Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Coronarebellion gegen maskierte Demokratie

Die ent­schei­den­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen ste­hen noch aus: die Kämp­fe um die Ver­tei­lung der pan­de­mie­be­ding­ten Pro­fi­te und Lasten. Um Posi­ti­on bezie­hen zu kön­nen, reicht es nicht, nur auf das Virus und die Maß­nah­men der Bun­des­re­gie­rung zu starren.

 

Die Pan­de­mie ist Kul­mi­na­ti­ons­punkt einer chro­ni­schen Krise

Kenn­zeich­nend für die Stim­mung in Deutsch­land vor Coro­na war der Wider­spruch zwi­schen der äuße­ren Dar­stel­lung (»Deutsch­land geht es gut«, Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel) und einer dif­fe­ren­zier­ten Tie­fen­struk­tur der Gesell­schaft. Umfra­gen, Sozi­al­da­ten und Stu­di­en zei­gen ein wach­sen­des Miss­trau­en in der Bevöl­ke­rung gegen­über dem Staat und sei­nen Insti­tu­tio­nen (vgl. mei­nen Bei­trag »Eli­te ver­traut dem Staat«, Ossietzky, 14/​2020), das Gefühl poli­ti­scher Ohn­macht. Wem kann man glau­ben? Wer hat Ein­fluss auf die Poli­tik? Die Mas­se der Men­schen gewiss nicht.

Eine tie­fe sozia­le Spal­tung geht Hand in Hand mit Ver­ein­ze­lung, Ent­so­li­da­ri­sie­rung, aber auch Ver­ro­hung. Unter der Ober­flä­che sam­meln sich Unsi­cher­heit, Angst und das Gefühl, als Mensch und als Staats­bür­ger miss­ach­tet und ent­wer­tet zu sein. Wie lang kann sich ein Land mit dem pro­pa­gier­ten Selbst­ver­ständ­nis von Demo­kra­tie, sozia­lem Rechts­staat und Mensch­lich­keit ohne auto­ri­tä­res Durch­grei­fen hal­ten, wenn sich die Bür­ge­rIn­nen vom Staat nur als Ver­brau­cher, Kosten­fak­tor und Über­wa­chungs­ob­jekt behan­delt füh­len? Die Regie­rung und die Macht­eli­te mühen sich, den schö­nen Schein zu wah­ren, aber unter der Ober­flä­che bro­delt es – Coro­na beschleu­nigt sowohl die Ent­de­mo­kra­ti­sie­rung als auch den Vertrauensverlust.

Plötz­lich ist eine Bedro­hung kon­kret, im All­tag spür­bar. Sie lau­ert nicht in der Sahel­zo­ne, in Syri­en oder im Jemen, son­dern in der Ein­kaufs­zo­ne, in der Kir­che oder im Freun­des­kreis. Man ist selbst betrof­fen! »Plötz­lich müs­sen die West­ler ohne Restau­rants, Fri­seur­sa­lons, Fit­ness­stu­di­os, Kinos aus­kom­men – das ist in der Tat ein har­tes Los!«, bemerkt der suda­ne­si­sche Künst­ler Kha­lid Albaih (Melody&Rhythmus, 3/​2020). »Es tut mir leid, dass ich Ihnen das sagen muss, aber Ihre ›neue Nor­ma­li­tät‹ ist für Mil­li­ar­den dun­kel­häu­ti­ger […] Men­schen welt­weit die alte Nor­ma­li­tät.« Krän­kung und Ver­ach­tung sei­tens der Eli­te und die direk­te Betrof­fen­heit durch Krank­heits­angst und dra­sti­sche Regie­rungs­maß­nah­men bewirk­ten einer­seits Ver­drän­gung und Ver­leug­nung der Gefahr, ande­rer­seits eine Selbst­er­mäch­ti­gung: Wir las­sen uns nicht alles gefal­len! Wir sind system­re­le­vant! Wir sind selbst­be­stimmt und frei!

Zehn­tau­sen­de gin­gen auf die Stra­ße, for­der­ten Frei­heit, Demo­kra­tie und Grund­rech­te, rie­fen zu Wider­stand gegen die Poli­ti­ker auf. Und vie­le hat­ten eige­ne, radi­ka­le Wahr­hei­ten, oft gro­tesk ver­schro­ben und in All­macht­fan­ta­sien schwel­gend, wie in fol­gen­dem, breit ver­teil­tem Papier: Ziel sei die »Been­di­gung von Poli­tik, Par­tei­en, Steu­ern, Büro­kra­tie und ande­rer staat­lich orga­ni­sier­ter oder gebil­lig­ter Kri­mi­na­li­tät auf deut­schem Boden sowie die Instal­la­ti­on eines all­um­fas­sen­den phi­lo­so­phi­schen Wohl­fühl­kli­mas … Wir ent­fes­seln nichts als Lie­be, Reich­tum und Gesund­heit für alle.« In ihrer poli­ti­schen Unbe­darft­heit, aber auch gefähr­li­chen rechts­of­fe­nen Ideo­lo­gie sind die Kund­ge­bun­gen eine Ein­la­dung an Rechts­ex­tre­me, die zuneh­mend Ein­fluss gewin­nen. Berech­tig­te Kri­tik an Regie­rungs­maß­nah­men misch­te sich mit fak­ten­frei­en Behaup­tun­gen. Sehr kon­kret zeig­te sich dage­gen ein »Maß­nah­men­staat«, der per Ver­ord­nun­gen auch noch form­alde­mo­kra­ti­sche Regeln miss­ach­te­te (vgl. Rolf Göss­ner: »Men­schen­rech­te und Demo­kra­tie im Aus­nah­me­zu­stand«, Ossietzky Ver­lag 2020).

 

Die »Demas­kie­rung« der Demokratie 

Muss man sich nicht freu­en über Selbst­er­mäch­ti­gung, über Ein­tre­ten für Frei­heit und Demo­kra­tie? Ohne poli­ti­sche Ana­ly­se und ohne kon­kre­te Zie­le ver­fiel der hete­ro­ge­ne Pro­test in irra­tio­na­len Radi­ka­lis­mus. Die Quer­den­ker zei­gen die Wir­kung lan­ger neo­li­be­ra­ler ›Erzie­hung‹: Wir brau­chen kei­nen Staat, es gibt kei­ne Gesell­schaft; jeder kämpft für sich. Was wahr ist, bestim­men wir.

Wenn Frei­heit an der Schutz­mas­ke fest­ge­macht, Grund­rech­te wegen Abstands­re­geln ein­ge­klagt wer­den, ver­rut­schen die Kate­go­rien. Man reagiert die eige­ne Fru­stra­ti­on ab, wenn der Mund­schutz zum Beginn faschi­sti­scher Herr­schaft und sei­ne Abnah­me zu einem Men­schen­recht erklärt wird. Lei­der öff­ne­ten sich auch ver­dienst­vol­le, kri­ti­sche Platt­for­men für maß­lo­se Pole­mik. Hier als Bei­spiel Aus­schnit­te an einem belie­bi­gen Tag (26.9.) aus Head­lines im Online-Maga­zin Rubi­kon: »Wir befin­den uns nicht auf dem Weg in eine Dik­ta­tur, son­dern sind längst dort ange­langt«; »… Coro­na-Maß­nah­men, eines der größ­ten Ver­bre­chen unse­rer Zeit«; »Die offi­zi­el­le Erzäh­lung über Covid-19 … ebnet dem glo­ba­len Poli­zei­staat den Weg«. Die Lin­ke geriet in eine Sand­wich­po­si­ti­on zwi­schen auto­ri­tä­rem Staat und einem gro­tes­ken »Wider­stand«, der sich gar mit dem im Faschis­mus vergleicht.

Ver­let­zung der Grund­rech­te, Miss­ach­tung von Men­schen­rech­ten, Abbau der Demo­kra­tie: Da gibt es wahr­lich Grün­de für Pro­test und Wider­stand. Armut und Ungleich­heit, Pri­va­ti­sie­rung der Daseins­vor­sor­ge, neu­er Mili­ta­ris­mus und Impe­ria­lis­mus, das Ster­ben der Flücht­lin­ge an der EU-Gren­ze, Zer­stö­rung der Umwelt, syste­ma­ti­sche Mani­pu­la­ti­on und Über­wa­chung, unmensch­li­che Arbeits­be­din­gun­gen … Auch die zu Recht beklag­te man­geln­de Empa­thie und die Miss­ach­tung mensch­li­cher Bedürf­nis­se kamen nicht erst durch Coro­na-Beschrän­kun­gen in die Welt. Wo spür­te man Mit­ge­fühl mit Kran­ken, als Kli­ni­ken pri­va­ti­siert und kaputt­ge­spart wur­den? Waren die Zustän­de in Pfle­ge­hei­men human, bewirk­te erst Coro­na die Kin­der­ar­mut? Wie oft hät­te man sich Mas­sen­de­mon­stra­tio­nen gewünscht bei der Auf­deckung der Steu­er­pa­ra­die­se, der Pri­va­ti­sie­rung der Alters­vor­sor­ge und des Gesund­heits­we­sens, der Aus­lie­fe­rung von Grund­be­dürf­nis­sen an den Pro­fit, der ziel­ge­rich­te­ten staat­li­chen Zer­stö­rung des Jour­na­li­sten Assan­ge! So lang Coro­na-Schutz­mas­ken und Abstands­re­geln die Haupt­the­men bei Pro­te­sten blei­ben, kann die Macht­eli­te über die Pan­de­mie als Ven­til für »Wider­stand« nur froh sein.

 

Der Staat als Mana­ger des Kapitals

In einer tref­fen­den Pole­mik zeig­te Jan Böh­mer­mann die »Wahr­heit über Ver­schwö­run­gen« (https://www.youtube.com/watch?v=89Ey9BrfCuI). Die immense Macht und der demo­kra­tie­wid­ri­ge poli­ti­sche Ein­fluss von Finanz- und Digi­tal­kon­zer­nen spot­tet jeder »Ver­schwö­rungs­theo­rie«, solan­ge die Kri­tik an der Ober­flä­che bleibt oder an ein­zel­nen Per­so­nen fest­ge­macht wird. Sie ver­kennt die Nor­ma­li­tät des Kapi­ta­lis­mus. Aber rea­li­täts­fer­ne Fan­ta­sien über dunk­le Mäch­te sind gefähr­lich, weil sie den Pro­fi­teu­ren Gele­gen­heit geben, fun­dier­te Kri­tik an den Kapi­tal­im­pe­ri­en zu diskreditieren.

Selbst­ver­ständ­lich han­delt der Staat auch wäh­rend der Pan­de­mie als ideel­ler Gesamt­ka­pi­ta­list. Das bedeu­tet nicht nur, dass er die Par­ti­al­in­ter­es­sen ver­schie­de­ner Akteu­re auf dem Markt aus­zu­glei­chen sucht und nur dort Zuge­ständ­nis­se an das Gemein­wohl macht, wo der Druck es erzwingt. Es bedeu­tet auch, dass er die Kri­sen­zeit im Sin­ne einer »Schock­stra­te­gie« (Nao­mi Klein) nutzt. Wäh­rend die Mehr­zahl der Men­schen mit den Sor­gen und Bela­stun­gen durch Ver­dienst­aus­fall, Kin­der­be­treu­ung und Ver­ein­sa­mung zu kämp­fen hat, kön­nen fast unbe­merkt die Gewich­te zugun­sten der Pro­fi­teu­re ver­scho­ben und impe­ria­le Zie­le durch­ge­setzt wer­den: Die sozia­le Kluft wächst, und der deut­sche Mili­ta­ris­mus kennt kei­ne Gren­zen mehr.

Und selbst­ver­ständ­lich wird sich der Ver­tei­lungs­kampf dra­ma­tisch zuspit­zen, wenn es um die Kosten der Pan­de­mie geht. Die Mil­li­ar­den Euro, die der­zeit meist ohne sozi­al-öko­lo­gi­sche Auf­la­gen an Luft­han­sa, an Rüstungs-, Phar­ma- und Auto­in­du­strie aus­ge­zahlt wer­den, sol­len die bezah­len, die davon in kei­ner Wei­se pro­fi­tiert haben – es sei denn sie setz­ten sich zur Wehr. Zwar haben die Digi­tal­kon­zer­ne unvor­stell­ba­re Pro­fi­te ein­ge­stri­chen, ohne dass sie davon für das Gemein­wohl einen Bei­trag lei­sten müss­ten. Ungleich­heit trifft jetzt schon die glo­bal Aus­ge­beu­te­ten, die exi­sten­zi­el­le Bedro­hung wird für Hun­der­te Mil­lio­nen Men­schen grö­ßer. Wäh­rend die rei­chen Län­der Impf­stoff hor­ten, wird an den Prin­zi­pi­en der Ungleich­heit nicht gerüt­telt (vgl. Ulri­ke Bau­reit­hel, »Purer Impf­na­tio­na­lis­mus«, der Frei­tag, 3.12.2020), das Patent­recht nicht geän­dert, die Waf­fen wer­den wei­ter expor­tiert und die sozia­len Ver­hält­nis­se glo­bal in ihrer gan­zen unge­rech­ten Wucht auf­recht erhal­ten. Aller Vor­aus­sicht nach wird Covid-19 nicht das letz­te Virus blei­ben – nach SARS, Vogel­grip­pe, Ebo­la –, das die Gesell­schaft erschüt­tert. Aber es ist nicht das Virus an sich, das die Men­schen bedroht. Das Agrar­sy­stem, Mono­kul­tu­ren, die Kli­ma­ka­ta­stro­phe müs­sen unwei­ger­lich dazu füh­ren, dass neue Pan­de­mien ent­ste­hen und bio­lo­gi­sche wie auch sozia­le Syste­me aus dem Gleich­ge­wicht gera­ten, bis eine explo­si­ve Lage etwas Neu­es, Bes­se­res erzwingt.

Die mei­sten Men­schen emp­fin­den Maß­nah­men wie Schutz­mas­ken und Abstands­re­geln als ange­mes­sen und not­wen­dig, und sei es nur als Geste der Rück­sicht­nah­me und Soli­da­ri­tät. Vie­le kri­ti­sie­ren eher die dra­sti­sche Ver­schär­fung der sozia­len Ungleich­heit und den wach­sen­den deut­schen Mili­ta­ris­mus. Das Virus wird beson­ders gefähr­lich in einem System, das Kapi­tal­in­ter­es­sen über die Bedürf­nis­se von Men­schen stellt. So möch­te man den (quer?)denkenden Demon­stran­tIn­nen zuru­fen: Leu­te, kämpft für die rich­ti­gen Zie­le! Nicht gegen Mas­ke und Abstands­re­geln, son­dern für Men­schen­rech­te, sozia­le Gerech­tig­keit und Frieden!