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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Geheimsache Italien

Die fast 400 Sei­ten des Buches Geheim­sa­che Ita­li­en lesen sich wie ein erschüt­tern­der Polit-Kri­mi, füh­ren die Leser aber vor allem in eine weit­hin noch unbe­kann­te, hoch­kom­ple­xe ita­lie­ni­sche Rea­li­tät und lie­gen nun – in der kla­ren Über­set­zung von Klau­dia Rusch­kow­ski – end­lich auch auf Deutsch vor. Die­se Aus­ga­be ist den drei Opfern der Fami­lie Mäder aus Deutsch­land gewid­met, die zu den 85 Toten des Atten­tats von Bolo­gna im August 1980 gehö­ren. Horst Mäder, Vater und Ehe­mann, ist Neben­klä­ger in einem noch immer nicht been­de­ten letz­ten Straf­pro­zess, bei dem der allein als mate­ri­el­ler Täter des Bom­ben­an­schlags lebens­läng­lich ver­ur­teil­te Faschist Pao­lo Bel­li­ni noch ein­mal Beru­fung ein­ge­legt hat.

Drei Schick­sals­jah­re der Repu­blik 1978-1980, von der Ermor­dung Aldo Moros in Rom bis zum Mas­sa­ker am Bahn­hof von Bolo­gna, hat der lang­jäh­ri­ge Mai­län­der Unter­su­chungs­rich­ter Giu­lia­no Tur­o­ne einer scho­nungs­lo­sen Unter­su­chung unter­zo­gen. Was sich in die­sem gewalt­tä­ti­gen Tri­en­ni­um Ende der 70er in Ita­li­en abge­spielt hat, war gewis­ser­ma­ßen der Kul­mi­na­ti­ons­punkt eines viel­schich­ti­gen Ver­suchs, der die Repu­blik schon seit ihrem Beginn (1946) beglei­tet hat, reak­tio­nä­rer in- und aus­län­di­scher Mäch­te, die begon­ne­ne anti­fa­schi­stisch-demo­kra­ti­sche Ent­wick­lung des Lan­des zurück­zu­schrau­ben. Eine Stra­te­gie, die sich auf ande­re, sub­ti­le­re Wei­se bis heu­te fortsetzt.

Der mör­de­ri­sche Mai­län­der Bom­ben­an­schlag an der Piaz­za Fon­ta­na im Dezem­ber 1969 gilt im Rück­blick als erster Höhe­punkt einer ganz neu­en ter­ro­ri­sti­schen Qua­li­tät poli­ti­scher Gewalt­an­wen­dung, die »das Zusam­men­wir­ken ant­ago­ni­sti­scher rech­ter und lin­ker bewaff­ne­ter Grup­pen, der Geheim­dien­ste und der Mafia« zu der die Demo­kra­tie »ersticken­den Decke einer ›blei­er­nen Zeit‹ wer­den lie­ßen« (so Peter Kam­me­rer in der klug ein­lei­ten­den »Gebrauchs­an­wei­sung« des Buches.)

Mafia-Orga­ni­sa­tio­nen und sub­ver­siv-kri­mi­nel­le Milieus sowie die rück­wärts­ge­wand­te katho­li­sche Kir­che hat­ten die in Jal­ta erfolg­te Tei­lung der Welt nach Kriegs­en­de in ant­ago­ni­sti­sche Ein­fluss­sphä­ren zumin­dest indi­rekt unter­stützt mit ihren diver­sen Metho­den zur Zurück­drän­gung der stärk­sten Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei des Westens. Den­noch avan­cier­te die KPI dank der lang­fri­stig ange­leg­ten Stra­te­gien Pal­mi­ro Togliat­tis und Enri­co Ber­lin­guers zum Haupt­trä­ger der demo­kra­ti­schen Erneue­rung vor allem im Nor­den der lang­ge­streck­ten Halb­in­sel. Und eben dem soll­te ein Ende gesetzt werden.

Der mit der schwar­zen Mate­rie des Buches seit lan­gem ver­trau­te Cor­ra­do Sta­ja­no weist in sei­nem Vor­wort denn auch auf die Exi­stenz von zwei Ita­li­en hin, nicht im geo­gra­phi­schen Sin­ne, son­dern in einem gesell­schaft­li­chen: Er benennt zum einen ein »kran­kes, ja häu­fig dem Tode nahes Land« mit sei­nen vie­len zwei­fel­haf­ten Poli­ti­kern und Mini­stern, Aben­teu­rern, Ban­di­ten, Pro­vo­ka­teu­ren und Ter­ro­ri­sten, Geheim­agen­ten, Mafia­bos­sen, kor­rup­ten Rich­tern und untreu­en Gene­rä­len, die die soge­nann­te »Stra­te­gie der Span­nung« ver­folgt haben, und dem­ge­gen­über ein ande­res Land der »Die­ner der Repu­blik«, für die er – stell­ver­tre­tend für vie­le – Tina Ansel­mi nennt, Par­ti­sa­nin, links­ka­tho­li­sche Poli­ti­ke­rin und zuletzt tap­fe­re Vor­sit­zen­de des Unter­su­chungs­aus­schus­ses zur Loge Pro­pa­gan­da Due (P2), deren ver­bre­che­ri­sche Nach­kriegs­ge­schich­te das Gerüst der vor­lie­gen­den Unter­su­chung bildet.

Die schon im 19. Jahr­hun­dert gegrün­de­te Geheim­lo­ge agier­te über lan­ge Jah­re ver­deckt und weit­ge­hend uner­kannt, bis 962 Namen ihrer Mit­glie­der aus allen füh­ren­den Berei­chen des Estab­lish­ments im März 1981 auf­ge­deckt wur­den. (Etwa wei­te­re 1500 Per­so­nen blie­ben bis heu­te unbe­kannt und wahr­schein­lich auch wei­ter­hin geheim ver­netzt). Erschüt­tern­des kam zuta­ge: Regie­ren­de Mini­ster und deren Beam­te, hoch­ran­gi­ge Gene­rä­le aus Mili­tär und Poli­zei, Par­la­men­ta­ri­er, diver­se Poli­ti­ker, Diplo­ma­ten, Ver­le­ger, Jour­na­li­sten, Unter­neh­mer, Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­ren, Ban­ker, selbst Rich­ter und Staats­an­wäl­te agier­ten als Mit­glie­der eines sub­ver­si­ven Systems zur Schaf­fung eines »ande­ren Staa­tes«, für des­sen erstreb­te »Wie­der­ge­burt« es einen umfang­rei­chen, äußerst aus­ge­feil­ten Plan gab. Des­sen erste Ziel­set­zung war, poli­ti­sche Par­tei­en, Pres­se und Gewerk­schaf­ten zu ver­ein­nah­men mit­tels öko­no­misch-finan­zi­el­ler Steue­rung: »Die Ver­füg­bar­keit von 30 bis 40 Mil­li­ar­den (Lire) müss­te genü­gen, um aus­ge­wähl­ten Män­nern guten Glau­bens zu gestat­ten, die zur Kon­trol­le not­wen­di­gen Schlüs­sel­po­si­tio­nen zu beset­zen.« Der Kon­trol­le aller Medi­en in direk­ter Ver­bin­dung zur Poli­tik dien­te auch die geplan­te Zen­tra­li­sie­rung der Lokal­pres­se und ihre Koor­di­nie­rung mit dem auf­kom­men­den Kabel-TV. Das Staats­fern­se­hen RAI soll­te auf­ge­löst wer­den, damit bekam die Pri­va­ti­sie­rung freie Bahn, und bald dar­auf kon­trol­lier­te Licio Gel­li bereits die gro­ße Mai­län­der Ver­lags­grup­pe Riz­zo­li und 1977 auch den Cor­rie­re Del­la Sera, die wich­tig­ste Tages­zei­tung Italiens.

Doch nicht nur die: »Mit der P2 hat­ten wir Ita­li­en in der Hand. Mit uns waren das Heer, die Finanz­auf­sicht und die Poli­zei, alle ange­führt von Mit­glie­dern der P2«, rühm­te sich Gel­li in einem Inter­view. Der auch inter­na­tio­nal weit ver­netz­te Groß­mei­ster der Loge, ein frü­her Faschist, Kämp­fer für Fran­co und Ver­bin­dungs­of­fi­zier der Schwarz­hem­den zu den Nazis, stand nach dem Krie­ge der CIA nahe. Als Finanz­be­ra­ter der Bot­schaft Argen­ti­ni­ens in Rom war Gel­li auch an der Vor­be­rei­tung des Mili­tär­put­sches in Bue­nos Aires betei­ligt, wo Gene­rä­le des dor­ti­gen Able­gers der P2 im März 1976 ihre blu­ti­ge Dik­ta­tur errich­te­ten. Gel­li garan­tier­te eine unge­stör­te Zusam­men­ar­beit der bei­den Natio­nen. Sei­ne mut­maß­li­chen geheim­dienst­li­chen Akti­vi­tä­ten deu­ten dar­auf hin, dass er auch eine wich­ti­ge Rol­le im Gla­dio-Pro­jekt gespielt hat. Das war jene seit den spä­ten 40er Jah­ren bestehen­de zivi­le Geheim­ar­mee, von der CIA und der Nato auf­ge­baut, die im Fal­le eines kom­mu­ni­sti­schen Put­sches oder auch nur einer Regie­rungs­be­tei­li­gung in Ita­li­en oder anders­wo in Euro­pa zu Gue­ril­la­me­tho­den grei­fen sollte.

Als der 1981 amtie­ren­de Mini­ster­prä­si­dent Arnol­do For­la­ni beschloss, die Namen der Logen­mit­glie­der zu ver­öf­fent­li­chen, führ­te der damit ent­fach­te Skan­dal zum Sturz sei­ner Regie­rung. Ihm folg­te im Juni 1981 die erste nicht mehr von einem Christ­de­mo­kra­ten geführ­te Regie­rung von Gio­van­ni Spa­do­li­ni. Mit dem Ver­bot der Loge kamen nach und nach gro­ße Tei­le ihrer kri­mi­nel­len Ziel­set­zun­gen ans Tages­licht, Ope­ra­tio­nen von inter­na­tio­na­ler und natio­na­ler Trag­wei­te hin zu einem »schlei­chen­den Staats­streich«, nach dem »Plan zur demo­kra­ti­schen Erneue­rung« (im Ita­lie­ni­schen hieß er »rina­s­ci­ta« = Wie­der­ge­burt). Der war nicht von unge­fähr 1975/​76 ent­stan­den, als die KPI den höch­sten Stim­men­zu­wachs ihrer Geschich­te erreicht hat­te und die DC-Regie­rung unter Aldo Moro sich zögernd einer Zusam­men­ar­beit mit ihr näher­te, was nicht nur die Nato nicht zulas­sen woll­te. Es führ­te auch dazu, dass die Sozia­li­sten unter dem Anti­kom­mu­ni­sten Bet­ti­no Cra­xi die Regie­rung Moro 1976 zu Fall brach­ten, und der bewähr­te Giu­lio Andreot­ti drei fol­gen­de Regie­run­gen über­nahm, bevor dann 1983 Cra­xi selbst an die Macht kam, der zunächst den wirt­schaft­li­chen Auf­stieg des P2-Mit­glieds (Nr.1816) Sil­vio Ber­lus­co­ni beförderte.

Die zahl­rei­chen Finanz­af­fä­ren jener Jah­re haben die ita­lie­ni­sche Wirt­schaft nach­hal­tig beein­träch­tigt. Die Bezie­hun­gen zwi­schen Giu­lio Andreot­ti, der Cosa Nost­ra und den P2-Ban­kiers und Finanz­spe­ku­lan­ten Miche­le Sin­do­na, Rober­to Cal­vi, Umber­to Orto­la­ni mit ihren dunk­len Ver­bin­dun­gen in die USA, die diver­sen betrü­ge­ri­schen Bank­rot­te, Ent­füh­run­gen, Mor­de und Selbst­mor­de haben jedoch das System der P2 kei­nes­wegs zer­schla­gen, eben­so wenig wie das erste Gerichts­ver­fah­ren gegen die Loge P2, das 1983 mit einem all­ge­mei­nen Frei­spruch ende­te. Wei­te­re Nach­fol­ge­ver­fah­ren zogen sich bis weit in die 1990er Jah­re hin, aber fast alle Ver­ge­hen wur­den letzt­lich für ver­jährt erklärt. Der 1984 vom Par­la­men­ta­ri­schen Unter­su­chungs­aus­schuss von Tina Ansel­mi vor­ge­leg­te Abschluss­be­richt zur P2-Loge wur­de erst zwei Jah­re spä­ter von einer Mehr­heit ange­nom­men und ver­pflich­te­te die Regie­rung zu eini­gen bin­den­den Auf­ga­ben, wie die, »sicher­zu­stel­len, dass die abso­lu­te Ach­tung des Grund­sat­zes der Trans­pa­renz des demo­kra­ti­schen Systems und sei­ner Grund­ord­nung gewähr­lei­stet ist, um die demo­kra­ti­sche Kon­trol­le der Bür­ger über das Vor­ge­hen der Insti­tu­tio­nen mög­lich und kon­kret wer­den zu las­sen«. Doch wer die Geschich­te kennt, weiß, auch das wur­de von fol­gen­den Regie­run­gen ignoriert.

All dies hat­te tie­fe Blut­spu­ren hin­ter­las­sen, die noch weit über die 80er Jah­re hin­aus­führ­ten, hin zu wei­te­ren Mafia-Anschlä­gen und den mör­de­ri­schen Atten­ta­ten auf die Pal­ermi­ta­ner Ermitt­lungs­rich­ter Bor­sel­li­no und Fal­co­ne 1992/​93. Sie gin­gen der Macht­über­nah­me von Ber­lus­co­ni (1994) direkt vor­aus. Die fol­gen­de Ber­lus­co­ni-Herr­schaft, die das gan­ze Land dann tat­säch­lich nach­hal­tig im Sin­ne der P2 ver­än­der­te, leg­te auch die Grund­la­ge für die aktu­el­le Melo­ni-Regie­rung, auf deren Pro­gramm tie­fe Ein­grif­fe in die Ver­fas­sung ste­hen: für die Schaf­fung eines Prä­si­di­al­sy­stems, bzw. für eine Stär­kung der Stel­lung des »Pre­miers« und für eine »dif­fe­ren­zier­te Auto­no­mie« der Regio­nen, die eine Spal­tung der Nati­on begün­sti­gen wird.

Giu­lia­no Tur­o­nes Bericht des Schreckens endet zwar vor die­ser spät­fa­schi­sti­schen Aktua­li­tät – zeigt aber deut­li­che Bezü­ge zu ihr auf. Wäh­rend der letz­ten Regie­rung Ber­lus­co­ni äußer­te sich Licio Gel­li auf einer Pres­se­kon­fe­renz noch am 31.10.2008 stolz über sei­nen Plan zur Erneue­rung der Repu­blik: »… alle haben sich davon inspi­rie­ren las­sen: Der Ein­zi­ge, der ihn aus­füh­ren kann, ist der jet­zi­ge Mini­ster­prä­si­dent Sil­vio Berlusconi.«

Rück­blickend hält Tur­o­ne fest: »Ita­li­en war damals besten­falls eine Halb­de­mo­kra­tie. Die ver­bor­ge­ne Macht, wie sie sich in der Geheim­lo­ge P2 mani­fe­stier­te, hat­te alles Inter­es­se dar­an, ein Gefühl der Bedro­hung, Angst vor poli­ti­scher Insta­bi­li­tät, den Schrecken eines gewalt­tä­ti­gen Aus­nah­me­zu­stan­des zu verbreiten.«

Giu­lia­no Tur­o­ne, GEHEIMSACHE ITALIEN. Poli­tik – Geld – Ver­bre­chen, S. Marix Ver­lag im Ver­lags­haus Römer­weg, Wies­ba­den 2023, 416 S., 29,90 €.