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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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»Pelle« und »Ditte Menschenkind«

»Du bist der Vater aller armen Leu­te …« – so die erste Zei­le eines Gedich­tes des deut­schen Schrift­stel­lers Max Zim­me­ring zum 80. Geburts­tag sei­nes däni­schen Schrift­stel­ler­kol­le­gen Mar­tin Ander­sen Nexø. Der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler Romain Rolland ver­glich ihn sogar mit Maxim Gor­ki: »Bei­de haben der Welt­li­te­ra­tur so gro­ße Wer­ke von Wahr­heit und Kampf geschenkt.« Obwohl Ander­sen Nexø zu den ersten nord­eu­ro­päi­schen Schrift­stel­lern gehör­te, die die sozia­le Pro­ble­ma­tik auf­grif­fen, ist er heu­te weit­ge­hend in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Selbst zu sei­nem dies­jäh­ri­gen 150. Geburts­tag gab es kei­ne Nach­auf­la­ge eines sei­ner Wer­ke, und die Bio­gra­fie »Der trot­zi­ge Däne Mar­tin Ander­sen Nexø« des Schwei­zer Autors Aldo Keel liegt bereits fünf­zehn Jah­re zurück.

Mar­tin Ander­sen Nexø wur­de am 26. Juni 1869 in Chri­sti­ans­havn, einem Arbei­ter­vier­tel von Kopen­ha­gen, als Sohn eines Stra­ßen­bau­ar­bei­ters und Stein­hau­ers gebo­ren. Er wuchs in ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen auf. 1879 sie­del­te die Fami­lie nach Nexø (Born­holm) über. Auf der Ost­see­insel war er zunächst Hüte­jun­ge und Stall­knecht, dann folg­te eine Schuh­mach­er­leh­re. Bereits in die­sen frü­hen Jah­ren begann er, die deut­sche Spra­che zu erler­nen. Als Zwan­zig­jäh­ri­ger war er zunächst arbeits­los, danach unter­rich­te­te er an der Born­hol­mer Bau­ern­volks­hoch­schu­le. Sei­ne ersten däni­schen dich­te­ri­schen Ver­su­che unter­nahm Ander­sen Nexø 1893, als er an Tuber­ku­lo­se erkrank­te. Die erste Erzäh­lung »Lot­teris­vens­ken« – von ihm selbst Mit­te der 1920er Jah­re als »Der Lot­te­rie­schwe­de« ins Deut­sche über­tra­gen – war vom Natu­ra­lis­mus des spä­ten 19. Jahr­hun­derts beein­flusst. Ein im Stein­bruch arbei­ten­der Schwe­de kauft sich ein Lot­te­rie­los, spricht aber dem Brannt­wein immer mehr zu, wäh­rend sei­ne Frau die Fami­lie durch­bringt. Nach­dem er das Los als Ein­satz beim Wür­fel­spiel im Gast­haus ver­lo­ren hat, fällt der gro­ße Gewinn auf eben die­ses Los.

1894-96 rei­ste Ander­sen Nexø in den Süden und hielt sich län­ge­re Zeit in Ita­li­en und Spa­ni­en auf. Nach Däne­mark zurück­ge­kehrt, besuch­te er einen Kurs an der Kopen­ha­ge­ner Leh­rer­hoch­schu­le, doch ab 1901 wur­de er schließ­lich frei­schaf­fen­der Schrift­stel­ler. Es ent­stan­den die noch vor dem Ersten Welt­krieg von Emi­lie Stein ins Deut­sche über­setz­ten »Born­hol­mer Novel­len« sowie der vier­tei­li­ge Roman »Pel­le Erobre­ren« (1906-1910), der nach dem Welt­krieg in der Über­set­zung von Mat­hil­de Mann als »Pel­le der Erobe­rer« in Deutsch­land bekannt wur­de. Der Roman ist das erste Werk der west­eu­ro­päi­schen Lite­ra­tur, in dem ein pro­le­ta­ri­scher Held rea­li­stisch gestal­tet wird. Um der uner­träg­li­chen Not in Schwe­den zu ent­flie­hen, ver­su­chen der Vater und sein acht­jäh­ri­ger Sohn Pel­le, auf Born­holm Arbeit zu fin­den. Aber auch hier sind sie nur Hand­lan­ger und Prü­gel­kna­ben. Wäh­rend der Vater unter den Demü­ti­gun­gen mehr und mehr zer­fällt, ent­wickelt das Natur­kind Pel­le eine unbän­di­ge Kraft und Lebens­lust. Er ver­lässt Born­holm, um das Glück zu suchen, das es irgend­wo für ihn geben muss. Mit dem Roman »Pel­le der Erobe­rer«, der nur wenig spä­ter als Gor­kis »Mut­ter« erschien, hat­te Ander­sen Nexø eine ergrei­fen­de Vater-Sohn-Geschich­te geschaf­fen, in der er teil­wei­se sein eige­nes Leben beschrieb.

Ab 1910 unter­nahm Ander­sen Nexø län­ge­re Stu­di­en­rei­sen nach Deutsch­land, und 1919 wur­de er Mit­be­grün­der der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Däne­marks. Sein zwei­tes Haupt­werk, der Roman »Dit­te men­nes­ke­barn« (1917-21), erschien in der Über­set­zung von Her­mann Kiy zunächst unter dem Titel »Sti­ne Men­schen­kind«, spä­ter als »Dit­te Men­schen­kind«. Dar­in gestal­tet Ander­sen Nexø den opfer­rei­chen Weg einer pro­le­ta­ri­schen Frau und ihre mora­li­sche Grö­ße. Dit­te, das Men­schen­kind, ein Mäd­chen aus armem Haus, geht sei­nen Weg durch die Düster­nis des frü­hen Indu­strie­zeit­al­ters. Ergrei­fend schil­dert der Autor ihr Schick­sal, ihre uner­müd­li­che Für­sor­ge und die nie ver­sa­gen­de Opfer­be­reit­schaft. Ihr, der »Mut­ter der Mensch­heit«, woll­te Ander­sen Nexø ein lite­ra­ri­sches Denk­mal set­zen: »Die Erde wur­de berei­chert durch sie … Sie war bloß eine von den vie­len Namen­lo­sen – das Men­schen­kind, des­sen Kenn­zei­chen die stets rau­en Hän­de sind.«

1922 rei­ste Ander­sen Nexø zum ersten Mal in die Sowjet­uni­on und über­sie­del­te anschlie­ßend nach Allens­bach am Boden­see, wo er bis zu sei­ner Rück­kehr nach Däne­mark 1930 wohn­te. Im Mai 1933 ver­bo­ten die Nazis sei­ne Bücher in Deutsch­land. Nach der Beset­zung Däne­marks durch deut­sche Trup­pen wur­de Ander­sen Nexö 1941 ver­haf­tet, doch 1943 gelang ihm die Flucht über Schwe­den in die Sowjet­uni­on. Nach Kriegs­en­de kehr­te er in sei­ne Hei­mat zurück, wo bald dar­auf sein Roman »Mor­ten hin røde« erschien, eine Fort­set­zung zu »Pel­le der Erobe­rer« und in der deut­schen Über­set­zung von Karl Schod­der unter dem Titel »Mor­ten der Rote« bekannt. In den Erleb­nis­sen des pro­le­ta­ri­schen Schrift­stel­lers Mor­ten und sei­ner Frau Vera spie­gelt sich die Geschich­te der däni­schen Arbei­ter­be­we­gung wider. 1951 erhielt Ander­sen Nexø den Natio­nal­preis der DDR für Kunst und Lite­ra­tur, und er sie­del­te in die DDR über. Hier wohn­te er mit sei­ner Fami­lie bis zu sei­nem Tod am 1. Juni 1954 in einem Haus im Dresd­ner Stadt­teil Wei­ßer Hirsch. Vier Tage spä­ter, am 5. Juni, wur­de er in Kopen­ha­gen beigesetzt.

Mit sei­nen Roma­nen »Pel­le der Erobe­rer« und »Dit­te Men­schen­kind« schuf Ander­sen Nexø zeit­lo­se Wer­ke von welt­li­te­ra­ri­schem Rang. Trotz ihres oft agi­ta­to­ri­schen Inhalts sind sie von einer tie­fen Mensch­lich­keit geprägt. In kraft­vol­ler Spra­che gestal­tet Ander­sen Nexø die Ver­elen­dung der Bau­ern­schaft und die Ent­wick­lung des jun­gen Pro­le­ta­ri­ats. Wäh­rend der Wei­ma­rer Repu­blik gehör­te Ander­sen Nexø zu den meist­ge­le­se­nen sozi­al­kri­ti­schen Autoren. Anfang der 1950er Jah­re wur­de er sogar für den Lite­ra­tur-Nobel­preis nomi­niert, doch die Zeit der Arbei­ter­li­te­ra­tur war vor­bei. In der DDR dage­gen genoss Ander­sen Nexø den Rang eines Klas­si­kers. Empha­tisch gelobt, wur­de er Ehren­bür­ger der Städ­te Greifs­wald und Dres­den. Zunächst erschie­nen sei­ne Wer­ke im Dietz Ver­lag, spä­ter im Auf­bau-Ver­lag. Zuletzt jedoch nur noch als Digi­tal­aus­ga­ben. Durch sei­ne Nähe zum Kom­mu­nis­mus blieb er im Westen Deutsch­lands über vie­le Jahr­zehn­te hin­weg ein nahe­zu unbe­kann­ter Autor; erst nach der Oscar-Ver­lei­hung 1989 und ande­ren Prei­sen für die Ver­fil­mung von »Pel­le der Erobe­rer« (mit Max von Sydow) stieß sein Werk hier auf ein gewis­ses Interesse.

Mit der poli­ti­schen Wen­de 1989/​90 wur­de es jedoch ruhi­ger um den däni­schen Autor. So wur­de 1990 der Mar­tin-Ander­sen-Nexø-Kunst­preis ein letz­tes Mal ver­ge­ben, und die Dresd­ner Nexø-Gedenk­stät­te schloss ihre Pfor­ten. Eini­ge Ein­rich­tun­gen, unter ande­rem Schu­len, tra­gen jedoch noch heu­te sei­nen Namen. So wird es am 26. Juni am Dresd­ner Mar­tin-Ander­sen-Nexö-Gym­na­si­um (all­ge­mein unter dem Kür­zel »MANOS« bekannt) eine Fest­ver­an­stal­tung zum 150. Geburts­tag des Schrift­stel­lers geben.