Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Berlin im impressionistischen Licht

Er war der Zau­be­rer der Far­be und des Lichts. Das Stra­ßen­bild der Groß­stadt Ber­lin bei Tag und bei Nacht, bei Regen und bei Son­nen­schein war ein bevor­zug­tes Motiv der Male­rei um 1900. Doch kei­ner konn­te so wie Les­ser Ury regen­nas­se Asphalt­stra­ßen malen, die den Schein der abend­li­chen Beleuch­tung spie­geln. Ob er die Leip­zi­ger Stra­ße, den Nol­len­dorf­platz, wo er seit 1902 wohn­te, den Bahn­hof Fried­rich­stra­ße oder Unter den Lin­den mit dem Blick auf das Bran­den­bur­ger Tor ein­fing, stets setz­te Ury atmo­sphä­ri­sche Effek­te wie Licht, Dampf und Nebel ein, hob Licht­re­kla­men und Auto­schein­wer­fer aus dem Dun­kel der Nacht wie kat­zen­haf­te Licht­ke­gel her­vor. Selbst die nächt­li­chen Stra­ßen­sze­nen des Ber­li­ner Regen­wet­ter­im­pres­sio­ni­sten trie­fen vor Was­ser, denn er braucht den Spie­gel des nas­sen Stra­ßen­pfla­sters und Asphalts für den Abglanz des Later­nen- und Schein­wer­fer­lichts. Erst der Ber­li­ner Expres­sio­nis­mus soll­te dann die Groß­stadt­stra­ße als Sin­ne und Ner­ven in Vibra­ti­on ver­set­zen­des psy­chi­sches Reiz­mit­tel und Fas­zi­no­sum ent­decken und dar­aus ein zen­tra­les Motiv gewinnen.

Den aus klein­bür­ger­li­chen jüdi­schen Krei­sen stam­men­den Les­ser Ury mit Max Lie­ber­mann, Sohn wohl­ha­ben­der jüdi­scher Eltern, in Ver­bin­dung zu brin­gen ist ein Wag­nis und eine längst fäl­li­ge Not­wen­dig­keit zugleich. Ein Wag­nis, weil Lie­ber­mann nach anfäng­li­cher För­de­rung des 14 Jah­re Jün­ge­ren zu einem Geg­ner Urys wur­de, als die­ser behaup­te­te, die Licht­ef­fek­te in des­sen Bild »Flachs­scheu­er in Laren« (1887) sei­en von ihm, Ury, gemalt wor­den. Lie­ber­mann ant­wor­te­te nur mit Nobles­se, aber bei­de woll­ten seit­dem nichts mehr mit­ein­an­der zu tun haben. Solan­ge Lie­ber­mann Vor­sit­zen­der der Ber­li­ner Sezes­si­on war, hat­te es Ury schwer, sich in Ber­lin durch­zu­set­zen. Erst als Lovis Corinth die Sezes­si­ons-Nach­fol­ge antrat, wur­de er bekannt.

Mar­tin Faass, von 2006 bis 2018 Direk­tor der Lie­ber­mann-Vil­la am Wann­see, hat­te bereits die Absicht, die impres­sio­ni­sti­schen Ber­lin-Ansich­ten Lie­ber­manns und Urys – sie unter­schei­den sich the­ma­tisch wie sti­li­stisch – mit­ein­an­der zu ver­glei­chen. Die­se Absicht setzt nun der neue Direk­tor Dani­el Span­ke in Zusam­men­ar­beit mit Ali­ce Caz­zo­la um.

Seit dem Bezug des elter­li­chen Hau­ses am Pari­ser Platz war Lie­ber­mann der licht­er­füll­te Tier­gar­ten in unter­schied­li­chen Varia­tio­nen und Tech­ni­ken Inspi­ra­ti­ons­quel­le. Aber schon das Gemäl­de »Kin­der­spiel­platz im Ber­li­ner Tier­gar­ten« (1882) mit Kin­dern und ihren Ammen im son­nen­durch­flu­te­ten Dickicht soll­te ihm als Vor­bild bis in die 1930er Jah­re die­nen. Der wie­der­hol­te Blick auf den Tier­gar­ten ist gele­gent­lich aber auch von einer gro­ßen lee­ren Flä­che geprägt (»Blick aus dem Ate­lier des Künst­lers auf den Königs­platz und die Sie­ges­säu­le«, 1897). Lie­ber­manns Groß­stadt­bil­der zei­gen das moder­ne, mon­dä­ne Stra­ßen­le­ben auf den gro­ßen Pracht­bou­le­vards. Die toni­ge Male­rei, die in sei­nem Werk domi­niert, hebt sich deut­lich genug von der Mal­tech­nik Urys, aber auch der fran­zö­si­scher Impres­sio­ni­sten ab. Lie­ber­mann war nie­mals ein Mann des erup­ti­ven Expe­ri­ments, der rück­sichts­lo­sen Erobe­rung von Neu­land und des gestal­te­ri­schen Risi­kos, des »Alles oder nichts«. Sei­ne Schöp­fun­gen nah­men einen fast »kam­mer­mu­si­ka­li­schen« Klang an, und ab 1894 mach­te sich ein »impres­sio­ni­sti­sches« Ele­ment in sei­nem Schaf­fen gel­tend. Er wand­te sich nun­mehr dem Pro­blem von Licht und Son­nen­ein­wir­kung in der Land­schaft zu, wobei er häu­fig die Stim­mung unter dem grü­nen Laub­dach der Bäu­me beob­ach­te­te. Nun beginnt sich die kon­kre­te Form auf­zu­lö­sen, das Skiz­zen­haf­te und das Spiel der Licht­ef­fek­te domi­nie­ren, die Fluk­tua­ti­on des Lich­tes ver­langt eine Leucht­kraft der Farb­flecke. Schon hier exer­ziert er sei­ne »Kunst des Weg­las­sens« und des Ver­ein­fa­chens. Lie­ber­mann bekann­te: »Nur das unter dem fri­schen Ein­druck der momen­ta­nen Phan­ta­sie flüs­sig inein­an­der gemal­te Stück hat inne­res Leben.«

Der Kunst­schrift­stel­ler Lothar Brie­ger bezeich­ne­te Ury 1921 als »Malerra­die­rer«, der Begriff kann auch für die jet­zi­ge Schau bei­be­hal­ten wer­den. Erst im Alter, nach dem 60. Lebens­jahr, hat sich Ury der Litho­gra­fie und der (Kaltnadel-)Radierung zuge­wandt. Hier greift er die The­men der frü­hen Gemäl­de der 1880er Jah­re auf, doch in neu­er Form und in ande­rer sti­li­sti­scher Inten­ti­on. Er will die mit Pin­sel und Far­be erreich­ten Effek­te auch in Schwarz-Weiß her­vor­brin­gen. So bear­bei­tet er vie­le sei­ner Stra­ßen- und Café­haus­sze­nen in gra­fi­schem Sin­ne aufs Neue. Mit spar­sa­men Mit­teln ver­mag er auch gra­fisch, das Flim­mern und Auf­leuch­ten des Lichts, die atmo­sphä­ri­sche Wir­kung und das Inein­an­der­flu­ten der Flä­chen sowie den Bewe­gungs­rhyth­mus zum Aus­druck zu brin­gen. Man ver­misst gar nicht die Far­be, denn Ury sug­ge­riert sie durch die Nuan­cie­rung der Ton­wer­te. Und er ver­steht es, in rein skiz­zen­haf­ter Wei­se, mit flüch­ti­gen und nur andeu­ten­den Stri­chen höch­ste Leben­dig­keit zu erzie­len. Hier scheint es denn auch wie­der eine gewis­se for­ma­le Annä­he­rung an Lie­ber­mann zu geben.

So lässt die­se exqui­si­te Schau den Betrach­ter viel­fäl­ti­ge Ent­deckun­gen und über­ra­schen­de Ver­glei­che ziehen.

»Max Lie­ber­mann und Les­ser Ury. Zwei­mal Groß­stadt Ber­lin«, Lie­ber­mann-Vil­la am Wann­see, Colo­mier­stra­ße 3, 14109 Ber­lin, tägl. außer diens­tags 10-18 Uhr, bis 26. August, Kata­log 18 Euro.