Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Parteienverbot gescheitert

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat am 22. Juli den Beschluss des Bun­des­wahl­aus­schus­ses auf­ge­ho­ben, die Deut­sche Kom­mu­ni­sti­sche Par­tei, DKP, von der Bun­des­tags­wahl im Sep­tem­ber aus­zu­schlie­ßen und gleich­zei­tig ihr den Staus als Par­tei abzu­er­ken­nen. Bun­des­wahl­lei­ter und Bun­des­tags­ver­wal­tung hat­ten eine Ände­rung des Par­tei­en­geset­zes im Jahr 2015 zum Vor­wand genom­men, um in der Sit­zung des Bun­des­wahl­aus­schus­ses am 8. Juli den Antrag gegen den Par­tei­en­sta­tus der DKP zu stel­len, dem dort auch ent­spro­chen wurde.

Vor­aus­ge­gan­gen war eine lan­ge vor­be­rei­te­te Intri­ge von Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Schäub­le als Chef der Bun­des­tags­ver­wal­tung und Bun­des­wahl­lei­ter Georg Thiel. Dass es sich dabei um ein abge­kar­te­tes Spiel zwi­schen Thiel und Schäub­les Ver­wal­tungs­ap­pa­rat han­del­te, dafür gibt es Bele­ge. Der DKP-Vor­stand hat­te am 5. Sep­tem­ber vori­gen Jah­res beim Bun­des­wahl­lei­ter aus­drück­lich nach­ge­fragt, ob man die Anfor­de­run­gen gemäß Par­tei­en­gesetz erfül­le. Am 8. Sep­tem­ber ließ Thiel wis­sen, er kön­ne die­se Fra­ge nicht beant­wor­ten, das sei Auf­ga­be des Prä­si­den­ten des Deut­schen Bun­des­tags. Noch glei­chen­tags schrieb der DKP-Vor­stand dar­auf­hin die Bun­des­tags­ver­wal­tung mit glei­cher Fra­ge­stel­lung an. Eine Aus­kunft erhielt er jedoch auch hier nicht. Als der Anwalt der DKP im Rah­men des am 12. Juli ange­streng­ten Beschwer­de­ver­fah­rens vor dem BVerfG Akten­ein­sicht erhielt, war ersicht­lich, dass es im Juni einen brief­li­chen Kon­takt zwi­schen dem Bun­des­wahl­lei­ter und der Bun­des­tags­ver­wal­tung gege­ben hat­te. Dabei wur­de von der Bun­des­tags­ver­wal­tung mit­ge­teilt: »Die DKP hat unse­rer Auf­fas­sung nach kei­nen Par­tei­en­sta­tus mehr.« Bis zum 8. Juli wur­de die Par­tei dar­über nicht infor­miert; ein Indiz dafür, dass Thiel die DKP bis zum letz­ten Augen­blick über die beab­sich­tig­te Ent­zie­hung des Par­tei­en­sta­tus im Unkla­ren las­sen wollte.

Zu ver­mu­ten ist, dass das BVerfG sich bei sei­ner Ent­schei­dung von der Über­le­gung lei­ten ließ, sich in sei­ner Kom­pe­tenz, die allei­ni­ge Zustän­dig­keit über Par­tei­en­ver­bo­te zu haben, nicht durch einen Ver­wal­tungs­akt einer Behör­de beschnei­den zu las­sen. Par­tei­en sind recht­lich gese­hen eine Son­der­form eines Ver­eins. Sie haben aber Son­der­rech­te, und sie ste­hen unter dem beson­de­ren Schutz des Grund­ge­set­zes – das heißt, es ist auf­wen­dig, sie zu ver­bie­ten. Wird aber die Par­tei­ei­gen­schaft ent­zo­gen, bleibt nur noch ein Ver­ein übrig, der pro­blem­los per Erlass des Innen­mi­ni­ste­ri­ums auch ver­bo­ten wer­den könnte.

Kom­mu­ni­sten sind Dau­er­ob­jekt deut­scher innen­po­li­ti­scher Feind­bild­pfle­ge. Ein klei­ner histo­ri­scher Rück­blick: Es begann mit dem ersten Kom­mu­ni­sten­pro­zess zu Köln 1852, wo Karl Marx per­sön­lich ange­klagt war, es folg­te die Unter­drückung der – damals noch revo­lu­tio­nä­ren – Sozi­al­de­mo­kra­tie unter dem Sozia­li­sten­ge­setz 1878 bis 1890. Unmit­tel­bar nach der Kon­sti­tu­ie­rung der KPD 1919 wur­den füh­ren­de Köp­fe der neu­en Par­tei wie Rosa Luxem­burg und Karl Lieb­knecht ermor­det. Die Mord­se­rie wur­de zwi­schen 1933 und 1945 von den Faschi­sten tau­send­fach wei­ter­ge­führt. Und schon zehn Jah­re nach Grün­dung der Bun­des­re­pu­blik wur­de die KPD erneut auf Betrei­ben der Ade­nau­er-Regie­rung ver­bo­ten; das Ver­bot gilt bis heu­te. Die Neu­grün­dung 1968 als DKP wur­de ermög­licht durch die inter­na­tio­na­le Lage, indem der Kal­te Krieg durch die Ent­span­nungs­po­li­tik abge­löst wur­de und das Ver­bot als ana­chro­ni­sti­sches Über­bleib­sel nicht mehr halt­bar war. Flan­kiert wur­de die Zulas­sung der DKP 1972 durch eine neue, sub­ti­le Ver­fol­gungs­wel­le mit­tels des unter sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Regie­rung erfolg­ten Radi­ka­len­er­las­ses. Unter Bruch der Ver­fas­sung – »Nie­mand darf wegen sei­ner (…) poli­ti­schen Anschau­un­gen benach­tei­ligt oder bevor­zugt wer­den« (Art. 3GG) – wur­den 3,5 Mil­lio­nen Per­so­nen vom Ver­fas­sungs­schutz durch­leuch­tet, was zu rund 3.500 Ver­fah­ren führ­te. Nun der Ver­such eines Par­tei­en­ver­bots mit­tels eines ein­fa­chen Ver­wal­tungs­ak­tes über ein sonst fast unbe­kann­tes Gre­mi­um namens Bun­des­wahl­aus­schuss. War­um der neue Angriff zum jet­zi­gen Zeitpunkt?

Das KPD-Ver­bot 1956 stand in unmit­tel­ba­rem Zusam­men­hang mit der Remi­li­ta­ri­sie­rung der Bun­des­re­pu­blik, die gegen die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung durch­ge­setzt wer­den muss­te. Die KPD war damals die stärk­ste innen­po­li­ti­sche Kraft, die den Wider­stand dage­gen mit orga­ni­siert hat­te, obwohl sie par­la­men­ta­risch kei­nen Ein­fluss hat­te. Heu­te geht es um die Auf­rü­stung von Bun­des­wehr und Nato gegen Russ­land und Chi­na. Russ­land ist das neue Super-Feind­bild und die »Trans­at­lan­ti­ker« in der EU, in CDU/​SPD/​Grüne unter­stüt­zen bedin­gungs­los den aggres­si­ven Kurs der USA. Selbst in der Links­par­tei ver­su­chen Kräf­te wie der Abge­ord­ne­te Höhn, die Par­tei näher an den Nato-Kurs zu füh­ren. In die­ser Situa­ti­on ist die DKP, obwohl par­la­men­ta­risch bedeu­tungs­los, mit ihrem strik­ten Frie­dens­kurs, ihrer »Raus aus der Nato«-Orientierung, ihrem Fest­hal­ten an der ursprüng­lich sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Ent­span­nungs­po­li­tik, den herr­schen­den und poli­ti­schen Eli­ten hier­zu­lan­de eine nicht nur stö­ren­de, son­dern im Ernst­fall unkal­ku­lier­ba­re Kraft. Dem gilt es offen­sicht­lich vorzubeugen.

Die Bun­des­re­pu­blik wird gegen­wär­tig von einer reak­tio­nä­ren Mini­ste­ri­al­bü­ro­kra­tie und Exe­ku­ti­ve für den »Ernst­fall« auf­ge­stellt. Demo­kra­tie­ab­bau und Sozi­al­ab­bau gehen hier­bei Hand in Hand. Leo­par­d­pan­zer der Bun­des­wehr ste­hen heu­te schon wie­der dort, wo die Tiger­pan­zer der Wehr­macht 1941 Rich­tung Mos­kau roll­ten. Ein fak­ti­sches Ver­bot, damals der KPD, heu­te der DKP, gehört dazu.