Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Entnazifizierte Juristen

Der renom­mier­te juri­sti­sche Ver­lag C.H. Beck ließ ver­laut­ba­ren, er wol­le fort­an meh­re­re Stan­dard­wer­ke aus sei­nem Ver­lags­pro­gramm umbe­nen­nen, deren Namen für alle Jura-Stu­die­ren­den, jede Kanz­lei und in allen Gerichts­sä­len hier­zu­lan­de prä­gen­de Berg­rif­fe sind, gewis­ser­ma­ßen die erklä­ren­den, ver­läss­li­chen Leit­plan­ken durch die juri­sti­schen Höhen und Nie­de­run­gen im deut­schen Geset­zes-Dschun­gel. Aus dem »Palandt«, dem 3216-Seiten-»Kurzkommentar« zum Bür­ger­li­chen Gesetz­buch, wer­de nun der »Grü­ne­berg«, auch die dicke rote Samm­lung »Schön­fel­der« aus glei­chem Haus, mit Geset­zen zum Zivil- und Straf­recht, wer­de künf­tig unbe­nannt und vom Münch­ner Zivil­rechts­pro­fes­sor Mathi­as Haber­sack her­aus­ge­ge­ben. Nicht genug: Auch der mehr­bän­di­ge Grund­ge­setz­kom­men­tar »Maunz/​Dürig« soll künf­tig neu eti­ket­tiert wer­den; er soll den Namen »Dürig/​Herzog/​Scholz« tragen.

Dass es sich hier nicht um ein übli­ches Re-Bran­ding han­delt, son­dern um die Ein­sicht, dass es nicht akzep­ta­bel und ver­ant­wor­tungs­voll ist, wenn die Stan­dard­wer­ke im Ver­lags­pro­gramm Namen von Juri­sten tra­gen, die wäh­rend der natio­nal­so­zia­li­sti­schen Dik­ta­tur eine akti­ve und pro­mi­nen­te Rol­le ein­ge­nom­men haben – das wol­len die Münch­ner Ver­le­ger in einer Pres­se­er­klä­rung Glau­ben machen.

Der »Palandt« gehört zum Inven­tar in fast jedem Rich­ter- und Anwalts­bü­ro hier­zu­lan­de. Namens­ge­ber Otto Palandt trat im Mai 1933 der NSDAP bei. Ab Juni 1933 war er Vize­prä­si­dent und seit Dezem­ber 1933 Prä­si­dent des Preu­ßi­schen Lan­des­prü­fungs­am­tes. 1934 wur­de Palandt von Roland Freisler, Hit­lers Blut­rich­ter und spä­te­rer Prä­si­dent des Volks­ge­richts­ho­fes, zum Prä­si­den­ten des Reichs­ju­stiz­prü­fungs­amts und Abtei­lungs­lei­ter im Reichs­ju­stiz­mi­ni­ste­ri­um ernannt. Otto Palandt zähl­te damit zu den ein­fluss­reich­sten Juri­sten des Drit­ten Reichs, ein Mann, der die soge­nann­te »Ari­sie­rung« des Rechts­we­sens mit vor­an­trieb. Er for­der­te, jun­ge Juri­sten müss­ten ler­nen, »Volks­schäd­lin­ge zu bekämp­fen«, und die »Ver­bin­dung von Blut und Boden, von Ras­se und Volks­tum« begrei­fen. Kom­men­tiert hat Otto Palandt in dem nach ihm beti­tel­ten Werk gar nichts, sei­ne »Mit­ar­beit« beschränk­te sich dar­auf, glo­ri­fi­zie­ren­de Vor­wor­te auf das natio­nal­so­zia­li­sti­sche Regime zu verfassen.

Den­noch druck­te und ver­brei­te­te der Ver­lag C.H. Beck nach dem Krieg den »Palandt« mit der Recht­fer­ti­gung, der Namens­ge­ber sei bereits 1948 in der bri­ti­schen Besat­zungs­zo­ne ent­na­zi­fi­ziert wor­den. »Ent­schei­dend für uns ist«, so der Ver­lag, »dass der Name des Wer­kes schon früh los­ge­löst von der Per­son ein Eigen­le­ben ent­wickel­te und sich über meh­re­re Genera­tio­nen hin­weg in Wis­sen­schaft und Pra­xis eta­bliert hat«. So blieb es über Jahr­zehn­te. Bis heu­te. Mitt­ler­wei­le in der 80. Auflage.

Nun also soll der »Palandt« nicht mehr Palandt hei­ßen. Bleibt die Fra­ge: War­um erst jetzt? »Geschich­te kann man nicht unge­sche­hen machen. Des­halb haben wir zunächst die histo­ri­schen Namen bei­be­hal­ten«, erklärt Ver­le­ger Hans Die­ter Beck nun in der Pres­se­mit­tei­lung des Ver­lags. »Um Miss­ver­ständ­nis­se aus­zu­schlie­ßen«, so der Ver­le­ger, habe man sich nun aber dazu ent­schlos­sen, die­ses und auch ande­re »Wer­ke mit Namens­ge­bern, die in der NS-Zeit eine akti­ve Rol­le gespielt haben, umzu­be­nen­nen«. Als Grund, war­um das erst jetzt gesche­he, sagt Beck: »In Zei­ten zuneh­men­den Anti­se­mi­tis­mus ist es mir ein Anlie­gen, durch unse­re Maß­nah­men ein Zei­chen zu setzen.«

Für die­ses »Zei­chen­set­zen« gab es umge­hend öffent­li­ches Lob vom baye­ri­schen Justiz­mi­ni­ster Georg Eisen­reich. Der CSU-Poli­ti­ker nann­te die Namens­än­de­rung »eine sehr bedeut­sa­me Ent­schei­dung«, die »not­wen­dig« sei, denn »Namens­ge­ber für Geset­zes­samm­lun­gen und Kom­men­ta­re müs­sen inte­gre Per­sön­lich­kei­ten sein. Kei­ne Natio­nal­so­zia­li­sten.« Denn, so der Mini­ster: »Wir tra­gen in Deutsch­land eine beson­de­re histo­ri­sche Ver­ant­wor­tung. Anti­se­mi­tis­mus und Rechts­ex­tre­mis­mus haben in unse­rer Gesell­schaft kei­nen Platz. Ich hal­te es daher für uner­läss­lich, dass das histo­ri­sche Bewusst­sein für das natio­nal­so­zia­li­sti­sche Unrecht in allen Berei­chen geschärft wird. Der NS-Unrechts­staat und die men­schen­ver­ach­ten­den Ver­bre­chen waren auch des­halb mög­lich, weil sich nicht weni­ge Juri­sten, die eigent­lich Recht und Gesetz ver­pflich­tet waren, in den Dienst des Regimes gestellt haben.«

Der Lern-Auf­ruf des fünf­zig­jäh­ri­gen Mini­sters spie­gelt 76 Jah­ren nach Kriegs­en­de die Rhe­to­rik eines pflicht-besorg­ten Poli­ti­kers – und ist den­noch von gera­de­zu irri­tie­ren­der Geschichts­lo­sig­keit. Hat­te nicht die poli­ti­sche Klas­se, allen vor­an auch sei­ne CSU-Par­tei in der Ade­nau­er-Repu­blik alles getan und eben­so viel unter­las­sen, die­se »Furcht­ba­ren Juri­sten« (Ingo Mül­ler) rein­zu­wa­schen und zu inte­grie­ren? Zehn­tau­sen­de Juri­sten, schwer und schwerst­be­la­stet, die dem NS-Regime in wich­ti­gen Posi­tio­nen gedient hat­ten, konn­ten – aus­ge­stat­tet mit »Per­sil­schei­nen« und erfolg­reich »ent­na­zi­fi­ziert« – in der Bun­des­re­pu­blik ihre Kar­rie­ren fort­setz­ten. Die Genera­ti­on der Täter und die ihrer Nach­fol­der schlos­sen gewis­ser­ma­ßen einen genera­ti­ons­über­grei­fen­den Pakt: eine Kom­pli­zen­schaft, die auf eine kon­se­quen­te Aus­gren­zung, Straf­ver­fol­gung und Ver­ur­tei­lung ver­zich­te­te. Die Ära Ade­nau­er: der gro­ße Frie­den mit den Tätern, Mit­läu­fern und Wegsehern.

Die per­so­nel­le Kon­ti­nui­tät nach 1945 ist ein zwei­fel­haf­tes Lehr­stück poli­ti­schen Ver­hal­tens zwi­schen Stra­fe und Reinte­gra­ti­on, Kon­trol­le und Unter­wan­de­rung, Reform und Restau­ra­ti­on. In Mini­ste­ri­en und Gerichts­sä­len hiel­ten ehe­ma­li­ge Par­tei­gän­ger und Funk­ti­ons­trä­ger wie­der Ein­zug, auch in den juri­sti­schen Fakul­tä­ten der Uni­ver­si­tä­ten. Das alles ist bekannt – und wird gern vergessen.

Dazu kein Wort des Mini­sters. Auch kein kri­ti­sches Wort zur jahr­zehn­te­lan­gen Tole­rie­rung der nazi-nahen Her­aus­ge­ber- und Autoren­schaft von Ver­lags­sei­te. Dabei hat­ten bereits 2018 Eisen­reichs Mini­ster­kol­le­gen der Län­der Ham­burg, Thü­rin­gen und Ber­lin die Umbe­nen­nung des Stan­dard­kom­men­tars zum Bür­ger­li­chen Gesetz­buch »Palandt« gefor­dert. Ber­lins Justiz­se­na­tor Dr. Dirk Beh­rendt, einer der Unter­zeich­ner, mahn­te mit deut­li­chen Wor­ten: »Wir haben den Palandt in Ber­lin als Hilfs­mit­tel für das zwei­te Staats­examen zuge­las­sen. Damit steht der Beck-Ver­lag in der Ver­ant­wor­tung. Ich erwar­te daher von dem Ver­lag, dass er sei­ner Ver­ant­wor­tung gerecht wird und den Kom­men­tar umbenennt.«

Auch eine Initia­ti­ve »Palandt umbe­nen­nen!« (IPU) hat­te das immer wie­der gefor­dert und mit einem pro­vo­zie­ren­den Ver­gleich argu­men­tiert: »Wir Guten akzep­tie­ren heu­te kei­nen Rudolf-Heß-Platz mehr, kein Auto-Modell namens ›Himm­ler‹ und kei­ne Her­mann-Göring-Schu­le. Die Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der sol­che Namens­ge­bun­gen als undenk­bar gese­hen wer­den, ste­hen in star­kem Kon­trast dazu, dass in jeder rechts­wis­sen­schaft­li­chen Fakul­tät, fast jedem Amt, jedem Gericht und jeder Kanz­lei ein juri­sti­sches Stan­dard­werk zu fin­den ist, wel­ches den Namen eines füh­ren­den Natio­nal­so­zia­li­sten trägt. Wenn Her­mann Göring und Rudolf Heß, Hein­rich Himm­ler und Roland Freisler als Namens­ge­ber tabu sind, dann muss es auch Otto Palandt sein.«

Frei­lich, der »Palandt« ist nicht das ein­zi­ge nazi-kon­ta­mi­nier­te Sam­mel­werk im Ver­lags­pro­gramm. Das gilt auch für den »Schön­fel­der«, benannt nach dem Erfin­der der Geset­zes­samm­lung Hein­rich Schön­fel­der, einem Mann, der 1933 der NSDAP sowie dem Bund Natio­nal­so­zia­li­sti­scher Deut­scher Juri­sten bei­trat und 1942 als Kriegs­ge­richts­rat in Ita­li­en sei­nen Dienst tat. Im Juli 1944 wur­de er bei einem Par­ti­sa­nen­an­griff getötet.

Die 1931 von Schön­fel­der begrün­de­te Samm­lung mit dem typi­schen roten Ein­band ist eine der wich­tig­sten Geset­zes­samm­lun­gen der Rich­ter­schaft. Schon 1935, damals bereits in der 5. Auf­la­ge, beju­bel­te Schön­fel­der, dass es ihm gelun­gen sei, die »zwölf wich­tig­sten Geset­ze der Regie­rung des Füh­rers« dar­in auf­zu­neh­men, dar­un­ter selbst­ver­ständ­lich auch die »Nürn­ber­ger Gesetze«.

Alle Geset­ze sind durch­num­me­riert. Das erste trägt aber nicht die Num­mer 1, son­dern die Num­mer 20. War­um? Weil der Her­aus­ge­ber sei­ner­zeit mit dem NSDAP-Par­tei­pro­gramm begann, dann folg­ten eini­ge Ras­sen­ge­set­ze, etwa unter Nr. 12a das »Gesetz zum Schutz des deut­schen Blu­tes und der deut­schen Ehre«. Und so beginnt das BGB bei Schön­fel­der bis heu­te erst mit der Num­mer 20. Bis 1943 wur­de das Sam­mel­werk noch von Schön­fel­der selbst betreut. Seit der 14. Auf­la­ge von 1947 führt der Münch­ner Ver­lag C.H. Beck neben dem »Palandt« auch die­se Geset­zes­samm­lung fort, mitt­ler­wei­le – 880 Sei­ten stark – in der 182. Ergänzungsauflage.

Schließ­lich Theo­dor Maunz, der Begrün­der des »Maunz-Dürig«, des bedeu­tend­sten Grund­ge­setz-Kom­men­tars: 1933 trat er der NSDAP und der SA bei und wur­de 1935 ordent­li­cher Pro­fes­sor für Öffent­li­ches Recht in Frei­burg. In sei­nen zahl­rei­chen Tex­ten war er bestrebt, dem NS-Regime juri­sti­sche Legi­ti­mi­tät zu ver­schaf­fen. Nach sei­nem Tod 1993 wur­de bekannt, dass er eine enge Liai­son mit der rech­ten Natio­nal-Zei­tung unter­hal­ten hat­te. Maunz, ger­ne als »Kron­ju­rist des Grund­ge­set­zes« bezeich­net – von 1957 bis 1964 auch baye­ri­scher Kul­tus­mi­ni­ster und CSU-Mit­glied –, war bei dem rechts­ra­di­ka­len Blatt anonym als Rechts­be­ra­ter und Autor tätig.

Für den Münch­ner Beck Ver­lag kein Grund, die Zusam­men­ar­beit infra­ge zu stel­len. Bis heu­te ist der »Maunz-Dürig« im Sor­ti­ment. Für 478 Euro lie­fert der Ver­lag die 94. Auf­la­ge der Lose­blatt­samm­lung portofrei.

Hal­ten wir fest: Auch wenn sich – wie schon bei Grün­der­kol­le­ge Palandt – Per­son und Funk­ti­on auch beim »Schön­fel­der« und beim »Maunz-Düring« auf wun­der­sa­me Wei­se »von­ein­an­der gelöst« haben und fort­an »ein Eigen­le­ben füh­ren«, greift die kom­men­de und der­zei­ti­ge Juri­sten-Genera­ti­on hier­zu­lan­de bis heu­te nach den drei Geset­zes-Kom­men­ta­ren, trotz nazi-kon­ta­mi­nier­ter Her­aus­ge­ber­schaft, dem­nächst mit neu­em Titel-Etikett.

Man möch­te dem Ver­lag zuru­fen: Wie wäre es bei zukünf­ti­gen Ergän­zungs­auf­la­gen mit einem Nach­wort, einem auf­klä­ren­den, aus­führ­li­chen Text über die Kar­rie­ren der Ex-Namens­ge­ber? Gern auch mit einem selbst­kri­ti­schen Hin­weis auf eige­ne frag­wür­di­ge publi­zi­sti­sche Kontinuitäten.