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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Das Prekariat im Theater

»Gegen den Trend« (bei Kul­tur-Extra) lau­tet eine Bespre­chung des neue­sten Stückes im Staats­thea­ter Stutt­gart: »Die Prä­si­den­tin­nen« von Wer­ner Schwab. Nun, eigent­lich ist das Stück aus den 80er Jah­ren, und so ange­staubt wie die Retro-Insze­nie­rung mit den rie­sen­haf­ten Möbeln. Die machen die »Prä­si­den­tin­nen« noch klei­ner als sie schon sind als Ange­hö­ri­ge der Unter­schicht, die man im Thea­ter öfter antrifft als in der Oper.

Nun, das Bil­dungs­bür­ger­tum darf sich hier in einer Fäkal­spra­che suh­len, die sonst nur in äußer­sten Kri­sen­si­tua­tio­nen zum Ein­satz kommt. Und ein­mal mehr den Anal­cha­rak­ter der Deut­schen, sagen wir: vie­ler, befrie­di­gen. Mir ist das etwas suspekt, auf der Büh­ne eine dra­sti­sche Gestik und Spra­che, aber gleich­zei­tig ver­mischt mit einer etwas arti­fi­zi­el­len Anspra­che, die wohl aber in erster Linie eine Mischung aus öster­rei­chisch und »histo­risch« ist.

Nun war das Stück, eine Mischung aus Komik und Tra­gik mit par­ti­el­lem Unter­gang, schon ein­mal ein Erfolg, und eine Dame im Foy­er erin­nert es an Kroetz und Bern­hardt und eine ande­re sogar an Ach­ter­busch – nun ja.

Was mir auf­fiel, war die Bereit­schaft eines Teils des Pre­mie­ren­pu­bli­kums, los­zu­la­chen – auf Teu­fel komm raus, jeden­falls rela­tiv anlass­los. Als bräuch­te der emo­tio­na­le Druck ein Ven­til, und da ist alles recht. (Zur Erin­ne­rung: Gelacht wird dar­über, dass es nichts zu lachen gibt.) Übri­gens, eine Woche davor bei Brechts gutem Men­schen in Sezu­an eben­so. Ich fand wenig zum Lachen in dem Stück, es sei denn, man lacht, und dass man + frau das darf(!), ist in der grü­nen Woke-Kul­tur doch schon­mal was, über die eige­nen Putz­frau­en resp. die Unterschicht.

Die Rein­lich­keits­er­zie­hung, die man durch­lau­fen muss­te, hier wird sie pas­send zu Habecks und Kret­sch­manns Dusch-Spar-Ideen zurück­ge­nom­men bzw. per­si­fliert. Ein aktu­el­ler Bei­trag zu dem, was Mar­cu­se repres­si­ve Ent­sub­li­mie­rung nann­te. Der zeit­gei­sti­ge Inten­dant hat hier zwei Strän­ge zusam­men­führt und wur­de mit viel Applaus belohnt.

Mir kommt das etwas spie­ßig vor, wie aus den 60er Jah­ren, als man mit schlüpf­ri­gen Andeu­tun­gen kalau­ern konnte.

Aber, was sind das für Zei­ten, wo die Stutt­gar­ter Zei­tung am Sams­tag mit einer Kari­ka­tur auf­war­tet, die den chi­ne­si­schen Dra­chen als Men­schen­fres­ser dar­stellt. Und Kanz­ler Scholz gibt die­sem Hap­pi-Hap­pi, d. h. den Ham­bur­ger Hafen, hier als Men­schen­bein dar­ge­stellt. (Die Jour­nail­le fin­det kei­nen Halt in ihrem Abwärtsfuror.)

Ja, Zei­ten, man bleibt bes­ser zu Hau­se, als sich mit einer Gewerk­schaft gemein zu machen, die wie 1914 dabei sein will: »Soli­da­ri­tät«. (Mein Unwort des Jah­res, d. h. das am mei­sten geschän­de­te Wort der letz­ten zwei Jahre).

Ver­di: »In die­sem Herbst tref­fen uns die Fol­gen von Putins Angriffs­krieg mit vol­ler Wucht: Vie­le von uns wis­sen nicht, wie sie Gas- und Strom­rech­nung bezah­len sol­len. (…) In die­ser Kri­se ste­hen wir soli­da­risch an der Sei­te der Ukraine.«

Erste­res ist schlicht falsch oder irre­füh­rend, Putin hat sei­ne Pipe­lines nicht sel­ber gesprengt, und für den Wirt­schafts­krieg ist er auch nicht ver­ant­wort­lich. »Wir« rui­nie­ren uns sel­ber, und dabei ver­die­nen wie­der eini­ge, wie schon bei Coro­na, kräf­tig. (Und die wer­den es ihren »Freun­den« schon loh­nen, egal ob Poli­ti­ker oder Fak­ten­checker oder diver­se Institute.)

Und ich bin nicht soli­da­risch mit den Ukrai­nern, die­sen Lands­knech­ten der USA.

Ich blei­be bei der alten Losung der mar­xi­sti­schen Lin­ken (Lieb­knecht und Luxem­burg) von 1914: Der Haupt­feind steht im eige­nen Land.