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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ein besonderer Ton

Eine alte Frau, Auschwitz­über­le­ben­de, Jahr­gang 1921, erzählt ihre Geschich­te. Kind­heit und Jugend im pol­ni­schen Łodź, Ghet­to und meh­re­re Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger, Befrei­ung und Zusam­men­tref­fen mit Adi, dem Mann ihres Lebens, Emi­gra­ti­on in die USA, Rück­kehr nach Deutsch­land und Über­sied­lung in die DDR, Fami­li­en- und Berufs­le­ben, der Unter­gang der DDR und der Tod von Adi, die letz­ten Jah­re im Seniorenheim.

Wer glaubt, das alles zu ken­nen, schon hun­dert Mal gele­sen zu haben, wird über­rascht sein, denn da ist ein ganz beson­de­rer Ton in dem Büch­lein. Die Erzäh­le­rin kennt die Frau, in deren Mikro­phon sie spricht, seit sieb­zig Jah­ren, qua­si von Geburt an. Sie spricht man­ches aus, über das sie noch nie gere­det hat, teil­wei­se unter Trä­nen, aber es wird nie rühr­se­lig, und wenn ihre Gesprächs­part­ne­rin in sol­chen Situa­tio­nen meint, sie wol­le mit dem Fra­gen auf­hö­ren, erwi­dert die Erzäh­le­rin nur: Nein, nein, ich muss das doch mal los­wer­den. So, wenn sie sich erin­nert, wie die Mut­ter in Ausch­witz nach links beor­dert wird, sie nach rechts, und sie sich seit­her fragt, ob sie die Mut­ter nicht auf ihrem letz­ten Weg – in die Gas­kam­mer – hät­te beglei­ten müssen.

Das Buch folgt zwar über wei­te Strecken der Chro­no­lo­gie des erzähl­ten Lebens, aber immer wie­der unter­bro­chen von klei­nen Bege­ben­hei­ten am Ran­de des Gesprächs, das in ein­fa­cher Spra­che geführt wird, denn die Mut­ter­spra­che der Erzäh­le­rin war Pol­nisch. Da wer­den die freund­li­chen Pfle­ge­kräf­te erwähnt und die Spat­zen auf dem Bal­kon, da wird ein Apfel für die Besu­che­rin geschnit­ten und an das Thea­ter­le­ben in der DDR erin­nert. Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart wer­den mit­ein­an­der verwoben.

Auf die­se Wei­se hat Ant­je Leetz nicht nur eine Über­le­bens­ge­schich­te auf­ge­schrie­ben, son­dern ein Kunst­werk geschaf­fen, des­sen Lek­tü­re jedem ans Herz gelegt sei.

Mari­scha – mehr als ein Wun­der. Eine Über­le­bens­ge­schich­te. Auf­ge­zeich­net und her­aus­ge­ge­ben von Ant­je Leetz. Wall­stein Ver­lag Göt­tin­gen 2021, 165 Sei­ten, 20 .