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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Kommando Heer muss liefern

Die für Pres­se­recht zustän­di­ge Kam­mer des Ver­wal­tungs­ge­richts Koblenz hat kürz­lich Fol­gen­des beschlos­sen (4 L 802/22.KO): »Der Antrags­geg­ne­rin (Kom­man­do Heer) wird im Wege der einst­wei­li­gen Anord­nung auf­ge­ge­ben, dem Antrag­stel­ler fol­gen­de Infor­ma­tio­nen zu über­mit­teln, sofern sie vor­han­den sind: 1. Ist der­zeit geplant, wei­te­re ukrai­ni­sche Sol­da­ten in der Artil­le­rie­schu­le Idar-Ober­stein aus­zu­bil­den? Wenn ja, wie vie­le und an wel­chen Waf­fen? 2. Wel­che poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Ent­schei­dungs­trä­ger waren – ohne Nen­nung von Namen – bei der Pla­nung und Durch­füh­rung der im Mai 2022 bekannt gewor­de­nen Aus­bil­dungs­maß­nah­me in der Artil­le­rie­schu­le in Idar-Ober­stein beteiligt?«

Das im bran­den­bur­gi­schen Straus­berg ansäs­si­ge Kom­man­do Heer ist dem Inspek­teur des Hee­res, Gene­ral­leut­nant Alfons Mais, unter­stellt, der wie­der­um direkt dem Gene­ral­inspek­teur der Bun­des­wehr, Gene­ral Eber­hard Zorn, unter­stellt ist. Hin­ter­grund der Kla­ge ist eine Mit­te Mai an die Artil­le­rie­schu­le Idar-Ober­stein gerich­te­te Pres­se­an­fra­ge mit fol­gen­den Fra­gen: »1. Wie vie­le ukrai­ni­sche Sol­da­ten wer­den in der Artil­le­rie­schu­le Idar-Ober­stein aktu­ell aus­ge­bil­det? 2. Wie vie­le ukrai­ni­sche Sol­da­ten sol­len per­spek­ti­visch dort aus­ge­bil­det wer­den? 3. An wel­chen Waf­fen wer­den ukrai­ni­sche Sol­da­ten aktu­ell aus­ge­bil­det und an wel­chen Waf­fen sol­len ukrai­ni­sche Sol­da­ten per­spek­ti­visch aus­ge­bil­det wer­den? 4. Wel­che (natio­na­le und inter­na­tio­na­le) Akteu­re aus Poli­tik und Mili­tär waren und sind bei der Pla­nung und Durch­füh­rung die­ser Aus­bil­dungs­maß­nah­men betei­ligt? 5. Tei­len Sie die Ein­schät­zung des Wis­sen­schaft­li­chen Dien­stes des Bun­des­ta­ges, dass die­se Aus­bil­dungs­maß­nah­men aus völ­ker­recht­li­cher Per­spek­ti­ve als Kriegs­be­tei­li­gung bewer­tet wer­den könn­ten? 6. Was tun Sie dafür, dass die­se Gefahr aus­ge­schlos­sen bzw. mini­miert wird? 7. Inwie­weit haben Sie bei der Pla­nung die­ser Aus­bil­dungs­maß­nah­men die Bestim­mun­gen des Frie­dens­ge­bo­tes des Grund­ge­set­zes und der UN-Char­ta hin­sicht­lich einer Betei­li­gung an bewaff­ne­ten Kon­flik­ten berücksichtigt?«

Die Pres­se­an­fra­ge blieb zunächst voll­kom­men unbe­ant­wor­tet, eben­so eine dies­be­züg­li­che Nach­fra­ge im Juni, wor­auf im August vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Koblenz Untä­tig­keits­kla­ge (mit Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung) erho­ben wor­den ist. Das Kom­man­do Heer blieb auch davon zunächst voll­kom­men unbe­ein­druckt und ließ über sei­nen Juri­sten, Regie­rungs­di­rek­tor Frank Con­rad, lapi­dar mit­tei­len, dass die »vom Antrag­stel­ler auf­ge­wor­fe­nen Fra­ge­stel­lun­gen sei­tens der Bun­des­re­gie­rung bereits ver­öf­fent­licht wor­den sind, soweit nicht ins­be­son­de­re mili­tä­ri­sche Sicher­heits­in­ter­es­sen dem entgegenstanden«.

Die­se mehr als schmal­lip­pi­ge Ant­wort ver­an­lass­te das Ver­wal­tungs­ge­richt Koblenz zur Wei­sung an den Mili­tär­ju­ri­sten, er möge doch dar­le­gen, »wel­che Sicher­heits­in­ter­es­sen durch die Beant­wor­tung der vom Antrag­stel­ler an Sie gerich­te­ten Fra­gen tan­giert wer­den«. Dar­auf folg­te ein 30-sei­ti­ges Tele­fax der Bun­des­wehr mit einer detail­ver­lieb­ten Auf­li­stung sämt­li­cher Tages­zei­tun­gen, in denen Anfang Mai ein Text der Deut­schen Pres­se­agen­tur (»Trai­ning ukrai­ni­sche Kräf­te an Pan­zer­hau­bit­ze 2000 star­tet«) ver­öf­fent­licht wor­den ist. Die kon­kre­te Fra­ge des Ver­wal­tungs­ge­richts blieb unbe­ant­wor­tet, was dann zum Gerichts­be­schluss führ­te. Wäre der Hin­ter­grund der Kla­ge, die Fra­ge nach dem Zusam­men­hang zwi­schen der Aus­bil­dung ukrai­ni­scher Sol­da­ten in Deutsch­land und der Kriegs­be­tei­li­gung Deutsch­lands am Ukrai­ne­krieg im völ­ker­recht­li­chen Sin­ne, nicht der­art exi­sten­ti­ell, könn­te man den Gerichts­streit als amü­san­te Pos­se abtun. Doch bie­ten die Zei­ten für der­ar­ti­gen Humor lei­der gera­de wenig Anlass. Im Gegen­teil, denn das Aus­kunfts­ge­such rich­tet sich auf einen seit Mona­ten in der Ukrai­ne toben­den Krieg, der inzwi­schen voll­kom­men außer Kon­trol­le zu gera­ten scheint und in dem nun sogar unver­hoh­len mili­tä­ri­sche Prä­ven­tiv­schlä­ge gegen die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on gefor­dert wer­den. Auch der Ein­satz von tak­ti­schen Atom­waf­fen scheint immer denk­ba­rer zu wer­den, was den Ein­satz stra­te­gi­scher Atom­waf­fen nach sich zie­hen könn­te und damit unwei­ger­lich den Beginn eines Drit­ten Welt­krie­ges mar­kie­ren würde.

Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­ni­ste­rin Lam­brecht hat vor weni­gen Wochen in ihrer »Grund­satz­re­de zur Sicher­heits­stra­te­gie: Streit­kräf­te wie­der in den Fokus rücken« erklärt: »Es ist nicht ver­wun­der­lich, wenn wir Deut­schen nach den eige­nen Ver­bre­chen im Natio­nal­so­zia­lis­mus und nach dem Ver­nich­tungs­krieg deut­scher Arme­en in Euro­pa eine Skep­sis gegen­über dem Mili­tä­ri­schen zur Tugend gemacht haben – in den letz­ten Jah­ren, ja, in den letz­ten Jahr­zehn­ten. Aber heu­te gilt: Das Deutsch­land, das die­se Ver­bre­chen began­gen hat, gibt es seit bei­na­he 80 Jah­ren nicht mehr. Die Bun­des­wehr ist eine Armee, die mit der von damals nichts gemein hat.« Ihr Wort in Got­tes Ohr, Frau Lam­brecht! Und an das Kom­man­do Heer gerich­tet: Bit­te lie­fern Sie!