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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Macht der Lebensmittelindustrie

Der Bund für Umwelt und Natur­schutz Deutsch­land (BUND), die Hein­rich-Böll-Stif­tung und der Dach­ver­band Kri­ti­sche Aktio­nä­rin­nen und Aktio­nä­re haben mit 2026 einen aktua­li­sier­ten Kon­zern­at­las über die Macht der Agrar- und Lebens­mit­tel­in­du­strie ver­öf­fent­licht, der mit Tex­ten, Daten, Sta­ti­sti­ken und Gra­fi­ken umfas­send dar­über Aus­kunft gibt, wel­che Fol­gen die Zer­stö­rung von Böden, Was­ser und öko­lo­gi­scher Viel­falt haben und wel­che Macht die Kon­zer­ne auf Pro­duk­ti­on und Kon­sum aus­üben. Wis­sen­schaft­li­che Ergeb­nis­se über das Vor­ge­hen der Glo­bal Play­er ent­lang der Wert­schöp­fungs­ket­ten vom Saat­gut über Fut­ter­mit­tel bis hin zu den Pro­duk­ten im Super­markt­re­gal wer­den fak­ten­reich dar­ge­legt. The­men­kom­ple­xe wie Fleisch und Milch, Bäcker­hand­werk und Han­dels­rie­sen, Super­märk­te und Prei­se, Was­ser­pri­va­ti­sie­rung, Saat­gut und Pesti­zi­de sowie die Lob­by­macht der Mono­po­le sind eini­ge Schwer­punk­te der Doku­men­ta­ti­on. Zudem wer­den Ansät­ze benannt, wie wir die Macht über unser Essen zurück­ge­win­nen kön­nen. Eine Bro­schü­re, die nicht nur für Akti­vi­sten von Inter­es­se sein sollte.

Essen und Lebens­mit­tel­ver­sor­gung gehö­ren zu den Grund­vor­aus­set­zun­gen unse­res Daseins. Die Ver­sor­gung mit lebens­wich­ti­gen Gütern liegt der­zeit in den Hän­den weni­ger Kon­zer­ne, die Wirt­schaft und Gesell­schaft fest im Griff haben. Solan­ge Nah­rung als Ware gehan­delt wird, haben Pro­fit und Geld­ver­meh­rung Prio­ri­tät vor dem All­ge­mein­wohl und der gesell­schaft­li­chen Auf­ga­be, Gesund­heit, Kli­ma, Bio­di­ver­si­tät und fai­re Prei­se zu sichern. Das bestehen­de System erzeugt zwangs­läu­fig Ernäh­rungs­un­si­cher­heit, Kri­sen, glo­ba­le Lebens­mit­tel­knapp­hei­ten, sozia­le Ungleich­heit, erra­ti­sche Preis­sprün­ge und fra­gi­le Lie­fer­ket­ten. Von Äckern und Fel­dern bis hin zum Tel­ler: Weni­ge Kon­zer­ne dik­tie­ren, was ange­baut, ver­kauft und uns auf­ge­tischt wird. In Deutsch­land tei­len sich bei­spiels­wei­se vier Super­markt­ket­ten rund 88 Pro­zent des Mark­tes – Ede­ka, Rewe, Aldi, Lidl – und regeln Nah­rungs­qua­li­tät und Nah­rungs­mit­tel­prei­se für Mil­lio­nen Konsumenten.

Koope­ra­tiv wer­den Prei­se zwi­schen Land­wir­ten, ver­ar­bei­ten­der Indu­strie, Super­märk­ten und Ver­brau­chern in den aller­we­nig­sten Fäl­len fest­ge­legt. In der Regel sind Ein­zel­han­dels­ket­ten und ver­ar­bei­ten­de Indu­strie die­je­ni­gen, die ihre Preis­vor­stel­lun­gen durch­set­zen. Da Lebens­mit­tel­pro­duk­te weit­ge­hend stan­dar­di­siert sind, kön­nen sie aus den unter­schied­lich­sten Welt­re­gio­nen bezo­gen wer­de. Die ver­schie­de­nen Pro­duk­te der Her­stel­ler und deren Her­stel­lungs­ko­sten kön­nen so im Ankauf gegen­ein­an­der aus­ge­spielt wer­den – ein Unter­bie­tungs­wett­be­werb, den die Ket­ten mit ihrer Ver­hand­lungs­macht aus­nut­zen. Die Erzeu­ger müs­sen man­gels Alter­na­ti­ven den nied­rig­sten Mark­preis akzep­tie­ren und blei­ben auf erdrücken­den Kosten für Saat­gut, Dün­ger, land­wirt­schaft­li­che Maschi­nen und Sprit sit­zen. Das sich per­ma­nent ver­schär­fen­de Pro­fit­in­ter­es­se der Han­dels­ket­ten treibt die­se Ent­wick­lung immer wei­ter an.

Nutel­la, Coca-Cola, Kit­Kat und Magnum sind Mar­ken, die mit 36 Pro­zent mehr als ein Drit­tel des Gesamt­werts des Lebens­mit­tel­mark­tes errei­chen. Obwohl sie nur einen mini­ma­len Anteil am Gesamt­sor­ti­ment aller Lebens­mit­tel aus­ma­chen, wird der Ver­brau­cher durch gro­ße Wer­be­bud­gets mani­pu­liert und als Kon­su­ment gewon­nen. Für die pro­du­zie­ren­den Land­wir­te, die die stan­dar­di­sier­ten Roh­stof­fe lie­fern, bringt das kei­nen Gewinn. Durch die indu­stri­el­le Mas­sen­pro­duk­ti­on strei­chen die gro­ßen Lebens­mit­tel­kon­zer­ne erheb­li­che Gewin­ne ein. Gro­ße Mar­ken­un­ter­neh­men sichern sich so enor­me Mar­gen, wäh­rend klei­ne­re Mar­ken auf der Strecke blei­ben. Der Wett­be­werbs­druck der Lebens­mit­tel­kon­zer­ne und deren Han­dels­ket­ten zwingt dazu, die Pro­fi­te stei­gern zu müs­sen, um die Kon­kur­renz zu über­bie­ten, und bringt so Land­wir­te per­ma­nent unter Druck, die ihre Kosten immer weni­ger decken kön­nen. Kosten­er­spar­nis­se und Gewin­ne der Super­markt­ket­ten wer­den zudem nicht an die Ver­brau­cher wei­ter­ge­ge­ben. Es über­rascht nicht, dass die Lebens­mit­tel­bran­che vie­le Mil­li­ar­dä­re auf­zu­wei­sen hat. Allein Lidl-Grün­der Die­ter Schwarz besitzt als reich­ster Deut­scher 46,5 Mil­li­ar­den Euro.

Sol­che macht­vol­len Kon­zer­ne gefähr­den eine selbst­be­stimm­te, gesun­de und diver­se Ernäh­rung. Mono­kul­tu­ren, hoher Pesti­zid- und Dün­ger­ein­satz und inten­si­ve Res­sour­cen­nut­zung erzeu­gen gra­vie­ren­de öko­lo­gi­sche Fol­gen wie Boden­ero­si­on, Arten­ver­lust und Kli­ma­be­la­stung. Klei­ne­re Bau­er­hö­fe gera­ten unter mas­si­ven Druck und in Abhän­gig­keit von markt­be­herr­schen­den Abneh­mern oder müs­sen aufgeben.

Saat­gut ist die Basis unse­rer Nah­rung. Theo­re­tisch müss­te kein Land­wirt­schafts­be­trieb Saat­gut kau­fen, da es sich selbst repro­du­ziert. Mit­tels Kon­trol­le über Paten­te haben es Kon­zer­ne wie Bay­er, BASF, Cort­eva und die Syn­gen­ta Group jedoch geschafft, durch mas­si­ves Lob­by­ing den glo­ba­len Saat­gut­markt zu kon­trol­lie­ren. Durch bio­lo­gi­sche und recht­li­che Nut­zungs­sper­ren ent­schei­den sie dar­über, wer was anbau­en darf. Die bio­lo­gi­sche Viel­falt und die Qua­li­tät der Nah­rung, die auf dem Tel­ler lan­det, sind sekun­där – ein Geschäfts­mo­dell, das den Kon­zer­nen jedes Jahr Mil­li­ar­den beschert. Heu­te beherr­schen drei Kon­zer­ne 56 Pro­zent des glo­ba­len Saat­gut­mark­tes. Mono­po­le wie Bay­er und Cort­eva besit­zen aktu­ell 80 Pro­zent der Paten­te auf gen­ma­ni­pu­lier­te Pflan­zen, die sich die Kon­zer­ne paten­tie­ren las­sen, obwohl deren ver­bes­ser­te Eigen­schaf­ten auch durch klas­si­sche Züch­tung ent­ste­hen könn­ten. Damit ist der Zugriff der Kon­zer­ne auf Saat­gut gesichert.

Die Macht der Han­dels­rie­sen ein­zu­schrän­ken und Gesund­heit sowie Arbeits­rech­te der­je­ni­gen zu garan­tie­ren, die auf Plan­ta­gen und in der lebens­mit­tel­ver­ar­bei­ten­den Indu­strie tätig sind, ist erklär­tes Ziel Euro­pas. Das Lie­fer­ket­ten­ge­setz in Deutsch­land soll­te hier­bei ein Hebel gegen Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen und für Gesund­heits­schutz sein. Es ver­pflich­tet Mono­po­le, Han­dels­prak­ti­ken ent­lang der Lie­fer­ket­ten zu prü­fen, um Aus­beu­tungs­ver­hält­nis­se zu ver­hin­dern. Inwie­weit Han­dels­rie­sen ihrer Ver­ant­wor­tung im Umgang mit Klein­bau­ern, Feld­ar­bei­tern und Zulie­fe­rern nach­kom­men, wur­de von Oxfam 2022 unter­sucht. Bezo­gen auf Trans­pa­renz, Arbeit­neh­mer­rech­te, Umgang mit Klein­bau­ern und Frau­en­rech­te wur­den bei Lidl, Aldi Nord und Süd, Rewe und Ede­ka zum Teil erheb­li­che Defi­zi­te fest­ge­stellt. Schluss­licht stell­te Ede­ka dar, das in allen Berei­chen über­gro­ße Män­gel erken­nen ließ.

Auch die gefor­der­te Trans­pa­renz der Preis­ge­stal­tung ist fak­tisch nicht gege­ben. Anders als in Spa­ni­en und Frank­reich gibt es in Deutsch­land kei­ne Preis- und Mar­gen­be­ob­ach­tungs­stel­len, die ent­lang der Lie­fer­ket­ten Preis­stei­ge­run­gen ana­ly­sie­ren, um über­mä­ßi­ge Gewin­ne nach­zu­wei­sen. Ins­be­son­de­re bei Eigen­mar­ken sind die Preis­an­stie­ge im Ver­gleich zu Mar­ken­pro­duk­ten eklatant.

6000 Wis­sen­schaft­ler haben sich öffent­lich hin­ter das EU-Ziel einer Pesti­zid­re­duk­ti­on gestellt. Doch durch mas­si­ve Lob­by­ar­beit der Kon­zer­ne wur­de ein ent­spre­chen­des Gesetz von kon­ser­va­ti­ven und rech­ten EU-Par­la­men­ta­ri­ern so stark ver­wäs­sert, dass es schließ­lich zurück­ge­zo­gen wurde.

Genos­sen­schaf­ten stell­ten ursprüng­lich einen Zusam­men­schluss von Bau­ern und Lebens­mit­tel­pro­du­zen­ten gegen die Mono­pol­macht der Groß­kon­zer­ne dar, um gemein­sa­me Betriebs­mit­tel, Maschi­nen und Ver­mark­tungs­we­ge zu nut­zen, eine am Gemein­wohl ori­en­tier­te Lebens­mit­tel­ver­sor­gung zu garan­tie­ren und am Kapi­tal­markt bestehen zu kön­nen. Aus regio­na­len Zusam­men­schlüs­sen sind aber mitt­ler­wei­le selbst glo­bal agie­ren­de Kon­zer­ne gewor­den. Als 2025 Euro­pas größ­te Mol­ke­rei­ge­nos­sen­schaft Arla Foods und Deutsch­lands größ­te Mol­ke­rei­ge­nos­sen­schaft Deut­sches Milch­kon­tor Fusi­ons­plä­ne ver­öf­fent­lich­ten, waren es nicht die betrof­fe­nen 12.000 Milch­bau­ern, die hier­über ent­schie­den, son­dern weni­ge hun­dert Genossenschaftsvertreter.

Aller­dings gibt es auch Gegen­bei­spie­le funk­tio­nie­ren­der klei­ner Genos­sen­schaf­ten mit intak­ter Selbst­ver­wal­tung. Die Mol­ke­rei­en Berch­tes­ga­de­ner Land und die Milch­wer­ke Ammer­land Olden­burg sind hier­für Bei­spie­le. Eine Gene­ral­ver­samm­lung ent­schei­det über den Kurs des Unter­neh­mens. Akti­ve Land­wir­te sit­zen in Vor­stand und Auf­sichts­rat und kon­trol­lie­ren die Geschäfts­füh­rung mit­tels ihrer Entscheidungsgewalt.

Mehr und mehr Lebens­mit­tel­pro­du­zen­ten weh­ren sich, um sich aus dem Ham­ster­rad von Ohn­macht und Abhän­gig­keit zu befrei­en. In den letz­ten Jah­ren haben Land­wir­te wie­der­holt gegen nied­ri­ge Prei­se öffent­lich wirk­sam demon­striert, Stra­ßen und Lager­häu­ser blockiert und Fel­der sym­bo­lisch umge­pflügt. Um dem per­ma­nen­ten Druck unren­ta­bler Lebens­mit­tel­her­stel­lung, den drücken­den Kosten für Saat­gut, Fut­ter, Dün­ger und Ener­gie zu ent­ge­hen, haben klei­ne­re Betrie­be auf Eigen­ver­mark­tung ohne Zwi­schen­han­del umge­stellt. Regio­na­le Zusam­men­schlüs­se hel­fen, fai­re Prei­se zu erzie­len und selbst­be­stimmt zu wirtschaften.

Seit 1999 gibt es das Kon­zept der Ernäh­rungs­de­mo­kra­tie. Ernäh­rung soll­te nicht nur unter wirt­schaft­li­chen Aspek­ten gese­hen, son­dern auch poli­tisch ver­stan­den wer­den. Die­se Per­spek­ti­ve mit Leben zu erfül­len, ist Auf­ga­be von Ernäh­rungs­rä­ten, die sich für eine gerech­te, demo­kra­ti­sche und öko­lo­gi­sche Ernäh­rungs­po­li­tik ein­set­zen. Ziel ist, die Nah­rungs­mit­tel­ver­sor­gung lokal und selbst­be­stimmt zu orga­ni­sie­ren. In Deutsch­land sind erste Ernäh­rungs­rä­te 2016 in Köln und Ber­lin ent­stan­den, 60 wei­te­re gibt es inzwi­schen in ande­ren Städ­ten. Der Zugang zu gutem Essen für alle, fai­re Prei­se und eine stär­ke­re Regio­na­li­sie­rung sind die Ziel­punk­te. Bei­spiel Ber­lin: Aktu­ell bezieht die Haupt­stadt ledig­lich 15 Pro­zent sei­ner Nah­rungs­mit­tel aus Bran­den­burg, wäh­rend das Gros der Ern­ten auf dem Welt­markt lan­det. Mög­lich wäre aber, die Men­schen der Metro­po­le mit Lebens­mit­teln aus einem Radi­us von 100 Kilo­me­tern kom­plett zu ver­sor­gen. Ver­ar­bei­tung und Han­dels­we­ge, zuge­schnit­ten auf die Inter­es­sen der Groß­kon­zer­ne, sind aber auf Mas­sen­pro­duk­ti­on und euro­päi­schen und welt­wei­ten Absatz aus­ge­legt. Ernäh­rungs­rä­te set­zen hier an und ent­wickeln Bil­dungs­pro­gram­me, Stra­te­gien gegen Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung und für regio­na­le Lieferketten.

Für das Kon­zept der Ernäh­rungs­de­mo­kra­tie ist ein Wan­del der gegen­wär­ti­gen Ernäh­rungs­struk­tur uner­läss­lich. Ein Zustand, der bäu­er­li­che Betrie­be und Ver­brau­cher in den Mit­tel­punkt stellt, eine Poli­tik für Umwelt­schutz, art­ge­rech­te Tier­hal­tung, Bio­di­ver­si­tät und ange­mes­se­ne Prei­se las­sen sich nur mit kla­rem poli­ti­schem Wil­len und Durch­hal­te­ver­mö­gen gegen die Macht­kon­zen­tra­ti­on im Agrar­sek­tor erreichen.

Die Bro­schü­re Kon­zern­at­las kann kosten­frei über die Hein­rich-Böll-Stif­tung (www.boell.de/konzernatlas) oder über den Bund für Umwelt und Natur­schutz Deutsch­land e. V. (www.bund.net/konzernatlas) bezo­gen werden.