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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Eisenbahn vor Autobahn

»Nach knapp drei Jah­ren des erbit­ter­ten Kamp­fes fei­ert die Fede­ra­ti­on CGT der Eisen­bah­ner die­sen Sieg«, beginnt das Flug­blatt der fran­zö­si­schen Gewerk­schaft CGT vom 21. Sep­tem­ber 2021. Die nächt­li­che Direkt­ver­bin­dung Per­pi­gnan (an der spa­ni­schen Gren­ze) zum Megamarkt in Run­gis (dem Bauch von Paris) war im Juli 2019 von Trans­port­mi­ni­ste­rin Eli­sa­beth Bor­ne ein­ge­stellt wor­den, weil die 80 Kühl­wa­gen nach 40 Jah­ren über­al­tert waren und die fran­zö­si­sche Bahn­ge­sell­schaft SNCF eine Fahr­preis­er­hö­hung ver­lang­te, um die Moder­ni­sie­rung der Strecke zu finan­zie­ren. Am 20. Sep­tem­ber hat­ten Pre­mier­mi­ni­ster Jean Castex und Trans­port­mi­ni­ster Jean-Bap­tist Dje­bar­ri erklärt, im Rah­men des Kon­junk­tur­pro­gramms Mit­te Okto­ber den Betrieb wie­der­auf­zu­neh­men, den Wagen­park zu sanie­ren und fle­xi­bel Con­tai­ner-Züge einzusetzen.

Wäh­rend die Kühl-Wagons im Depot in Nimes vor sich hin roste­ten, ver­pe­ste­ten nun­mehr zwei Jah­re lang täg­lich 80 Kühl-Sat­tel­schlep­per über die Auto­bahn die Luft, um die 400.000 t Obst und Gemü­se pro Jahr nach Paris zu schaf­fen und (meist) leer zurück­zu­fah­ren. Die Trans­port­fir­men »JH Mes­gu­en« und »Socaf­na« hat­ten sich ein gro­ßes Geschäft ver­spro­chen und 2018 das Unter­neh­men »Logi­fel« gegrün­det, das aus Por­tu­gal 1000 LKW-Fah­rer anheu­er­te, so im Bericht der Tages­zei­tung Le Pari­si­en vom 20. Juni 2019.

Laut Berech­nun­gen der Gewerk­schaft CGT ist der Schie­nen­gü­ter­ver­kehr »zwan­zig­mal weni­ger umwelt­schäd­lich als der LKW und 29mal weni­ger töd­lich als der Stra­ßen­ver­kehr«, so in der Sen­dung des öffent­lich-recht­li­chen Regio­nal­ra­di­os Fran­ce Bleu am 20. Sep­tem­ber. »Der Zug ver­ein­bart öko­no­mi­sche Rele­vanz mit sozia­ler und öko­lo­gi­scher Not­wen­dig­keit«, erklär­te CGT-Sekre­tär Alex­andre Boyer.

Die Drei­fach-Stra­te­gie der CGT »Kri­tik – Vor­schlä­ge – Akti­on« hat­te Erfolg, nicht zuletzt durch die Unter­stüt­zung der Links­par­tei, der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei und der Grü­nen: In Mira­mas (Cote d’Azur) wur­de als Teil des Sanie­rungs­plans für den Schie­nen­ver­kehr die Gesamt­sa­nie­rung des für die Regi­on zen­tra­len Ran­gier­bahn­hofs erreicht. Dazu wur­de der Ran­gier­bahn­hof als »gemein­nüt­zig« erklärt.

Um den Ver­kehr von der Stra­ße auf die Bahn zu krie­gen, mobi­li­siert die CGT Beschäf­tig­te und Pas­sa­gie­re nicht nur an den »Bau­stel­len« etwa in Tours und Le Mans, um das Aus­dün­nen der Vor­ort­zü­ge zu ver­hin­dern. An zahl­rei­chen Orten grün­de­ten sich ein offe­nes lin­kes Bünd­nis, wie in Nar­bon­ne die »Nou­veau Par­ti Anti­ca­pi­ta­li­ste« (PCF), und ört­li­che Initia­ti­ven. Aus Per­pi­gnan berich­te­te die Regio­nal­zei­tung L’Independant am 22. Sep­tem­ber von einer nach­zu­ah­men­den Akti­on der CGT: Um der Aus­schrei­bung von Stel­len als Lok­füh­rer und Kon­trol­leu­re nach­zu­hel­fen, bau­ten die Gewerk­schafts­ak­ti­vi­sten vor dem Bahn­hof ein Ein­stel­lungs­bü­ro auf und ern­te­ten allein für Lok­füh­rer ein­hun­dert Lebensläufe.

Doch der Kampf geht wei­ter gegen das Des­en­ga­ge­ment des Staa­tes, der die als Koope­ra­ti­ve orga­ni­sier­te »Rail­coop« auf einer ein­ge­stell­ten Direkt­ver­bin­dung Lyon – Bor­deaux ab Juni näch­sten Jah­res in die pri­va­ti­sier­te Kon­kur­renz schicken möch­te. Am 5. Okto­ber ist ein inter­pro­fes­sio­nel­ler Akti­ons­tag mit Streik und Demon­stra­tio­nen im gan­zen Lan­de ange­sagt. Es geht doch! Wider­stand ist kei­nes­wegs zwecklos.