Sport ist unpolitisch und soll es auch bleiben. Das ist die Auffassung vieler Sportfunktionäre. Dass sie sich angesichts horrender wirtschaftlicher Interessen und dem immensen Medieninteresse an Veranstaltungen wie den Olympischen Spielen oder den Fußballweltmeisterschaften nicht halten lässt, dürfte kritischeren Zeitgenossen nicht verborgen geblieben sein und spielte auch jetzt wieder bei den Olympischen Winterspielen eine Rolle.
Wie sich auch historisch nachweisen lässt, dass Sport immer von politischen Machtverhältnissen und gesellschaftlichen Konstellationen abhängig ist, zeigt das hier vorgestellte Buch exemplarisch. Es ist Aufklärung im besten Sinne und bringt einen weitgehend vergessenen Fußballspieler des HSV aus den 1920er Jahren in Erinnerung, dessen Lebensweg eng mit deutscher Geschichte vor und nach 1933 verbunden ist, auch wenn er ursprünglich aus Norwegen stammte.
Zunächst nimmt uns der Autor mit in die im Südosten Norwegens gelegene damals kleine Stadt Sarpsborg mit heute ca. 60.000 Einwohnern, über die man viel bei YouTube finden kann. Dort wurde am 3. Dezember 1898 der Protagonist des Buches Asbjørn (genannt Assi) Halvorsen in eine wohlhabende Bäckerfamilie geboren. Schon früh interessierte er sich für Fußball und wurde Spieler des lokalen Fußballklubs, mit dem er 1917 die norwegische Meisterschaft gewann. 1918 debütierte er in der Nationalmannschaft und erreichte mit ihr im 27. Anlauf Norwegens ersten Sieg in einem Länderspiel.
1921 kommt H. dann nach Hamburg, nicht wegen des Fußballs, sondern weil er sich als Schiffsmakler weiterbilden will. Und doch wird er schnell zu einem Spitzenspieler des HSV. Mit ihm wird er – zumindest inoffiziell – 1922 deutscher Meister (die Geschichte hinter dieser Tatsache ist erstaunlich, soll hier aber nicht verraten werden. Man lese das Buch!) und verteidigt diesen Titel im Jahr darauf. Ein weiterer Meistertitel folgt 1928, wobei sich mancher heutige Fußballfan insbesondere über das Halbfinalergebnis gegen Bayern München freuen dürfte, die von den Hamburgern mit 8:2 vom Platz gefegt wurden.
Aber das Buch bleibt nicht beim Sportlichen stehen. Kowalewski beleuchtet vielmehr kritisch die beim HSV in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg herrschende Ideologie, die weit über den Sport hinausreichte. Man rief die Jugend auf, Körper, Geist und Willenskraft durch Leibesübungen zu »stählen«, damit sie »Männer der Tat« hervorbringe, die dem dringend nötig seien, um das darniederliegende Vaterland wieder zu alter Größe aufzurichten. Und man wusste auch sehr genau, wen man nicht haben wollte: »Die Lauen, die Mitläufer wollen wir ausscheiden, damit ihr falscher Sportgeist gar nicht erst die Gesunden anstecken kann.« Das Prinzip hieß totale Unterordnung. So erklärte der damalige HSV-Erfolgstrainer Rudi Agte: »Wir kennen nur Pflichten und haben keine Rechte.«
Wie sich H. zu diesen Prinzipien verhielt, wird nicht berichtet. Im September 1933 kehrt er nach Norwegen zurück und behauptete nach dem zweiten Weltkrieg, er habe das Unheil kommen sehen. Kowalewski hat daran nachvollziehbare Zweifel und kann sie belegen. Wir wissen alle, dass Menschen ihre vergangenen Einstellungen nicht selten im Angesicht der späteren Ereignisse zurechtrücken, um es vorsichtig zu formulieren.
H.s Lebensweg führt ihn in Norwegen an die Spitze des Fußballs. Er wird Nationaltrainer und kommt mit seiner Mannschaft 1936 zu den Olympischen Spielen nach Berlin. Im Viertelfinale treffen die Norweger auf die Deutschen, die als ausgemachter Favorit gelten. Zum ersten und einzigen Mal besucht Adolf Hitler ein Fußballspiel und muss mit ansehen, wie Norwegen 2:0 gewinnt. Nach dem Ausscheiden gegen Italien im Halbfinale gelang den Norwegern schließlich der Gewinn der Bronzemedaille, ein Erfolg, den die Fußballmannschaft des Landes nie wiederholen konnte.
Am 9. April 1940 wird Norwegen von der deutschen Wehrmacht überfallen. Der schnelle Sieg löst bei den Norwegern den Wunsch aus, möglichst bald wieder zur »Normalität« zurückzukehren, insbesondere auch im Sport. Von den Besatzern wird versucht, sich das zunutze zu machen, indem sie ein Länderspiel zwischen Norwegen und Deutschland fordern. H. widerspricht und erklärt, solange es keinen Friedensvertrag gebe, komme das nicht in Frage. Im Laufe des Jahres 1940 vereinigen sich die norwegischen Sportverbände und werden nach Einschätzung von Kowalewski zur ersten Widerstandsfront des Landes, die auch andere gesellschaftliche Widerstandsbereiche beeinflusst. H. ist dabei.
In der Nacht vom 4. auf den 5. August 1942 wird er von der Gestapo verhaftet. Er hatte sich zuvor für Bulletinen, eine Zeitung der illegalen Presse, engagiert. H. wird schwer gefoltert, verrät aber niemanden. Anschließend wird er in das Häftlingslager Grini bei Oslo gebracht, wo er bis zu seiner Deportation nach Deutschland am 29. Juli 1943 bleibt. Endstation der Reise in die Hölle war das KZ Natzweiler, das nach dem Sieg über Frankreich in dem vom Deutschen Reich annektierten Elsass errichtet worden war. H., als Ungelernter registriert, wurde im Steinbruch eingesetzt, die wohl härteste Arbeit im Lager. Verschiedene Umstände, insbesondere seine auch im Lager bekannt gewordene Stellung als früherer Fußballstar, waren es jedoch, die es ihm erlaubten, ein Informationsnetz mit anderen Häftlingen und Außenstehenden zu knüpfen, um so seinen Norwegern über aktuelle Kriegsereignisse berichten zu können. Gleichwohl hing auch sein Leben sicher an einem seidenen Faden, bis er nach Verlegung in weitere Lager in Neuengamme durch einen Deal zwischen Himmler und dem schwedischen Grafen Bernadotte im April 1945 befreit wurde.
Anschließend arbeitete H. bis zu seinem viel zu frühen Tode am 16. Januar 1955 als Funktionär des norwegischen Fußballverbandes. Kowalewski zählt viele Herausforderungen auf, denen er sich nach dem Krieg in dieser Funktion stellen musste und resümiert: »Asbjørn Halvorsen war als Funktionär ein ›Macher‹ und Organisator, der alles tat, um dem norwegischen Fußball und dessen Aktiven die besten Bedingungen zu schaffen und sie zu Erfolgen zu führen.«
Vielfach hebt der Autor H.s Bereitschaft, Sport als Mittel zur Völkerverständigung zu nutzen, hervor. Besonders deutlich wurde das 1951, als sich die Frage stellte, ob man Deutschland wieder in die Olympische Bewegung aufnehmen und ihm damit die Teilnahme an den Olympischen Winterspielen in Oslo 1952 ermöglichen solle. Das führte in Norwegen zu erheblichen Kontroversen. Dabei zeigte sich Asbjørn H. als entschiedener Vertreter einer Aussöhnung, forderte mit seiner gesamten Autorität, den Widerstand gegen die deutsche Teilnahme aufzugeben und hatte damit bei einer knappen Entscheidung Erfolg.
Ein weiteres Kapitel des Buches widmet sich der Frage, wie eine Art »Aussöhnung« zwischen H. und den deutschen Fußballfunktionären erfolgte. Scharf kritisiert Kowalewski den auf H. in den Vereinsnachrichten des HSV 1955 verfassten Nachruf. Auf den ersten Blick erschien mir das zu streng. Bei genauerem Hinsehen muss ich dem Autor aber zustimmen. So heißt es in diesem Nachruf: »Trotz bitterer Unbill, die er während der Besetzung Norwegens durch Angehörige seines zweiten Heimatlandes erlitt, überwand dieser Kämpfer für Gerechtigkeit alles kleinliche Denken und reichte uns und dem deutschen Sport wieder die Hand.« Kein Wort zum KZ-Aufenthalt, kein Wort der Scham oder Entschuldigung, sondern eine indirekte Kritik an denjenigen, denen – im Gegensatz zu H. – indirekt ein »kleinliches Denken« attestiert wird. Es ist ja alles wieder gut.
Der Autor ist ganz offensichtlich ein nachgeborener Fan des Norwegers, sei es als Spieler, als Trainer, als Widerstandskämpfer oder in seiner Rolle als Verbandsfunktionär. Dagegen kann man kaum etwas einwenden. Auch Kritik an seinem Führungsstil wird referiert, aber schnell mit seiner grenzenlosen Liebe für den Fußball und die mit ihm verbundenen Werte erklärt (entschuldigt?). Vielleicht ist an der Kritik des autoritären Verhaltens von H. doch mehr dran, als uns der Autor suggerieren möchte, der diese Kritik weitgehend auf Interessen einzelner Klubs zurückführt.
Das schmälert jedoch die immense Leistung bei Durchsicht und Bewertung zahlloser Quellen nicht im Geringsten. Das Buch verwebt auf überzeugende Weise Geschichte mit Geschichten, hat auch humoristische Seiten und kommt immer wieder auf das Umfeld des Sports mit seinen verschiedensten Ausprägungen zurück. Kowalewski versteht es gut, die Leserinnen und Leser auf eine Entdeckungsreise mitzunehmen, sei es in eine norwegische Kleinstadt, sei es zu den hanseatischen Pfeffersäcken Hamburgs, aber auch in Abgründe der deutschen Konzentrationslager der Nazis und in das Nachkriegsnorwegen. Wer sich für Sport, insbesondere für Fußball und seine Geschichte, interessiert und gleichzeitig ein Verständnis von deutscher Geschichte hat oder entwickelt, dem kann ich dieses Buch nur wärmstens empfehlen.
Jürgen Kowalewski: Ein HSV-Star in Widerstand und KZ – Das zu kurze Leben von »Assi« Halvorsen, VSA Verlag, Hamburg 2025, 192 S., 19,80 €.