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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Kirche im Sündenfall

Im Weiß­buch der Gesell­schaft zum Schutz von Bür­ger­recht und Men­schen­wür­de (GBM) »Unfrie­den in Deutsch­land – Kir­che im Sün­den­fall«, her­aus­ge­ge­ben 1995 im GNN-Ver­lag Schkeu­ditz, ist Erstaun­li­ches zu lesen. Es geht um den Pfar­rer Peter Franz aus Kapel­len­dorf bei Wei­mar, gegen den ein »Amts­zucht­ver­fah­ren« ein­ge­lei­tet wur­de, – und um die Sta­si. Was wird dem 1941 in Apol­da Gebo­re­nen angelastet?

In der Lau­da­tio anläss­lich der Ver­lei­hung des GBM-Men­schen­rechts­prei­ses an ihn Ende 2019 war zu hören, dass er aus einer Arbei­ter­fa­mi­lie stammt, sich mit 21 Jah­ren tau­fen ließ, in Jena ein Theo­lo­gie­stu­di­um absol­vier­te und Mit­be­grün­der der Grup­pe Reli­giö­ser Sozia­li­sten in Thü­rin­gen war. Sei­ne gro­ßen Vor­bil­der sind Tho­mas Münt­zer und Diet­rich Bon­hoef­fer. Mar­tin Luthers Theo­lo­gie war ihm zu zwie­lich­tig, zu stark der herr­schen­den Klas­se zuge­wandt. Was Wun­der, dass der Pfar­rer Peter Franz sei­nem eben gegrün­de­ten Gemein­de­zen­trum in Kapel­len­dorf 1975 den Namen »Tho­mas Münt­zer« gab.

Peter Franz sieht sei­ne Auf­ga­be dar­in, Ver­ant­wor­tung für ande­re Men­schen zu über­neh­men. So setz­te er sich für die Erneue­rung einer Stra­ße in sei­ner Gemein­de ein. Und es gelang ihm, Semi­nar­räu­me, ein Über­nach­tungs­haus und einen Frei­zeit­kel­ler für die Jun­ge Gemein­de zu schaf­fen. Die Arbeit mit der Jugend lag ihm beson­ders am Her­zen. Frie­dens­grup­pen aus ande­ren euro­päi­schen Län­dern tra­fen sich zu Gesprä­chen. Das Schick­sal jüdi­scher Men­schen beweg­te ihn. Mit Jugend­li­chen besuch­te er die Syn­ago­ge in Erfurt und das KZ Buchen­wald. So ent­stand ein enger Kon­takt zur Jüdi­schen Lan­des­ge­mein­de Thüringen.

Dann kam die »Wen­de«. Am 5. Novem­ber 1990 for­der­te der Lan­des­kir­chen­rat im Thü­rin­ger Land die Gemein­den auf, even­tu­el­le Sta­si-Mit­ar­beit offen­zu­le­gen, um anony­me Ver­däch­ti­gun­gen und unbe­wie­se­ne Anschul­di­gun­gen zu ver­mei­den. In dem Brief wird zitiert: »Jesus spricht, wer zu mir kommt, den wer­de ich nicht hin­aus­sto­ßen.« Dar­auf­hin erklär­te der Pfar­rer Peter Franz am 3. Dezem­ber 1990, inof­fi­zi­el­ler Mit­ar­bei­ter des Mini­ste­ri­ums für Staats­si­cher­heit (MfS) gewe­sen zu sein. Es ging dabei um Infor­ma­tio­nen zur Frie­dens­be­we­gung und zur Abrü­stung. Eine Ent­loh­nung erhielt er nicht.

Ihm wur­de ange­tra­gen, um sei­ne Ent­las­sung aus dem Dienst zu bit­ten – bei Ver­zicht auf alle kirch­li­chen Bezü­ge. Peter Franz wei­ger­te sich, fühl­te sich nicht schul­dig. Neben dem Amts­zucht­ver­fah­ren wur­de ein Über­prü­fungs­aus­schuss gebil­det. Bis 1997 zogen sich die­se Maß­nah­men hin. Peter Franz darf sich nicht mehr Pfar­rer nen­nen und muss­te das Pfarr­haus verlassen.

Eini­ge Gemein­de­mit­glie­der häng­ten dem Tho­mas-Münt­zer-Denk­mal in Kapel­len­dorf ein Schild um: »Lie­ber kei­nen Gott als einen roten Pfar­rer.« Die Pres­se über­stürz­te sich mit Mel­dun­gen. Die Bre­mer Kir­chen­zei­tung offen­bar­te das »Gift der Sta­si«; die Thü­rin­ger All­ge­mei­ne titel­te: »43 Kir­chen­mit­ar­bei­ter mit der Sta­si ver­strickt – Kei­ne bil­li­ge Gna­de«. Das erin­nert an die Inqui­si­ti­on, obwohl der Pfarr­kon­vent 1990 »nach aus­führ­li­cher Aus­spra­che für eine Mit­ar­beit des Pfar­rers im Krei­se der Amts­brü­der« votiert hat­te. Zu Fei­er der sil­ber­nen Ordi­na­ti­on am 3. Novem­ber 1994 wur­de Peter Franz nicht eingeladen.

Nicht alle waren dem gewach­sen, hiel­ten das aus. Pfar­rer Richard Nau­mann aus Schmal­kal­den erhäng­te sich. Die Jugend­bil­dungs­re­fe­ren­tin der Evan­ge­li­schen Aka­de­mie Mei­ßen Anne-Kath­rin Kru­sche starb an einer Über­do­sis Tabletten.

Für Peter Franz ent­stand eine gro­ße Soli­da­ri­täts­be­we­gung. »Für Dein Enga­ge­ment für lin­ke christ­li­che, huma­ni­sti­sche Idea­le dan­ke ich Dir und möch­te mei­ne Ach­tung vor Dei­nem Cha­rak­ter aus­spre­chen«, schrieb ihm der Pfar­rer i. R. Her­trampf. Freun­de aus Bre­men, Ham­burg, Köln und Wien beteu­er­ten, dass Peter Franz als enga­gier­ter Theo­lo­ge nach wie vor ihr Ver­trau­en habe, dass er Brücken bau­te, die Frie­dens­be­we­gung unter­stütz­te und das Miss­trau­en zwi­schen Ost und West abbau­en half. Es exi­stiert ein umfang­rei­cher Brief­wech­sel, der zeigt, dass auch Gemein­de­mit­glie­der sich für Peter Franz ein­setz­ten und ihn nicht ver­lie­ren woll­ten. Das waren Mut­ma­cher für ihn. Doch das half alles nichts. Wie er ver­lo­ren vie­le den Schutz der Kir­che, wur­den aus Lehr­an­stal­ten, Uni­ver­si­tä­ten und kirch­li­chen Ämtern verstoßen.

In sei­ner Hei­mat­stadt Apol­da half Peter Franz in den Fol­ge­jah­ren maß­geb­lich, gemein­sam mit Gleich­ge­sinn­ten das Han­dels- und Wohn­haus eines jüdi­schen Fell­händ­lers, der von den Nazis ermor­det wor­den war, lie­be­voll als Zeug­nis jüdi­schen Lebens zu sanie­ren und zu erhal­ten. Dort fin­den Ver­an­stal­tun­gen statt; es ist ein Lern- und Gedenk­ort, der gut genutzt wird.