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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Antwort

Jurij Andruchow­ytsch, ukrai­ni­scher Schrift­stel­ler: Im Krieg – Lie­ber Jurij, seit vie­len Jah­ren ken­ne und schät­ze ich dich als Autor wun­der­ba­rer Bücher und – mehr noch – als eine Art Mul­ti­ta­lent. Als du 2006 den »Leip­zi­ger Buch­preis zur Euro­päi­schen Ver­stän­di­gung« erhieltst, hat­te ich die Freu­de (und Ehre), anläss­lich der Ver­lei­hung ein Lau­da­tio-ähn­li­ches Gespräch mit dir auf offe­ner Büh­ne zu füh­ren. Wir haben dich gefei­ert. Und das war gut und rich­tig so.

Nun bist du im Krieg und befin­dest dich sozu­sa­gen im Kampf­mo­dus gegen den rus­si­schen Aggres­sor. Das mag rich­tig sein, erzwun­gen und unver­meid­lich, aber gut ist es nicht. Dass du gegen­über Russ­land schon immer eine durch­aus ableh­nen­de Hal­tung gezeigt hast – du hader­test schon früh mit dei­nem Vor­na­men, den dir dei­ne Eltern, so erzählst du es selbst, wegen des berühm­ten Kos­mo­nau­ten Gaga­rin gege­ben hat­ten, der im Jahr dei­ner Geburt (1960) gera­de auf sei­nen ersten Raum­flug vor­be­rei­tet wur­de –, konn­te ich aus histo­ri­schen wie aus bio­gra­fi­schen Grün­den nach­voll­zie­hen. Das rus­si­sche Domi­nanz­stre­ben hat dich schon immer empört: Du wur­dest in den 1980er Jah­ren zu einem zwei­jäh­ri­gen Mili­tär­dienst in der ruhm­rei­chen Sowjet­ar­mee gezwun­gen, an dein Stu­di­um am Mos­kau­er Maxim-Gor­ki-Insti­tut erin­nerst du dich ungern, und die rus­si­sche Hal­tung gegen­über den Eman­zi­pa­ti­ons­be­stre­bun­gen »abtrün­ni­ger« Sowjet­re­pu­bli­ken hast du schon früh – und zu Recht – »Kul­tur­chau­vi­nis­mus« genannt.

Heu­te aber muss ich dir, in Abwand­lung eines berühm­ten Spon­ti-Spru­ches, zuru­fen: Die größ­ten Kri­ti­ker der Elche wer­den plötz­lich sel­ber wel­che. Es möch­te ja sein, dass dir in die­sen Zei­ten nicht der Sinn nach rus­si­scher Kul­tur und Lite­ra­tur steht. Vol­les Ver­ständ­nis. Aber wenn du nun (z. B. in der pol­ni­schen Zei­tung Gaze­ta Wybor­c­za vom 16. April) die Lek­tü­re rus­si­scher Schrift­stel­ler (Tsche­chow, Bul­ga­kow und »vor allem« Dosto­jew­ski) prak­tisch zum »Ver­rat« an der Ukrai­ne erklärst, kann ich dir nicht mehr folgen.

»Dort, wo man Bücher ver­brennt, ver­brennt man auch am Ende Men­schen«, wuss­te Hein­rich Hei­ne schon lan­ge vor der Bücher­ver­bren­nung der Nazis; er bezog sich dabei auf die Ver­bren­nung isla­mi­scher Schrif­ten im katho­li­schen Spa­ni­en um das Jahr 1500. »Das war ein Vor­spiel nur« – und wenn wir uns aus ja durch­aus nach­voll­zieh­ba­rer Wut an so einer Bar­ba­rei betei­li­gen, hat Putin schon gewon­nen, wir unter­wer­fen uns sei­ner »kul­tur­chau­vi­ni­sti­schen« Logik.

(Neben­bei bemerkt: Der­sel­be Hei­ne müss­te heu­te in sol­cher Logik eigent­lich auch ver­bo­ten sein, eben­so wie Les­sing oder Schil­ler, Kaf­ka oder Bru­no Schulz, der im ukrai­ni­schen Lem­berg, dem heu­ti­gen Lwiw, gelebt hat und dort von einem SS-Mann getö­tet wurde.)

Lie­ber Jurij, ich kann nicht ver­hin­dern, dass du im über­tra­ge­nen Sin­ne oder tat­säch­lich gegen Russ­land in den Krieg ziehst. Ich kann dich nur instän­dig bit­ten, nicht zum »Elch« zu wer­den. Jeder Krieg kennt nur Ver­lie­rer, egal, wer am Ende die Schlach­ten »gewinnt«.

Rüdi­ger Dammann