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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ein medialer Abgrund

»Ver­harm­lo­sen, ver­schwei­gen, ver­schlei­ern, ver­leug­nen und sogar recht­fer­ti­gen« – der Jour­na­list Fabi­an Gold­mann hat die Bericht­erstat­tung der deut­schen Main­stream-Medi­en wäh­rend des israe­li­schen Geno­zids in Gaza unter­sucht. Sein Fazit: Ein Destaster

Die­ses Buch war über­fäl­lig. Um das Resul­tat der Recher­chen von Fabi­an Gold­mann gleich vor­weg­zu­neh­men: Die Bericht­erstat­tung der deut­schen Leit­me­di­en über Isra­els Völ­ker­mord in Gaza war mehr­heit­lich extrem ein­sei­tig, ver­zer­rend und des­ori­en­tie­rend und genüg­te so gut wie nie jour­na­li­sti­schen Stan­dards. Der Autor wirft vie­len Medi­en­ver­tre­tern, die beruf­lich mit dem The­ma Gaza zu tun hat­ten, sogar vor, sich durch ihre Par­tei­nah­me für Isra­el zu Pro­pa­gan­di­sten eines Völ­ker­mords gemacht zu haben.

Gold­mann hat die Gaza-Bericht­erstat­tung der deut­schen Print­me­di­en BILD, SPIEGEL, Süd­deut­sche Zei­tung, TAZ und Welt sowie der Tages­schau vom 7. Okto­ber 2023 bis zum 19. Janu­ar 2025 ver­folgt – also knapp andert­halb Jah­re lang. Er leg­te dabei fol­gen­de Maß­stä­be an: Jour­na­lis­mus muss wahr­haf­tig, fak­ten­treu und aus­ge­wo­gen unter­rich­ten, sorg­fäl­tig recher­chie­ren, Behaup­tun­gen und Ver­mu­tun­gen kennt­lich machen und von ras­si­sti­schen und dis­kri­mi­nie­ren­den Zuschrei­bun­gen absehen.

Der Autor bilan­ziert, dass die Bericht­erstat­tung der deut­schen Main­stream-Medi­en aus Gaza und dem Nahen Osten täg­lich gegen die­se Stan­dards ver­sto­ßen hat – und belegt das an sehr vie­len Bei­spie­len. Den Anfang machen die Nach­rich­ten über den 7. Okto­ber 2023, also den Tag des Über­falls der Hamas auf Isra­el. Was damals genau geschah, ist noch immer unklar, weil die west­li­chen Medi­en sich haupt­säch­lich auf Anga­ben des israe­li­schen Mili­tärs stütz­ten. Danach war es »ein blut­rün­sti­ges Mas­sa­ker« bar­ba­ri­scher Palä­sti­nen­ser, die sogar Babys ent­haup­tet hät­ten. Die Ver­mu­tung liegt nahe, dass Isra­el hier in erster Linie recht­fer­ti­gen­de Vor­wän­de für sei­nen Rache­feld­zug in Gaza verbreitete.

Die Baby-Geschich­te wur­de von so gut wie allen deut­schen Medi­en gebracht. Die Behaup­tung von den geköpf­ten Babys stell­te sich spä­ter zwar als Fake her­aus, wie selbst die israe­li­sche Armee und das Außen­mi­ni­ste­ri­um des Lan­des schließ­lich zuge­ben muss­ten. Kor­ri­giert wur­den sol­che Fake-Berich­te aber so gut wie nie. Der Autor merkt an die­ser Stel­le an: »In den kom­men­den Wochen und Mona­ten erschie­nen unzäh­li­ge wei­te­re Fake-News. Sie ziel­ten alle auf die Ent­mensch­li­chung und Dämo­ni­sie­rung von Palä­sti­nen­sern und ande­ren, die Ziel von Isra­els Gewalt wurden.«

Für die Gewalt in Gaza wur­de in deut­schen Medi­en aus­schließ­lich die Hamas ver­ant­wort­lich gemacht, auch wenn Kran­ken­häu­ser, Moscheen oder Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten bom­bar­diert wur­den. Es han­de­le sich dabei um »Hamas-Kom­man­do-Zen­tra­len«, hieß es. Sol­che Anga­ben, die so gut wie immer aus­schließ­lich von Spre­chern der israe­li­schen Armee als ein­zi­ger Quel­le stamm­ten, wur­den von den deut­schen Main­stream-Medi­en wil­lig und frei­wil­lig über­nom­men – auch wenn es dafür kei­ner­lei Bele­ge gab.

Der Autor merkt dazu an: »Die Hamas-Kom­man­do-Zen­tra­le, die ver­läss­li­cher­wei­se immer sofort dort auf­tauch­te, wo Isra­el gera­de die Bom­bar­die­rung eines Flücht­lings­la­gers, einer Schu­le oder eines Kran­ken­hau­ses recht­fer­ti­gen muss­te, wur­de zum Sym­bol einer Kriegs­füh­rung, die jeden Ort in Gaza zum legi­ti­men Ziel umdeu­te­te, und einer media­len Bericht­erstat­tung, die jede noch so absur­de Begrün­dung kri­tik­los übernahm.«

Der Autor führt ein wei­te­res Bei­spiel für die völ­li­ge Ein­sei­tig­keit der Bericht­erstat­tung der Tages­schau an: »Die Bilanz nach 15 Mona­ten Kriegs­be­richt­erstat­tung: Auf vier palä­sti­nen­si­sche Ver­tre­ter kamen in der Tages­schau 136 Israe­lis. In 313 Abend­nach­rich­ten mit Nah­ost-Bezug ließ die Redak­ti­on 672-mal Per­so­nen zu Wort kom­men, die nicht der eige­nen Redak­ti­on ange­hör­ten. Allein Isra­els Mini­ster­prä­si­dent Netan­ja­hu erhielt 63-mal das Wort. Palä­sti­nen­si­sche Reprä­sen­tan­ten und ihre Per­spek­ti­ve auf die Gewalt in ihrer Hei­mat beka­men in der Tages­schau hin­ge­gen in etwa so viel Raum wie jene Luxem­burgs (3 Auf­trit­te) und Spa­ni­ens (5 Auftritte).«

Um die Zahl der von der israe­li­schen Armee getö­te­ten Palä­sti­nen­ser mög­lichst gering erschei­nen zu las­sen, füg­ten und fügen die deut­schen Medi­en bei Anga­ben über die Opfer mei­stens hin­zu: Es han­de­le sich »um Hamas-Anga­ben, die sich nicht über­prü­fen las­sen«. Das ist offen­sicht­lich rei­ne Pro­pa­gan­da. Denn das Gesund­heits­mi­ni­ste­ri­um in Gaza, das die Zah­len her­aus­gibt, unter­steht gar nicht direkt der Hamas, son­dern dem Gesund­heits­mi­ni­ste­ri­um der Palä­sti­nen­si­schen Auto­no­mie­be­hör­de in Ramal­lah. Zudem wür­den die von ihm ange­ge­be­nen Zah­len viel­fach über­prüft: von Repor­tern, Wis­sen­schaft­lern, Ärz­ten und NGO-Mit­ar­bei­tern. Der Autor: »Wenn die deut­schen Medi­en ver­such­ten, der ver­meint­li­chen Mani­pu­la­ti­on der Hamas zu ent­ge­hen, gin­gen sie in Wirk­lich­keit Isra­els Pro­pa­gan­da auf den Leim.«

Ein gutes Bei­spiel für eine ver­schlei­ern­de und ver­harm­lo­sen­de Bericht­erstat­tung deut­scher Medi­en war das soge­nann­te »Mehl­massa­ker«, das am 29. Febru­ar 2024 im Nor­den Gazas began­gen wur­de, als die israe­li­sche Armee 118 Men­schen erschoss, die die Ankunft eines Hilfs­kon­vois erwar­te­ten. Der ara­bi­sche Sen­der Al-Jaze­era berich­te­te: »Die Situa­ti­on ist unbe­schreib­lich (…). Das Kran­ken­haus wur­de mit Dut­zen­den Toten und Hun­der­ten Ver­wun­de­ten über­schwemmt. Die Mehr­heit der Opfer erlitt Schuss­ver­let­zun­gen und Split­ter­wun­den am Kopf und in den obe­ren Kör­per­be­rei­chen. Sie wur­den durch direk­ten Artil­le­rie­be­schuss, Droh­nen­ra­ke­ten und Gewehr­feu­er getroffen.«

Die israe­li­sche Armee behaup­te­te, die Men­schen hät­ten sich im Gedrän­ge ver­letzt. Die Tages­schau berich­te­te am sel­ben Tag über­haupt nicht über das von Augen­zeu­gen, Ärz­ten und Ret­tungs­kräf­ten gut doku­men­tier­te Mas­sa­ker, son­dern nur über die Ankün­di­gung der israe­li­schen Armee, den Vor­fall unter­su­chen zu wol­len. Auch ande­re deut­sche Medi­en berich­te­ten in ähn­li­cher Wei­se, wobei sie ver­schwie­gen, wer die eigent­li­chen Täter waren – israe­li­sche Sol­da­ten. Nur DER SPIEGEL berich­te­te an die­sem Tag kor­rekt: »Israe­li­sche Armee schießt auf Men­schen­men­ge – Berich­te über Dut­zen­de Tote«.

Ein ande­res Bei­spiel. Am 1. April 2024 mel­de­te Al Jaze­era die völ­li­ge Zer­stö­rung der Shia-Kli­nik in Gaza. Was die Israe­lis hin­ter­lie­ßen, war blan­ker Hor­ror. Der US-Sen­der CNN ließ Augen­zeu­gen zu Wort kom­men, die berich­te­ten, wie israe­li­sche Sol­da­ten Ärz­te, Pfle­ge­rin­nen und Pati­en­tin­nen exe­ku­tiert hät­ten. Die palä­sti­nen­si­sche Nach­rich­ten­agen­tur WAFA sprach von »Hun­der­ten von Lei­chen«. Mit­ar­bei­ter der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Euro-Med bezeich­ne­ten die Zer­stö­rung der Kli­nik als »eines der größ­ten Mas­sa­ker der palä­sti­nen­si­schen Geschich­te«. Natür­lich ver­brei­te­ten Spre­cher der israe­li­schen Armee die Ver­si­on, dass sich unter der Shi­fa-Kli­nik eine Kom­man­do-Zen­tra­le der Hamas befun­den habe. Die Tages­schau, DIE WELT, TAZ, der MDR und DIE ZEIT über­nah­men die­se Version.

Kei­ne die­ser media­len Anschul­di­gun­gen konn­te belegt wer­den. Deut­sche Jour­na­li­sten hät­ten natür­lich die Pflicht gehabt, selbst zu recher­chie­ren oder zumin­dest die Anga­ben der israe­li­schen Armee auf ihre Plau­si­bi­li­tät zu über­prü­fen. Was aber nicht geschah. Man begnüg­te sich fast immer mit den Anga­ben der israe­li­schen Armee. Der Autor wirft des­halb der deut­schen Bericht­erstat­tung über den Gaza-Geno­zid vor, sich nicht an der Rea­li­tät zu ori­en­tie­ren, son­dern der Pro­pa­gan­da einer Kriegs­par­tei zu folgen.

Der Autor nennt noch zahl­rei­che ande­re sol­che Fäl­le und spricht – die Fol­ge­rung aus die­sem Ver­sa­gen zie­hend – vom »Unter­gang des deut­schen Nah­ost-Jour­na­lis­mus«. Er unter­sucht auch die Ursa­chen die­ses Desa­sters und gibt dafür als Grün­de an: Neben ideo­lo­gi­scher Vor­ein­ge­nom­men­heit von Jour­na­li­sten spie­len die hier­ar­chi­schen bzw. auto­ri­tä­ren Struk­tu­ren in den Redak­tio­nen eine wich­ti­ge Rol­le, also der poli­ti­sche Druck, den Ver­le­ger, Inten­dan­ten oder Chef­re­dak­teu­re auf die Jour­na­li­sten in den Ver­lags- und Funk­häu­sern aus­üben. Dort herr­sche zum Teil eine »Kul­tur der Angst«, denn vie­le Jour­na­li­sten befürch­ten, etwas Fal­sches zu sagen oder zu schrei­ben – die Zen­sur­sche­re im Kopf sei des­halb immer tätig. Und vor allem: Der Anti­se­mi­tis­mus-Vor­wurf kann schnell das Ende einer Anstel­lung oder sogar Kar­rie­re bedeu­ten. Die­se Fak­to­ren haben die Mei­nungs­frei­heit in Deutsch­land, was Isra­el und Palä­sti­na angeht, stark ein­ge­schränkt – eine nicht zu unter­schät­zen­de Gefahr für die Demokratie.

Der Autor fol­gert aus sei­nen Recher­chen: »Deut­sche Nah­ost-Nach­rich­ten bestehen zum größ­ten Teil aus offi­zi­el­len Ver­laut­ba­run­gen. Anga­ben von staat­li­chen und staats­na­hen Akteu­ren sowie inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen machen über 60 Pro­zent aller BILD- und über 80 Pro­zent aller Nach­rich­ten-Schlag­zei­len von Tages­schau, SPIEGEL und ZEIT aus.« Und des­halb urteilt er: »In ihrer selbst erklär­ten Rol­le als vier­te Gewalt haben die eta­blier­ten deut­schen Medi­en weit­ge­hend ver­sagt. Statt die Öffent­lich­keit über Aus­maß und Fol­gen deut­scher Staats­rä­son-Poli­tik auf­zu­klä­ren, erwei­sen sie sich weni­ger als Wäch­ter, denn als Ermög­li­cher der herr­schen­den Politik.«

Der Autor hat selbst nicht die Hoff­nung, dass über­all in den deut­schen Redak­tio­nen nun nach sei­nem Buch gegrif­fen wird und nach der Lek­tü­re alles ganz anders wird. Dazu ist das men­ta­le Behar­rungs­ver­mö­gen viel zu stark und sind die ideo­lo­gi­schen Scheu­klap­pen viel zu groß und zu dicht ver­schlos­sen. Man muss wei­ter mit einer Fake-Bericht­erstat­tung aus Isra­el und Palä­sti­na rech­nen. Im Krieg der USA und Isra­els gegen den Iran ist sie wie­der voll im Gang. Um die­se Mani­pu­la­ti­on aber bes­ser zu ver­ste­hen und bewuss­ter dage­gen ange­hen zu kön­nen, ist die Lek­tü­re die­ses Buches sehr zu empfehlen.

 Fabi­an Gold­mann: Staats(räson)funk. Deut­sche Medi­en und der Geno­zid in Gaza, Mani­fest Ver­lag, Ber­lin 2026, 407 S., 22 €.