Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Militärische Verwerfungen

Wäh­rend der Bun­des­tag auf Antrag der Bun­des­re­gie­rung über eine von bewaff­ne­ten Kräf­ten aus­ge­führ­te soge­nann­te »mili­tä­ri­sche Eva­ku­ie­rung« Afgha­ni­stan min­de­stens bis Ende Sep­tem­ber ver­han­del­te und die­se dann mehr­heit­lich beschloss, führ­te der Ver­hand­lungs­füh­rer der Bun­des­re­gie­rung, Mar­kus Pot­zel, mit Tali­ban-Füh­rungs­kräf­ten in Doha Gesprä­che über eine sicher teu­er erkauf­te zivi­le Eva­ku­ie­rung auch noch über Ende August hin­aus. Und kei­ne 24 Stun­den nach dem Bun­des­tags­be­schluss kam die Ankün­di­gung, dass die Bun­des­wehr ihren Eva­ku­ie­rungs­ein­satz wegen des bevor­ste­hen­den Abzugs der US-Streit­kräf­te vom Flug­ha­fen Kabul und wegen der wach­sen­den Ter­ror­ge­fahr unmit­tel­bar been­den wird.

Danach erfolg­te der Selbst­mord­an­griff im Gedrän­ge der unüber­schau­bar vie­len auf Eva­ku­ie­rung Hof­fen­den am Abbey Gate des Flug­ha­fens. Vie­le der vor den Gates war­ten­den Ver­zwei­fel­ten, Hof­fen­den, Ver­äng­stig­ten und Hoff­nungs­lo­sen und 13 US-Sol­da­ten wur­den Opfer einer für eini­ge Ver­ant­wort­li­che schein­bar über­ra­schen­den, aber sicher vor­her­seh­ba­ren Tat.

Im Zusam­men­hang mit der Bun­des­tags­de­bat­te über die mili­tä­ri­sche Eva­ku­ie­rung warn­ten Lin­ke wie Sevim Dagde­len noch kurz vor der Bun­des­tags­de­bat­te im Deutsch­land­funk, der Ein­satz bewaff­ne­ter Kräf­te ber­ge nicht abseh­ba­re Eska­la-tions­ge­fah­ren in sich. Die aus­län­di­schen Sol­da­ten sei­en Ziel von Anfein­dun­gen; sie und Men­schen­men­gen in ihrer Nähe sei­en hohen Risi­ken ausgesetzt.

Zivi­le Lösun­gen sind durch mili­tä­ri­sche Pla­nun­gen, wie sie der Bun­des­tags­be­schluss ent­hielt, gefähr­det. Die Stra­te­gie, poli­ti­sche Lösun­gen mit mili­tä­ri­schen Mit­teln her­bei­zu­füh­ren, hat im Afgha­ni­stan-Krieg erneut Schiff­bruch erlitten.

Die Links­par­tei hat in der Bun­des­tags­sit­zung vom 25.8.2021 bean­tragt, dass der Deut­sche Bun­des­tag die Bun­des­re­gie­rung auf­for­dern möge, »alle Schrit­te in die Wege zu lei­ten, um die ande­ren Aus­lands­ein­sät­ze der Bun­des­wehr wie in Mali, am Horn von Afri­ka, im Koso­vo oder im Mit­tel­meer unver­züg­lich zu been­den und dabei dort, wo dies für deren Sicher­heit not­wen­dig ist, eine zeit­glei­che Eva­ku­ie­rung aller Orts­kräf­te auf den Weg zu brin­gen, um wei­te­re huma­ni­tä­re Kata­stro­phen zu vermeiden«.

Die­se Kon­se­quenz aus dem Leid und Cha­os in Afgha­ni­stan, wovor Kri­ti­ker schon seit 2001 gewarnt hat­ten, ist von den ande­ren Bun­des­tags­par­tei­en nicht unter­stützt wor­den. Sie haben den LIN­KEN-Antrag in die Aus­schüs­se ver­wie­sen, ein indi­rek­tes und doch deut­li­ches Zei­chen einer Ablehnung.

Ernüch­ternd ist auch die erneut sicht­bar gewor­de­ne Rea­li­täts­ver­wei­ge­rung der Mehr­heit der Par­la­men­ta­ri­er, die sich in juri­sti­schen Fra­gen, und die sind bei Fra­gen von Frie­den und Gewalt von hoher Rele­vanz, Sand in die Augen streu­en lie­ßen. Der von der Bun­des­re­gie­rung ein­ge­brach­te Beschluss täuscht in den For­mu­lie­run­gen eine Über­ein­stim­mung mit dem Völ­ker­recht in mehr­fa­cher Hin­sicht vor, so mit die­sem Zitat: »Der Ein­satz bewaff­ne­ter deut­scher Streit­kräf­te erfolgt auf Grund­la­ge der fort­gel­ten­den Zustim­mung der Regie­rung der Isla­mi­schen Repu­blik Afgha­ni­stan zum Ein­satz bewaff­ne­ter deut­scher Streit­kräf­te zur Eva­ku­ie­rung deut­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger, von Per­so­nal der inter­na­tio­na­len Gemeinschaft.«

Dazu ist anzu­mer­ken: Die Regie­rung, auf die die Bun­des­re­gie­rung sich hier beruft, ist zusam­men­ge­bro­chen, ihre Spit­ze ist im Exil; und die Bun­des­re­gie­rung hat bereits wie­der­holt mit der neu­en Staats­füh­rung Afgha­ni­stans verhandelt.

Eine wei­te­re Täu­schung, die Spreng­stoff in sich birgt, fin­det sich in die­ser For­mu­lie­rung des Antrags der Bun­des­re­gie­rung: »Der Ein­satz wird durch­ge­führt auf der Grund­la­ge des Völ­ker­rechts und der Zustim­mung der Regie­rung der Isla­mi­schen Repu­blik Afgha­ni­stan. Dies umfasst den Ein­satz mili­tä­ri­scher Gewalt zur Durch­set­zung des Auftrags.«

Die Regie­rung und ihre Mehr­heit im Bun­des­tag hielt mit dem beschlos­se­nen Text and der geschei­ter­ten mili­tä­ri­schen Opti­on fest, so als wäre die­se nicht längst vor die Wand gefahren.

Der mora­li­sche Druck, den die Pro­pa­gan­da auf­baut, wirkt auch auf alter­na­ti­ve Kräf­te; so erklär­te bei­spiels­wei­se Seba­sti­an Wei­er­mann in ND-der Tag, die Links­frak­ti­on hät­ten dem Text zustim­men sol­len. Er schrieb am Tag der Abstim­mung im Bun­des­tag: »Eine eng begrenz­te Ret­tungs­mis­si­on mit­zu­ver­ant­wor­ten, hät­te gezeigt, dass man außen­po­li­ti­sche Not­wen­dig­kei­ten aner­kennt. Das wäre auch ange­sichts des Stre­bens vie­ler Lin­ker nach einem rot-rot-grü­nen Bünd­nis im Bund rich­tig gewe­sen.« Seba­sti­an Wei­er­mann über­sieht die inzwi­schen unüber­seh­bar dra­ma­tisch gewor­de­nen Gefah­ren­po­ten­tia­le im Beschluss­text von Par­la­ment und Regie­rung. Wie soll­te denn eine mili­tä­ri­sche Ret­tung durch bewaff­ne­te Kräf­te von Men­schen aus dem Ein­satz­ge­biet der Bun­des­wehr hun­der­te Kilo­me­ter von Kabul ent­fernt aus­se­hen, wenn sie in eine Zeit nach dem Fri­sten­de, das die neue Macht im Staat gesetzt hat­te, gefal­len wäre? Sol­len dann Hub­schrau­ber oder Pan­zer die Eva­ku­ie­rung gegen den Wider­stand der neu­en Her­ren im Land durch­set­zen und hof­fen, dass die zu Ret­ten­den und die Kampf­trup­pen sowie ihre Heli­ko­pter, Pan­zer und wei­te­res Gerät aus mög­li­chen Kon­fron­ta­tio­nen unver­sehrt herauskommen?

Sol­che Risi­ken waren der Bun­des­re­gie­rung offen­sicht­lich klar, liest man doch in ihrem Text: »Zur Durch­füh­rung von kon­kre­ten Ope­ra­tio­nen kann, zum Zweck der Ver­le­gung von Per­so­nal in unter­stüt­zen­der Funk­ti­on in angren­zen­den Räu­men, die Per­so­nal­ober­gren­ze zeit­lich befri­stet über­schrit­ten wer­den. Glei­ches gilt in Not­si­tua­tio­nen.« Mit die­sem Satz hielt sich die Bun­des­re­gie­rung noch kurz vor dem Kund geta­nen Ende des Mili­tär­ein­sat­zes die Opti­on offen, Gewalt anzu­wen­den, wenn es zu einer von ihr bereits befürch­te­ten Eska­la­ti­on kom­men soll­te; damit soll­te für den ein­kal­ku­lier­ten »Not­fall« das brand­ge­fähr­li­che Unter­neh­men zeit­lich und räum­lich weit über Kabul aus­ge­dehnt wer­den kön­nen. Die Nato-affi­nen Par­tei­en spiel­ten und spie­len mit Orts­kräf­ten, Kampf­trup­pen und der Bevöl­ke­rung auf Risi­ko; sie erwei­sen sich damit als kom­plett blind gegen­über den Erfor­der­nis­sen einer Sicher­heits­po­li­tik, die den Bedürf­nis­sen der Men­schen gerecht wird. Wenn sich Tali­ban-Ver­tre­ter in Ver­hand­lun­gen mit der Bun­des­re­gie­rung zivi­len Lösun­gen gegen­über offen zei­gen, dann ist ein mili­tä­ri­sches Aben­teu­er auch von daher unverantwortlich.

Auf das mili­tä­ri­sche Desa­ster fol­gen War­nun­gen des UNO-Gene­ral­se­kre­tärs Gut­er­res, der nun vor einem »völ­li­gen Zusam­men­bruch der Grund­ver­sor­gung in dem Land« warnt. Der Krieg hat über zwei Bil­lio­nen US-Dol­lar geko­stet. Jetzt wer­den immense, aber deut­lich weni­ger Mit­tel für die Men­schen drin­gend gebraucht.

Aus dem wie­der­hol­ten Schei­tern einer mili­tä­risch ange­streb­ten Kon­flikt­be­en­di­gung ergibt sich die zwin­gen­de Kon­se­quenz, den Mili­tärs welt­weit den Nach­schub an Feu­er­kraft abzu­dre­hen und die Bedürf­nis­se von Mensch und Natur zu befrie­di­gen. Pas­send bean­trag­te die Links­par­tei in der Bun­des­tags­sit­zung am 25.8.2021: »Der Deut­sche Bun­des­tag for­dert die Bun­des­re­gie­rung auf, den Export von Rüstungs­gü­tern in Län­der der Regi­on des Vor­de­ren und Mitt­le­ren Ori­ents, ins­be­son­de­re nach Paki­stan, sofort ein­zu­stel­len und kei­ne neu­en Geneh­mi­gun­gen mehr zu erteilen.«

Auch die­ser Text wur­de in die Aus­schüs­se ver­wie­sen. Die Kräf­te, die dahin­ter­ste­hen, unter­stüt­zen damit indi­rekt und teils unver­hoh­len, dass die Bun­des­re­gie­rung in der lau­fen­den Legis­la­tur­pe­ri­ode Rüstungs­ex­por­te in Höhe von 22,5 Mil­li­ar­den Euro geneh­migt hat, wie das Wirt­schafts­mi­ni­ste­ri­um laut dpa der Links­frak­ti­on im August 2021 ant­wor­te­te. Waf­fen im Wert von weit über 400 Mil­lio­nen Euro gin­gen an Afgha­ni­stan. Die Fra­gen von Frie­den, Krieg, Rüstung und Mili­ta­ri­sie­rung müs­sen nun im Wahl­kampf einen noch grö­ße­ren Stel­len­wert erhalten.

Die Nato-Lob­by wirft der Links­par­tei Regie­rungs­un­fä­hig­keit vor, da sie sich ihrer Poli­tik ver­schließt. Ange­sichts des erneu­ten Schei­terns des Westens ist das zynisch. Die Schluss­pha­se des Bun­des­tags­wahl­kamp­fes muss zur Abrech­nung mit der kra­chend geschei­ter­ten Nato-Kriegs­po­li­tik wer­den, und die Frie­dens­be­we­gung muss den Mili­ta­ri­sten Ein­halt gebie­ten, die jetzt mehr euro­päi­sche Unab­hän­gig­keit von den USA und mehr Mili­tär­aus­ga­ben fordern.

Das ist über­fäl­lig, da die öko­lo­gi­schen, öko­no­mi­schen und sozia­len Fol­gen der Mili­ta­ri­sie­rung Leid, Zer­stö­rung und mas­si­ve Zukunfts­ge­fähr­dun­gen mit sich brin­gen. Es gibt kei­ne nach­hal­ti­ge Per­spek­ti­ve für die Mensch­heit ohne die Aus­rich­tung der Poli­tik auf fried­li­che Kon­flikt­lö­sung und Abrüstung.