Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Krone der Schöpfung

Albert Camus’ Werk »Die Pest« wur­de aus aktu­el­lem Anlass in vie­len Län­dern wegen der hohen Nach­fra­ge neu auf­ge­legt. Der 1947 erschie­ne­ne Roman hat den Aus­bruch der aus dem Mit­tel­al­ter bekann­ten Seu­che in der (damals) fran­zö­si­schen Hafen­stadt Oran zum The­ma. Gewis­se Par­al­le­len zur heu­ti­gen Coro­na-Pan­de­mie sind leicht erkenn­bar. Das zunächst zöger­li­che Agie­ren der Auto­ri­tä­ten bei den ersten Pest­pa­ti­en­ten, die erst hilf­lo­sen, dann hasti­gen Hygie­ne­maß­nah­men, auch die Qua­ran­tä­ne, die Sperr­stun­de oder spä­ter die Abrie­ge­lung gan­zer Stadt­vier­tel wie im Früh­jahr in Chi­na wer­den von Camus beschrie­ben. Sogar die schnell aus­ge­ho­be­nen Mas­sen­grä­ber, in denen die Ver­stor­be­nen unwür­dig ver­scharrt wer­den, erin­nern an Bil­der aus den USA, Bra­si­li­en und Ita­li­en. Schließ­lich kommt einem auch der Wunsch der Bevöl­ke­rung wie auch der Regie­ren­den, es möge alles schnellst­mög­lich wie­der so sein wie vor der Seu­che, sehr bekannt vor.

Pan­de­mien sind unso­zi­al. Schon bei der mit­tel­al­ter­li­chen Pest zogen sich die wohl­ha­ben­den Bür­ger auf ihre Land­sit­ze zurück und konn­ten sich so vor der Seu­che weit­ge­hend schüt­zen. Auch die Spa­ni­sche Grip­pe, wel­che kurz nach dem Ersten Welt­krieg mehr Opfer for­der­te als die Kämp­fe auf den Schlacht­fel­dern, traf zwar im Gegen­satz zu Coro­na vor allem jun­ge Men­schen, jedoch kaum die Rei­chen und Mäch­ti­gen. Und wer heu­te ein Haus mit Gar­ten sein Eigen nennt, kann mit den ver­ord­ne­ten Coro­na-Maß­nah­men leich­ter leben als Fami­li­en in engen Hoch­haus­woh­nun­gen. Die gro­ßen Ver­lie­rer sind die Gering­ver­die­ner, die Obdach­lo­sen, die Bett­ler. Sie wer­den als erste ent­las­sen bezie­hungs­wei­se Opfer der Hygie­ne­vor­schrif­ten, und in den lee­ren Stra­ßen der Innen­städ­te gibt es kei­ne Almo­sen. Abstand ist ange­sagt, und das in einer Gesell­schaft, wel­che ohne­hin nach dem Mot­to »Jeder ist sei­nes Glückes Schmied« zu exzes­si­ver Indi­vi­dua­li­tät erzieht.

Eine auf Tech­nik fixier­te Gesell­schaft, in der schein­bar alles beherrsch­bar ist, fürch­tet nichts mehr als Kon­troll­ver­lust und Still­stand. Dabei hat gera­de das win­zi­ge Virus mit dem Krön­chen gezeigt, wie labil und ver­letz­lich die herr­schen­den Syste­me sind. Das Pri­mat der Wirt­schaft darf nicht in Fra­ge gestellt, das Weih­nachts­ge­schäft soll­te bis zum letz­ten Moment geret­tet wer­den, Umsatz­ein­bu­ßen sind die eigent­li­che Kata­stro­phe, wel­che um jeden Preis ver­mie­den wer­den sollte.

Die wirk­li­che Seu­che ist die pan­de­mi­sche Aus­brei­tung des Share­hol­der-Values auf Insti­tu­tio­nen der Daseins­für­sor­ge wie Kran­ken­häu­ser, Alten­hei­me, Alters­ver­sor­gung und Bil­dung. Das Dog­ma »Pri­vat vor Staat« hat sich tief in das offi­zi­el­le Den­ken ein­ge­gra­ben, das legi­ti­me Gewinn­stre­ben, der drin­gend gesuch­te Inve­stor, das Suchen nach der pro­fi­ta­blen Markt­lücke wird kaum hin­ter­fragt. Ganz neben­bei wer­den im Namen der Seu­che neue Über­wa­chungs­tech­ni­ken ein­ge­führt, und die Kon­takt­li­sten in den Restau­rants, wel­che im Som­mer von den Gästen pflicht­schul­dig aus­ge­füllt wur­den, durf­ten selbst­ver­ständ­lich auch zu poli­zei­li­chen Fahn­dungs­zwecken die­nen. Miss­trau­en, Angst und Denun­zi­an­ten­tum unter­gra­ben soli­da­ri­sches Handeln.

Doch die Pan­de­mie ist nur einer der vier neu­zeit­li­chen Rei­ter der Apo­ka­lyp­se. Der viel­leicht näch­ste hat den sper­ri­gen Namen Anti­bio­ti­ka-Resi­stenz. Mit der immer hem­mungs­lo­se­ren Anwen­dung von Anti­bio­ti­ka bei Men­schen und Nutz­tie­ren schwin­det deren Wirk­sam­keit rapi­de, und selbst jene Reser­ve-Anti­bio­ti­ka, die eigent­lich nur für Not­fäl­le gedacht sind, wer­den auch in der Mas­sen­tier­hal­tung ver­wen­det. Medi­zi­ner war­nen, dass bald wie­der Krank­hei­ten zum Tode füh­ren wer­den, die als längst besiegt gal­ten. Die Phar­ma­in­du­strie ver­dient präch­tig an dem Mas­sen­pro­dukt und hat kein Inter­es­se, die Anwen­dung ein­zu­schrän­ken. Die Ent­wick­lung neu­er Anti­bio­ti­ka hat mit Hin­weis auf die hohen Ent­wick­lungs­ko­sten kei­ne Priorität.

Der drit­te Rei­ter der moder­nen Apo­ka­lyp­se ist zwar all­ge­gen­wär­tig und Dau­er­the­ma in den Medi­en, aber er nähert sich offen­sicht­lich zu lang­sam, um als unmit­tel­ba­re Kata­stro­phe wahr­ge­nom­men zu wer­den. Die gigan­ti­schen Brän­de im Ama­zo­nas­ge­biet und in der rus­si­schen Tun­dra, in Kali­for­ni­en und selbst auf dem höch­sten Berg Afri­kas blei­ben Rand­er­schei­nun­gen ange­sichts der Mil­li­ar­den­sum­men, wel­che für Coro­na­hil­fen und unren­ta­ble Berg­bau­un­ter­neh­men ver­schleu­dert wer­den. Wäh­rend­des­sen schmel­zen die Pol­kap­pen schnel­ler als alle Vor­her­sa­gen es berech­net haben.

Schließ­lich der vier­te und schreck­lich­ste Rei­ter: der Krieg. Fast alle Abkom­men, die zur Rüstungs­kon­trol­le und Kriegs­ver­mei­dung geschlos­sen wor­den waren, sind »aus­ge­lau­fen« oder wur­den auf­ge­kün­digt. Die Ver­käu­fe von Waf­fen aller Art stei­gen welt­weit rasant, neu ent­wickel­te »smart bombs« sol­len den Nukle­ar­krieg mög­lich machen, Hyper­schall­ra­ke­ten sol­len die Vor­warn­zeit auf weni­ge Minu­ten ver­kür­zen. Das Wett­rü­sten ist wie­der in vol­lem Gan­ge, aber wirk­lich ernst wird die Bedro­hung nicht genom­men, ganz wie bei der aktu­el­len Pandemie.

»Es gab auf der Welt eben­so vie­le Pest­aus­brü­che wie Krie­ge. Und den­noch tref­fen Pest und Krieg die Men­schen stets völ­lig unvor­be­rei­tet.« Der Aus­spruch stammt von Rieux, einem der Prot­ago­ni­sten in Camus’ Roman. Für Camus ist die Pest auch ein Syn­onym für den Krieg, der Frank­reich durch die deut­sche Besat­zung hart getrof­fen hat­te, die Befrei­ung ist das glück­li­che Ende einer Seu­che, die über das Land her­ein­ge­bro­chen war.

Albert Camus’ Phi­lo­so­phie bewegt sich zwi­schen Revol­te und Resi­gna­ti­on, zwi­schen Sinn und Sinn­lo­sig­keit, sym­bo­li­siert durch Sisy­phos’ absur­de Exi­stenz, die trotz aller ver­geb­li­cher Mühen Glück ver­heißt. Camus starb als Bei­fah­rer im Luxus­wa­gen sei­nes Ver­le­gers Gal­li­mard, der den Schrift­stel­ler über­re­det hat­te, mit ihm nach Paris zurück­zu­fah­ren. Das Bil­lett für den Zug hat­te er noch in der Tasche. Der Zustand der Welt ist seit sei­nem Tod eher noch absur­der geworden.