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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Franckes Stiftungen

Vor reich­lich 300 Jah­ren begann der 1663 gebo­re­ne Theo­lo­ge und Päd­ago­ge August Her­mann Francke unter beschei­den­sten Umstän­den mit der Errich­tung der nach ihm benann­ten Anstal­ten, gele­gen in der süd­west­lich an die alten Stadt­mau­ern von Hal­le angren­zen­den Gemein­de Glau­cha. Die­se Anstal­ten pro­spe­rier­ten zu den welt­be­kann­ten Francke­schen Stif­tun­gen. Aus der ursprüng­li­chen, christ­lich inspi­rier­ten Inten­ti­on Franckes, vor allem armen, ver­wahr­lo­sten und Wai­sen­kin­dern ein Dach über ihren Köp­fen, medi­zi­ni­sche Für­sor­ge und Schul­bil­dung zu ermög­li­chen, ent­wickel­te sich als­bald ein gro­ßes, zusam­men­hän­gen­des und nahe­zu aut­ar­kes Gemein­we­sen. Dar­in fan­den und fin­den sich ver­ei­nigt vor allem theo­lo­gi­sche, medi­zi­ni­sche und päd­ago­gi­sche Ein­rich­tun­gen zusam­men mit dem, was heu­te als Infra­struk­tur bezeich­net wird. Die Sym­bio­se von pie­ti­sti­scher Reli­gio­si­tät, Kari­tas, Tat­kraft und Geschäfts­tüch­tig­keit hat das Gan­ze über Jahr­hun­der­te hin­weg erfolg­reich tra­gen können.

Das 1698 bis 1700 errich­te­te Haupt­ge­bäu­de – jetzt als Kunst- und Natu­ra­li­en­kam­mer sowie für Ver­an­stal­tun­gen genutzt – beher­berg­te ursprüng­lich das Wai­sen­haus und eine Apo­the­ke. Dahin­ter erstreckt sich in öst­li­cher Rich­tung ein meh­re­re Hekt­ar gro­ßes Are­al mit meist mehr­stöcki­gen, lang­ge­streck­ten Fach­werk­bau­ten und diver­sen Funk­ti­ons­ge­bäu­den. In die­sen Gebäu­den waren vor allem Kran­ken- und Pfle­ge­sta­tio­nen, Inter­na­te, Schu­len für mit­tel­lo­se Kin­der, Spei­se- und Bet­sä­le sowie Werk­stät­ten unter­ge­bracht. Ein Grund­riss aus dem Jahr 1742 ver­zeich­net fer­ner eine Biblio­thek, eine Drucke­rei, ein Päd­ago­gi­um für bür­ger­li­che und adli­ge Kin­der, Gar­ten­an­la­gen, einen Wein­berg, und – etwas ver­steckt – che­mi­sche Labo­ra­to­ri­en. Heut­zu­ta­ge befin­den sich auf dem Stif­tungs­ge­län­de Ein­rich­tun­gen der Theo­lo­gi­schen und der Phi­lo­so­phi­schen Fakul­tät der Mar­tin-Luther-Uni­ver­si­tät Hal­le-Wit­ten­berg, Schu­len und ein Gym­na­si­um, fer­ner zahl­rei­che sozia­le, gewerb­li­che und christ­li­che Institutionen.

Die Francke­schen Stif­tun­gen haben nun zu einer Jah­res­aus­stel­lung »Hei­len an Leib und See­le«, Medi­zin und Hygie­ne im 18. Jahr­hun­dert, eingeladen.

Um es kurz zu sagen: Es han­delt sich um eine aus­ge­zeich­ne­te Prä­sen­ta­ti­on, die beim Besu­cher einen tie­fen Ein­druck von der Ent­schlos­sen­heit, der Wil­lens­kraft und den Lei­stun­gen Franckes, sei­ner Adep­ten, sei­ner Kol­le­gen und der Nach­fol­ger hin­ter­lässt. Die Prä­sen­ta­ti­on ist im Haupt­ge­bäu­de unter­ge­bracht. Rechts davon befin­det sich das ehe­ma­li­ge Wohn­haus Franckes mit dem Informationszentrum.

Der Besu­cher kann sich zunächst ein Bild vom Medi­zin­ver­ständ­nis der vor­ma­li­gen Akteu­re ver­schaf­fen, das vom beschränk­ten Wis­sens­stand jener Zeit, von kon­tro­ver­sen Auf­fas­sun­gen maß­geb­li­cher Zeit­ge­nos­sen und von Über­lie­fe­run­gen geprägt war. So stand der Leh­re des Ari­sto­te­les vom fra­gi­len Gleich­ge­wicht der Kör­per­säf­te der mecha­ni­sti­sche Ansatz, der den mensch­li­chen Kör­per qua­si als Maschi­nen­haus ver­ste­hen woll­te, gegen­über. In der näch­sten Abtei­lung geht es um die pie-tisti­sche Medi­zin, in deren Kanon die Ein­heit von Kör­per und See­le des Men­schen und sei­ne Hin­wen­dung zu Gott im Mit­tel­punkt stand. Es fol­gen danach fünf Kabi­net­te, die den The­men »Was­ser und Hygie­ne« im hal­le­schen Wai­sen­haus, »Gesund­heits­to­po­gra­phie«, Struk­tur und Funk­ti­on der medi­zi­ni­schen Ein­rich­tun­gen in den Stif­tun­gen und deren Zusam­men­wir­ken mit der Uni­ver­si­tät Hal­le, sowie der Wai­sen­haus-Apo­the­ke und der Medi­ka­men­ten-Expe­di­ti­on gewid­met sind. Der Besu­cher kann zahl­rei­che, sel­ten gezeig­te histo­ri­sche Expo­na­te, bei­spiels­wei­se ana­to­mi­sche Prä­pa­ra­te, medi­zin­hi­sto­ri­sche Schrif­ten, Rezep­tu­ren für Arz­nei­en und Kräf­ti­gungs­mit­tel, ärzt­li­ches Instru­men­ta­ri­um, heil­prak­ti­sche Appa­ra­te und Werk­zeu­ge bewun­dern. So erfährt man auch, wie aus einem dicken Baum­stamm ein Was­ser­rohr zum Bau der Ver­sor­gungs­lei­tun­gen für die Stif­tun­gen gefer­tigt wurde.

Der spe­zi­ell phar­ma­zie- und che­mie­hi­sto­risch inter­es­sier­te Besu­cher fin­det zur Geschich­te der Wai­sen­haus-Apo­the­ke und vor allem über die legen­dä­re »Medi­ca­men­ten-Expe­di­ti­on« anre­gen­de Infor­ma­tio­nen. Die­ses erstaun­li­che Phar­ma­zie­un­ter­neh­men wür­de man in unse­rer Zeit als inter­na­tio­nal akti­ve online-Ver­sand­apo­the­ke mit eige­ner Gale­nik bezeich­nen. Die Expe­di­ti­on unter­stand einem sepa­ra­ten Direk­to­ri­um, hat­te eige­ne Labo­ra­to­ri­en, Wis­sen­schaft­ler, Arbei­ter, Expe­dien­ten und Buch­hal­ter. Ein intel­li­gen­tes Port­fo­lio­ma­nage­ment für Heil-, Arz­nei- und Stär­kungs­mit­tel, streng gehei­me Rezep­tu­ren, kom­pe­ten­te Hel­fer, pro­fes­sio­nel­les Mar­ke­ting sowie ein welt­wei­tes, von den pie­ti­sti­schen Mis­sio­na­ren unter­stütz­tes Ver­triebs­netz, tru­gen mehr als ein­hun­dert Jah­re lang wesent­lich zur finan­zi­el­len Siche­rung der Stif­tun­gen bei. Der Ver­kaufs­schla­ger war eine der alche­mi­sti­schen Über­lie­fe­rung ent­lehn­te rote Gold­tink­tur, die unter der Bezeich­nung »Essen­tia dul­cis« als gegen bei­na­he jede Krank­heit wirk­sa­mes Arka­num rei­ßen­den Absatz fand. Die tüch­ti­gen Wai­sen­haus­for­scher haben natür­lich nicht ahnen kön­nen, dass Gold­tink­tu­ren 300 Jah­re spä­ter bei­spiels­wei­se für die Her­stel­lung von Coro­na­vi­rus-Test-Kits eine segens­rei­che Anwen­dung fin­den würden.

Wie in die­sem Bei­spiel dar­ge­stellt, bie­tet die Aus­stel­lung vie­le Ansatz­punk­te, um sich ein Bild davon zu ver­schaf­fen, was damals Über­zeu­gung, Glau­be und Durch­set­zungs­kraft mit beschei­de­nen Mit­teln für das Wohl von Kör­per und Geist bewir­ken konnten.

Die Aus­stel­lung ist bis zum 13.10.2021 geöff­net (infozentrum@francke-halle.de). Ein Begleit­heft ist ver­füg­bar. Der sehr gut aus­ge­stat­te­te Kata­log (Hrsg. H. Zaun­stöck, T. Gru­ne­wald) umfasst 215 Abbil­dun­gen und 6 Dia­gram­me. 328 S., 28 .