutsche Journalisten hätten natürlich die Pflicht gehabt, selbst zu recherchieren oder zumindest die Angaben der israelischen Armee auf ihre Plausibilität zu überprüfen. Was aber nicht geschah. Man begnügte sich fast immer mit den Angaben der israelischen Armee. Der Autor wirft deshalb der deutschen Berichterstattung über den Gaza-Genozid vor, sich nicht an der Realität zu orientieren, sondern der Propaganda einer Kriegspartei zu folgen.
Der Autor nennt noch zahlreiche andere solche Fälle und spricht – die Folgerung aus diesem Versagen ziehend – vom »Untergang des deutschen Nahost-Journalismus«. Er untersucht auch die Ursachen dieses Desasters und gibt dafür als Gründe an: Neben ideologischer Voreingenommenheit von Journalisten spielen die hierarchischen bzw. autoritären Strukturen in den Redaktionen eine wichtige Rolle, also der politische Druck, den Verleger, Intendanten oder Chefredakteure auf die Journalisten in den Verlags- und Funkhäusern ausüben. Dort herrsche zum Teil eine »Kultur der Angst«, denn viele Journalisten befürchten, etwas Falsches zu sagen oder zu schreiben – die Zensurschere im Kopf sei deshalb immer tätig. Und vor allem: Der Antisemitismus-Vorwurf kann schnell das Ende einer Anstellung oder sogar Karriere bedeuten. Diese Faktoren haben die Meinungsfreiheit in Deutschland, was Israel und Palästina angeht, stark eingeschränkt – eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Demokratie.
Der Autor folgert aus seinen Recherchen: »Deutsche Nahost-Nachrichten bestehen zum größten Teil aus offiziellen Verlautbarungen. Angaben von staatlichen und staatsnahen Akteuren sowie internationalen Organisationen machen über 60 Prozent aller BILD- und über 80 Prozent aller Nachrichten-Schlagzeilen von Tagesschau, SPIEGEL und ZEIT aus.« Und deshalb urteilt er: »In ihrer selbst erklärten Rolle als vierte Gewalt haben die etablierten deutschen Medien weitgehend versagt. Statt die Öffentlichkeit über Ausmaß und Folgen deutscher Staatsräson-Politik aufzuklären, erweisen sie sich weniger als Wächter, denn als Ermöglicher der herrschenden Politik.«
Der Autor hat selbst nicht die Hoffnung, dass überall in den deutschen Redaktionen nun nach seinem Buch gegriffen wird und nach der Lektüre alles ganz anders wird. Dazu ist das mentale Beharrungsvermögen viel zu stark und sind die ideologischen Scheuklappen viel zu groß und zu dicht verschlossen. Man muss weiter mit einer Fake-Berichterstattung aus Israel und Palästina rechnen. Im Krieg der USA und Israels gegen den Iran ist sie wieder voll im Gang. Um diese Manipulation aber besser zu verstehen und bewusster dagegen angehen zu können, ist die Lektüre dieses Buches sehr zu empfehlen.
Fabian Goldmann: Staats(räson)funk. Deutsche Medien und der Genozid in Gaza, Manifest Verlag, Berlin 2026, 407 S., 22 €.