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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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DDR – Unser Erbe

Der Dich­ter und Dra­ma­ti­ker Peter Hacks hat ein­mal jene Über­le­ben­den aus der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik sowie ande­re Kom­mu­ni­sten, die das irgend­wie zustan­de brin­gen kön­nen, auf­ge­for­dert, ihr DDR-Erfah­rungs­buch zu schrei­ben und von der Sache Kun­de zu tun. Doch nicht allen Men­schen ist es gege­ben, ihr Erleb­tes und Erkann­tes in ein Buch zu über­set­zen. In Pots­dam haben zunächst Initia­to­rin Ursu­la Münch und dann Horst Jäkel mitt­ler­wei­le sogar zwan­zig sol­che Bän­de zustan­de gebracht, Erin­ne­rungs­bü­cher, in denen die unter­schied­lich­sten Men­schen ihre Erfah­run­gen mit dem Real­so­zia­lis­mus schil­dern. Leu­te aus der DDR und Leu­te aus dem deut­schen Westen. Leu­te unter­schied­lich­ster sozia­ler Posi­ti­on. Das Spek­trum der Tex­te reicht von Berich­ten, Arti­keln und Anek­do­ten bis zu Geschich­ten, Doku­men­ten, Gesprä­chen und Gedich­ten. Die Ansich­ten und Dar­stel­lungs­wei­sen sind nicht min­der unter­schied­lich, gegen­sätz­lich, auch qua­li­ta­tiv hete­ro­gen. Sie kom­men aus allen Berei­chen der Gesell­schaft. Doch aus den Frag­men­ten ergibt sich ein Mosa­ik, Ein­sich­ten in geleb­tes Leben, das fügt sich zu einem Gesamt­zu­sam­men­hang und lässt »das Gan­ze« durchschimmern.

Allein fürs neu­gie­ri­ge Schmö­kern emp­fiehlt sich die­se Kol­lek­ti­on. Es gibt Über­ra­schen­des, und es gibt Wohl­be­kann­tes. Das regt an, sich zu erin­nern, sich näher zu infor­mie­ren, zu fra­gen. Jäkel folgt mit sei­nen DDR-Erin­ne­rungs­bü­chern nicht aka­de­mi­scher Syste­ma­tik. Doch könn­te man der Rei­he den Satz aus einem Brief von Hacks vor­an­set­zen: »Wes­sen sol­len wir uns rüh­men, wenn nicht der DDR?« Falls Bücher dazu da sind, Den­ken anzu­sto­ßen, Wis­sen zu ver­mit­teln und die Din­ge aus unge­wohn­ter Sicht zu betrach­ten, ist Jäkels Mate­ri­al­samm­lung ein sol­ches Buch par excel­lence – und in einer Zeit der Wis­sens­ver­nich­tung inhalt­lich durch­aus anstößig.

Da schrei­ben Bäue­rin­nen und Funk­tio­nä­re, es gibt Auf­sät­ze von Leh­rern und von Stu­den­ten, man fin­det öko­no­mi­sche Pro­ble­me behan­delt oder tou­ri­sti­sche. Das ent­fal­tet einen ganz eige­nen Reiz und erin­nert an Ver­an­stal­tun­gen, die wir in der DDR als völ­lig nor­mal erach­te­ten. In vie­len Dis­kus­si­ons­run­den war das Publi­kum gemischt, eben­so wie auf den berühm­ten DDR-Par­tys in den Pri­vat­woh­nun­gen: Man lern­te Ärz­te oder Lager­ar­bei­ter ken­nen, es dis­ku­tier­te ein Maschi­nist mit einem Buch­ver­käu­fer, die Male­rin und der Pfört­ner waren sich nicht aus sozia­len Grün­den suspekt. Sicher gab es auch ande­res, aber im Gro­ßen und Gan­zen domi­nier­te die­ser Misch­cha­rak­ter das Leben der sozia­li­sti­schen Gesell­schaft. Ich möch­te daher gar nicht mit den Namen popu­lä­rer Betei­lig­ter wer­ben, um nicht die »Namen­lo­sen« in den Schat­ten sol­chen Glan­zes zu stel­len, das wäre unge­recht. Nicht die Klei­der mach­ten die Leu­te – dar­an erin­nert Jäkels Buch. Spie­ßi­ges fehlt nicht neben Klu­gem, Illu­si­on trifft auf Des­il­lu­si­on, Histo­ri­sches auf Enges. Ja, die DDR war nicht nur Arbeit, FDJ und Kul­tur. Des­halb sei die­se Lek­tü­re emp­foh­len. Denn, um Peter Hacks ein drit­tes Mal zu zitie­ren: »Der größ­te Scha­den auf dem Weg zur Mensch­wer­dung ist Wissensverzicht.«

Horst Jäkel (Jg. 1935), Arbei­ter­sohn, erhielt 2019 den Men­schen­rechts­preis der Gesell­schaft zum Schutz von Bür­ger­recht und Men­schen­wür­de e. V., hat – ohne Inter­net – alle die­se Bücher mit gro­ßem Enthu­si­as­mus rea­li­siert und in Zusam­men­ar­beit mit einer klei­nen Schar Treuer­her­aus­ge­ge­ben: Ger­lin­de Jäkel, Hel­ga Born­städt, Chri­sta Kikels, Hans-Jür­gen West­phal – im Auf­trag der unab­hän­gi­gen Autoren­ge­mein­schaft »Als Zeit­zeu­gen erlebt«. Die­se Arbeit ist frei von Wer­bung, es gibt auch kei­ne Rekla­me für die Edi­ti­on. Die Her­stel­lung hat nicht nur Enga­ge­ment, son­dern auch pri­va­tes Geld geko­stet, so etwas bringt kei­nen mate­ri­el­len Gewinn. Des­halb wünscht man auch dem neue­sten Band die­ses erstaun­li­chen Edi­ti­ons­pro­jek­tes gro­ße Auf­merk­sam­keit. Ich bin froh, dass es sol­che Bücher, dass es die­ses Buch gibt.

Horst Jäkel (Hrsg.): DDRUNSERERBE, Pots­dam 2020, 480 Sei­ten, 19 , www.medienpunktpotsdam.de.