Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Der Thüringer Schwanzhund

Wer Lorio­t­fil­me sieht, weiß mehr vom Leben. Dort gab es mal beim Scrab­beln das Wort »Schwanz­hund«. Humor­lo­se Men­schen (im Film) rie­fen: Gibt’s nicht! Gül­tet nicht!

O doch! Gül­tet! Der Schwanz­hund ist ein Fabel­we­sen, das es schafft, dass der Schwanz mit dem Hund wedelt. Ein US-ame­ri­ka­ni­scher Film nutz­te vor einem Vier­tel­jahr­hun­dert die­ses Bild, um die Lügen beim Prä­si­den­ten­wäh­len zu ent­lar­ven. Nun sind die USA ja das Land, bei dem Mr. Trump ein­drucks­voll mit dem Staat wedelt. Doch neu­er­dings gibt es einen Thü­rin­ger Schwanzhund.

Die CDU hat dort eine gerin­ge Mit­glie­der­zahl, schaff­te es aber, das Land inner­halb von 25 Jah­ren mit schwar­zem Filz zu bedecken. Die FDP konn­te mit einer win­zi­gen Zahl an Wäh­lern 2019 die 5-Pro­zent-Hür­de über­sprin­gen. Thü­rin­gen ist das nach Ein­woh­nern zweit­klein­ste Bun­des­land, abge­se­hen von Saar­land, Ham­burg und Bre­men. Doch an einem denk­wür­di­gen 5. Febru­ar gelang es, dass Thü­rin­gen als Schwanz mit der Bun­des-CDU, der Bun­des-FDP, dem Ost­be­auf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung, den Bun­des­bür­gern, der gan­zen Repu­blik und wei­ten Tei­len des Aus­lan­des wedel­te. Sogar die Bun­des­chefin der CDU wank­te – und fiel, sagen wir mal: um. Die hei­mi­schen Talk-Shows kann­ten nur ein The­ma: Wie man in Thü­rin­gen Mini­ster­prä­si­den­ten aus-zählt.

Aus­län­di­sche, also rhei­nisch-baye­ri­sche Zei­tun­gen, die Thü­rin­gen gern mit Tübin­gen ver­wech­seln, wuss­ten auf ein­mal, was Erfurt, was Kem­me­rich und was eine Stimm­ent­hal­tung ist.

Doch beschrei­ben wir mal die­sen 5. Febru­ar, den Tag der Machtergreifung:

Blau­er Him­mel über wei­ten Tei­len des Länd­chens. Auf den Höhen gab es Schnee, auch Rodel war gut. Selbst nach 14:00 Uhr ver­kehr­ten die öffent­li­chen Bus­se. In den Läden gab es ita­lie­ni­sche und sogar tune­si­sche Waren zu Bil­lig­prei­sen. Aus­län­der wur­den wie immer beschimpft. Aus­län­der keil­ten zurück: »Scheiß Deutscher!«

Auch in den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren, seit der Lin­ke Rame­low mit zwei Stim­men Mehr­heit regier­te, war kein Kom­mu­nis­mus im Lan­de aus­ge­bro­chen, nicht ein­mal ein kom­mo­der Sozia­lis­mus. Ein paar Geset­ze mit lin­kem Anstrich kamen durchs Par­la­ment. Dies­mal hat­te sei­ne Koali­ti­on 42 Abge­ord­ne­te hin­ter sich (Lin­ke 31 Pro­zent – SPD 8,2 Pro­zent – Grü­ne 5,2 Pro­zent), vier Stim­men zu wenig. Die Rech­ten hin­ge­gen, die glau­ben, sie sei­en eine »bür­ger­li­che« Mit­te, hat­ten genau 26 Stim­men im Par­la­ment. Nazi­freun­de, Schwu­len­fein­de und Kli­ma­wan­del­leug­ner unter dem Faschi­sten B. Höcke schaff­ten etwas weni­ger: 22 Stimmen.

An die­sem 5. Febru­ar aber war ein Fri­seur­ket­ten­be­sit­zer, der all­über­all in sei­nen Salons ver­kün­den ließ: »Ich lie­be mei­ne Haa­re!« an die Thü­rin­ger Macht gekom­men. Er selbst trug nebst Reit­stie­feln eine glän­zen­de Plat­te. Sein Wahl­wer­be­spot war mar­tia­lisch (sie­he Ossietzky 22/​2019). Doch sei­ne Frau namens Ute Kem­me­rich wuss­te schon immer: »Die Aura hat mich umge­hau­en. Der betritt einen Raum, man schaut ihn an, er hat eine Stim­me, da kann man zuhö­ren. Das war so ›oh‹.«

Die Macht­er­grei­fung – ›oh‹ – selbst war ein Lehr­stück in Sachen Schwanz­hund: Man muss nur rich­tig wedeln, lügen und bie­der­män­nisch vor­spie­geln können.

Wie aber war der Kem­me­rich-Coup, das Fal­sche Dep­per­te Prot­zen, das Wedeln, der Schwanz­hund­par­tei gelun­gen? Die Trup­pe AfD hat­te einen Frei­zeit­bür­ger­mei­ster, der erfolg­los bei der CDU kan­di­diert hat­te, ins Prä­si­den­ten­ren­nen geschickt. Der bekam im zwei­ten Wahl­gang genau die 22 Stim­men, über die die AfD ver­füg­te. Der bis­he­ri­ge Lan­des­va­ter Rame­low ver­buch­te zwei Stim­men über sei­ne Anhän­ger­schaft hin­aus. Das waren mit 44 aber noch immer genau zwei zu wenig. Doch im dritten …

Im drit­ten Wahl­gang woll­te plötz­lich kein AfD-Abge­ord­ne­ter mehr den von der eige­nen Par­tei vor­ge­schla­ge­nen Mann wäh­len. Nie­mand über­haupt im 90-Mann-Kader der Abge­ord­ne­ten. Dafür wähl­ten 45 den Fri­seur­ket­ten­ma­gna­ten. Eine Stim­me mehr als Rame­low. Der Frei­zeit­bür­ger­mei­ster saß auf der Tri­bü­ne – und freu­te sich. Und freu­te sich. Und freu­te sich.

Natür­lich war nichts abge­spro­chen. Über­haupt nichts. Nur Leu­te mit mathe­ma­ti­scher Bil­dung – zu denen ich mich zäh­le, wes­halb ich als Poli­ti­ker untaug­lich wäre – hät­ten dies vor­aus­se­hen können.

Was ich nicht vor­aus­sah: Das nie­mand von den CDU-Abge­ord­ne­ten den heim­li­chen Mut hat­te, sich der Stim­me zu ent­hal­ten. Lie­ber Nazis tri­um­phie­ren ließ. Aber CDU-Par­tei­gän­ger sind, wir wol­len ihnen das ver­zei­hen, per se Zah­len nicht gewogen.

Doch. Drei haben für Rame­low gestimmt oder sich ent­hal­ten. Einer mehr hät­te das Blatt gewen­det. Einer. Alle ande­ren haben Seit an Seit mit Höcke und Brand­ner gewählt: Bühl, Emde, Gott­weiss, Hen­kel, Herr­gott, Heym, Kell­ner, König, Kow­alleck, Malsch, Meiss­ner, Mohring, Schard, Ties­ler, Tasch, Tisch­ner, Urbach, Voigt, Walk, Worm, Zippel.

In Anleh­nung an Ste­fan Heym, als er aus dem DDR-Schrift­stel­ler­ver­band aus­ge­schlos­sen wur­de, darf ich nach­fra­gen: »Wie habt ihr euch damals ver­hal­ten, Mei­ster der Demo­kra­tie, als es dar­auf ankam, sich zäh­len zu lassen?«

Der MDR, das ist jener AfD- – Quatsch! – ARD-Sen­der, der anson­sten für vie­le Kes­sel Bun­tes nebst Dresd­ner Opern­ball zustän­dig ist, pro­du­zier­te Extra- und »Fakt ist!«-Sendungen. Es gelang dem Sen­der, vie­le AfD-Wäh­ler ein­zu­la­den. Sozu­sa­gen den net­ten Volks­na­zi-Rand der Gesell­schaft. Thü­rin­ger aber – das muss man ihnen ein­fach beschei­ni­gen – kön­nen wun­der­bar her­um­druck­sen. Sind nie ganz deut­lich für ihren Füh­rer. »Aber man muss doch mal sagen kön­nen … Der SED-Mann Rame­low … Gewählt ist – nicht wahr? – gewählt …«

Gleich nach der Fri­seur­sa­lon-Wahl gin­gen erstaun­li­che Men­schen­men­gen in Erfurt und ande­ren Thü­rin­ger Städ­ten auf die Stra­ße. Rie­fen »Kem­me­rich muss weg!« Die hör­te und sah ich aller­dings nur in schnel­len Schnit­ten beim – sagen wir mal freund­lich: CDU-Sen­der Mitteldeutschlands.

Der Gelieb­te sei­ner Haa­re trat, geschockt vom mas­si­ven Pro­test, 24 Stun­den nach sei­ner Ver­ei­di­gung zurück, wie­der­hol­te den Rück­tritt Tage spä­ter, führt aber die Regie­rungs­ge­schäf­te (wel­che wohl?) bis zur Ver­fer­ti­gung die­ses Bei­trags weiter.

Ach ja, einem gewis­sen »Ermäch­ti­gungs­ge­setz«, das am 23. März 1933 in Deutsch­land beschlos­sen wur­de, stimm­ten auch die Abge­ord­ne­ten der Deut­schen Staats­par­tei, inklu­si­ve eines nach­ma­li­gen Bun­des­prä­si­den­ten Heuss, zu. Die­se Par­tei war – damit wir zu einem Resü­mee die­ses Schwanz­hun­de­le­bens kom­men – Vor­gän­ge­rin der FDP.