Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Sprachkultur bewahren

»Kommst du Schul­hof?« »Ich geh Aldi.« So oder ähn­lich drängt die Jugend­spra­che immer mehr in den All­tag. »Jurist*in (m/​w/​d)«, »Richterin/​Richter (m/​w/​d)« – so lau­ten die aktu­el­len Stel­len­aus­schrei­bun­gen in den ver­schie­de­nen Medi­en. Gen­der­stern­chen, Bin­de­stri­che, Dop­pel­punk­te fin­den sich über­all, in jeder­art Tex­ten zuhauf. Bis hin­ein in die aktu­el­len Wahl­pro­gram­me ver­schie­de­ner Parteien.

Twit­ter, Face­book, Whats­App, SMS, Jugend­spra­che und Gen­der­sprech erobern ganz selbst­ver­ständ­lich den Sprach­all­tag. Dane­ben ver­än­dern dut­zen­de, zum Teil gera­de­zu aben­teu­er­li­che Coro­na-Begrif­fe, aber auch Falsch­mel­dun­gen und ver­ba­le Beschimp­fun­gen sowie haar­sträu­ben­de Ver­stö­ße gegen die tra­di­tio­nel­len Gram­ma­tik­re­geln bis­he­ri­ge Sprach­ge­wohn­hei­ten. Jahr­zehn­te­lang gebräuch­li­che Wör­ter ver­schwin­den aus der Rede- und Schrift­pra­xis. Neue Wör­ter, Wort­ge­bil­de, Kür­zel und Absur­di­tä­ten drän­gen in den Sprach­ge­brauch. Es wird ver­sucht, mit Sprach­mo­di­fi­zie­run­gen und -mani­pu­la­tio­nen gegen Unge­rech­tig­kei­ten und Dis­kri­mi­nie­run­gen Anders­ar­ti­ger anzu­ge­hen. Gen­der­sen­si­ble Spra­che soll hel­fen als »Aus­weg« aus den sich ver­schär­fen­den Kri­sen der Gegenwart.

Sprach­wan­del und Sprach­ver­än­de­run­gen erfas­sen aktu­ell alle Berei­che der Gesell­schaft. Glo­ba­li­sie­rung, Digi­ta­li­sie­rung, Diver­si­tät in allen Lebens­be­rei­chen und Covi­d19-Pan­de­mie erobern den Sprach­ge­brauch. Poli­ti­ker, Jour­na­li­sten, Juri­sten, Wis­sen­schaft­ler aller Fach­rich­tun­gen, ja, Ange­hö­ri­ge aller Bevöl­ke­rungs­grup­pen agie­ren als enga­gier­te Akteu­re der Sprach­ver­än­de­rung. Sprach­wis­sen­schaft­ler emp­feh­len »gen­der­ge­rech­te Alter­na­ti­ven« zu bis­lang unge­gen­der­ten Begrif­fen. Nur zum Bei­spiel von A bis Z: anstel­le Astro­naut: »ins Welt­all rei­sen­de Per­son«; anstel­le Zuschau­er: »Per­son aus dem Publi­kum«. Uff.

Eini­ge spre­chen von not­wen­di­gen, unum­gäng­li­chen Ent­wick­lun­gen, von Berei­che­rung der Sprach­pra­xis, von mehr Sprach­ge­rech­tig­keit. Sie behaup­ten, alle Spra­chen ändern sich stän­dig, Rede­wei­se und Schrift­spra­che modi­fi­zie­ren sich zwangs­läu­fig andau­ernd, müs­sen sich fort­lau­fend der sich stän­dig ver­än­dern­den Umwelt und Wirk­lich­keit anpas­sen. Neue Sprech­wei­sen sol­len die pro­gres­si­ven, dyna­mi­schen Ent­wick­lun­gen der Gegen­wart aufgreifen.

Ande­re wet­tern gegen Miss­brauch, Sprach­ver­lot­te­rung und Sprach­ver­fall. Sie for­dern, aktiv vor­zu­ge­hen gegen sprach­li­che Ver­hun­zung, Ver­un­stal­tung und Ver­ro­hung. Es müs­se ver­hin­dert wer­den, dass immer mehr Men­schen ange­sichts ver­ro­hen­der Sprach­ge­wohn­hei­ten regel­recht abstump­fen, ein­fach nicht mehr hin­hö­ren – und sich des­halb sogar zuneh­mend jeder demo­kra­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­wei­gern. Ja, es gibt mei­nes Erach­tens tat­säch­lich vie­le drin­gen­de­re The­men als Gendersternchen.

Ange­sichts die­ser gra­vie­ren­den Abläu­fe drängt sich ganz zwangs­läu­fig die Fra­ge auf, ob und inwie­weit Initia­ti­ven zu Ver­än­de­run­gen im Sprach­ge­brauch tat­säch­lich geeig­net sind, mehr Sprach- und vor allem mehr All­tags­ge­rech­tig­keit durch­zu­set­zen. Neue Wort­schöp­fun­gen, Sprach­ver­kür­zun­gen und Gen­der­stern­chen zum Sicht­bar­ma­chen von Diver­si­tä­ten kön­nen gewiss hel­fen, objek­tiv beding­te Viel­fäl­tig­keit stär­ker ins Licht der Öffent­lich­keit zu rücken. Und dies­be­züg­lich sind noch vie­le Pro­ble­me zu lösen. Ent­schei­dend ist aber, ob Sprachän­de­run­gen tat­säch­lich tief­grei­fen­de posi­ti­ve Ver­än­de­rung bewir­ken können.

Mei­ne Mei­nung: Zunächst ein­mal ist es wich­tig, ent­schie­den gegen den zuneh­men­den Miss­brauch der Spra­che, gegen Ver­un­stal­tun­gen des Sprach­ge­brauchs in der Poli­tik und im All­tag vor­zu­ge­hen. Es sind alle Kräf­te zu mobi­li­sie­ren gegen Falsch­mel­dun­gen, Hass­at­tacken und Het­ze in der poli­ti­schen Rede­wei­se, gegen vor­sätz­li­che Coro­na-Leug­nung, gegen Anti­se­mi­tis­mus, Ras­sis­mus, Sexis­mus, ver­ba­le Belei­di­gun­gen und ande­re Schmutz­kam­pa­gnen. In Wahl­kampf­zei­ten ist Front zu machen dage­gen, dass Rechts­ex­tre­mi­sten ver­su­chen, mit aggres­si­ven Sprach­ti­ra­den Wäh­ler zu ver­un­si­chern, dass rech­te Kar­rie­ri­sten mit auf­put­schen­den popu­li­sti­schen Reden neue Wäh­ler­grup­pen für sich gewin­nen wol­len. Ange­sichts der aggres­si­ven Pro­pa­gan­da der AfD ist Vic­tor Klem­pe­rers LTI tat­säch­lich besorg­nis­er­re­gend aktu­ell (sie­he dazu mei­nen Arti­kel in Ossietzky 25/​2020)

Und es ist vor­zu­ge­hen gegen Ver­su­che, unter dem Vor­wand, dass auch Spra­che stän­di­gem Wan­del unter­liegt, gewach­se­nes Niveau und erober­te Qua­li­tät des Sprach­ge­brauchs leicht­fer­tig in Fra­ge zu stel­len. Es ist gewiss ange­ra­ten, nicht jeg­li­chen tem­po­rä­ren Nuan­cen all­täg­li­chen Schü­ler-, Par­ty- und Kiez­jar­gons sozu­sa­gen unmit­tel­bar »Duden­rei­fe« zuzu­spre­chen. Ver­ant­wor­tungs­be­wuss­te Sprach­wis­sen­schaft­ler war­nen zu Recht vor dem ver­derb­li­chen Ein­fluss so man­cher digi­ta­ler Prak­ti­ken von Twit­ter, Face­book und SMS auf die Sprach­kul­tur. Die­je­ni­gen, die enga­giert Vor­schlä­ge für eine gen­der­sen­si­ble Spra­che, für gen­der­ge­rech­te For­mu­lie­rungs- und Begriffs­fin­dun­gen unter­brei­ten, sind gut bera­ten, wenn sie dabei bis­her bewähr­te Hör- und Lese­ge­wohn­hei­ten in Rech­nung stellen.

Allen strecken­wei­se besorg­nis­er­re­gen­den Fehl­ent­wick­lun­gen zum Trotz sind Sprach­ver­än­de­run­gen und Sprach­wan­del vor allem zu nut­zen zur Berei­che­rung der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Sie müs­sen erschlos­sen wer­den zu mehr Tole­ranz und für effek­ti­ve­ren, ehr­li­chen Aus­tausch unter­schied­li­cher Ansich­ten und Mei­nun­gen. Die Macht der Spra­che ist zual­ler­erst zu erschlie­ßen für den ent­schie­de­nen Kampf gegen Aggres­si­vi­tät, Hass und Het­ze. Sie ist zu erschlie­ßen für mehr Krea­ti­vi­tät und für das Auf­grei­fen und Wirks­ammachen zuneh­men­der Viel­fäl­tig­keit. Sie muss erschlos­sen wer­den zur Akti­vie­rung bis­lang ver­nach­läs­sig­ter Poten­tia­le der Gesell­schaft. Für kon­struk­ti­ve Akti­vi­tä­ten zur Durch­set­zung von mehr Gerech­tig­keit im Alltag.