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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Der doppelte General

Hei­den­heim an der Brenz, hoch oben auf der Schwä­bi­schen Alb, ist eine vita­le Stadt. Knapp fünf­zig­tau­send Ein­woh­ner, ein Fuß­ball­club, der seit Jah­ren für Furo­re sorgt, eine spek­ta­ku­lä­re Stadt­bi­blio­thek, ent­wor­fen von Max Dud­ler, dem renom­mier­ten Bau­mei­ster aus der Schweiz, auch eine impo­san­te Frei­licht­büh­ne in zau­ber­haf­ter Natur­ku­lis­se gibt es – und ja, einen Gedenk­stein, von dem gleich noch die Rede sein wird.

Vor­ab aber noch rasch ein Blick hin­un­ter auf die Stadt, die sich auf einer Höhen­la­ge von bis zu 645 Meter aus­brei­tet, durch­quert von der schma­len Brenz, einem unauf­ge­reg­ten Flüss­chen. Das Pan­ora­ma unter städ­te­bau­li­chen Gesichts­punk­ten als nicht beson­ders »homo­gen« zu bezeich­nen, emp­fin­den Ein­hei­mi­sche nicht als Belei­di­gung. Mit­ten­drin und nicht zu über­se­hen: die Fir­ma Voith. Das Unter­neh­men, im Jahr 1867 gegrün­det, ist heu­te ein welt­wei­ter Tech­no­lo­gie­kon­zern mit bald zwan­zig­tau­send Beschäf­tig­ten, füh­rend im Anla­gen­bau, Ener­gie, Papier, Roh­stof­fe und Trans­port. Man nennt so etwas ein »brei­tes Port­fo­lio«. Im Geschäfts­jahr 2020/​21 betrug der Umsatz rund 4,3 Mil­li­ar­den Euro. Die Voith GmbH & Co. KGaA ist zu 100 Pro­zent in Fami­li­en­be­sitz. Kurz­um, es lässt sich gut leben in Hei­den­heim. Dafür sorgt auch die Fir­ma Voith. Der Name gehört zur Stadt.

Eben­so wie ein Name, an den ein mas­si­ver Gedenk­stein erin­nert: der Name des 1891 in Hei­den­heim gebo­re­nen Gene­ral­feld­mar­schalls Erwin Rom­mel. Auch 78 Jah­re nach sei­nem Tod wird immer noch und immer wie­der in der Bür­ger­schaft dar­über debat­tiert, ob Hit­lers ein­sti­ger Lieb­lings­ge­ne­ral wirk­lich eines Gedenk­steins wür­dig ist. Zu Rom­mels Ehren, anläss­lich sei­nes 70. Geburts­tags im Jahr 1961, wur­de er errich­tet. Als Stand­ort ent­schied sich die Stadt­ver­wal­tung für ein Gelän­de mit einer allein­ste­hen­den Buche in park­ähn­li­cher Umge­bung im Stadt­teil »Zan­ger Berg«. Der ein­sti­ge Ober­bür­ger­mei­ster Elmar Doch beab­sich­tig­te »etwas archi­tek­to­nisch Schö­nes« zu schaf­fen. Und auch der Gemein­de­rat war der Mei­nung, Gene­ral Rom­mel habe »in der Welt einen guten Klang und sei­ne Hei­mat­stadt kei­ne Ver­an­las­sung, von ihm abzu­rücken«. Das Denk­mal wur­de geneh­migt. Ein zwei Meter hoher Gedenk­stein, der seit­lich in einem fast vier Meter lan­gen, nied­ri­gen Mau­er­bo­gen wei­ter­ge­führt wird. Ein histo­ri­sches Statement.

Am 12. Novem­ber 1961 war es so weit. Das Denk­mal wur­de ein­ge­weiht. Unter den Gästen: Rom­mels Ehe­frau Lucie und sein Sohn Man­fred (der spä­ter zum Ober­bür­ger­mei­ster Stutt­garts wird), dazu Lan­des­in­nen­mi­ni­ster Hans Fil­bin­ger (der zum Mini­ster­prä­si­den­ten des Lan­des auf­steigt, ehe ihn sei­ne Ver­gan­gen­heit als NS-Mari­ne­rich­ter, der auch an Todes­ur­tei­len betei­ligt war, um Amt und Ehre brin­gen). Schon damals waren nicht alle Hei­den­hei­mer über die Rom­mel-Ver­eh­rung erfreut. Es folg­te eine jahr­zehn­te­lan­ge kon­tro­ver­se Debat­te, oft lei­den­schaft­lich und giftig.

Im Zen­trum des Streits: Erwin Rom­mel, der popu­lär­ste Gene­ral der Wehr­macht. Am 11. Febru­ar 1941 lan­de­ten die ersten deut­schen Trup­pen in Tri­po­lis. Mehr als zwei Jah­re tob­ten wech­sel­vol­le Kämp­fe ent­lang der nord­afri­ka­ni­schen Küste. Unter dem Kom­man­do Rom­mels erziel­ten die Deut­schen spek­ta­ku­lä­re Erfol­ge. Zwar betrach­te­te Hit­ler Afri­ka ledig­lich als einen Neben­schau­platz des Krie­ges, doch der soge­nann­te »Afri­ka­feld­zug« spiel­te in der NS-Pro­pa­gan­da eine gro­ße Rol­le. Erst im Som­mer 1942 stopp­ten die Bri­ten den Vor­marsch nahe der ägyp­ti­schen Stadt El Ala­mein. Nach­dem in Marok­ko und Alge­ri­en US-ame­ri­ka­ni­sche und wei­te­re bri­ti­sche Ver­bän­de gelan­det waren, kapi­tu­lier­ten schließ­lich am 12. und 13. Mai 1943 die deut­schen Trup­pen. Was über­dau­er­te, war Rom­mel als mili­tä­ri­sche Legenden-Figur.

Schon bald nach dem Krieg kam noch eine wei­te­re Facet­te zum Rom­mel-Mythos hin­zu. Es gab Mate­ri­al, das ihn in Ver­bin­dung brach­te mit den Hit­ler-Atten­tä­tern vom 20. Juli. In sei­nem 1949 ver­öf­fent­lich­ten Buch »Inva­si­on 1944. Ein Bei­trag zu Rom­mels und des Rei­ches Schick­sal« behaup­te­te des­sen frü­he­rer Stabs­chef Hans Spei­del, sein Vor­ge­setz­ter habe vom Atten­tat am 20. Juli 1944 auf Hit­ler gewusst und es unter­stützt. Wegen die­ses Vor­wurfs war Rom­mel ja im Okto­ber 1944 auf Befehl des Dik­ta­tors zum Selbst­mord gezwun­gen wor­den. Die Nazis lie­ßen ver­laut­ba­ren, Rom­mel sei bei einem Auto­un­fall in der Fol­ge einer Embo­lie gestor­ben. In Wahr­heit hat­te sich Rom­mel mit Zyan­ka­li-Kap­seln das Leben genom­men. Fort­an galt Rom­mel nicht mehr nur als mili­tä­ri­sches Genie, son­dern auch als Wider­stands­kämp­fer, als der »gute Deut­sche«, der unter dem Hit­ler-Regime sei­ne mora­li­sche Inte­gri­tät gewahrt hat­te. Rom­mel war nie Mit­glied der NSDAP, galt aber als begei­ster­ter Anhän­ger von Hit­ler und hat des­sen Regime und Kriegs­plä­ne gestützt. Rom­mel war eine Reiz­fi­gur. Nicht nur in sei­ner Heimatstadt.

Es dau­er­te fünf­zig Jah­re, ehe im Sep­tem­ber 2011 die Stadt den Ent­schluss fass­te, neben dem umstrit­te­nen Rom­mel-Denk­mal eine Tafel auf­zu­stel­len – auch um den Dau­er­streit zu befrie­den. Dar­auf war von »Tap­fer­keit und Hel­den­mut, Schuld und Ver­bre­chen«, zu lesen, die im Krieg eng zusam­men lägen. Das rief erneut Denk­mal-Geg­ner auf den Plan. Der Text sei nicht zeit­ge­mäß und ver­mei­de es, »sich mit der Kom­ple­xi­tät der Per­son Rom­mels aus­ein­an­der­zu­set­zen«, monier­ten sie. Weni­ge Wochen spä­ter ver­hüll­ten sie die Tafel mit einer schwar­zen Pla­ne. Dar­auf stand in wei­ßen Groß­buch­sta­ben: »Kein Denk­mal mehr für den Nazi­ge­ne­ral!« Der Befrie­dungs­ver­such war ein­mal mehr misslungen.

Zustim­mung in der Rom­mel-Cau­sa beka­men die Denk­mal-Geg­ner von pro­mi­nen­ter Sei­te. Peter Stein­bach, wis­sen­schaft­li­cher Lei­ter der »Gedenk­stät­te Deut­scher Wider­stand« ließ ver­lau­ten, Rom­mel sei »ver­ant­wort­lich für die Kriegs­füh­rung und auch für eine Kriegs­pra­xis, die Men­schen­le­ben sinn­lo­sen Befeh­len opfer­te«. Und er sprach sich auch dage­gen aus, dass Stra­ßen und Kaser­nen sei­nen Namen tragen.

Rom­mel – der »dop­pel­te Gene­ral«? Genia­ler Wüsten-Held und stil­ler Wider­stands­kämp­fer? Tat­sa­che ist: Drei­zehn Stra­ßen sind lan­des­weit nach ihm benannt, auch zwei Kaser­nen – in August­dorf (Nord­rhein-West­fa­len) und Dorn­stadt bei Ulm. Eine Umbe­nen­nung sei nicht vor­ge­se­hen, heißt es aus dem Bun­des­mi­ni­ste­ri­um der Ver­tei­di­gung. Rom­mel habe ver­bre­che­ri­sche Befeh­le miss­ach­tet und das vom NS-Regime gefor­der­te ideo­lo­gi­sche Feind­bild abge­lehnt. Zudem rücke die For­schung ihn »zuneh­mend in die Nähe des Wider­stan­des« gegen Hit­ler. Damit sei er wei­ter »sinn- und tra­di­ti­ons­stif­tend«. Das liest sich in einem Sach­stands­be­richt der Wis­sen­schaft­li­chen Dien­ste des Bun­des­ta­ges zur Rom­mel-Debat­te vom Febru­ar 2019 gänz­lich anders: Es blei­be fest­zu­stel­len, »dass sich sei­ne Rol­le im Wider­stand auch nach neue­sten For­schun­gen rund um das Netz­werk des 20. Juli auf eine mög­li­che Mit­wis­ser­schaft beschränkt«, heißt es da. Dem Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ste­ri­um schei­ne allein dies schon für eine »Tra­di­ti­ons­wür­dig­keit« aus­zu­rei­chen. »Denn irgend­ein akti­ves wider­stän­di­sches Ver­hal­ten konn­te für Rom­mel bis heu­te von der histo­ri­schen For­schung nicht belegt werden.«

Wohin also mit dem Rom­mel-Denk­mal? Wohin mit dem Werk des Bild­hau­ers Fran­k­lin Pühn, der den Stein – gestif­tet vom »Ver­ein deut­sches Afri­ka­korps« – 1961 geschaf­fen hat­te? Erst 2014 zeig­te sich der Gemein­de­rat offen für die Idee, dem Gedenk­stein ein zeit­ge­mä­ßes Mahn­mal ent­ge­gen­zu­set­zen. Eine Umge­stal­tung soll­te die jahr­zehn­te­lan­ge Debat­te um den Gene­ral nun end­gül­tig been­den. Ein enga­gier­tes Unterfangen.

Der Vor­schlag, das Denk­mal abzu­rei­ßen, fand kei­ne Mehr­heit. Also such­te man nach einem befrie­den­den Kom­pro­miss – und fand ihn. Der hei­mi­sche Künst­ler Rai­ner Jooß ging ans Werk. Er hat den Gedenk­stein unan­ge­ta­stet gelas­sen, ihm aber ein Gegen­denk­mal ent­ge­gen­ge­setzt und damit in einen neu­en Kon­text gestellt. Dem klo­bi­gen Denk­mal hat er eine fra­gi­le Stahl­sta­tue eines Minen­op­fers gegen­über­ge­stellt. Ein Ver­weis dar­auf, dass Rom­mels Sol­da­ten vor ihrem Abzug gro­ße Minen­fel­der hin­ter­lie­ßen, die vie­len Men­schen Ver­let­zung und Tod brach­ten. Jooß hat sei­ne Skulp­tur so platz­iert, dass zeit­wei­se ein Schlag­schat­ten auf das Denk­mal fällt, auf dem noch immer zu lesen ist: »Erwin Rom­mel – Auf­recht, rit­ter­lich und tap­fer bis zu sei­nem Tode als Opfer der Gewaltherrschaft.«

Ein irri­tie­ren­der Satz. Rom­mel war nicht Opfer. Er war Täter. Hit­ler führ­te in Nord­afri­ka einen völ­ker­rechts­wid­ri­gen Angriffs­krieg und sein Gene­ral Rom­mel stand dabei an vor­der­ster Front. Ange­mes­sen wäre die Inschrift: »Er war Gene­ral eines völ­ker­rechts­wid­ri­gen Angriffs­kriegs. Ein Gene­ral Hit­lers, der Schmerz und Tod in die Welt brachte«.

Hei­den­heim ist kein soli­tä­rer Ort. In fast jeder deut­schen Klein­stadt gibt es Kriegs-Denk­mä­ler, ins­ge­samt sol­len es mehr als Ein­hun­dert­tau­send sein. In zahl­rei­chen Städ­ten und Gemein­den wer­den Weg­be­rei­ter und Par­tei­gän­ger der Natio­nal­so­zia­li­sten von Stra­ßen­schil­dern ver­bannt und NS-kon­ta­mi­nier­te Denk­mä­ler mit kri­ti­schen Erläu­te­rungs-Tafeln ver­se­hen. So wird es im süd­hes­si­schen Darm­stadt statt einer Hin­den­burg-Stra­ße künf­tig eine Fritz Bau­er-Stra­ße geben. Eine spä­te Wür­di­gung des Man­nes, der als Hes­si­scher Gene­rals­staats­an­walt dafür sorg­te, dass der erste Aus­sch­witz-Pro­zess stattfand.

Bleibt ein Nach­trag: Nur weni­ge Kilo­me­ter von Hei­den­heim, im nahen Königs­bonn, wuchs Georg Elser auf. Im Novem­ber 1939 woll­te der Schreiner­ge­sel­le Hit­ler wäh­rend des­sen Rede im Münch­ner Bür­ger­bräu­kel­ler mit einer selbst­ge­ba­stel­ten Bom­be aus dem Leben beför­dern. Der Anschlag miss­lang. Elser wur­de ver­haf­tet, lan­ge Jah­re inhaf­tiert, schließ­lich kurz vor Kriegs­en­de im KZ Dach­au ermor­det. Lan­ge Jah­re wur­de er, anders als Hit­lers-Gene­ral Rom­mel, in sei­ner Hei­mat igno­riert. Heu­te wer­den sei­ne Per­son und sei­ne Tat gewür­digt. Eine Schu­le trägt sei­nen Namen. Elser ist der wah­re Ant­ago­nist Rommels.

Neu­erschei­nun­gen des Autors zum Thema:
Hel­mut Ort­ner, Volk im Wahn. Hit­lers Deut­sche oder: Die Gegen­wart der Ver­gan­gen­heit, Edi­ti­on Faust, 296 S., 22 €.
Hel­mut Ort­ner, Der ein­sa­me Atten­tä­ter, Georg Elser – Der Mann, der Hit­ler töten woll­te, Nomen Ver­lag, 264 S., 18 €.