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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Köpfe: Der eine Augenblick, der festgehalten ist

»Tête-à-Tête«, also Kopf an Kopf – so der Titel der Aus­stel­lung –, bedeu­tet so viel wie ein ver­trau­li­ches Zwie­ge­spräch, ein Stell­dich­ein. Neu­deutsch wür­de man auch Date sagen, was alles abdeckt vom Geschäfts­ter­min bis zum pri­va­ten Tref­fen. Das Kunst­fo­rum der Ber­li­ner Volks­bank zeigt aus sei­ner opu­len­ten Samm­lung Wer­ke von etwa 20 Künst­le­rIn­nen, die sich in Male­rei, Zeich­nung, Druck­gra­fik und Skulp­tur zum The­ma Mensch geäu­ßert haben: Zum Men­schen, der auf sich allein gestellt ist und dem wir hier in der Selbst­er­fah­rung von Exi­stenz, Schick­sal, Aus­ein­an­der­set­zung, von Zustand und Erlei­den teil­haf­tig wer­den. Es bedarf eigent­lich kei­ner raum­grei­fen­den Geste mehr, der eine Augen­blick, der fest­ge­hal­ten ist, hat alles Vor­her und Nach­her in sich aufgenommen.

»Land­schaf­ten als Gehirn­bau« hat Ger­hard Alten­bourg sei­ne Metho­de bezeich­net, land­schaft­li­che Struk­tu­ren – auch geo­lo­gi­sche Schich­tun­gen – in sei­ne Figu­ren-Dar­stel­lun­gen ein­zu­be­zie­hen. Er schwankt in sei­nen Bild­nis­sen zwi­schen Traum- und Lei­dens­ge­stal­ten (»Kopf«, 1961), sie lösen Asso­zia­ti­ons­ket­ten aus, nicht zuletzt durch ihre Titel, mit denen er sich durch­aus Paul Klee nähert (»Dort gei­stern Erin­ne­run­gen unaus­sprech­li­che Wäl­der«, 1966/​67). »Der gan­ze Mensch ist im Kopf ent­hal­ten«, hat Horst Antes ein­mal gesagt, der zu den Ver­tre­tern der Neu­en Figu­ra­ti­on gehört. Zei­chen­haft, unbe­wegt und starr wirkt sein offe­ner »Kopf mit ste­hen­der Figur. Reif und Stab« (1979/​80). Die­ser »begeh­ba­re« Kopf bil­det ein auto­no­mes System. Ist das noch Kopf oder Kör­per? Der mythi­sche Aspekt der Daseins­ver­bun­den­heit spielt bei Antes eine beson­de­re Rol­le, aber auch die Aus­ein­an­der­set­zung mit den Kachi­na-Pup­pen der Hopi-India­ner Nord­ame­ri­kas. Ulla Wal­ter wie­der­um hat für ihre Pla­stik »Frei­den­ker mit archi­me­di­schem Punkt« (2017/​18) eine neue Tech­nik ange­wen­det, bei der eine Pla­stik trotz auf­ge­bro­che­ner Ober­flä­che sta­bil bleibt. »Es ist ein offe­ner Mensch, dem ein Sockel einen inne­ren Halt gibt«, erklärt die Male­rin. Die­ter Hackers Skulp­tur »Atem« (1985) – die Hand, die der Kopf ungläu­big stau­nend betrach­tet, die den Kopf beschützt – ist ein exi­sten­ti­el­les Gleich­nis für Sinn, Zweck, Ziel mensch­li­chen Han­delns im Span­nungs­ver­hält­nis des Eige­nen und Fremden.

Aus den Gesichts­zü­gen von Hel­ge Lei­bergs Gemäl­de »Wild­heit im Kopf« (1986/​87) steigt eine ande­re Figur, wie einem Alp­traum ent­wi­chen, dia­go­nal auf, wäh­rend ein Adler mit aus­ge­brei­te­ten Schwin­gen bedroh­lich über dem Kopf schwebt – es sind Ankla­gen, Empö­rungs­schreie, in denen der Künst­ler sich mit dem Opfer iden­ti­fi­ziert. Durch sug­ge­sti­ve Kraft und archai­sche Monu­men­ta­li­tät zeich­nen sich Mar­kus Lüpertz’ Bild­ge­gen­stän­de aus. Das ver­zerr­te Gesicht des »Stern­deu­ters« (1987) muss Schreck­li­ches erlebt haben. Bei Ange­la Ham­pel erscheint die Frau als Ich-Bild (»Selbst mit Mas­ke«, 1993), als das zugleich stär­ke­re, aber auch gefähr­de­te­re mensch­li­che Wesen. Ihre Arbei­ten strah­len Pro­vo­ka­ti­on, Auf­be­geh­ren, Wider­stand aus.

In Pro­fil- wie Sei­ten­an­sich­ten, im Auf­recken wie im Nei­gen der Köp­fe und Kör­per grei­fen die Künst­le­rIn­nen sym­bo­li­sche Kör­per­hal­tun­gen auf: gestal­t­haf­te Sinn­bil­der der Selbst­be­haup­tung, der Ver­las­sen­heit, Bedrückung und Angst, aber auch Gegen­bil­der wie Hoch­mut, Arro­ganz und Gewalt­tä­tig­keit. Expres­si­ve Gestik und sta­tua­ri­sche Hal­tung gehen inein­an­der über. Flecki­ge Far­be, Ris­se, Schür­fun­gen, Absplit­te­run­gen und Lini­en füh­ren zur psy­cho­lo­gi­schen Dif­fe­ren­zie­rung, zum Auf­rei­ßen von Wider­sprü­chen und Konflikten.

Gerd Sonn­tags Glas­skulp­tu­ren (»Sus­an in Strei­fen«, 2010; »Die Bäue­rin«, 2016) erklä­ren sich aus der Male­rei, ver­we­ben Stri­che im Raum, ver­wah­ren Momen­te auf Dau­er und sind doch ganz eigen und außer­ge­wöhn­lich. »Ich wechs­le dabei zwi­schen durch­sich­ti­gem und undurch­sich­ti­gem Glas, füge frem­de Ele­men­te wie Draht ein und set­ze Akzen­te mit Glas­pul­ver und Metall­oxi­den. Ich zeich­ne sozu­sa­gen mit Glas«, so Sonn­tag. Sei­ne Skulp­tu­ren schei­nen in stän­di­ger Wand­lung begrif­fen. Sie fan­gen das Licht ein, sind mal trans­pa­rent und zei­gen ihre eige­ne Imma­nenz, mal opak und spre­chen von der Ver­schlos­sen­heit aller Wesen.

In der Mehr­zahl der aus­ge­stell­ten Wer­ke geht es nicht um das psy­cho­lo­gi­sche Bild­nis, nicht um die bestimm­te Per­son, mit unver­wech­sel­ba­ren Kenn­zei­chen, son­dern um das indi­vi­du­el­le mensch­li­che Sein. Eri­ka Stür­mer-Alex redu­ziert die For­men des Motivs – das mensch­li­che Ant­litz – auf ein Grund­mu­ster, inner­halb des­sen sie ein­zel­ne Kom­po­nen­ten immer wie­der neu wan­delt und kom­bi­niert (»Kopf auf Rot«, 1995). Sie stei­gert die gehei­men see­li­schen und gei­sti­gen Pro­zes­se des Men­schen ins Abstrak­te, das sich im Klang und Rhyth­mus der Far­be mit den schick­sal­haf­ten Lini­en ver­bin­det. Die­ter Zim­mer­mann hat die Erin­ne­rung an mensch­li­che Figu­ra­tio­nen, an Gesich­ter in sei­nen Bil­dern ver­wo­ben, wobei sich aus den Posi­tiv- und Nega­tiv­for­men der noch erkenn­ba­ren Umriss­ge­stalt die Grund­me­lo­die für das gan­ze Bild ent­wickelt (»Tor«, 1994). Was in den Kur­ven der Figur anklingt, tönt als Echo in den beglei­ten­den For­men wider, sen­si­bel die Grund­ge­stalt modu­lie­rend. Dage­gen erreicht der ganz von der Far­be getra­ge­ne expres­si­ve Rea­lis­mus in Rai­ner Fet­tings New Yor­ker Serie »Man with hat« (1989) eine Genau­ig­keit, die Ergeb­nis einer rigo­ro­sen Reduk­ti­on ist. »Die Rea­li­tät ist eine Art Bewusst­sein oder Erfah­rung, die man gemacht hat, und dafür fin­det man eine Meta­pher«, sagt Fet­ting, und die­se Meta­pher ist hier der Hut, der den Köp­fen ihre beson­de­re, eigen­wil­li­ge Phy­sio­gno­mie verleiht.

Der Kopf also als uns magisch anzie­hen­der »Schau­platz letz­ter Fra­gen«, als Welt, als See­len­land­schaft, als »gro­ße Run­dung des Uni­ver­sums?« fragt Joa­chim Sar­to­ri­us. Köp­fe, Gesichts­land­schaf­ten, die Spie­ge­lung und bild­in­ter­ne Ent­ge­gen­set­zung des Gesichts, im frei­en Spiel der For­men und Far­ben. Ein Blick auf die Innen­sei­te des Lebens, nicht auf die Außen­sei­te. Gesich­ter in exi­sten­zia­li­sti­scher Ein­sam­keit, in tran­szen­den­ta­ler Abstrak­ti­on, zwi­schen Ent­ste­hen und Ver­ge­hen, medi­ta­ti­ver Ver­sun­ken­heit und wüten­der Aggres­si­vi­tät, zwi­schen sehr nah und sehr fern. Ein unab­läs­si­ges Suchen nach dem wah­ren Sitz des Ich fin­det in den Arbei­ten der Aus­stel­lung statt.

 

»Tête-à-Tête. Köp­fe aus der Kunst­samm­lung der Ber­li­ner Volks­bank«, Kunst­fo­rum der Ber­li­ner Volks­bank. Kai­ser­damm 105, 14057 Ber­lin, diens­tags bis sonn­tags 10 bis 18 Uhr, bis 28. Juni, Ein­tritt 4/​3 €, Kata­log 10 €