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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Res publica amissa?

Als Gai­us Iuli­us Cae­sar sich zum Dik­ta­tor in Per­ma­nenz auf­ge­schwun­gen hat­te, sah Mar­cus Tul­li­us Cice­ro die römi­sche Repu­blik ver­lo­ren: »res publi­ca amis­sa«. Dies ist auch der Titel eines berühm­ten Buches des Alt­hi­sto­ri­kers Chri­sti­an Mei­er von 1966.

Cae­sars Nach­fol­ger Augu­stus setz­te das Zer­stö­rungs­werk fort und tarn­te es zugleich. Zum Bei­spiel sind jedes Jahr die Quä­sto­ren, die Ädi­le, die Prä­to­ren und die Kon­suln nach altem Brauch gewählt wor­den: res publi­ca resti­tu­ta, die wie­der­her­ge­stell­te Repu­blik. Das war die Fas­sa­de vor dem neu­en Zustand: dem Kai­ser­tum. Mumia Abu-Jamal hat gera­de – am Bei­spiel Trumps und der USA – an die­se Trans­for­ma­ti­on Roms erin­nert (jun­ge Welt, 10.2.2020).

In der Bun­des­re­pu­blik scheint dies nach Thü­rin­gen nicht zu dro­hen. Es wird vor­der­hand kei­nen Faschis­mus und kei­nen Cae­sa­ris­mus geben. Björn Höcke steht nicht ante por­tas. Der von der AfD mit­ge­wähl­te FDP-Poli­ti­ker Tho­mas Kem­me­rich muss­te zurück­tre­ten, ein ande­res Arran­ge­ment, viel­leicht sogar mit einem wie­der­her­ge­stell­ten Mini­ster­prä­si­den­ten Rame­low (Bodo resti­tu­tus), ist denk­bar. Repu­blik gerettet?

Dies dürf­te für deren äuße­re Ver­fasst­heit gel­ten. Aber es gibt auch ein Sein hin­ter dem Schein.

Kem­me­rich log sich in die Tasche, sei­ne Fünf-Per­so­nen-Frak­ti­on im thü­rin­gi­schen Land­tag habe Björn Höcke zum betro­ge­nen Betrü­ger gemacht: Mit den AfD-Stim­men habe die­ser die Mit­te an die Macht gewählt. Sie wer­de ihren Steig­bü­gel­hal­ter und auch die Links­par­tei bekämpfen.

In Wirk­lich­keit aber ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass über län­ge­re Sicht die bis­he­ri­ge Mit­te kei­ne brei­te Flä­che zwi­schen schma­len Rän­dern mehr ist, son­dern nur noch ein Punkt. Die Rech­te ist schon längst in die Uni­on eingewandert.

Ande­rer­seits las­sen Umfra­gen für 2021 eine Bun­des­re­gie­rung aus CDU/​CSU und Grü­nen als mög­lich erschei­nen. Auch dann wür­de Freu­de herr­schen: res publi­ca resti­tu­ta. Nicht aus­ge­schlos­sen ist aber, dass ent­täusch­te Anhänger(innen) vor allem der CDU anschlie­ßend zur AfD über­lau­fen und die­se dann wei­ter wächst. Die geschrumpf­te Uni­on ist dar­auf ange­wie­sen, die Hän­de nicht nur für Grün-Schwarz oder Jamai­ka frei zu haben, son­dern auch dort­hin aus­zu­strecken, wohin ein Teil ihrer Basis strebt: nach rechts. Dann wäre Thü­rin­gen die Far­ce gewe­sen, auf die eine Tra­gö­die erst folgt – viel­leicht nicht schon 2021, son­dern ein paar Jah­re später.

Unter die­sem Aspekt ist Erfurt nur eine Neben­büh­ne. Die Links­par­tei, dort stark, schrumpft im übri­gen Osten, auf Bun­des­ebe­ne ist sie unver­än­dert von gerin­gem Belang, in den mei­sten west­deut­schen Land­ta­gen nicht ver­tre­ten. CDU und CSU müs­sen kei­ne Abwan­de­rung nach dort fürch­ten (auch in Thü­rin­gen, trotz Rame­lows Reso­nanz in Tei­len der Unter­neh­mer­schaft, kaum), wohl aber zu den Grü­nen einer-, der AfD ande­rer­seits. Dies geht ihr an die Sub­stanz. So lan­ge die Uni­on von der Tota­li­ta­ris­mus-Dok­trin (Rot = Braun) nicht las­sen kann, wür­de ein Zuge­hen auf Rame­low gemäß die­ser Wahn­vor­stel­lung das Tor zur AfD öff­nen. Für Tei­le ihrer Basis wäre das dann, anders als in Thü­rin­gen, kein One-Night-Stand, son­dern eine Liebesheirat.

Chri­sti­an Mei­ers Leh­rer Her­mann Strasbur­ger, Ordi­na­ri­us in Frank­furt am Main, erklär­te im Febru­ar 1960 den Stu­die­ren­den in sei­ner Vor­le­sung, wes­halb einst eine Repu­blik durch ein impe­ria­les Gebil­de abge­löst wur­de: Bis­lang habe Rom gleich­sam eine kom­mu­na­le Ver­fas­sung gehabt. (Theo­dor Momm­sen bezeich­ne­te die Kon­suln als »Bür­ger­mei­ster«.) Die sei nicht geeig­net gewe­sen, um mit ihr ein Welt­reich zu regieren.

Jetzt könn­te sich eine Par­al­le­le zu Deutsch­lands und der EU Stre­ben nach Welt­gel­tung erge­ben – ein­schließ­lich sei­ner Fol­gen für die inne­re Ver­fasst­heit der Bundesrepublik.

Nichts ist unaus­weich­lich, auch dies nicht. Wer es abwen­den will, darf sich nicht auf die Erfur­ter Gro­tes­ke beschrän­ken, son­dern wird sich um die Ände­rung des deut­schen und euro­päi­schen Gesamt­zu­stands bemü­hen müs­sen – ein­schließ­lich der Wirt­schafts-, Sozi­al- und – nicht ver­ges­sen! – der Außen- und Militärpolitik.

Rich­ten wir zum Schluss noch den Blick auf den Thü­rin­ger Koali­ti­ons­ver­trag zwi­schen Links­par­tei, Grü­nen und SPD. Dort heißt es auf Sei­te 66: »Die Par­tei­en ver­stän­di­gen sich dar­auf, nicht mit Orga­ni­sa­tio­nen, die das DDR-Unrecht rela­ti­vie­ren, zusam­men­zu­ar­bei­ten. Die Koali­ti­on wird kei­ne Per­so­nen, die direkt oder indi­rekt mit dem Sicher­heits­sy­stem der DDR zusam­men­ge­ar­bei­tet haben, in Posi­tio­nen die­ser Regie­rung ent­sen­den. Eben­so sol­len Men­schen, die leug­nen, dass die DDR kein Rechts­staat war, kei­ne Ver­ant­wor­tung in der gemein­sa­men poli­ti­schen Arbeit für Thü­rin­gen wahr­neh­men. Mit allen, die in der DDR Schuld auf sich gela­den haben, die­se Schuld aber ein­ge­ste­hen, beken­nen und ihren Bei­trag zur Auf­ar­bei­tung lei­sten wol­len, wer­den wir zusammenarbeiten.«

Nein, hier soll nicht noch ein­mal das MfS-Thea­ter auf­ge­führt wer­den. Es ist die Fol­ge einer ande­ren Tat­sa­che: der vor­an­ge­gan­ge­nen Zer­stö­rung einer nach­ka­pi­ta­li­sti­schen Gesell­schaft, und sei es durch die Feh­ler ihrer Poli­ti­ker und Repres­si­ons­or­ga­ne – »socia­lis­mus amis­sus«. Auch kei­ne durch­ge­hend schö­ne Geschich­te. Ihre ande­re Sei­te sieht so aus: Eine kapi­ta­li­sti­sche Gesell­schaft ohne Alter­na­ti­ve wird nie völ­lig vor dem Abmarsch nach rechts außen sicher sein: 1851 – nach der Nie­der­schla­gung der Arbei­ter­be­we­gung in der Pari­ser Junischlacht von 1848 – in den Bona­par­tis­mus, 1933 in Deutsch­land in den Faschis­mus, jetzt viel­leicht in einen Zustand, den der bri­ti­sche Gesell­schafts­wis­sen­schaft­ler Colin Crouch als Post­de­mo­kra­tie bezeichnet.

1923 gab es in Sach­sen und Thü­rin­gen Arbei­ter­re­gie­run­gen aus SPD und KPD. Der Prä­si­dent Fried­rich Ebert besei­tig­te sie durch eine »Reichs­exe­ku­ti­on« mit Mili­tär­ein­satz. Ein kon­se­quen­ter Weg nach links war dadurch blockiert, zehn Jah­re spä­ter kam die äußer­ste Rech­te an die Macht. Ähn­lich in Ita­li­en: Nach­dem die Fabrik­be­set­zun­gen der »zwei roten Jah­re« (bina­rio ros­so) 1919/​1920 nie­der­ge­schla­gen waren, folg­ten die »zwei schwar­zen Jah­re« (bina­rio nero) 1921/​1922 und danach die Herr­schaft Mus­so­li­nis. Das Schei­tern der DDR hat – zunächst vor allem auf dem Ter­ri­to­ri­um des unter­ge­gan­ge­nen Staa­tes – eine histo­ri­sche Leer­stel­le hin­ter­las­sen, in der Regres­si­on sich ein­ni­sten kann.

Die Geschich­te lehrt, dass eine Kon­ter­re­vo­lu­ti­on nicht unver­meid­lich in irgend­ein gemüt­li­ches Juste milieu mün­den muss, son­dern zur Reak­ti­on auf der gan­zen Linie füh­ren kann.

Mit der Revi­si­on des Thü­rin­ger Put­sches wäre eine Lek­ti­on aus der Ver­gan­gen­heit gelernt wor­den – immer­hin ein Abwehrerfolg.