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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Fußballstar in bewegten Zeiten

Sport ist unpo­li­tisch und soll es auch blei­ben. Das ist die Auf­fas­sung vie­ler Sport­funk­tio­nä­re. Dass sie sich ange­sichts hor­ren­der wirt­schaft­li­cher Inter­es­sen und dem immensen Medi­en­in­ter­es­se an Ver­an­stal­tun­gen wie den Olym­pi­schen Spie­len oder den Fuß­ball­welt­mei­ster­schaf­ten nicht hal­ten lässt, dürf­te kri­ti­sche­ren Zeit­ge­nos­sen nicht ver­bor­gen geblie­ben sein und spiel­te auch jetzt wie­der bei den Olym­pi­schen Win­ter­spie­len eine Rolle.

Wie sich auch histo­risch nach­wei­sen lässt, dass Sport immer von poli­ti­schen Macht­ver­hält­nis­sen und gesell­schaft­li­chen Kon­stel­la­tio­nen abhän­gig ist, zeigt das hier vor­ge­stell­te Buch exem­pla­risch. Es ist Auf­klä­rung im besten Sin­ne und bringt einen weit­ge­hend ver­ges­se­nen Fuß­ball­spie­ler des HSV aus den 1920er Jah­ren in Erin­ne­rung, des­sen Lebens­weg eng mit deut­scher Geschich­te vor und nach 1933 ver­bun­den ist, auch wenn er ursprüng­lich aus Nor­we­gen stammte.

Zunächst nimmt uns der Autor mit in die im Süd­osten Nor­we­gens gele­ge­ne damals klei­ne Stadt Sarps­borg mit heu­te ca. 60.000 Ein­woh­nern, über die man viel bei You­Tube fin­den kann. Dort wur­de am 3. Dezem­ber 1898 der Prot­ago­nist des Buches Asbjørn (genannt Assi) Hal­vor­sen in eine wohl­ha­ben­de Bäcker­fa­mi­lie gebo­ren. Schon früh inter­es­sier­te er sich für Fuß­ball und wur­de Spie­ler des loka­len Fuß­ball­klubs, mit dem er 1917 die nor­we­gi­sche Mei­ster­schaft gewann. 1918 debü­tier­te er in der Natio­nal­mann­schaft und erreich­te mit ihr im 27. Anlauf Nor­we­gens ersten Sieg in einem Länderspiel.

1921 kommt H. dann nach Ham­burg, nicht wegen des Fuß­balls, son­dern weil er sich als Schiffs­mak­ler wei­ter­bil­den will. Und doch wird er schnell zu einem Spit­zen­spie­ler des HSV. Mit ihm wird er – zumin­dest inof­fi­zi­ell – 1922 deut­scher Mei­ster (die Geschich­te hin­ter die­ser Tat­sa­che ist erstaun­lich, soll hier aber nicht ver­ra­ten wer­den. Man lese das Buch!) und ver­tei­digt die­sen Titel im Jahr dar­auf. Ein wei­te­rer Mei­ster­ti­tel folgt 1928, wobei sich man­cher heu­ti­ge Fuß­ball­fan ins­be­son­de­re über das Halb­fi­nal­ergeb­nis gegen Bay­ern Mün­chen freu­en dürf­te, die von den Ham­bur­gern mit 8:2 vom Platz gefegt wurden.

Aber das Buch bleibt nicht beim Sport­li­chen ste­hen. Kowa­lew­ski beleuch­tet viel­mehr kri­tisch die beim HSV in der Zeit nach dem ersten Welt­krieg herr­schen­de Ideo­lo­gie, die weit über den Sport hin­aus­reich­te. Man rief die Jugend auf, Kör­per, Geist und Wil­lens­kraft durch Lei­bes­übun­gen zu »stäh­len«, damit sie »Män­ner der Tat« her­vor­brin­ge, die dem drin­gend nötig sei­en, um das dar­nie­der­lie­gen­de Vater­land wie­der zu alter Grö­ße auf­zu­rich­ten. Und man wuss­te auch sehr genau, wen man nicht haben woll­te: »Die Lau­en, die Mit­läu­fer wol­len wir aus­schei­den, damit ihr fal­scher Sport­geist gar nicht erst die Gesun­den anstecken kann.« Das Prin­zip hieß tota­le Unter­ord­nung. So erklär­te der dama­li­ge HSV-Erfolgs­trai­ner Rudi Agte: »Wir ken­nen nur Pflich­ten und haben kei­ne Rechte.«

Wie sich H. zu die­sen Prin­zi­pi­en ver­hielt, wird nicht berich­tet. Im Sep­tem­ber 1933 kehrt er nach Nor­we­gen zurück und behaup­te­te nach dem zwei­ten Welt­krieg, er habe das Unheil kom­men sehen. Kowa­lew­ski hat dar­an nach­voll­zieh­ba­re Zwei­fel und kann sie bele­gen. Wir wis­sen alle, dass Men­schen ihre ver­gan­ge­nen Ein­stel­lun­gen nicht sel­ten im Ange­sicht der spä­te­ren Ereig­nis­se zurecht­rücken, um es vor­sich­tig zu formulieren.

H.s Lebens­weg führt ihn in Nor­we­gen an die Spit­ze des Fuß­balls. Er wird Natio­nal­trai­ner und kommt mit sei­ner Mann­schaft 1936 zu den Olym­pi­schen Spie­len nach Ber­lin. Im Vier­tel­fi­na­le tref­fen die Nor­we­ger auf die Deut­schen, die als aus­ge­mach­ter Favo­rit gel­ten. Zum ersten und ein­zi­gen Mal besucht Adolf Hit­ler ein Fuß­ball­spiel und muss mit anse­hen, wie Nor­we­gen 2:0 gewinnt. Nach dem Aus­schei­den gegen Ita­li­en im Halb­fi­na­le gelang den Nor­we­gern schließ­lich der Gewinn der Bron­ze­me­dail­le, ein Erfolg, den die Fuß­ball­mann­schaft des Lan­des nie wie­der­ho­len konnte.

Am 9. April 1940 wird Nor­we­gen von der deut­schen Wehr­macht über­fal­len. Der schnel­le Sieg löst bei den Nor­we­gern den Wunsch aus, mög­lichst bald wie­der zur »Nor­ma­li­tät« zurück­zu­keh­ren, ins­be­son­de­re auch im Sport. Von den Besat­zern wird ver­sucht, sich das zunut­ze zu machen, indem sie ein Län­der­spiel zwi­schen Nor­we­gen und Deutsch­land for­dern. H. wider­spricht und erklärt, solan­ge es kei­nen Frie­dens­ver­trag gebe, kom­me das nicht in Fra­ge. Im Lau­fe des Jah­res 1940 ver­ei­ni­gen sich die nor­we­gi­schen Sport­ver­bän­de und wer­den nach Ein­schät­zung von Kowa­lew­ski zur ersten Wider­stands­front des Lan­des, die auch ande­re gesell­schaft­li­che Wider­stands­be­rei­che beein­flusst. H. ist dabei.

In der Nacht vom 4. auf den 5. August 1942 wird er von der Gesta­po ver­haf­tet. Er hat­te sich zuvor für Bul­le­ti­nen, eine Zei­tung der ille­ga­len Pres­se, enga­giert. H. wird schwer gefol­tert, ver­rät aber nie­man­den. Anschlie­ßend wird er in das Häft­lings­la­ger Gri­ni bei Oslo gebracht, wo er bis zu sei­ner Depor­ta­ti­on nach Deutsch­land am 29. Juli 1943 bleibt. End­sta­ti­on der Rei­se in die Höl­le war das KZ Natz­wei­ler, das nach dem Sieg über Frank­reich in dem vom Deut­schen Reich annek­tier­ten Elsass errich­tet wor­den war. H., als Unge­lern­ter regi­striert, wur­de im Stein­bruch ein­ge­setzt, die wohl här­te­ste Arbeit im Lager. Ver­schie­de­ne Umstän­de, ins­be­son­de­re sei­ne auch im Lager bekannt gewor­de­ne Stel­lung als frü­he­rer Fuß­ball­star, waren es jedoch, die es ihm erlaub­ten, ein Infor­ma­ti­ons­netz mit ande­ren Häft­lin­gen und Außen­ste­hen­den zu knüp­fen, um so sei­nen Nor­we­gern über aktu­el­le Kriegs­er­eig­nis­se berich­ten zu kön­nen. Gleich­wohl hing auch sein Leben sicher an einem sei­de­nen Faden, bis er nach Ver­le­gung in wei­te­re Lager in Neu­en­gam­me durch einen Deal zwi­schen Himm­ler und dem schwe­di­schen Gra­fen Ber­na­dotte im April 1945 befreit wurde.

Anschlie­ßend arbei­te­te H. bis zu sei­nem viel zu frü­hen Tode am 16. Janu­ar 1955 als Funk­tio­när des nor­we­gi­schen Fuß­ball­ver­ban­des. Kowa­lew­ski zählt vie­le Her­aus­for­de­run­gen auf, denen er sich nach dem Krieg in die­ser Funk­ti­on stel­len muss­te und resü­miert: »Asbjørn Hal­vor­sen war als Funk­tio­när ein ›Macher‹ und Orga­ni­sa­tor, der alles tat, um dem nor­we­gi­schen Fuß­ball und des­sen Akti­ven die besten Bedin­gun­gen zu schaf­fen und sie zu Erfol­gen zu führen.«

Viel­fach hebt der Autor H.s Bereit­schaft, Sport als Mit­tel zur Völ­ker­ver­stän­di­gung zu nut­zen, her­vor. Beson­ders deut­lich wur­de das 1951, als sich die Fra­ge stell­te, ob man Deutsch­land wie­der in die Olym­pi­sche Bewe­gung auf­neh­men und ihm damit die Teil­nah­me an den Olym­pi­schen Win­ter­spie­len in Oslo 1952 ermög­li­chen sol­le. Das führ­te in Nor­we­gen zu erheb­li­chen Kon­tro­ver­sen. Dabei zeig­te sich Asbjørn H. als ent­schie­de­ner Ver­tre­ter einer Aus­söh­nung, for­der­te mit sei­ner gesam­ten Auto­ri­tät, den Wider­stand gegen die deut­sche Teil­nah­me auf­zu­ge­ben und hat­te damit bei einer knap­pen Ent­schei­dung Erfolg.

Ein wei­te­res Kapi­tel des Buches wid­met sich der Fra­ge, wie eine Art »Aus­söh­nung« zwi­schen H. und den deut­schen Fuß­ball­funk­tio­nä­ren erfolg­te. Scharf kri­ti­siert Kowa­lew­ski den auf H. in den Ver­eins­nach­rich­ten des HSV 1955 ver­fass­ten Nach­ruf. Auf den ersten Blick erschien mir das zu streng. Bei genaue­rem Hin­se­hen muss ich dem Autor aber zustim­men. So heißt es in die­sem Nach­ruf: »Trotz bit­te­rer Unbill, die er wäh­rend der Beset­zung Nor­we­gens durch Ange­hö­ri­ge sei­nes zwei­ten Hei­mat­lan­des erlitt, über­wand die­ser Kämp­fer für Gerech­tig­keit alles klein­li­che Den­ken und reich­te uns und dem deut­schen Sport wie­der die Hand.« Kein Wort zum KZ-Auf­ent­halt, kein Wort der Scham oder Ent­schul­di­gung, son­dern eine indi­rek­te Kri­tik an den­je­ni­gen, denen – im Gegen­satz zu H. – indi­rekt ein »klein­li­ches Den­ken« atte­stiert wird. Es ist ja alles wie­der gut.

Der Autor ist ganz offen­sicht­lich ein nach­ge­bo­re­ner Fan des Nor­we­gers, sei es als Spie­ler, als Trai­ner, als Wider­stands­kämp­fer oder in sei­ner Rol­le als Ver­bands­funk­tio­när. Dage­gen kann man kaum etwas ein­wen­den. Auch Kri­tik an sei­nem Füh­rungs­stil wird refe­riert, aber schnell mit sei­ner gren­zen­lo­sen Lie­be für den Fuß­ball und die mit ihm ver­bun­de­nen Wer­te erklärt (ent­schul­digt?). Viel­leicht ist an der Kri­tik des auto­ri­tä­ren Ver­hal­tens von H. doch mehr dran, als uns der Autor sug­ge­rie­ren möch­te, der die­se Kri­tik weit­ge­hend auf Inter­es­sen ein­zel­ner Klubs zurückführt.

Das schmä­lert jedoch die immense Lei­stung bei Durch­sicht und Bewer­tung zahl­lo­ser Quel­len nicht im Gering­sten. Das Buch ver­webt auf über­zeu­gen­de Wei­se Geschich­te mit Geschich­ten, hat auch humo­ri­sti­sche Sei­ten und kommt immer wie­der auf das Umfeld des Sports mit sei­nen ver­schie­den­sten Aus­prä­gun­gen zurück. Kowa­lew­ski ver­steht es gut, die Lese­rin­nen und Leser auf eine Ent­deckungs­rei­se mit­zu­neh­men, sei es in eine nor­we­gi­sche Klein­stadt, sei es zu den han­sea­ti­schen Pfef­fer­säcken Ham­burgs, aber auch in Abgrün­de der deut­schen Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger der Nazis und in das Nach­kriegs­nor­we­gen. Wer sich für Sport, ins­be­son­de­re für Fuß­ball und sei­ne Geschich­te, inter­es­siert und gleich­zei­tig ein Ver­ständ­nis von deut­scher Geschich­te hat oder ent­wickelt, dem kann ich die­ses Buch nur wärm­stens empfehlen.

Jür­gen Kowa­lew­ski: Ein HSV-Star in Wider­stand und KZ – Das zu kur­ze Leben von »Assi« Hal­vor­sen, VSA Ver­lag, Ham­burg 2025, 192 S., 19,80 €.