Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Sturm im Wasserglas

Folgt man der Geschich­te, die den Lesern der Süd­deut­schen Zei­tung kürz­lich unter der Über­schrift »Der Mann, der Adolf Eich­mann ent­tarn­te« auf­ge­tischt wur­de, dann muss die Ergrei­fung des Orga­ni­sa­tors der Ermor­dung von sechs Mil­lio­nen Juden nicht neu geschrie­ben wer­den. Ein wich­ti­ges Wort fehlt aller­dings. Rich­ti­ger Wei­se muss es hei­ßen »Der Mann, der Adolf Eich­mann end­gül­tig ent­tarn­te«. Alles ande­re ist der sprich­wört­li­che Sturm im Wasserglas.

Lan­ge bevor der israe­li­sche Geheim­dienst den Gesuch­ten 1960 in Argen­ti­ni­en fest­nahm und zur Abur­tei­lung nach Isra­el brach­te, hat­te der hes­si­sche Gene­ral­staats­an­walt Fritz Bau­er von einem jüdi­schen Flücht­ling des­sen Auf­ent­halts­ort erfah­ren. Es war eine bri­san­te, aber etwas wack­li­ge Infor­ma­ti­on; der Infor­mant war blind. Nie­mand durf­te erfah­ren, was Fritz Bau­er nun wuss­te, ohne die Gefahr her­auf­zu­be­schwö­ren, dass Eich­mann gewarnt wur­de. Recht­lich war alles im Lot. Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te dem Land­ge­richt Frank­furt am Main im Okto­ber 1956 die Zustän­dig­keit für den Fall über­tra­gen. Noch im sel­ben Jahr lei­te­te die Staats­an­walt­schaft ein Ermitt­lungs­ver­fah­ren gegen Eich­mann ein.

Der Bun­des­nach­rich­ten­dienst und die Bun­des­re­gie­rung wuss­ten bereits seit 1952, wo sich der Mas­sen­mör­der auf­hielt, taten aber nichts zu des­sen Ergrei­fung. Aus­ge­plau­dert hat Eich­manns Auf­ent­halts­ort nach Anga­ben der Süd­deut­schen Zei­tung vom 21./22. August 2021 ein deut­scher Aka­de­mi­ker namens Ger­hard Klam­mer, der nie in die Lage gekom­men sei, »an der Juden­ver­nich­tung mit­zu­wir­ken«. Gleich­wohl ver­ließ die­ser Unbe­tei­lig­te 1949 flucht­ar­tig Deutsch­land, und sei­ne Fami­lie und setz­te sich als blin­der Pas­sa­gier über die soge­nann­te Rat­ten­li­nie von Genua aus nach Bue­nos Aires ab, wo er am 4. Janu­ar 1950 eintraf.

Am 14. Juli 1950 ging dort auch Adolf Eich­mann unter dem Namen Ricar­do Kle­ment an Land. Die bei­den lern­ten sich in der argen­ti­ni­schen Pro­vinz bei einem deutsch-argen­ti­ni­schen Unter­neh­men ken­nen, des­sen Fir­men­na­men sie zusam­men mit ande­ren ehe­ma­li­gen Nazi­grö­ßen als Deck­adres­se benutz­ten. 1957 kehr­te Klam­mer nach Deutsch­land zurück und bau­te sich in Duis­burg ein Haus. Dort­hin lud er einen ehe­ma­li­gen Stu­di­en­freund namens Gisel­her Pohl für den 18. Okto­ber 1959 zu einem Fami­li­en­tref­fen ein, bei dem er sein Wis­sen über Eich­mann aus­brei­te­te, nicht ohne zu erwäh­nen, dass er sich in die­ser Sache bereits Anfang der 1950er Jah­re an die Behör­den in Deutsch­land gewandt, dort ab kein Inter­es­se für sei­ne Infor­ma­tio­nen über den Juden­ver­fol­ger gefun­den habe.

Wie die Süd­deut­sche Zei­tung schreibt, war Klam­mers Freund Pohl 1956 einer der ersten Mili­tär­pfar­rer in der Bun­des­wehr. Drei Wochen nach dem Fami­li­en­tref­fen such­te Pohl sei­nen Vor­ge­setz­ten, den Mili­tär­bi­schof Her­mann Kunst, in Bonn auf und ver­trau­te ihm sein Wis­sen über Eich­mann an. Statt mit der bri­san­ten Nach­richt zu Staats­e­kre­tär Hans Glob­ke im Kanz­ler­amt oder zum Chef des BND, Rein­hard Geh­len, zu gehen, ent­schied sich der Mili­tär­bi­schof »in aller Heim­lich­keit für den Rechts­weg«, so die SZ. Der führ­te ihn zum hes­si­schen Gene­ral­staats­an­walt Fritz Bau­er. Dabei habe Kunst nicht wis­sen kön­nen, wie viel Fritz Bau­er auf der Suche nach Eich­mann bereits unter­nom­men hat­te und dass er sich damit auch selbst auf ein inter­na­tio­na­les Spiel­feld begab.

Am 25. Novem­ber 1959 notier­te Pohls Ehe­frau, der­sel­ben Quel­le zufol­ge, in ihrem Tage­buch: »Besuch von Gene­ral­staats­an­walt Bau­er. Nett.« Was im Pfarr­haus in Unna bespro­chen wur­de, ist nicht über­lie­fert. »Ende 1959 flog Fritz Bau­er wie­der nach Isra­el, mit neu­en Hin­wei­sen auf Eich­manns Auf­ent­halts­ort«, ver­merkt Irm­trud Wojak in ihrer ful­mi­nan­ten Bio­gra­fie auf Sei­te 298. Die Begeg­nung habe zu »kon­kre­ten Schrit­ten« geführt. Am Abend des 11. Mai 1960 wur­de der ehe­ma­li­ge SS-Ober­sturm­bann­füh­rer von einem Kom­man­do des Mos­sad gekid­nappt und nach Isra­el gebracht, wo Eich­mann zum Tode durch den Strang ver­ur­teilt und in der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni 1962 hin­ge­rich­tet wurde.

Ein hal­bes Jahr spä­ter erlitt Fritz Bau­er einen schwe­ren Ver­kehrs­un­fall, bei dem sein Dienst­wa­gen völ­lig zer­trüm­mert und sein Fah­rer getö­tet wur­de. Eine Unter­su­chung auf mög­li­che Mani­pu­la­tio­nen an dem Fahr­zeug fand nicht statt. Nach Aus­kunft des Hes­si­schen Staats­ar­chivs wur­den sämt­li­che Akten ent­spre­chend den Auf­be­wah­rungs­be­stim­mun­gen ver­nich­tet. Der hes­si­sche Gene­ral­staats­an­walt selbst ver­mu­te­te einen Anschlag, bei dem der Fal­sche getö­tet wurde.