Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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22-mal Russland

Jens Sie­gert ist Jour­na­list und Poli­tik­wis­sen­schaft­ler. Er lebt seit 1993 in Mos­kau und ist mit einer Rus­sin, einer stu­dier­ten Phi­lo­lo­gin, ver­hei­ra­tet. Er war Hör­funk-Kor­re­spon­dent, lei­te­te von 1999 bis 2015 das Russ­land-Büro der Hein­rich-Böll-Stif­tung und von 2016 bis 2020 am Mos­kau­er Goe­the-Insti­tut das EU-Pro­jekt »Public Diplo­ma­cy. EU and Rus­si­an«. Außer­dem berät er den Vor­stand der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on »Memo­ri­al«.

Alles Haus­mar­ken, die eines zei­gen: Jens Sie­gert ist ein Russ­land­ken­ner. Und nicht nur das: Sie­gert liebt Russ­land, wie der Titel sei­nes Sach­buchs »111 Grün­de, Russ­land zu lie­ben« aus dem Jahr 2018 bezeugt. (Die Publi­ka­ti­on ist Teil einer Buch­rei­he des 1992 in Ber­lin gegrün­de­ten Ver­lags Schwarz­kopf & Schwarz­kopf, in der schon diver­se Bücher mit dem Titel »111 Grün­de, … zu lie­ben« erschie­nen sind.) Das Goe­the Insti­tut schrieb damals auf sei­ner Web­site, dem Autor sei es gelun­gen, »Russ­land gleich­zei­tig mit viel Sym­pa­thie, aber auch mit einem durch­aus kri­ti­schen Blick darzustellen«.

Im Juli die­ses Jah­res ist Sie­gerts neu­es Buch »Im Prin­zip Russ­land« erschie­nen. Kurz zuvor, am 18. Juni, hat­te Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter Stein­mei­er im Deutsch-Rus­si­schen Muse­um in Ber­lin-Karls­horst eine der bemer­kens­wer­te­ren Reden sei­ner Amts­zeit gehal­ten: zum 80. Jah­res­tag des deut­schen Über­falls auf die Sowjet­uni­on am 22. Juni 1941 und zur Eröff­nung der Aus­stel­lung »Dimen­sio­nen eines Ver­bre­chens. Sowje­ti­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne im Zwei­ten Weltkrieg«.

Zitat: »Was am 22. Juni 1941 begann, war die Ent­fes­se­lung von Hass und Gewalt, die Radi­ka­li­sie­rung eines Krie­ges hin zum Wahn tota­ler Ver­nich­tung. Vom ersten Tage an war der deut­sche Feld­zug getrie­ben von Hass: von Anti­se­mi­tis­mus und Anti­bol­sche­wis­mus, von Ras­sen­wahn gegen die sla­wi­schen und asia­ti­schen Völ­ker der Sowjet­uni­on. Die die­sen Krieg führ­ten, töte­ten auf jede erdenk­li­che Wei­se, mit einer nie dage­we­se­nen Bru­ta­li­tät und Grau­sam­keit. Die ihn zu ver­ant­wor­ten hat­ten, die sich in ihrem natio­na­li­sti­schen Wahn gar noch auf deut­sche Kul­tur und Zivi­li­sa­ti­on berie­fen, auf Goe­the und Schil­ler, Bach und Beet­ho­ven, sie schän­de­ten alle Zivi­li­sa­ti­on, alle Grund­sät­ze der Huma­ni­tät und des Rechts. Der deut­sche Krieg gegen die Sowjet­uni­on war eine mör­de­ri­sche Barbarei.«

Und wei­ter: »Es wer­den am Ende 27 Mil­lio­nen Tote sein, die die Völ­ker der Sowjet­uni­on zu bekla­gen hat­ten. 27 Mil­lio­nen Men­schen hat das natio­nal­so­zia­li­sti­sche Deutsch­land getö­tet, ermor­det, erschla­gen, ver­hun­gern las­sen, durch Zwangs­ar­beit zu Tode gebracht. 14 Mil­lio­nen von ihnen waren Zivi­li­sten. Nie­mand hat­te in die­sem Krieg mehr Opfer zu bekla­gen als die Völ­ker der dama­li­gen Sowjet­uni­on. Und doch sind die­se Mil­lio­nen nicht so tief in unser kol­lek­ti­ves Gedächt­nis ein­ge­brannt, wie ihr Leid – und unse­re Ver­ant­wor­tung – es fordern.«

Tief ein­ge­brannt sind die­se Erfah­run­gen jedoch im kol­lek­ti­ven rus­si­schen Gedächt­nis, auch heu­te noch. Sie­gert zeigt es am ambi­va­len­ten Umgang mit dem dop­pel­ge­sich­ti­gen Josef W. Sta­lin: »Einer­seits gibt es kaum eine Fami­lie, in der der syste­ma­ti­sche Staats­ter­ror unter Sta­lin kei­ne Spu­ren, sehr oft aber Lücken hin­ter­las­sen hat. Fast alle Men­schen im Land sind ent­we­der die Nach­fah­ren von Opfern oder die von Tätern. Nicht sel­ten sogar bei­des.« Den­noch gebe es bis heu­te »kei­ne wirk­lich tief­grei­fen­de und die gan­ze Gesell­schaft (oder zumin­dest einen gro­ßen Teil) ein­be­zie­hen­de Aus­ein­an­der­set­zung mit den Ver­bre­chen des sowje­ti­schen Staa­tes im All­ge­mei­nen und dem sta­li­ni­sti­schen Ter­ror im Besonderen«.

Einen der Grün­de dafür sieht Sie­gert im Sieg der Sowjet­uni­on im Zwei­ten Welt­krieg. Sta­lin war im Gro­ßen Vater­län­di­schen Krieg Vor­sit­zen­der des Staat­li­chen Ver­tei­di­gungs­ko­mi­tees. »Der Über­le­bens­krieg gegen die mor­den­den Deut­schen [wur­de] erlit­ten und errun­gen von Tätern und Opfern gemein­sam unter Schläch­ter Sta­lins Ober­be­fehl.« Dadurch wür­den die Ver­bre­chen Sta­lins und das Leid der eige­nen Bevöl­ke­rung bis heu­te in den Hin­ter­grund gedrängt. Der Sieg sei wohl das letz­te eini­gen­de Band (fast) aller in Russ­land. »Ob für Putin oder gegen Putin, ob libe­ral, demo­kra­tisch, kom­mu­ni­stisch oder natio­nal gesinnt: Auf die Freu­de der Erin­ne­rung an den Sieg kön­nen sich, ein­mal im Jahr am 9. Mai, alle einigen.«

Hat­te Sie­gert vor drei Jah­ren 111 Grün­de ange­führt, die Sym­pa­thie für den gro­ßen öst­li­chen Nach­barn wecken soll­ten, so setzt er dies­mal auf »eine Begeg­nung in 22 Begrif­fen«, wie der Unter­ti­tel des Buches lau­tet. »Die mei­sten der in die­sem Buch vor­ge­stell­ten Begrif­fe«, schreibt Sie­gert, »gibt es schon seit lan­ger Zeit«. Sie wur­den von ihm aus­ge­sucht, weil sie »blei­ben­de Spu­ren« hin­ter­las­sen haben. Dabei wird kei­ne trocke­ne Lek­tü­re gebo­ten; Erfah­run­gen aus 30 Jah­ren flie­ßen in die Deu­tung ein und machen das Buch äußerst lebendig.

So manch ein Begriff wird »im Westen« und in Russ­land unter­schied­lich wahr­ge­nom­men und wird dadurch zur Quel­le für Miss- oder Unver­ständ­nis. Demo­kra­tie zum Bei­spiel. Sie habe in Russ­land durch­aus eine Lob­by, schreibt Sie­gert; es sol­le aber nicht ver­ges­sen wer­den, dass die Rus­sin­nen und Rus­sen erst seit ver­gleichs­wei­se kur­zer Zeit Erfah­run­gen mit demo­kra­ti­schen Struk­tu­ren machen. Sie­gert: »Vie­le Men­schen sind über­zeugt, wie ich im Übri­gen auch, dass unter der Prä­si­dent­schaft Putins Frei­heit und Demo­kra­tie ein­ge­schränkt wur­den. Damit sind wir aber in Russ­land in der Min­der­heit.« Umfra­gen wür­den näm­lich zei­gen, »dass fast zwei Drit­tel der Bevöl­ke­rung der Mei­nung sind, das heu­ti­ge Russ­land sei ein demo­kra­ti­sches Land. Zumin­dest sei es demo­kra­ti­scher als in den 1990er Jah­ren unter Prä­si­dent Jelzin«.

Schlan­gen zum Bei­spiel, die es auch heu­te noch gebe, und zwar über­all dort, wo der Staat ver­meint­lich kosten­lo­se Mono­pol- oder Qua­si­mo­no­pollei­stun­gen anbie­te. Die Erin­ne­run­gen an Knapp­heit und Schlan­ge­ste­hen in vor­ma­li­ger Zeit sei­en noch immer tief in das gesell­schaft­li­che Bewusst­sein eingegraben.

Rus­si­sche Ortho­do­xie, Euro­pa, Obi­da, die gro­ße Krän­kung (»So vor­sich­tig man mit der Psy­cho­lo­gie gan­zer Gesell­schaf­ten sein soll­te, kann man das heu­ti­ge Russ­land durch­aus als ein Land mit einer zutiefst gekränk­ten poli­ti­schen Eli­te anse­hen.«), Pro­pi­ska, die Anmel­dung oder Wohn­ge­neh­mi­gung, Sibi­ri­en, Traum­land und Trau­ma zugleich, Zone, Lager, Gulag, aber auch Borschtsch und ande­re Lecke­rei­en oder Na poso­schok, der Trink­spruch zum Absacker, dem letz­ten Glas Wod­ka: Alle Begrif­fe ent­stam­men dem All­tag, bedie­nen poli­tisch wich­tig erschei­nen­de Phä­no­me­ne oder stam­men aus der Men­ta­li­täts­ge­schich­te. In einer Art Patch­work ent­steht so ein grö­ße­res, umfas­sen­de­res Bild vie­ler gesell­schaft­li­cher und poli­ti­scher Lebens­be­rei­che. Ver­hal­tens­wei­sen und poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen wer­den auf­ge­schlüs­selt, Ein­blicke in das rus­si­sche Füh­len, Den­ken und Han­deln eröffnet.

Und der Buch­ti­tel? Sie­gert: »Russ­land war und ist das Land des Prin­zips. Oft geht es dabei um den Wider­spruch zwi­schen Anspruch und Wirk­lich­keit.« Im Prin­zip sei alles mög­lich. Im Prin­zip sei alles unmög­lich. Ein Ja sei nicht sicher und ein Nein nicht end­gül­tig. Regeln, Geset­ze sei­en »im Prin­zip« nur Hand­lungs­an­wei­sun­gen. Radio Eriwan/​Jerewan lässt grüßen.

In der Kör­ber-Stif­tung in Ham­burg wur­de am 25. August das Buch in einer 90-minü­ti­gen Ver­an­stal­tung vor­ge­stellt. Als Sie­gert zum Abschluss gefragt wur­de, wie sich sei­ner Mei­nung nach die Bezie­hung zwi­schen Deutsch­land und Russ­land wie­der ver­bes­sern könn­te, ver­wies er auf die 1969 ein­ge­lei­te­te Neue Ost­po­li­tik Wil­ly Brandts und Egon Bahrs. Die­ser Geist wäre eine gute Richt­schnur. Heu­te feh­le das Ver­trau­en, auf bei­den Sei­ten. Ver­trau­ens­bil­den­de Maß­nah­men, wie spä­ter im KSZE-Ver­trag ver­ab­re­det, könn­ten ein wich­ti­ger Schritt sein. (Am 1. August 1975 unter­zeich­ne­ten Ver­tre­ter von 35 Staa­ten aus West und Ost nach jah­re­lan­gen Ver­hand­lun­gen die Schluss­ak­te der »Kon­fe­renz für Sicher­heit und Zusam­men­ar­beit in Euro­pa« in Hel­sin­ki. Von deut­scher Sei­te unter­schrie­ben Hel­mut Schmidt und Erich Hon­ecker den Vertrag.)

Russ­land hat in Sie­gert einen Freund, einen guten Freund, der vie­les ver­steht, aber nicht alles gut­heißt. Ich habe sein Buch mit Gewinn gele­sen. Ich emp­feh­le es.

Jens Sie­gert: Im Prin­zip Russ­land. Eine Begeg­nung in 22 Begrif­fen, Edi­ti­on Kör­ber, Ham­burg 2021, 282 Sei­ten, 19 . – Unter www.koerber-stiftung.de/mediathek ist der Live­stream der Buch­vor­stel­lung in Ham­burg abruf­bar. – Stein­mei­ers Rede im Inter­net: www.bundespraesident.de