Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ein vergessener Romancier

Als der Lite­ra­tur­no­bel­preis 1930 erst­mals an einen ame­ri­ka­ni­schen Schrift­stel­ler ver­lie­hen wer­den soll­te, wur­den vor allem zwei Namen gehan­delt: Sin­c­lair Lewis und Theo­do­re Drei­ser. Als die Ent­schei­dung schließ­lich auf Lewis fiel, war die Ent­täu­schung in der ame­ri­ka­ni­schen Fach­welt spür­bar groß, galt doch Drei­ser als einer der wich­tig­sten Ver­tre­ter des ame­ri­ka­ni­schen Natu­ra­lis­mus und einer der größ­ten Roman­ciers sei­ner Zeit. Selbst Lewis erkann­te das in sei­ner Nobel­preis-Dan­kes­re­de an: »Drei­ser, wie kein ande­rer, geht sei­nen Weg allein. In der Regel ohne Aner­ken­nung, oft ver­folgt, hat er den Weg der ame­ri­ka­ni­schen Lite­ra­tur von der vik­to­ria­ni­schen Zag­haf­tig­keit und Sanft­mut eines How­ells frei gemacht für Ehr­lich­keit, Kühn­heit und die Lei­den­schaft­lich­keit des Lebens. Ich zweif­le, ob ohne sei­ne Pio­nier­lei­stung irgend­ei­ner von uns ver­su­chen könn­te, dem Leben, der Schön­heit und dem Schrecken Aus­druck zu verleihen.«

Wer war die­ser Theo­do­re Drei­ser, dem sol­che Lobes­hym­nen gal­ten, des­sen Wer­ke aber heu­te kaum noch ver­legt wer­den? Am 27. August 1871 in Terre Hau­te, India­na, gebo­ren, war Drei­ser der Sohn eines deut­schen Ein­wan­de­rers aus der Eifel, der als Müh­len­ar­bei­ter im länd­li­chen Mit­tel­we­sten meist arbeits­los war. Mit zwölf Geschwi­stern wuchs der jun­ge Theo­do­re in ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen auf und wur­de streng katho­lisch erzo­gen. Er besuch­te die Volks­schu­le und danach die India­na Uni­ver­si­ty Bloo­m­ing­ton (1888-1890). Nach dem abge­bro­che­nen Stu­di­um zog er von Chi­ca­go aus bis zur Ost­kü­ste durch das Land, wo er zunächst als Gele­gen­heits­ar­bei­ter und spä­ter als Zei­tungs­re­por­ter in ver­schie­de­nen Städ­ten sei­nen Lebens­un­ter­halt ver­dien­te. 1894 kam Drei­ser nach New York City, wo er eben­falls für meh­re­re Zei­tun­gen arbeitete.

Drei­ser hat­te sich als Repor­ter und Auto­di­dakt in Redak­ti­ons­stu­ben, Gerich­ten, Poli­zei­re­vie­ren und auf der Stra­ße die Bil­dung und Lebens­er­fah­rung ver­schafft, die ihm der lücken­haf­te Schul­auf­ent­halt nicht hat­te bie­ten kön­nen. In sei­nem ersten Roman »Schwe­ster Car­rie«, der im Jahr 1900 ver­öf­fent­licht wur­de, erzählt er die Geschich­te eines uner­fah­re­nen, aber ehr­gei­zi­gen Mäd­chens. Die 18-jäh­ri­ge Caro­li­ne (Car­rie) Mee­ber hat ihren Hei­mat­ort in Wis­con­sin ver­las­sen, um in Chi­ca­go ihr Glück zu ver­su­chen. Doch die Wirk­lich­keit ant­wor­tet zunächst mit einem Hohn­lä­cheln, denn Car­rie fin­det nur einen Job in einer Schuh­fa­brik, wo sie den gan­zen Tag an einer Leder­stan­ze steht. Als Gelieb­te sowohl des flat­ter­haf­ten Hand­lungs­rei­sen­den Charles Drou­et als auch sei­nes Freun­des Geor­ge Hurst­wood, der Geschäfts­füh­rer einer mon­dä­nen Bar ist, scheint sich ihr Traum jedoch zu erfül­len. Hurst­wood stiehlt aus dem Safe sei­ner Bar eine grö­ße­re Geld­sum­me und flieht mit Car­rie nach New York, wo sie am Broad­way zur gefei­er­ten Schau­spie­le­rin und Tän­ze­rin auf­steigt, wäh­rend er in Armut dahin­siecht. Car­rie ist eine selbst­be­wuss­te, moder­ne Frau, die jede sich bie­ten­de Gele­gen­heit beim Schopf packt, um vorwärtszukommen.

Mit sei­ner rea­li­sti­schen Schil­de­rung der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se, der All­tags­welt und der Arbeits­be­din­gen in den USA zur Jahr­hun­dert­wen­de ist Drei­sers Roman ein Mei­len­stein der ame­ri­ka­ni­schen Lite­ra­tur auf dem Weg zu einer eigen­stän­di­gen lite­ra­ri­schen Iden­ti­tät. Doch die puri­ta­ni­sche Öffent­lich­keit woll­te die Aus­sa­ge des Buches nicht akzep­tie­ren, sie war von der Dar­stel­lung einer »wil­den Ehe« schockiert. Dabei war die Erst­aus­ga­be vom Ver­lag gekürzt und zen­siert wor­den und es soll­te bis 1981 dau­ern, ehe das voll­stän­di­ge Manu­skript in Ame­ri­ka erschien.

Nach sei­nem skan­dal­um­wit­ter­ten Erst­ling soll­te es – abge­se­hen von eini­gen Kurz­ge­schich­ten und jour­na­li­sti­schen Arbei­ten – bis 1911 dau­ern, ehe mit »Jen­nie Ger­hardt« Drei­sers näch­ster Roman erschien, in dem er eben­falls ein Frau­en­schick­sal schil­dert. Anders als die auf­stiegs­ori­en­tier­te Car­rie wird die eben­falls 18-jäh­ri­ge Jen­nie zum gefal­le­nen Mäd­chen, die sich in ihr Schick­sal fügt. Fast doku­men­ta­risch reflek­tier­te Drei­ser das gesell­schaft­li­che Milieu und klag­te den öffent­li­chen Moral­ko­dex an.

Von ganz ande­rer The­ma­tik war die »Tri­lo­gie der Begier­de«, mit der Drei­ser sei­nen per­sön­li­chen Erfah­rungs­be­reich ver­ließ. Die Roma­ne »Der Finan­zier« (1912), »Der Titan« (1914) und »Der Unent­weg­te« (postum 1947) sind in der Finanz­welt Chi­ca­gos ange­sie­delt. In der Per­son des skru­pel­lo­sen Geschäfts­man­nes und Finanz­ma­gna­ten Frank Alger­noon Cow­per­wood deck­te Drei­ser die dubio­sen Machen­schaf­ten und die Mecha­nis­men der kapi­ta­li­sti­schen Markt­ge­sell­schaft auf.

Ein gro­ßer Wurf gelang Drei­ser dann mit sei­nem umfang­rei­chen Roman »Eine ame­ri­ka­ni­sche Tra­gö­die« (1925), in dem er einen authen­ti­schen Gerichts­fall aus dem Jah­re 1906 auf­griff. Im Mit­tel­punkt steht der aus ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen kom­men­de Cly­de Grif­fiths, der als Hotel­pa­ge den Ver­lockun­gen des Glücks und Reich­tums erliegt, vom Ehr­geiz getrie­ben zum Mör­der wird und auf dem elek­tri­schen Stuhl endet. Drei­sers eigent­li­ches Anlie­gen war aber die kom­pro­miss­lo­se Abrech­nung mit einer men­schen­feind­li­chen Justiz. Drei­ser, der bis­her die Kri­tik immer gegen sich hat­te, erlang­te mit die­sem Roman schließ­lich Welt­ruhm. So ist es nicht ver­wun­der­lich, dass sich der Film die­ses gewal­ti­gen Stof­fes mehr­fach bemäch­tig­te, u. a. 1951 unter dem Titel »Ein Platz an der Son­ne« mit Mont­go­me­ry Clift und Eliza­beth Tay­lor in den Hauptrollen.

Mit sei­nen spä­te­ren Wer­ken konn­te Drei­ser nicht mehr an den Erfolg von »Eine ame­ri­ka­ni­sche Tra­gö­die« anknüp­fen. In den 1930er Jah­ren erschie­nen vor allem auto­bio­gra­fi­sche Schrif­ten, Rei­se­be­rich­te, Essays und der Roman »Das Boll­werk« (post­hum 1946). In Euro­pa fan­den Drei­sers Wer­ke grö­ße­re Aner­ken­nung als in sei­ner Hei­mat, wo er häu­fig als lin­ker »muck­ra­ker« (Nest­be­schmut­zer) ange­pran­gert wur­de. 1927 berei­ste er mona­te­lang die UdSSR, wo er u.a. Ser­gej Eisen­stein und Wla­di­mir Maja­kow­ski traf. Sei­ne Rei­se­ein­drücke ver­öf­fent­lich­te er in »Drei­ser Loo­ks at Rus­sia« (1928).

Von Beginn sei­ner lite­ra­ri­schen Kar­rie­re bis zu sei­nen letz­ten Tagen hielt Drei­ser an sei­nen sozia­li­sti­schen Ansich­ten fest. Seit 1932 war er Mit­glied des World Anti-War Con­gress und nahm 1938 an der Kon­fe­renz in Paris teil, auf der er sich gegen die Bom­bar­die­rung Spa­ni­ens aus­sprach. Im August 1945 trat er der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei der USA bei. Am 28. Dezem­ber des­sel­ben Jah­res ver­starb Theo­do­re Drei­ser in Los Angeles.

Drei­ser, der in der Nach­fol­ge von Balzac und Zola stand, hat die neue­re ame­ri­ka­ni­sche Lite­ra­tur des 20. Jahr­hun­derts wohl am stärk­sten geprägt. Obwohl sei­ne Wer­ke den Kampf eines Autors gegen die lite­ra­ri­schen und mora­li­schen Kon­ven­tio­nen sei­ner Zeit wider­spie­geln, sind sie heu­te mit ihrer The­ma­tik und Moder­ni­tät unver­än­dert aktu­ell. Daher ist es unver­ständ­lich, ja beschä­mend, dass sei­ne Roma­ne kaum noch ver­legt wer­den. Auch zu sei­nem 150. Geburts­tag sucht man ver­ge­bens einen Drei­ser-Titel im Buch­han­del. Die Tri­lo­gie »Begier­de« und der Roman »Eine ame­ri­ka­ni­sche Tra­gö­die« erschie­nen zuletzt in den 1970er Jah­ren im Auf­bau-Ver­lag und bei Rowohlt. Ein­zi­ger Licht­blick: die deut­sche Über­set­zung von Sus­an Urban (2017) der ersten voll­stän­di­gen ame­ri­ka­ni­schen Aus­ga­be von »Schwe­ster Car­rie« in der Buch­rei­he »Die ande­re Biblio­thek« (als Band 392).