Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Zensur – einst und heute

Zen­sur, ein mit Frust besetz­tes Wort vor allem bei Kul­tur- und Gei­stes­schaf­fen­den, bei poli­tisch Den­ken­den und Han­deln­den? Wer wäre ihr nicht schon irgend­wann in irgend­ei­ner Wei­se zum Opfer gefal­len? Sei es durch Ver­bo­te, Igno­ranz, die Macht des Mark­tes, sei es durch Ver­mei­dung, Selbst­zen­sur oder die soge­nann­te Sche­re im Kopf, wenn man sich zum Bei­spiel aus ver­meint­lich eige­nem Antrieb der Poli­ti­cal Cor­rect­ness, dem Gen­dern oder den Sprach­re­ge­lun­gen der Kir­che oder des Moral­co­dex› unter­wirft? Die­ses und jenes sagt man ein­fach nicht, die­ses und jenes zu äußern kann sogar lebens­ge­fähr­lich sein. Zen­sur gab es kei­nes­wegs nur in der DDR, es gab sie schon immer, und es gibt sie auch heu­te, selbst in Staa­ten, die sich beson­ders libe­ral und demo­kra­tisch geben.

Die­se Tat­sa­che hat sich die unter der Redak­ti­on von Jens-F. Dwars und Ulrich Kauf­mann von der Thü­rin­gi­schen Literar­hi­sto­ri­schen Gesell­schaft Palm­baum e. V. und dem Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat her­aus­ge­ge­be­ne Zeit­schrift Palm­baum. Lite­ra­ri­sches Jour­nal aus Thü­rin­gen in ihrem Heft 1/​21 zum Titel­the­ma gemacht. In 18 Bei­trä­gen auf knapp ein­hun­dert Sei­ten äußern sich dazu unter der Über­schrift »Zen­sur – einst und heu­te« Autorin­nen und Autoren von Johann Wolf­gang Goe­the bis Mat­thi­as Bis­ku­pek, von Sig­rid Damm bis Lutz Rathenow.

Durch die­se so unter­schied­li­chen Per­sön­lich­kei­ten in unter­schied­li­chen Zei­ten und mit unter­schied­li­chem poli­ti­schem Hin­ter­grund wird die­ses The­ma von den ver­schie­den­sten Sei­ten betrach­tet – selbst von der »Täter«-Seite wie bei Goe­the, der nicht nur Opfer der Selbst­zen­sur war, son­dern auch durch die eige­nen Freun­de und Ver­wand­ten einer Zen­sur unter­lag, so Dwars in sei­nem Bei­trag »Wei­ma­rer Ver­schluss-Sache. Goe­thes Ero­ti­ca als Staats­ge­heim­nis«. In einem 1799 geschrie­be­nen »Vor­schlag zu kol­lek­ti­ver Selbst-Zen­sur«, wie die Redak­teu­re titeln, sin­niert der Dich­ter sogar wohl­wol­lend dar­über, »dass nach und nach ein all­ge­mei­nes Zen­so­rat ent­ste­hen wird«. Die exzel­len­te Goe­the-Ken­ne­rin Sig­rid Damm führt dann dar­über hin­aus im Inter­view mit Ulrich Kauf­mann aus, dass der berühm­te Wei­ma­rer am Hofe Carl Augusts selbst als Zen­sor fungierte.

So wie Chri­stoph Schmitz-Schole­mann, Gün­ter Schmidt und Rolf Schnei­der geht auch Achim Wün­sche mit dem Bei­trag »Auf dem rech­ten Auge blind. Gewalt und Zen­sur in der Wei­ma­rer Repu­blik und die Fol­gen« auf die Geschich­te der Zen­sur ein und weist auf die Bücher­ver­bren­nung 325 unter Kai­ser Kon­stan­tin I. hin. Gün­ter Schmidt beleuch­tet die Zen­sur in der Ade­nau­er-Ära, in der Fil­me des ita­lie­ni­schen Neo­rea­lis­mus und vor allem Fil­me aus der DDR ver­bo­ten wur­den. Sein Fazit ist eine kla­re Ansa­ge: »In der Ade­nau­er-Ära hat es ein­deu­ti­ge Ver­stö­ße gegen das Zen­sur­ver­bot des Grund­ge­set­zes gege­ben« – geprägt »von einem mili­tan­ten Anti­kom­mu­nis­mus, einer schar­fen Ost-West-Kon­fron­ta­ti­on und einer restrik­ti­ven Moral«. Bei Rolf Schnei­ders Betrach­tun­gen der Zen­sur in Ost und West am Bei­spiel Brecht ist bemer­kens­wert, wel­che Prak­ti­ken in der DDR ange­wandt wur­den, um der Zen­sur aus­zu­wei­chen. Irri­tie­rend aber ist am Schluss im Zusam­men­hang mit Über­le­gun­gen zu heu­ti­ger Zen­sur aus wirt­schaft­li­chen Grün­den sei­ne Fra­ge: »Sol­len wir uns also Zustän­de der Zen­sur (gemeint wie in der DDR – el) zurück­wün­schen?« Könn­te es sein, dass der Schrift­stel­ler der Illu­si­on ver­fal­len ist, in der BRD gebe es kei­ne poli­tisch moti­vier­te Zen­sur? Das wird ein­deu­tig durch Olaf Weber wider­legt, der einen absur­den Fall von Zen­sur am Bau­haus in Wei­mar im Jah­re 2010 schil­dert. Ein Dekan fun­giert da als selbst­er­nann­ter Zensor.

Beson­ders inter­es­sant wird es, wenn Autoren wie Wulf Kir­sten, Lutz Rathe­now und Wil­helm Bartsch – oft mit Iro­nie und Sar­kas­mus – über ihre eige­nen Erfah­run­gen mit der Zen­sur in der DDR schrei­ben bezie­hungs­wei­se über ihnen bekann­te kon­kre­te Fäl­le. Ulrich Kauf­mann hat »Vol­ker Braun im Visier der Zen­sur« unter­sucht, wobei der Lyri­ker damals, 1963, Unter­stüt­zung durch Chri­sta Wolf erhielt. Bartsch, der aus sei­ner Sta­si-Opfer­ak­te den Klar­na­men des IM preis­gibt, geht auch mit der heu­ti­gen BRD ins Gericht, etwa wenn er Zen­sur gegen Wolf­gang Hil­big 1995 zur Spra­che bringt und sich 2020 selbst als Opfer erken­nen muss.

Wil­helm Bartsch aber macht das Erstaun­li­che: Er schil­dert einen ihn selbst betref­fen­den Fall, »viel­leicht eine(n) der sehr sel­te­nen Fäl­le, wo Zen­sur auch ein­mal mög­lich, viel­leicht sogar nötig gewor­den war«. Es ging in einem Gedicht zum 150. Todes­tag von Goe­the um eine Wort­wahl, die durch Peter Edel zu recht moniert wor­den war, weil sie fal­sche Asso­zia­tio­nen hät­te her­bei­ru­fen kön­nen. Auch Jens-F. Dwars, der in sei­nem Edi­to­ri­al fest­stellt, »dass die Frei­heit, sich öffent­lich zu äußern, noch nie so groß war, und die Chan­ce, damit etwas zu ändern, noch nie so gering«, kann der geschmäh­ten Zen­sur durch­aus auch etwas Posi­ti­ves abge­win­nen. »Der Zwang, bestimm­te Tabus ein­hal­ten zu müs­sen, gegen die man den­noch anschrei­ben möch­te, nötigt zur Ver­fei­ne­rung der eige­nen Aus­drucks­mit­tel.« Und er stellt in sei­nem Bei­trag über Goe­thes Ero­ti­ca fest, dass die DDR »seit den 1970er Jah­ren einen beacht­li­chen Reich­tum an Kul­tur her­vor­ge­bracht hat, der (…) auf Zen­sur und Selbst­zen­sur beruh­te und doch eine Viel­falt ver­fei­ner­ter Mal- und Sprach­for­men gebar, ein Rin­gen um das Sag­ba­re, das pro­duk­tiv mit dem Erbe ver­gan­ge­ner Epo­chen umging«.

Palm­baum. Lite­ra­ri­sches Jour­nal aus Thü­rin­gen, Heft 1/​2021 (Heft 72), Bucha bei Jena, quar­tus-Ver­lag, 12 .