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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Richards Kampf mit der Raumzeit

Die Absol­vie­rung eines Lei­stungs­kur­ses Phy­sik und eines Phi­lo­so­phie­grund­kur­ses emp­fiehlt sich vor der Lek­tü­re die­ses Romans. Wer nicht wenig­stens einen davon nach­wei­sen kann, der rücke sei­ne Lexi­ka zu sei­nem Lek­tü­re­platz oder öff­ne ein Online-Nach­schla­ge­werk. Doch im Ernst: Es ist gewal­tig, was die Autorin hier ser­viert. Denn man liest eine Art bel­le­tri­sti­scher Vari­an­te ihres par­al­lel erschie­ne­nen Wer­kes »Vom Ener­gie­in­halt ruhen­der Kör­per. Ein ther­mo­dy­na­mi­sches Kon­zept von Mate­rie und Zeit«. Geschil­dert wer­den in einer Art Count­down die hal­be Nacht und der Tag vor der auf 15 Uhr ange­setz­ten Pro­be­vor­le­sung des Dr. Richard Tam­mo Weiß zum The­ma »Die Evo­lu­ti­on der Raum­zeit – histo­ri­sche und zeit­ge­nös­si­sche Sicht­wei­sen«. Eine erfolg­rei­che Lehr­ver­an­stal­tung wür­de dem Vor­tra­gen­den den Weg zur ersehn­ten Fest­an­stel­lung an der Uni­ver­si­tät ebnen, er könn­te näm­lich LbA wer­den, Lehr­kraft für beson­de­re Auf­ga­ben. Aber den Aspi­ran­ten quä­len Skru­pel und Zwei­fel. Denn er hält die »Raum­zeit« für baren Unsinn, er schwört auf eine »abso­lu­te Zeit« ohne Dila­ta­tio­nen, Krüm­mun­gen und was sonst noch aus Ein­steins Rela­ti­vi­täts­theo­rien ableit­bar ist.

Fas­zi­nie­rend wird von Grit Kalies dar­ge­stellt, wie im moder­nen Wis­sen­schafts­be­trieb Theo­rien in den Rang von Glau­bens­sät­zen auf­stei­gen kön­nen, die mit reli­giö­ser Inbrunst fast zele­briert wer­den, wäh­rend die Zweif­ler auch nicht viel bes­ser als einst die Ket­zer behan­delt wer­den. Frei­lich droht ihnen kein Auto­da­fé, aber kei­ne feste Stel­lung zu haben, wenn man 36 Jah­re alt, ver­hei­ra­tet und die Ehe­frau schwan­ger ist, gerät doch in die Nähe einer Ver­ur­tei­lung. Dar­um gedeiht Richards Kampf mit der Raum­zeit zum Kampf mit sich selbst. Was soll er tun, wenn doch Ein­stein nicht unrecht haben darf, wenn die Lehr­kom­mis­si­on samt Insti­tuts­di­rek­tor des­sen Theo­rien für sakro­sankt hält, wenn Richards Ableh­nung gewiss wäre, gäbe er Ein­stein aus­schließ­lich recht mit des­sen Zwei­feln am Bestand von Begrif­fen. Da müss­te er gar nicht erst das Wort »Ther­mo­dy­na­mik« fal­len las­sen – und wür­de wei­ter­hin »Natur­phil.« blei­ben, als wel­cher er im Arbeits­amt auf­trat und mit­hin unver­mit­tel­bar wurde.

Der Roman ist theo­rie­la­stig, gewiss, das ist ange­sichts der ver­han­del­ten Gegen­stän­de auch gar nicht anders mög­lich. Aber er bie­tet auch vie­le amü­san­te Sze­nen: einen Work­out (Früh­sport) mit Van-Mor­ri­son-Musik in End­los­schlei­fe, ehe­li­chen Bei­schlaf und ande­res mehr, immer vor dem Hin­ter­grund der Ver­nei­nung einer »Raum­zeit«, die für Richard besten­falls »als Dach über dem Kopf« taugt. Er sagt sich: »Immer­hin waren Raum und Zeit mit der Rela­ti­vi­täts­theo­rie anschau­li­cher gewor­den. Es gab jetzt Begren­zun­gen, Bie­gun­gen und Krüm­mun­gen.« Uns »Höh­len­men­schen« sei­en end­lo­se Wei­ten eben nicht zumutbar.

Zu den ver­gnüg­li­chen Sze­nen gehört auch die Schil­de­rung einer tumul­tua­ri­schen Gerichts­ver­hand­lung, in der Spe­zi­el­le und All­ge­mei­ne Rela­ti­vi­täts­theo­rie als Ange­klag­te aus der Unter­su­chungs­haft vor­ge­führt wer­den. Frei­lich wirkt die­se Sze­ne fast ein wenig will­kür­lich ein­ge­fügt, wie auch die Lust der Autorin am Bil­dungs­gut­zi­tat mit­un­ter die Hand­lungs­schil­de­rung eher hol­pern lässt, als sie voranzubringen.

Begrün­det wird das Tri­bu­nal damit, dass es für Richard »zum Schwu­re« kom­me. Aber kommt es dazu? Noch vor Beginn sei­ner Vor­le­sung träumt der unaus­ge­schla­fe­ne Richard, kurz ein­schlum­mernd, davon, sei­nen Vor­trag so zu hal­ten, wie es sei­nen Erkennt­nis­sen und Über­zeu­gun­gen ent­spricht. Wie er ihn dann hält, das wird ziem­lich kurz abge­han­delt, denn Ein­stein hat recht, das kann auch Richard Tam­mo Weiß nicht leug­nen und nicht leug­nen wollen.

Der Roman ist ein Lese­ver­gnü­gen der beson­de­ren und sel­te­nen Art. War­um? Weil hier eine Autorin den Schneid hat, ein ganz gro­ßes The­ma von Phy­sik und Phi­lo­so­phie fast kam­mer­spiel­ar­tig im Roman zu behan­deln, ohne sich der bei sol­chen Sujets heut­zu­ta­ge oft exe­ku­tier­ten Form des Thril­lers oder des Kri­mis zu bedienen.

Grit Kalies: Raum­zeit, Mit­tel­deut­scher Ver­lag, 224 S., 14 €.