Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Erst bomben, dann buhlen

Gro­ßer Auf­lauf in Ber­lin. Ende April ver­sam­mel­ten sich dort auf Ein­la­dung von Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel und Frank­reichs Staats­chef Emma­nu­el Macron die Staats- und Regie­rungs­chefs aus Alba­ni­en, Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na, Kroa­ti­en, Koso­vo, Mon­te­ne­gro, Nord­ma­ze­do­ni­en, Ser­bi­en, Slo­we­ni­en sowie die für die Ver­mitt­lung im Koso­vo-Kon­flikt zustän­di­ge EU-Außen­be­auf­trag­te Fede­ri­ca Mog­heri­ni. Öffent­lich bekannt­ge­ge­be­nes Haupt­ziel war die Nor­ma­li­sie­rung der Bezie­hun­gen zwi­schen Ser­bi­en und sei­nem frü­he­ren auto­no­men Gebiet und jet­zi­gem selb­stän­di­gen Klein­staat Koso­vo. Nen­nens­wer­te Fort­schrit­te wur­den nicht erreicht. Ser­bi­en ist auch wei­ter­hin nicht bereit, das aus sei­nem Staats­ter­ri­to­ri­um her­aus­ge­bomb­te Gebiet als unab­hän­gi­gen Staat anzuerkennen.

NATO-Fra­gen spiel­ten offi­zi­ell kei­ne Rol­le, obwohl sie wohl hin­ter ver­schlos­se­nen Türen ange­spro­chen wur­den. Zum Ver­druss Mer­kels und Macrons lehnt Bel­grad eine Mit­glied­schaft in dem Pakt auch wei­ter­hin ab. Auf­schluss­reich ist aller­dings die Erklä­rung der bei­den Ein­la­den­den, dass eine Eini­gung zwi­schen Ser­bi­en und Koso­vo den Weg nach Euro­pa öff­nen wür­de. Gemeint ist natür­lich die EU, gedacht ist dabei selbst­re­dend auch an den Mili­tär­pakt. Kein Zufall dürf­te es gewe­sen sein, dass exakt zum Ber­li­ner Bal­kan­gip­fel gemel­det wur­de, dass in Nord­ma­ze­do­ni­en, das zum Jah­res­en­de in die NATO auf­ge­nom­men wird, vom 20. Mai bis 15. Juli Manö­ver des Kriegs­pak­tes statt­fin­den. Ein­ge­setzt wer­den dabei auch US-Bom­ber vom Typ B-1B, die 1999 ihre töd­li­che Last über Jugo­sla­wi­en abwar­fen. In Washing­ton, aber auch in Ber­lin und Paris hofft man, dass die­ser zar­te Hin­weis in Bel­grad ver­stan­den wird.

Deut­li­cher war das Wer­ben aller­dings wäh­rend des Bel­grad-Besu­ches des NATO-Gene­ral­se­kre­tär Jens Stol­ten­berg im Okto­ber des Vor­jah­res, als er nach Gesprä­chen auf hoher Ebe­ne ein gemein­sa­mes Manö­ver von NATO-Ein­hei­ten und ser­bi­schen Trup­pen besuch­te. Froh­ge­launt erklär­te er dazu: »Dies ist die erste von Ser­bi­en aus­ge­rich­te­te Übung, die eine star­ke und hoch­ge­schätz­te Part­ner­schaft zwi­schen Ser­bi­en und der NATO wider­spie­gelt.« Aber eitel Son­nen­schein herrsch­te nicht. Als er mit Stu­den­ten zusam­men­traf, wur­de er mit unan­ge­neh­men Fra­gen zur NATO-Aggres­si­on im Jah­re 1999 kon­fron­tiert. Mit sei­ner aus­ge­feil­ten drei­sten Ant­wort über­traf er alle Erwar­tun­gen: »Wir haben das zum Schutz der Zivil­be­völ­ke­rung und zur Ver­hin­de­rung der wei­te­ren Hand­lun­gen des Regimes von Milo­se­vic gemacht … Doch die wich­tig­ste Bot­schaft an Bel­grad besteht dar­in, dass wir in die Zukunft schau­en müs­sen.« Und in der sieht Stol­ten­berg Ser­bi­en als NATO-Mit­glied, denn immer­hin hat­te der Pakt den Bal­kan­staat bereits im März 2015 als Bei­tritts­kan­di­da­ten ein­ge­stuft. Aber auf dem Weg zur ser­bi­schen Mit­glied­schaft lie­gen vie­le Fels­brocken. Betrach­ten wir eini­ge näher:

2007 ver­ab­schie­de­te das ser­bi­sche Par­la­ment eine Reso­lu­ti­on über mili­tä­ri­sche Neu­tra­li­tät, und der dama­li­ge Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster Dra­gan Šut­a­no­vac erklär­te im Febru­ar 2009, Ser­bi­en wer­de wahr­schein­lich kei­ne NATO-Voll­mit­glied­schaft bean­tra­gen, aber es beab­sich­ti­ge, die Part­ner­schaft mit der Alli­anz zu stärken.

Mit­te Novem­ber 2013 besuch­te der Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster Russ­lands, Ser­gej Schoi­gu, Bel­grad. Der dama­li­ge ser­bi­sche Prä­si­dent Tomis­lav Niko­lić ver­lieh ihm den »Orden des ser­bi­schen Ban­ners ersten Ran­ges«. Im Ergeb­nis wei­te­rer Unter­re­dun­gen unter­zeich­ne­ten der ser­bi­sche Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster, Nebo­j­sa Rodić, und der rus­si­sche Gast drei Abkom­men über eine ver­stärk­te mili­tä­ri­sche Zusam­men­ar­beit, dar­un­ter einen »stra­te­gi­schen Ver­trag über die Zusam­men­ar­beit auf dem Gebiet der Ver­tei­di­gung«. Bei der Gele­gen­heit unter­strich Rodić, dass die­se Zusam­men­ar­beit »eine logi­sche Fort­set­zung der stra­te­gi­schen Part­ner­schaft bei­der Staa­ten« dar­stel­le. Im Ein­zel­nen wur­den ver­ein­bart: eine enge mili­tär-tech­ni­sche Zusam­men­ar­beit, die Aus­bil­dung ser­bi­scher Offi­zie­re in Russ­land, gemein­sa­me Mili­tär­ma­nö­ver, ein­schließ­lich sol­cher der Luft­waf­fe und der Ver­tei­di­gung vor Luft­an­grif­fen, eine inten­si­ve­re Zusam­men­ar­beit bei­der Gene­ral­stä­be sowie eine Koope­ra­ti­on bei der Moder­ni­sie­rung der ser­bi­schen Armee.

Im März 2019 fand in Bel­grad die Inter­na­tio­na­le Kon­fe­renz »NATO-Aggres­si­on – Nie­mals ver­ges­sen – 1999-2019 – Frie­den und Fort­schritt statt Krieg und Armut« statt. Unter stür­mi­schen Bei­fall erklär­te der ser­bi­sche Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster Alek­san­dar Vulin: »Wir wer­den nie­mals ein Mit­glied der NATO wer­den. Selbst wenn wir das letz­te Land in Euro­pa wären, das der NATO noch nicht bei­getre­ten ist, wer­den wir kein Mit­glied wer­den … Nie­mals wer­den wir ver­ges­sen, dass die NATO unse­re Kin­der getö­tet hat.«

Der­ar­ti­ge Absa­gen an die NATO sind kein Zufall, denn eine Umfra­ge im ver­gan­ge­nen Jahr ergab, dass knapp 85 Pro­zent der Ser­ben gegen eine NATO-Mit­glied­schaft ihres Lan­des sind. Dabei sag­ten 62 Pro­zent der Befrag­ten, sie wür­den eine Ent­schul­di­gung des Mili­tär­bünd­nis­ses für die Bom­bar­de­ments von 1999 nicht ein­mal annehmen.

Nein, die Kriegs­ver­bre­chen der NATO wer­den nicht ver­ges­sen. Auch nicht die Tat­sa­che, dass der Pakt bei sei­nem zwei­ein­halb­mo­na­ti­gen Bom­bar­de­ment Muni­ti­on mit zehn Ton­nen abge­rei­cher­tem Uran ein­setz­te, »was zum dra­sti­schen Anstieg töd­li­cher Krank­hei­ten geführt hat, unter des­sen Fol­gen noch vie­le zukünf­ti­ge Genera­tio­nen lei­den müs­sen«, schrieb das auf­la­gen­star­ke Bel­gra­der Blatt Novo­sti. Das ser­bi­sche Par­la­ment teil­te inzwi­schen mit, eine staat­li­che Kom­mis­si­on wer­de wis­sen­schaft­li­che Bewei­se für einen dra­sti­schen Anstieg der Todes­fäl­le und Ste­ri­li­tät bei Män­nern durch die NATO-Muni­ti­on sam­meln. Auf die­ser Basis kön­ne Ser­bi­en dann die Län­der, die an der Bom­bar­die­rung betei­ligt waren, auf Ent­schä­di­gun­gen verklagen.

Die Ser­ben haben auch nicht ver­ges­sen, wie Medi­en in den NATO-Staa­ten ihr Volk in übel­ster Wei­se dif­fa­mier­ten. In einem ange­sichts der erzeug­ten anti­ser­bi­schen Mas­sen­hy­ste­rie als mutig zu bezeich­nen­den Bei­trag von Micha­el Thu­mann unter der Über­schrift »Der Krieg der Kriegs­re­por­ter« schrieb Die Zeit bereits im Sep­tem­ber 1994: »Im Krieg der Begrif­fe kam es nicht dar­auf an, was rich­tig oder falsch war, son­dern dar­auf, was hän­gen­blieb. Der Ver­gleich mit den Nazis war dabei nur ein Muster einer gan­zen Kol­lek­ti­on von Eigen­schaf­ten, die den Ser­ben zuge­schrie­ben wur­den. Was lasen wir nicht alles: die Ser­ben als ›erobe­rungs­süch­ti­ges Her­ren­volk, als die ›Erben Dschin­gis Khans‹, die ›Schü­ler Sad­dam Hus­seins‹ oder als ›Eth­no­fun­da­men­ta­li­sten‹. Gele­gent­lich ver­schmolz ihr Name in Bezeich­nun­gen wie ›Ser­bobol­sche­wi­sten‹ oder ›Radi­kal­ser­ben‹. Kari­ka­tu­ri­sten zeich­ne­ten Ser­ben als sich wäl­zen­de Schwei­ne, mutier­te Stie­re, rei­ßen­de Wöl­fe, bluts­au­fen­de Sau­ri­er, dop­pel­zün­gi­ge Schlan­gen, aas­fres­sen­de Gei­er, hung­ri­ge Hyä­nen und bul­li­ge Kampf­hun­de. Nicht mit Men­schen hat­te der Westen es also zu tun, son­dern mit Monstern.«

Ange­sichts der Hal­tung der über­gro­ßen Mehr­heit der Ser­ben zur NATO ist es alles ande­re als ein Zufall, dass der ser­bi­sche Prä­si­dent Alek­san­dar Vučić Anfang Okto­ber 2018 bei einem Tref­fen mit Wla­di­mir Putin in Mos­kau beton­te, Ser­bi­en wol­le sei­ne Neu­tra­li­tät bewah­ren. Des­halb sei ein NATO-Bei­tritt nicht mög­lich. Danach füg­te er vor der Pres­se hin­zu: »Ich habe Putin gesagt, dass wir gute Bezie­hun­gen zu allen Mili­tär­bünd­nis­sen pfle­gen, dar­un­ter auch zur NATO. Aber Ser­bi­en ist nicht inspi­riert, nicht bestrebt und hat auch kei­nen Wunsch, Teil der NATO zu werden.«

Der ser­bi­sche Prä­si­dent, der lie­bend gern auf zwei Hoch­zei­ten – mit Russ­land und der NATO – tan­zen möch­te, muss auch berück­sich­ti­gen, dass für die Ser­ben Putin in allen Umfra­gen der belieb­te­ste aus­län­di­sche Poli­ti­ker ist. Slo­bo­dan Mar­ko­vić, Histo­ri­ker und Poli­to­lo­ge an der Uni­ver­si­tät Bel­grad, nann­te dafür einen wesent­li­chen Grund: »Wir sind ein fru­strier­tes Volk. Dass das sie­ges­stol­ze Ser­bi­en rein durch einen Luft­krieg besiegt wur­de, das ver­win­den die Leu­te nicht. Und jetzt gibt es jeman­den, der stell­ver­tre­tend für sie stark ist. Und der als ein­zi­ger ihren Anspruch auf den Koso­vo ver­tei­digt: Putin.«

Der ser­bi­sche Außen­mi­ni­ster Ivi­ca Dačić erklär­te kürz­lich gegen­über der rus­si­schen Tages­zei­tung Iswe­sti­ja, dass sein Land trotz Drucks aus dem Westen nie­mals Sank­tio­nen gegen Mos­kau ver­hän­gen wer­de. Die Plä­ne Ser­bi­ens, Mit­glied der Euro­päi­schen Uni­on zu wer­den, wer­den die Ent­wick­lung der Bezie­hun­gen zu Russ­land nicht behin­dern. Wört­lich stell­te er fest: »Die Freund­schaft zwi­schen Russ­land und Ser­bi­en hat Tra­di­ti­on. Heu­te befin­den sich unse­re Bezie­hun­gen auf der Ebe­ne der stra­te­gi­schen Zusam­men­ar­beit … Es wäre, um es mil­de aus­zu­drücken, falsch, den west­li­chen Län­dern bei der Ver­hän­gung von Sank­tio­nen zu folgen.«

Ja, das sind schon schwe­re Brocken, die auf dem Weg zur NATO-Mit­glied­schaft Ser­bi­ens weg­zu­räu­men wären. Die Krie­ger und Kriegs­po­li­ti­ker, die 1999 Ser­bi­en bom­bar­die­ren lie­ßen, buh­len heu­te um das schwer geprüf­te Land. Sie mühen sich ab, die Regie­rungs­chefs und die NATO-Spit­zen­leu­te, die Außen­mi­ni­ster und ihre Außer­or­dent­li­chen und Bevoll­mäch­tig­ten Bot­schaf­ter in Bel­grad. Dar­un­ter auch die nor­we­gi­sche Exzel­lenz Arne Sar­nes Bjorn­stad, der im Novem­ber 2018 erklär­te, er wün­sche, dass man in Ser­bi­en anders auf die NATO blicke, denn die­se sei nicht nur ein Mili­tär­pakt, son­dern eine Wer­te­ver­ei­ni­gung von Demo­kra­tie und Men­schen­rech­ten. Wei­ter mein­te er, dass die euro­at­lan­ti­sche Gemein­schaft die Pro­ble­me anpacke und Ser­bi­en hel­fen wol­le. Wie selbst­los, wie groß­zü­gig! Hier trifft eine alte Weis­heit zu, die Oscar Wil­de vor mehr als 150 Jah­ren nie­der­schrieb: »Selbst­lo­sig­keit ist aus­ge­reif­ter Egoismus.«