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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Schwule Ungerechtigkeit

Seit Ende Sep­tem­ber dür­fen auch Homo­se­xu­el­le in der Schweiz die Freu­den der Ehe erle­ben. Die gleich­ge­schlecht­li­che Hei­rat wur­de ein­ge­führt, das Volk hat per Abstim­mung dar­über ent­schie­den. Damit hat die Schweiz nun doch noch den Sprung in die Moder­ne geschafft.

Doch ein­fach war es nicht. Immer­hin dür­fen Frau­en erst seit 1990 in allen Kan­to­nen des Lan­des wäh­len. Dass sie jetzt, schon drei­ßig Jah­re danach, auch noch wirk­lich frei über ihren Part­ner bezie­hungs­wei­se ihre Part­ne­rin ent­schei­den dür­fen: ein gro­ßer Schritt. Immer­hin ist die Schweiz ein tief gespal­te­nes Land. Nicht nur zwi­schen Gest­ri­gen und Vor­gest­ri­gen ver­läuft ein tie­fer kul­tu­rel­ler Gra­ben. Auch die ein­zel­nen Sprach­grup­pen tren­nen mehr als nur die Alpen. Zwar neigt man in der Deutsch­schweiz und dem eher libe­ra­len, fran­zö­sisch­spra­chi­gen Westen tra­di­tio­nell den gro­ßen Nach­bar­län­dern zu, in denen die Ehe für alle seit zumin­dest ein paar Jah­ren gilt. Im ita­lo­hel­ve­ti­schen Tes­sin ori­en­tiert man sich aber eher an Rom, und von dort war bis­lang noch kein »Si« zum Bund von Mann und Mann zu hören.

Um die Har­mo­nie zu bewah­ren, ver­such­te das Par­la­ment im ver­gan­ge­nen Jahr, die Ehe für alle mög­lichst unbe­merkt im Vor­weih­nachts­tru­bel ein­zu­füh­ren. Am 18. Dezem­ber erging der Beschluss, doch die Skep­ti­ker begehr­ten auf. Inner­halb von 100 Tagen sam­mel­ten sie mehr als 50.000 Unter­schrif­ten gegen den Ent­scheid. Der wur­de dadurch ungül­tig und die Fra­ge ging direkt an das Volk.

Die bevor­ste­hen­de Abstim­mung heiz­te die Stim­mung in dem eher fried­lie­ben­den Land enorm an. In Zürich, Basel und Genf hin­gen aller­orts Regen­bo­gen­fah­nen aus den Fen­stern, und Unter­neh­men wie­sen sich per Sticker als LGBTQ-freund­lich aus. Andern­orts reich­te schon ein Kuss, um den geball­ten Frust des Trot­toirs auf sich zu zie­hen. Immer­hin wur­den die zahl­rei­chen Über­grif­fe auf Schwu­le und Les­ben zum Anlass genom­men, um mal öffent­lich dar­über nach­zu­den­ken, ob sol­che Delik­te irgend­wie regi­striert wer­den soll­ten. Bis heu­te wis­sen aller­dings nicht ein­mal die so zähl­freu­di­gen Akti­vi­sten von »Human rights« genau, wie oft es in der Schweiz zu Gewalt gegen Gleich­ge­schlecht­li­che kommt.

Am Ende hat am Tag der Ent­schei­dung die urba­ne Schweiz über die Alpen­tä­ler gesiegt. Jeder zwei­te Eid­ge­nos­se ging zur Urne, zwei Drit­tel stimm­ten für die Ehe für alle. Im Her­zen der Schweiz – den Tell’schen Urkan­to­nen – ging es deut­lich knap­per zu.

Aber nun ist sie da, die Uni­ver­sale­he. Und neue Fra­gen kom­men auf: Wird vom Tes­sin aus, wo immer­hin 53 Pro­zent für die freie Part­ner­wahl stimm­ten, ein Signal nach Ita­li­en aus­ge­hen, dem ein­zi­gen Nach­bar­land, in dem Fami­lie noch binär gedacht wird? Und was tut sich nun in Liech­ten­stein, die­sem klei­nen Mün­del der Ber­ner Fonduefreunde?

Die Ehe für alle bringt aber auch eine neue Unge­rech­tig­keit her­vor. Denn bei der Wit­wen­ren­te neh­men es die Schwei­zer wört­lich. Sie steht nur hin­ter­blie­be­nen Frau­en zu, nicht aber Wit­wern. Die­ses Modell war bis­her ein­fach nur klas­sisch-kon­ser­va­tiv, weil es davon aus­ging, dass Män­ner in jedem Fall mehr ver­die­nen als Frau­en und auch unge­sün­der leben und des­halb frü­her als ihre Gat­tin­nen ster­ben. Dar­aus wird nun eine him­mel­schrei­en­de Unge­rech­tig­keit. Denn in les­bi­schen Ehen haben bei­de Gat­tin­nen Anrecht auf die­sen Ren­ten­bo­nus. Schwu­le Ehe­paa­re gehen bei der Wit­wen­ren­te hin­ge­gen in jedem Fall leer aus.

Schon grü­beln die ersten hel­ve­ti­schen Hip­ster über den näch­sten Volks­ent­scheid: Wit­wen­ren­te für alle. 50.000 Unter­schrif­ten wer­den sie aber kei­nes­falls zusam­men­krie­gen, denn eine Aus­wei­tung der Wit­wen­ren­te auf die Män­ner kostet. Und wenn dem Schwei­zer eines hei­li­ger als das tra­di­tio­nel­le Fami­li­en­bild ist, dann sein Über­schuss im Staatshaushalt.