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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Pazifismus als Überlebens-Chance

Im Ukrai­ne-Krieg gilt der rus­si­sche Prä­si­dent in der Öffent­lich­keit als Ter­ro­rist, mit dem man nicht spre­chen kön­ne, auch das EU-Par­la­ment bezeich­net Russ­land als Staat, der Ter­ror unter­stützt. Wir wis­sen, dass die USA lan­ge schon Ter­ror unter­stüt­zen und aus­füh­ren. Brze­zinski erklär­te in einem Inter­view mit le Nou­vel Obser­va­teur 1998, die USA haben mit der Unter­stüt­zung der Muja­he­din zum Unter­gang der Sowjet­uni­on bei­getra­gen. Die ein­sei­ti­ge Schwarz-Weiß-Pro­pa­gan­da, der zufol­ge der Westen im All­ge­mei­nen und die Nato im Beson­de­ren der gute She­rif ist, der Chi­na und Russ­land im Osten in Schach hält, stimmt auch im Fall des Ukrai­ne-Krie­ges nicht.

Die Aus­sa­ge über eine rus­si­sche Allein­schuld für die Kata­stro­phe in Ost­eu­ro­pa klingt so plau­si­bel, wie sie bei nähe­rem Hin­se­hen unplau­si­bel ist: Wie alle Krie­ge ist die­ser nicht ohne sei­ne Vor­ge­schich­te zu ver­ste­hen, und ohne ein Ver­ständ­nis der Vor­ge­schich­te wird er auch nicht zu lösen sein. Wer sich nicht um ein sol­ches Ver­ständ­nis bemüht, wird all­zu leicht der Idee ver­fal­len, der Krieg sei Ergeb­nis der psy­chi­schen Dis­po­si­ti­on des Aggres­sors in Per­son des Prä­si­den­ten der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on. Und genau das ist Kern der Aus­sa­ge von Bodo Rame­low, dies sei Putins Krieg, die selek­tiv von einem ober­fläch­li­chen Blick auf den 24. Febru­ar 2022 geprägt ist. Die­ser selek­ti­ve Blick ersetzt Ana­ly­se durch emo­tio­na­li­sie­ren­de Bil­der, mit denen Mas­sen­psy­cho­lo­gie ihre Wir­kung ent­fal­ten kann, wie zum Bei­spiel: »Russ­land führt sei­nen Krieg auch in Deutsch­land an der Tank­stel­le, beim Strom- und Gas­preis und auch an jedem Mon­tag hier in Thü­rin­gen.« Hier wird Ana­ly­se durch Per­so­na­li­sie­rung ersetzt, inso­fern der rus­si­sche Prä­si­dent die deut­sche Bevöl­ke­rung mit nie­de­ren Moti­ven tref­fen will.

Dem­ge­gen­über zeugt die Ein­schät­zung des sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Poli­ti­kers Klaus von Dohn­anyi von einer deut­lich pro­fun­de­ren ana­ly­ti­schen Tie­fe, wenn er zur Kriegs-Ver­ant­wor­tung sag: »Für den Krieg ist nur Russ­land ver­ant­wort­lich. Aber als die Bedro­hung eines Krie­ges für die Men­schen in der Ukrai­ne wuchs, waren die USA nicht bereit, über die zen­tra­le Fra­ge, ob die Ukrai­ne in die Nato kommt, auch nur zu ver­han­deln (…). In die­ser Fra­ge tei­le ich die Auf­fas­sung des heu­ti­gen Chefs der CIA, Wil­liam Burns, der noch 2019 die Fort­set­zung der Nato-Erwei­te­rung im Wesent­li­chen für eine sinn­lo­se Pro­vo­ka­ti­on hielt. Ich tei­le auch die Auf­fas­sung von Pro­fes­sor Jack Mat­lock, der als US-Bot­schaf­ter in Mos­kau im Febru­ar 1990 dabei war, als Außen­mi­ni­ster James Baker Gor­bat­schow ver­sprach, die Nato nicht über Deutsch­land hin­aus zu erweitern.«

Pas­send dazu führt der Völ­ker­rechts­ex­per­te und Jour­na­list Andre­as Zumach aus: »Die bis dato rein west­li­che Mili­tär­al­li­anz rechtfertigt(e) ihre bis­he­ri­ge sowie künf­tig geplan­te Ost­aus­deh­nung ger­ne mit ›legi­ti­men Sicher­heits­in­ter­es­sen‹ ihrer Mit­glieds­staa­ten. Damit wer­den auch die mili­tä­ri­schen Manö­ver der Nato in der Nähe zur rus­si­schen Gren­ze gerecht­fer­tigt sowie die stän­di­ge Sta­tio­nie­rung von 7.000 ›rotie­ren­den‹ Nato-Sol­da­ten in Polen und den drei bal­ti­schen Staa­ten. Russ­land wird der Anspruch auf ›legi­ti­me Sicher­heits­in­ter­es­sen‹ aber ver­wehrt. Zugleich machen sich die west­li­chen Staa­ten sehr unglaub­wür­dig, wenn sie zwar Russ­lands Bestre­bun­gen zur Aus­wei­tung sei­ner Ein­fluss­sphä­ren kri­ti­sie­ren, aber die mit der Nato-Ost­erwei­te­rung voll­zo­ge­ne Aus­wei­tung ihrer eige­nen Ein­fluss­sphä­ren unter­schla­gen oder schön­re­den. Nur wenn die west­li­chen Staa­ten die­se Hal­tung auf­ge­ben, ihre Mit­ver­ant­wor­tung für die Ver­schlech­te­rung der Bezie­hun­gen zu Russ­land aner­ken­nen und dar­aus auch prak­ti­sche poli­ti­sche Kon­se­quen­zen für die künf­ti­ge Gestal­tung die­ser Bezie­hun­gen zie­hen, besteht eine Chan­ce, für deren dau­er­haf­te Ver­bes­se­rung und damit für Sta­bi­li­tät und Koope­ra­ti­on auf dem gemein­sa­men eura­si­schen Kon­ti­nent.«

Aus die­ser Ana­ly­se schluss­fol­ger­te Andre­as Zumach in einem Vor­trag in Essen am 16.10., dass der größ­te Anteil an der Eska­la­ti­on der Span­nun­gen im Vor­feld der Inva­si­on rus­si­scher Trup­pen in die Ukrai­ne auf Sei­ten der Nato liegt.

Die Nato-Pro­pa­gan­da ver­or­tet die Ver­ant­wor­tung durch das Aus­blen­den ihrer Expan­si­ons-Poli­tik vor dem Krieg allein auf rus­si­scher Sei­te und gewinnt durch ihre regel­mä­ßi­ge Infil­tra­ti­on des Nach­rich­ten­ma­nage­ments eine immer brei­te­re Mehr­heit der west­li­chen Öffent­lich­keit, sogar bis in die Links­par­tei hin­ein, was sich dar­an zeigt, dass auch Bodo Rame­low im Novem­ber 2022 erklär­te: »Frü­her war ich ein Geg­ner von Waf­fen­lie­fe­run­gen – heu­te sage ich ergän­zend: Jeder, der ange­grif­fen wird, hat das Recht, sich zu verteidigen.«

Zum Stim­mungs­wan­del gehört die Her­ab­wür­di­gung des Pazi­fis­mus als naiv, durch­trie­ben, ideo­lo­gisch, welt­fremd, arro­gant oder gleich sogar kri­mi­nell: Sascha Lobo greift zum Wort »Lum­pen-Pazi­fi­sten«; nur Wolf Bier­mann, der den völ­ker­rechts­wid­ri­gen Krieg der USA unter G.W. Bush gegen den Irak gut hieß, topp­te das kürz­lich in einem Zeit-Inter­view: Pro­mi­nen­te Per­sön­lich­kei­ten, die für schnel­le Ver­hand­lun­gen mit Russ­land und nicht für Waf­fen­lie­fe­run­gen an die Ukrai­ne sind, de-legi­ti­miert er: »Die­se fal­schen Pazi­fi­sten hal­te ich für Secondhand-Kriegsverbrecher.«

Neben die­ser Her­ab­wür­di­gung von Men­schen fällt auf, wie stark die dop­pel­ten Stan­dards der Main­stream-Medi­en inter­na­li­siert wur­den. Kein gro­ßes Medi­um stellt die Dop­pel­mo­ral der Kriegs­pro­pa­gan­da her­aus: Die Mili­tärs sind lan­ge schon ein Risi­ko ein­ge­gan­gen, das nie­mand ein­ge­hen darf, und nun waschen sie ihre Hän­de in Unschuld, und sie ver­bin­den das mit einer Gehirn­wä­sche in der öffent­li­chen Mei­nungs­ma­che. Wie lan­ge und wie kon­kret die Nato-Stra­te­gen die­se unver­ant­wort­li­che Stra­te­gie schon ver­fol­gen, zei­gen Doku­men­te: Das soge­nann­te Nato-Cen­ter of Excel­lence Joint Air Power Com­pe­tence Cent­re (JAPCC) stell­te bereits 2014 infra­ge, dass es kei­nen gro­ßen Krieg mehr in Euro­pa geben wer­de, wie es in der Stu­die Future Vec­tor Part I auf Sei­te 141 steht; auf Sei­te 70 emp­fah­len die Stra­te­gen in die­sem Kon­text einen »ange­mes­se­nen Mix« nuklea­rer und kon­ven­tio­nel­ler Fähig­kei­ten. In ande­ren Wor­ten: Sie ris­kier­ten bewusst den Atom­krieg in Euro­pa. Auf Sei­te 141 erklär­ten sie auch, wo er begin­nen kön­ne: Es waren die Gebie­te unmit­tel­bar west­lich der rus­si­schen West­gren­ze. Das sind die Gebie­te, die in die Nato auf­ge­nom­men wor­den sind oder die dies anstreben.

Die Nato hat ohne grö­ße­res Auf­se­hen in der Öffent­lich­keit im Mai 2014 die soge­nann­te Über­gangs­re­gie­rung Jazen­juks in Kiew auch dar­in bera­ten, was sie mit ihren Atom­an­la­gen im Krieg macht. Es ging nicht dar­um, Krieg zu ver­mei­den, son­dern die Nukle­ar­re­ak­to­ren im Kriegs­fall vor einem GAU zu bewah­ren; das kann unter Kriegs­be­din­gun­gen nie­mand. Die Mili­tärs gehen Risi­ken ein, die nie­mand ein­ge­hen darf. In der Kon­se­quenz de-legi­ti­mie­ren sie die Frie­dens­be­we­gung und mani­pu­lie­ren die Bevöl­ke­rung, um sie für ihr hoch­ris­kan­tes Risi­ko zu gewin­nen. Das nen­nen die Nato und die Ampel­re­gie­rung sowie gro­ße Tei­le der par­la­men­ta­ri­schen Oppo­si­ti­on Sicher­heits­po­li­tik. Das ist eine baby­lo­ni­sche Sprach­ver­dre­hung. Eine Sicher­heits­po­li­tik lie­fert kei­ne schwe­ren Waf­fen in Kampf­ge­bie­te mit Atom­an­la­gen, son­dern sie hält die völ­ker­recht­li­chen Tex­te ein, die eine Frie­dens­ord­nung der gemein­sa­men Sicher­heit ver­ord­nen, die die Sicher­heits­in­ter­es­sen eines jeden berück­sich­tigt. Das ist Sicher­heits­po­li­tik im 21. Jahr­hun­dert. Auch und gera­de ange­sichts der Krie­ge in meh­re­ren Tei­len der Welt.

Die Kriegs­lo­gik gefähr­det nicht zuletzt die öko­lo­gi­sche Vita­li­tät des Lebens­raums Erde. Die ein­zi­ge Chan­ce auf ein Über­le­ben liegt in einer Beach­tung des Völ­ker­rechts im Rah­men einer Welt­in­nen­po­li­tik, da die Zer­stö­rung der Lebens­grund­la­gen ver­meint­li­cher Geg­ner am Ende die eige­nen Lebens­grund­la­gen zer­stört. Die Siche­rung des Lebens­rau­mes Erde erfor­dert, dass jeg­li­che Selbst­be­weih­räu­che­rung sowie jeg­li­che Schwarz-Weiß-Pro­pa­gan­da auf­hört und durch Ver­hand­lun­gen über zukunfts­fä­hi­ge Bezie­hun­gen zwi­schen den Tei­len der Mensch­heit, die nur als ein Gan­zes über­le­bens­fä­hig ist, ersetzt wird. Das wäre dann Sicher­heits­po­li­tik. Auf der ver­letz­li­chen Erde des 21. Jahr­hun­derts gibt es Sicher­heit nicht gegen­ein­an­der, son­dern nur gemein­sam. Pazi­fis­mus ist dafür eine Basis.