Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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»Halb Materie, halb Leben«

Sei­ne Skulp­tu­ren sei­en Din­ge, die man mit Ver­gnü­gen betrach­ten möge, hat der US-ame­ri­ka­ni­sche Bild­hau­er Alex­an­der Cal­der ein­mal gesagt – und so geschieht das bis heu­te: Mit spie­le­ri­scher Freu­de betrach­tet man die­se frei schwin­gen­den Mobi­les, deren Ele­men­te durch die Luft in Bewe­gung gera­ten und sich um die eige­ne Ach­se dre­hen. War er denn nicht zu hei­ter, zu leicht und luf­tig, zu unpro­ble­ma­tisch, zu unpo­li­tisch, frag­te man in den poli­tik-bela­ste­ten 1960er/​1970er Jah­ren? Erst seit der Jahr­hun­dert­wen­de ist Cal­der, der 1926 nach Paris über­sie­del­te, 1933 in die USA zurück­kehr­te, wo er 1976 starb, so rich­tig wie­der­ent­deckt wor­den, in Ame­ri­ka wie in Euro­pa. Und die Neue Natio­nal­ga­le­rie hät­te sich und ihren Besu­chern kein schö­ne­res Geschenk zur Wie­der­eröff­nung des jah­re­lang sanier­ten Mies-van-der-Rohe-Bau­es machen kön­nen, als in der gro­ßen Glas­hal­le Cal­ders Sta­bi­les und Mobi­les aus­zu­stel­len: sei­ne mäch­ti­gen Kon­struk­te in Stahl und unter­schied­li­cher Far­be, sei­ne tän­ze­ri­schen Luft­skulp­tu­ren und sei­ne fili­gra­nen Minia­tur­ge­bil­de aus Draht, Blech und ande­ren Mate­ria­li­en. Eine wun­der­ba­re, eine beglücken­de Schau, die in enger Zusam­men­ar­beit mit der Cal­der Foun­da­ti­on, New York, zustan­de gekom­men ist. 50 Jah­re hat­te Cal­der in Ber­lin schon kei­ne Aus­stel­lung mehr gehabt, und sie jetzt zu erle­ben, löst wirk­lich ein Gefühl von Gelöst­heit, Beschwingt­heit, ja, Lebens­freu­de beim Betrach­ter aus. Span­nung und Über­ra­schung, Spon­ta­nei­tät und Absicht, Humor und Lau­nen­haf­tig­keit wie auch Sur­rea­les sind mit einbeschlossen.

Cal­der ist als Tän­zer unter den Bild­hau­ern bezeich­net wor­den, als Vor­läu­fer des kon­zep­tu­el­len Tan­zes, aber auch als Phi­lo­soph eine Art »Duch­amp in Bewe­gung«, der nicht nur mit den Mate­ria­li­en spielt, wie schon der fran­zö­si­sche Maler Fer­nand Léger 1931 erkannt hat, son­dern der die Mate­ria­li­en und Objek­te selbst spie­len, sie in Bewe­gung set­zen lässt und so die Per­for­mance des Mate­ri­als insze­niert. Jean-Paul Sart­re hat­te bei sei­nem Besuch von Cal­ders Pari­ser Ate­lier die Bewe­gung der Mobi­les genau beob­ach­tet. Sie waren ihm selt­sa­me Wesen, »halb Mate­rie, halb Leben«. Im Mobi­le sah er das sinn­li­che Äqui­va­lent für die »zag­haf­te, immer wie­der ver­zö­ger­te, gestör­te und durch­kreuz­te Ent­fal­tung einer Idee«. Das Mobi­le wird ihm zum Inbe­griff von Denken.

Cal­ders frei­schwe­ben­de Raum­kon­struk­tio­nen, deren Ele­men­te durch die Luft in Bewe­gung gera­ten und sich um ihre eige­ne Ach­se dre­hen, schei­nen jedes Gefühl für Mas­se ver­ges­sen zu las­sen, sie trei­ben schwe­re­los im Raum. Der Künst­ler zeigt die Schwe­re­lo­sig­keit in sei­nen Mobi­les als uto­pi­sches Poten­ti­al auf und lässt die pla­sti­schen For­men und far­bi­gen Flä­chen in den Raum auf­stei­gen. Ja, wenn sich ihre ein­zel­nen Tei­le im Luft­strom bewe­gen, dann schei­nen sie mit­ein­an­der zu gesti­ku­lie­ren, geheim gehal­te­ne Infor­ma­tio­nen aus­zu­tau­schen. Sie schei­nen phy­si­sche Netz­wer­ke, ein Fluss von unbe­kann­ten Mit­tei­lun­gen, die einen linea­ren Bewe­gungs­ver­lauf nehmen.

Auch mit Klän­gen ste­hen sie in Ver­bin­dung, die von außen auf das Mobi­le ein­wir­ken oder die die Ele­men­te eines Mobi­les selbst erzeu­gen – und damit dringt Cal­der in ganz neue künst­le­ri­sche Dimen­sio­nen vor. Im Ver­gleich zum zumeist humor­vol­len Knir­schen und Kra­chen der Maschi­nen Jean Tin­gue­lys han­delt es sich bei Cal­ders »Noi­se mobi­les« eher um mini­ma­li­sti­sche und bewusst gesetz­te Klang­ge­stal­ten wie anein­an­der­schla­gen­de Mate­ria­li­en (»Small Sphe­re and Hea­vy Sphe­re«, 1932/​33) oder bewusst inte­grier­te metal­li­sche Klän­ge (»Trip­le Gong«, um 1948). Schon der gering­ste Wind­hauch lässt die Ele­men­te eines Mobi­les sich zart berüh­ren und ver­setzt die gesam­te Struk­tur in Schwin­gung. Die Bewe­gung kann dabei einen har­mo­nisch tona­len Klang oder zumin­dest geräusch­er­zeu­gen­de Fähig­kei­ten erzeugen.

Auch die Sta­bi­les sind kei­ne mono­li­thi­schen Blöcke, son­dern in ihr Kon­strukt dringt der offe­ne Raum ein. Nicht mehr die gerun­de­te, wohl­pro­por­tio­nier­te Form, son­dern der abschüs­si­ge Boden, die gekrümm­te Wand, der rech­te Win­kel, die lot­rech­ten Kräf­te, die wie aus­ge­schnit­ten wir­ken­den Tei­le domi­nie­ren, deckend mit Schwarz oder leuch­ten­der Bunt­far­be bemalt. Ein Haupt­werk Cal­ders, »Têtes et queue« (1965), seit 1966 der Samm­lung der Natio­nal­ga­le­rie zuge­hö­rig, ist nun wie­der auf der Ter­ras­se des Glas­baus auf­ge­stellt; der aus­ge­bil­de­te Maschi­nen­bau­in­ge­nieur Cal­der ent­wickel­te hier amor­phe Tier­for­men, wäh­rend »Five Swords« (1976) mit sei­nen Indu­strie­bol­zen und rie­si­gen lackier­ten Stahl­flä­chen das Licht ein­fan­gen und Schat­ten werfen.

Um 1930 begann Cal­der das Spiel mit den beweg­li­chen, abstrak­ten, fra­gil wir­ken­den Minia­tur-Skulp­tu­ren aus Draht (er »zeich­ne­te« gleich­sam mit Draht), Blech, Mes­sing und Far­be. Sie haben meist kei­nen Titel, sind redu­ziert auf das blo­ße Gerüst, es fehlt ihnen das, was als ihr zen­tra­les Ele­ment bezeich­net wer­den kann. Gera­de in den Leer­stel­len zeigt Cal­der das Poten­ti­al der an sich kom­plet­ten Skulp­tur auf, wel­che sich erst im Vor­stel­lungs­ver­mö­gen des Betrach­ters zu ver­voll­stän­di­gen vermag.

Die­se zar­ten Gebil­de wer­den not­wen­di­ger­wei­se hin­ter Glas prä­sen­tiert, obwohl eigent­lich ihre Bewe­gung, ihre Per­for­mance ihr Wesen aus­macht. Es sind ihre Bewe­gungs­me­cha­nis­men, die ihnen ein Eigen­le­ben ver­lei­hen, das immer wie­der neue Über­ra­schungs­ef­fek­te her­vor­ruft. Das von Cal­der erwar­te­te Ein­grei­fen des Betrach­ters kann aber wenig­stens an dem 1944 von ihm ent­wickel­ten Schach­spiel erprobt wer­den, denn es wird in meh­re­ren Fak­si­mi­les in der Aus­stel­lung prä­sen­tiert und lädt zur Benut­zung durch den Besu­cher ein.

Das Moment der per­ma­nen­ten Ver­wand­lung, der Über­ra­schung, des Spie­le­ri­schen, des Zufäl­li­gen und Unvor­her­seh­ba­ren ist in die­ser Aus­stel­lung ein­fach über­wäl­ti­gend. In der Kon­stel­la­ti­on von Mate­ria­li­tät, Bewe­gung und Räum­lich­keit zeich­net sich bei einem so inno­va­ti­ven Künst­ler wie Cal­der ein völ­lig neu­er Begriff von Skulp­tur ab.

Alex­an­der Cal­der. Minimal/​Maximal. Neue Natio­nal­ga­le­rie, Pots­da­mer Str. 50, 19785 Ber­lin, Di – Mi 10 – 18 Uhr, Do 10 – 20 Uhr, Fr – So 10 – 18 Uhr, bis 13. Febru­ar 2022. Kata­log (Pre­stel Ver­lag) 39 .