Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), die Heinrich-Böll-Stiftung und der Dachverband Kritische Aktionärinnen und Aktionäre haben mit 2026 einen aktualisierten Konzernatlas über die Macht der Agrar- und Lebensmittelindustrie veröffentlicht, der mit Texten, Daten, Statistiken und Grafiken umfassend darüber Auskunft gibt, welche Folgen die Zerstörung von Böden, Wasser und ökologischer Vielfalt haben und welche Macht die Konzerne auf Produktion und Konsum ausüben. Wissenschaftliche Ergebnisse über das Vorgehen der Global Player entlang der Wertschöpfungsketten vom Saatgut über Futtermittel bis hin zu den Produkten im Supermarktregal werden faktenreich dargelegt. Themenkomplexe wie Fleisch und Milch, Bäckerhandwerk und Handelsriesen, Supermärkte und Preise, Wasserprivatisierung, Saatgut und Pestizide sowie die Lobbymacht der Monopole sind einige Schwerpunkte der Dokumentation. Zudem werden Ansätze benannt, wie wir die Macht über unser Essen zurückgewinnen können. Eine Broschüre, die nicht nur für Aktivisten von Interesse sein sollte.
Essen und Lebensmittelversorgung gehören zu den Grundvoraussetzungen unseres Daseins. Die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern liegt derzeit in den Händen weniger Konzerne, die Wirtschaft und Gesellschaft fest im Griff haben. Solange Nahrung als Ware gehandelt wird, haben Profit und Geldvermehrung Priorität vor dem Allgemeinwohl und der gesellschaftlichen Aufgabe, Gesundheit, Klima, Biodiversität und faire Preise zu sichern. Das bestehende System erzeugt zwangsläufig Ernährungsunsicherheit, Krisen, globale Lebensmittelknappheiten, soziale Ungleichheit, erratische Preissprünge und fragile Lieferketten. Von Äckern und Feldern bis hin zum Teller: Wenige Konzerne diktieren, was angebaut, verkauft und uns aufgetischt wird. In Deutschland teilen sich beispielsweise vier Supermarktketten rund 88 Prozent des Marktes – Edeka, Rewe, Aldi, Lidl – und regeln Nahrungsqualität und Nahrungsmittelpreise für Millionen Konsumenten.
Kooperativ werden Preise zwischen Landwirten, verarbeitender Industrie, Supermärkten und Verbrauchern in den allerwenigsten Fällen festgelegt. In der Regel sind Einzelhandelsketten und verarbeitende Industrie diejenigen, die ihre Preisvorstellungen durchsetzen. Da Lebensmittelprodukte weitgehend standardisiert sind, können sie aus den unterschiedlichsten Weltregionen bezogen werde. Die verschiedenen Produkte der Hersteller und deren Herstellungskosten können so im Ankauf gegeneinander ausgespielt werden – ein Unterbietungswettbewerb, den die Ketten mit ihrer Verhandlungsmacht ausnutzen. Die Erzeuger müssen mangels Alternativen den niedrigsten Markpreis akzeptieren und bleiben auf erdrückenden Kosten für Saatgut, Dünger, landwirtschaftliche Maschinen und Sprit sitzen. Das sich permanent verschärfende Profitinteresse der Handelsketten treibt diese Entwicklung immer weiter an.
Nutella, Coca-Cola, KitKat und Magnum sind Marken, die mit 36 Prozent mehr als ein Drittel des Gesamtwerts des Lebensmittelmarktes erreichen. Obwohl sie nur einen minimalen Anteil am Gesamtsortiment aller Lebensmittel ausmachen, wird der Verbraucher durch große Werbebudgets manipuliert und als Konsument gewonnen. Für die produzierenden Landwirte, die die standardisierten Rohstoffe liefern, bringt das keinen Gewinn. Durch die industrielle Massenproduktion streichen die großen Lebensmittelkonzerne erhebliche Gewinne ein. Große Markenunternehmen sichern sich so enorme Margen, während kleinere Marken auf der Strecke bleiben. Der Wettbewerbsdruck der Lebensmittelkonzerne und deren Handelsketten zwingt dazu, die Profite steigern zu müssen, um die Konkurrenz zu überbieten, und bringt so Landwirte permanent unter Druck, die ihre Kosten immer weniger decken können. Kostenersparnisse und Gewinne der Supermarktketten werden zudem nicht an die Verbraucher weitergegeben. Es überrascht nicht, dass die Lebensmittelbranche viele Milliardäre aufzuweisen hat. Allein Lidl-Gründer Dieter Schwarz besitzt als reichster Deutscher 46,5 Milliarden Euro.
Solche machtvollen Konzerne gefährden eine selbstbestimmte, gesunde und diverse Ernährung. Monokulturen, hoher Pestizid- und Düngereinsatz und intensive Ressourcennutzung erzeugen gravierende ökologische Folgen wie Bodenerosion, Artenverlust und Klimabelastung. Kleinere Bauerhöfe geraten unter massiven Druck und in Abhängigkeit von marktbeherrschenden Abnehmern oder müssen aufgeben.
Saatgut ist die Basis unserer Nahrung. Theoretisch müsste kein Landwirtschaftsbetrieb Saatgut kaufen, da es sich selbst reproduziert. Mittels Kontrolle über Patente haben es Konzerne wie Bayer, BASF, Corteva und die Syngenta Group jedoch geschafft, durch massives Lobbying den globalen Saatgutmarkt zu kontrollieren. Durch biologische und rechtliche Nutzungssperren entscheiden sie darüber, wer was anbauen darf. Die biologische Vielfalt und die Qualität der Nahrung, die auf dem Teller landet, sind sekundär – ein Geschäftsmodell, das den Konzernen jedes Jahr Milliarden beschert. Heute beherrschen drei Konzerne 56 Prozent des globalen Saatgutmarktes. Monopole wie Bayer und Corteva besitzen aktuell 80 Prozent der Patente auf genmanipulierte Pflanzen, die sich die Konzerne patentieren lassen, obwohl deren verbesserte Eigenschaften auch durch klassische Züchtung entstehen könnten. Damit ist der Zugriff der Konzerne auf Saatgut gesichert.
Die Macht der Handelsriesen einzuschränken und Gesundheit sowie Arbeitsrechte derjenigen zu garantieren, die auf Plantagen und in der lebensmittelverarbeitenden Industrie tätig sind, ist erklärtes Ziel Europas. Das Lieferkettengesetz in Deutschland sollte hierbei ein Hebel gegen Menschenrechtsverletzungen und für Gesundheitsschutz sein. Es verpflichtet Monopole, Handelspraktiken entlang der Lieferketten zu prüfen, um Ausbeutungsverhältnisse zu verhindern. Inwieweit Handelsriesen ihrer Verantwortung im Umgang mit Kleinbauern, Feldarbeitern und Zulieferern nachkommen, wurde von Oxfam 2022 untersucht. Bezogen auf Transparenz, Arbeitnehmerrechte, Umgang mit Kleinbauern und Frauenrechte wurden bei Lidl, Aldi Nord und Süd, Rewe und Edeka zum Teil erhebliche Defizite festgestellt. Schlusslicht stellte Edeka dar, das in allen Bereichen übergroße Mängel erkennen ließ.
Auch die geforderte Transparenz der Preisgestaltung ist faktisch nicht gegeben. Anders als in Spanien und Frankreich gibt es in Deutschland keine Preis- und Margenbeobachtungsstellen, die entlang der Lieferketten Preissteigerungen analysieren, um übermäßige Gewinne nachzuweisen. Insbesondere bei Eigenmarken sind die Preisanstiege im Vergleich zu Markenprodukten eklatant.
6000 Wissenschaftler haben sich öffentlich hinter das EU-Ziel einer Pestizidreduktion gestellt. Doch durch massive Lobbyarbeit der Konzerne wurde ein entsprechendes Gesetz von konservativen und rechten EU-Parlamentariern so stark verwässert, dass es schließlich zurückgezogen wurde.
Genossenschaften stellten ursprünglich einen Zusammenschluss von Bauern und Lebensmittelproduzenten gegen die Monopolmacht der Großkonzerne dar, um gemeinsame Betriebsmittel, Maschinen und Vermarktungswege zu nutzen, eine am Gemeinwohl orientierte Lebensmittelversorgung zu garantieren und am Kapitalmarkt bestehen zu können. Aus regionalen Zusammenschlüssen sind aber mittlerweile selbst global agierende Konzerne geworden. Als 2025 Europas größte Molkereigenossenschaft Arla Foods und Deutschlands größte Molkereigenossenschaft Deutsches Milchkontor Fusionspläne veröffentlichten, waren es nicht die betroffenen 12.000 Milchbauern, die hierüber entschieden, sondern wenige hundert Genossenschaftsvertreter.
Allerdings gibt es auch Gegenbeispiele funktionierender kleiner Genossenschaften mit intakter Selbstverwaltung. Die Molkereien Berchtesgadener Land und die Milchwerke Ammerland Oldenburg sind hierfür Beispiele. Eine Generalversammlung entscheidet über den Kurs des Unternehmens. Aktive Landwirte sitzen in Vorstand und Aufsichtsrat und kontrollieren die Geschäftsführung mittels ihrer Entscheidungsgewalt.
Mehr und mehr Lebensmittelproduzenten wehren sich, um sich aus dem Hamsterrad von Ohnmacht und Abhängigkeit zu befreien. In den letzten Jahren haben Landwirte wiederholt gegen niedrige Preise öffentlich wirksam demonstriert, Straßen und Lagerhäuser blockiert und Felder symbolisch umgepflügt. Um dem permanenten Druck unrentabler Lebensmittelherstellung, den drückenden Kosten für Saatgut, Futter, Dünger und Energie zu entgehen, haben kleinere Betriebe auf Eigenvermarktung ohne Zwischenhandel umgestellt. Regionale Zusammenschlüsse helfen, faire Preise zu erzielen und selbstbestimmt zu wirtschaften.
Seit 1999 gibt es das Konzept der Ernährungsdemokratie. Ernährung sollte nicht nur unter wirtschaftlichen Aspekten gesehen, sondern auch politisch verstanden werden. Diese Perspektive mit Leben zu erfüllen, ist Aufgabe von Ernährungsräten, die sich für eine gerechte, demokratische und ökologische Ernährungspolitik einsetzen. Ziel ist, die Nahrungsmittelversorgung lokal und selbstbestimmt zu organisieren. In Deutschland sind erste Ernährungsräte 2016 in Köln und Berlin entstanden, 60 weitere gibt es inzwischen in anderen Städten. Der Zugang zu gutem Essen für alle, faire Preise und eine stärkere Regionalisierung sind die Zielpunkte. Beispiel Berlin: Aktuell bezieht die Hauptstadt lediglich 15 Prozent seiner Nahrungsmittel aus Brandenburg, während das Gros der Ernten auf dem Weltmarkt landet. Möglich wäre aber, die Menschen der Metropole mit Lebensmitteln aus einem Radius von 100 Kilometern komplett zu versorgen. Verarbeitung und Handelswege, zugeschnitten auf die Interessen der Großkonzerne, sind aber auf Massenproduktion und europäischen und weltweiten Absatz ausgelegt. Ernährungsräte setzen hier an und entwickeln Bildungsprogramme, Strategien gegen Lebensmittelverschwendung und für regionale Lieferketten.
Für das Konzept der Ernährungsdemokratie ist ein Wandel der gegenwärtigen Ernährungsstruktur unerlässlich. Ein Zustand, der bäuerliche Betriebe und Verbraucher in den Mittelpunkt stellt, eine Politik für Umweltschutz, artgerechte Tierhaltung, Biodiversität und angemessene Preise lassen sich nur mit klarem politischem Willen und Durchhaltevermögen gegen die Machtkonzentration im Agrarsektor erreichen.
Die Broschüre Konzernatlas kann kostenfrei über die Heinrich-Böll-Stiftung (www.boell.de/konzernatlas) oder über den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. (www.bund.net/konzernatlas) bezogen werden.