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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Paarversteherin

Im Haus­halt tue ich, was ich kann. Was zuge­ge­ben nicht viel ist. Es geht aber nicht nur um das Was, fin­de ich, wich­tig ist auch das Wie eines Tuns. Wenn ich zwei Adjek­ti­ve nen­nen soll­te, um die Art und Wei­se mei­ner Haus­halts­tä­tig­keit zu beschrei­ben, wären es »zuver­läs­sig« und »freud­voll«. Zuver­läs­sig, weil ich, wenn ich das auch nicht mehr machen wür­de, als faul gel­ten könn­te. Freud­voll, weil ich mich durch mein Tun minu­ten­lang unan­greif­bar füh­le. Aber ich sehe grad, die Spül­ma­schi­ne möch­te was zu dem The­ma sagen:

Na ja, mich wür­de er eh im näch­sten Satz erwäh­nen. Bin ich es doch, wor­auf sei­ne Haus­halts­tä­tig­keit sich im Grun­de beschränkt. Genau­er eine Hälf­te von mir: mich aus­räu­men. Wohin Geschirr und Besteck gehö­ren, hat er auf rät­sel­haf­te Wei­se her­aus­ge­fun­den. Okay, nicht dass da nicht anschlie­ßend jedes Mal die obli­ga­ten Sie­ben­sa­chen noch rum­lie­gen wür­den, die ent­we­der angeb­lich neu oder deren Plät­ze angeb­lich seit je unge­klärt sei­en. Oder dass die Che­fin nicht »zuver­läs­sig« ihre min­de­stens drei Abla­ge­über­ra­schun­gen erle­ben wür­de, jedes Mal. Aber gut, sehen wir es mal nicht so eng. Das macht er, und das kriegt er irgend­wie hin. Mich ein­räu­men hin­ge­gen will die Che­fin lie­ber selbst. Das mache er, wenn er es macht, auf so cha­rak­te­ri­sti­sche Wei­se falsch, sagt sie, dass sie ihn dabei jedes Mal wie­der ken­nen­ler­ne. Was offen­bar nicht ihre vor­ran­gi­ge Absicht ist. Dabei habe er doch sei­ner­zeit, sagt die Che­fin, das Auto, als man noch eins gefah­ren sei, so vor­züg­lich bela­den jedes Mal vor der Urlaubsreise.

Ein Auto­kof­fer­raum, wenn ich das ein­wen­den darf, hat auch kei­ne drei unter­schied­lich hohen Fahr­kör­be mit Fea­tures wie Klapp­sta­chel­rei­hen für Tel­ler, Tas­sen­eta­ge­ren, gezack­ten Kap­pen­lei­sten mit Glä­ser­sym­bol und, nicht zu ver­ges­sen, Korb­rol­len, weil sonst die Din­ger nicht fah­ren wür­den. In einen Kof­fer­raum stellt man Sachen mehr oder weni­ger ein­fach rein. Wie übri­gens auch in einen Geschirr­schrank oder ein Tas­sen­re­gal. Dar­über hät­te die Che­fin mal nach­den­ken kön­nen: War­um kriegt er das hin? Was genau ist beim Mich-Ein­räu­men das Kri­te­ri­um, das er mit sei­nem Kennt­nis­stand und sei­nen moto­risch-kogni­ti­ven Fähig­kei­ten unwei­ger­lich rei­ßen muss? Es hat etwas mit den Vor­ga­ben zu tun, die ich für die Platz­ie­rung von Gegen­stän­den in mir mache. Da kann man nicht ein­fach so ange­wuch­tet kom­men und irgend­wel­che Kof­fer noch im Lauf­schritt mit Schwung … Neee. – Da braucht es ein aus­ge­ruh­tes Auge. Einen küh­len Kopf. Jahr­zehn­te Erfah­rung. Räum­li­ches Vor­stel­lungs­ver­mö­gen gepaart mit im Lau­fe der Jah­re unver­rück­bar gewor­de­nen Grund­sät­zen, einer festen Rei­hen- und Rang­fol­ge der zu berück­sich­ti­gen­den Objek­te sowie zu guter Letzt das berühm­te Fin­ger­spit­zen­ge­fühl. Das fehlt den Män­nern ja so bemit­lei­dens­wert generell.

An der Stel­le mache ich einen Per­spek­tiv­wech­sel. Bis hier­her habe ich aus­ge­führt, wie sich die Din­ge aus Sicht der Che­fin aus­neh­men und wie ich sie mit ihr gewöhn­lich bespre­che. Das spie­geln wir jetzt mal. Mich-Ein­räu­men aus Sicht der männ­li­chen Hilfs­kraft. Ganz ein­fach: Was drin ist, steht nicht mehr rum. Was zu spät kommt, bleibt drau­ßen und fährt beim näch­sten Mal mit. Mer­ken Sie was? Die zwei Per­spek­ti­ven sind mit­ein­an­der prin­zi­pi­ell unver­ein­bar. Das ist Krieg bis zum letz­ten Tee­löf­fel, ohne jede Chan­ce auf eine Ver­hand­lungs­lö­sung. Scha­de nur, dass die bei­den das weder kapie­ren noch irgend­ei­ne Nei­gung ent­wickeln, ihre Unter­schied­lich­keit als Reich­tum zu erle­ben. Auch scha­de übri­gens, dass sie ent­schie­de­ne Geg­ner von smart home sind. Für mich wäre smart home die ein­zi­ge Chan­ce, mich über mei­ne Beob­ach­tun­gen mit einem intel­li­gen­ten Gegen­über aus­zu­tau­schen. Und für die bei­den wäre die Chan­ce noch grö­ßer: dass näm­lich ein Kon­si­li­um aus kom­pe­ten­ten Küchen-, Büro-, Unter­hal­tungs-, Sport- und Ero­tik­ge­rä­ten ihre Pro­ble­me bespre­chen und auf die­ser Grund­la­ge eine ver­netz­te Paar­the­ra­pie ent­wickeln sowie durch­füh­ren könnte.