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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Blumen der Erde

Dass die Nazis wäh­rend des zwei­ten Welt­kriegs ver­such­ten, die Volks­grup­pe der Sin­ti und Roma voll­stän­dig aus­zu­lö­schen, und dass dem Völ­ker­mord 500.000 Ange­hö­ri­ge die­ser größ­ten natio­na­len Min­der­heit in Euro­pa zum Opfer fie­len, ist bis heu­te nur einem klei­nen Teil der Bevöl­ke­rung Deutsch­lands bekannt. Noch unbe­kann­ter ist die Geschich­te des Wider­stands, den Sin­ti und Roma gelei­stet haben.

In Mün­chen nahm am 16. Mai die­ses Jah­res die »Aca­de­mia rro­maï« mit einem »Tag des Wider­stands der Sin­ti und Roma gegen das Nazi­re­gime« sei­ne Tätig­keit in der Öffent­lich­keit auf. Geför­dert durch die Fach­stel­le für Demo­kra­tie und das Kul­tur­re­fe­rat der baye­ri­schen Lan­des­haupt­stadt, lud der im vori­gen Jahr gegrün­de­te gemein­nüt­zi­ge Ver­ein zu einem Infor­ma­ti­ons- und Kon­zert­abend in das städ­ti­sche Kul­tur­zen­trum Seidlvil­la ein. Der rund hun­dert Plät­ze bie­ten­de Saal war voll besetzt, als Lui­se Gut­mann als Mit­glied des Ver­eins­vor­stands die Gäste begrüß­te. Beson­ders herz­lich hieß sie eine gro­ße Grup­pe von Roma aus Rumä­ni­en und aus der Ukrai­ne willkommen.

Als Vor­stands­vor­sit­zen­de bzw. Stell­ver­tre­ten­de Vor­stands­vor­sit­zen­de des neu­en Ver­eins stell­ten sich Iovan­ca Gas­par und Lau­ra Ghin­da vor, bei­de Rom­ni­ja aus Rumä­ni­en. Frau Gas­par war nach ihrem Magi­ster-Abschluss in Sozio­lo­gie an der Uni Wien meh­re­re Jah­re im Auf­trag des Wie­ner Magi­strats für die Arbeit mit der dor­ti­gen Roma-Com­mu­ni­ty zustän­dig; seit 2016 lebt sie in Mün­chen. Lau­ra Ghin­da war nach ihrem Stu­di­um der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft für eine gro­ße Orga­ni­sa­ti­on in Rumä­ni­en tätig und konn­te dort viel­sei­ti­ge Erfah­run­gen sam­meln, die ihr sicher­lich bei ihren Akti­vi­tä­ten für den Ver­ein von Nut­zen sein werden.

Haupt­re­fe­rent an die­sem Abend war Dr. Erich Schnee­ber­ger. Der Vor­sit­zen­de des baye­ri­schen Lan­des­ver­ban­des Deut­scher Sin­ti und Roma berich­te­te zuerst, was sich vor genau 78 Jah­ren, am 16. Mai 1944, in dem im SS-Jar­gon als »Zigeu­ner­fa­mi­li­en­la­ger« bezeich­ne­ten Abschnitt BIIe des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Ausch­witz-Bir­ken­au abge­spielt hat. Er bezog sich dabei auf Aus­sa­gen ver­schie­de­ner Augen­zeu­gen, dar­un­ter der pol­ni­sche Häft­ling Tade­usz Joa­chi­mow­ski, der als Funk­ti­ons­häft­ling von der sog. Schreib­stu­be aus die Vor­gän­ge beob­ach­ten konn­te. Gegen 19 Uhr, so Joa­chi­mow­ski, sei für den Bereich BIIe eine Lager­sper­re ver­kün­det wor­den. Vor dem Lager sei­en Wagen vor­ge­fah­ren, aus denen SS-Män­ner mit Maschi­nen­ge­weh­ren aus­ge­stie­gen sei­en. Das Lager sei von ihnen ein­ge­kreist wor­den. Dann habe der Lei­ter der Akti­on den gefan­ge­nen Sin­ti und Roma befoh­len, die Unter­kunfts­ba­racken zu ver­las­sen. Vor­ge­warnt, ver­wei­ger­ten die mit Mes­sern und Spa­ten, Brech­ei­sen und Stei­nen bewaff­ne­ten Män­ner den Befehl. Erstaunt bega­ben sich die SS-Män­ner zu einer Bera­tung mit dem Lei­ter der Akti­on in die Block­füh­rer­stu­be. Danach sei den Män­nern, die das Lager umstellt hat­ten, befoh­len wor­den, sich von ihren Posten zurück- und abzu­zie­hen. »Die SS-Män­ner ver­las­sen das Lager; der erste Ver­such, das Lager zu ›liqui­die­ren‹, ist gescheitert.«

Joa­chi­mow­skis Schil­de­rung wird durch ande­re Augen­zeu­gen bestä­tigt. So berich­te­te der Häft­ling Wil­li Ernst nach der Befrei­ung: »Unser Block­äl­te­ster hat uns im Mai 1944 gewarnt, dass wir ver­gast wer­den soll­ten. Dar­auf haben sich alle, so gut es ging, bewaff­net. Ich selbst besaß ein Mes­ser, ande­re hat­ten Werk­zeu­ge und Knüp­pel. Wir woll­ten nicht kampf­los in die Gas­kam­mer gehen. Als die Block­sper­re kam, haben wir uns ver­bar­ri­ka­diert. Die SS hat offen­bar bemerkt, dass wir ent­schlos­sen waren, Wider­stand zu lei­sten, und so hat sie ihre ursprüng­lich geplan­te Ver­nich­tungs­ak­ti­on auf­ge­ge­ben.« Ein Teil der zu die­sem Zeit­punkt im »Zigeu­ner­fa­mi­li­en­la­ger« Gefan­ge­nen wur­de dadurch geret­tet. Denn wie aus einem Bericht der Über­le­ben­den Zil­ly Schmidt her­vor­geht, mach­te die SS kei­nen zwei­ten Ver­such, das Lager bei vol­ler Beset­zung zu ver­nich­ten. Aus den Erin­ne­run­gen der heu­te 97-jäh­ri­gen Über­le­ben­den zitier­te Schnee­ber­ger: »Die SS depor­tier­te in den näch­sten Mona­ten alle arbeits- und wider­stands­fä­hi­gen jun­gen Män­ner und Frau­en des Lager­ab­schnitts zusam­men mit ihren Fami­li­en in ande­re Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Übrig blie­ben etwa 4.300 Sin­ti und Roma; die mei­sten waren Frau­en, Kin­der, Alte und Kran­ke. Die­se Men­schen wur­den in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 in die Gas­kam­mer getrie­ben.« Obgleich dies­mal jeder Wider­stand aus­sichts­los gewe­sen sei, hät­ten die Men­schen erneut ver­zwei­fel­te Gegen­wehr gelei­stet. Wie Zeu­gen im spä­te­ren Auschwitz­pro­zess aus­sag­ten, haben sie bis zuletzt um ihr Über­le­ben gekämpft.

Der Zen­tral­rat Deut­scher Sin­ti und Roma erin­nert jedes Jahr am 2. August mit einer inter­na­tio­na­len Gedenk­fei­er auf dem Gelän­de der KZ-Gedenk­stät­te Ausch­witz-Bir­ken­au an die Ver­fol­gung und Ermor­dung der Sin­ti und Roma. Und jedes Jahr betei­li­gen sich mehr jun­ge Men­schen aus vie­len euro­päi­schen Län­dern dar­an. Aber nicht in erster Linie zu dem Datum 2. August möch­te der Vor­sit­zen­de der baye­ri­schen Sin­ti und Roma die Brücke schla­gen, son­dern zum 8. Mai, dem Tag der Befrei­ung. Sin­ti und Roma waren, so Schnee­ber­ger, Teil der anti­fa­schi­sti­schen Befrei­ungs­be­we­gun­gen, die im gesam­ten natio­nal­so­zia­li­stisch besetz­ten Euro­pa gekämpft haben. Vor allem für Frank­reich, Ita­li­en und Süd­ost­eu­ro­pa sei die Zusam­men­ar­beit mit Wider­stands­grup­pen doku­men­tiert. So hät­ten Sin­ti und Roma in Frank­reich eng mit der Rési­stance zusam­men­ge­ar­bei­tet. »Sie betei­lig­ten sich an der Ver­brei­tung von Flug­blät­tern, an der Über­mitt­lung gehei­mer Infor­ma­tio­nen sowie an der Ber­gung und am Trans­port von Waf­fen, die von bri­ti­schen Flug­zeu­gen abge­wor­fen wur­den. Sie hal­fen abge­schos­se­nen Pilo­ten und bau­ten für geflo­he­ne Kriegs­ge­fan­ge­ne ein Flucht­we­ge­netz auf. Auch eini­ge Offi­zie­re der fran­zö­si­schen Wider­stands­be­we­gung waren Ange­hö­ri­ge der Min­der­heit. Sie führ­ten wäh­rend der Lan­dung der Alli­ier­ten in der Nor­man­die Angrif­fe auf die deut­schen Besat­zungs­trup­pen durch und erhiel­ten dafür spä­ter hohe Aus­zeich­nun­gen.« Auch in Ita­li­en nah­men Ange­hö­ri­ge der Min­der­heit am anti­fa­schi­sti­schen Wider­stand teil. Beson­ders bekannt für ihre muti­gen Aktio­nen wur­de die »Löwen-Bri­ga­de«, die aus­schließ­lich aus Sin­ti und Roma bestand. Im besetz­ten Ser­bi­en schlos­sen sich vie­le Ange­hö­ri­ge der Min­der­heit der natio­na­len Befrei­ungs­be­we­gung unter Tito an und wur­den spä­ter für ihre wich­ti­ge Rol­le bei der Befrei­ung aus­ge­zeich­net. Eben­so waren Roma aktiv in den Par­ti­sa­nen­be­we­gun­gen der Sowjet­uni­on und in der von den Deut­schen besetz­ten Tsche­cho­slo­wa­kei. Als Bei­spiel nann­te Schnee­ber­ger den »schwar­zen Par­ti­san« Josef Jeli­nek. Der tsche­chi­sche Rom wur­de, zusam­men mit sei­ner Fami­lie, ver­haf­tet und durch die Gen­dar­me­rie des Pro­tek­to­rats Böh­men und Mäh­ren in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Lety depor­tiert. Gemein­sam mit ande­ren Häft­lin­gen gelang ihm die Flucht. Er bau­te dann eine Par­ti­sa­nen­di­vi­si­on auf, die in erster Linie aus geflo­he­nen sowje­ti­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen bestand.

»Vie­le die­ser Geschich­ten und Bio­gra­fien müss­ten erzählt wer­den«, schloss Schnee­ber­ger sei­nen Vor­trag und bedau­er­te: »Ich kann hier nur die Brei­te und Viel­fäl­tig­keit des Wider­stands von Sin­ti und Roma andeuten.«

Sin­ti und Roma waren nicht nur Opfer des faschi­sti­schen Völ­ker­mor­des, sie waren auch Teil der Befrei­ung, und die Volks­grup­pe kann stolz dar­auf sein. Die­ses Wis­sen ver­mit­tel­te der Lan­des­vor­sit­zen­de den Zuhö­rern an die­sem Abend. Die Bot­schaft wur­de auf­ge­nom­men von dem Pia­ni­sten und Kom­po­ni­sten Adri­an Gas­par. Der in Wien leben­de Rom fiel schon in der Ver­gan­gen­heit dadurch auf, dass er die Lei­dens­ge­schich­te des Münch­ner Sin­to Hugo Höl­len­rei­ner zu einem beein­drucken­den Ora­to­ri­um ver­ar­bei­te­te. Er war drei­und­zwan­zig Jah­re alt, als sei­ne »Sym­pho­nia Roma­ni« mit dem Titel »Bari duk – Gro­ßer Schmerz« 2010 in Öster­reich urauf­ge­führt wur­de. In den zwölf Jah­ren, die seit­dem ver­gan­gen sind, kom­po­nier­te er nicht nur zahl­rei­che Stücke vol­ler Lebens­freu­de und Witz, vol­ler Zart­heit und Über­mut, im Auf­trag der Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Naziregimes/​Bund der Anti­fa­schi­stin­nen und Anti­fa­schi­sten (VVN-BdA) »ver­ton­te« er auch drei Bil­der, die der Wie­ner Künst­ler Karel Sto­j­ka im KZ Flos­sen­bürg gemalt hat. In der Seidlvil­la begei­ster­te Gas­par die Zuhö­rer mit einer impro­vi­sier­ten Fol­ge eige­ner Kom­po­si­tio­nen. Dem stell­te er die fol­gen­den Zei­len von Karel Sto­j­ka vor­an: »Wir Roma sind wie die Blu­men der Erde. Man kann uns zer­tre­ten, man kann uns ver­bren­nen, man kann uns erschla­gen, man kann uns erschie­ßen. Wir Roma sind wie Blu­men, wir kom­men immer wieder.«