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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Tanztheater hätte mehr gebracht

Ein Spie­gel-Best­sel­ler, der auto­bio­gra­fi­sche Roman »9 Tage wach« von Eric Steh­fest und Micha­el J. Ste­phan, erleb­te nun in der Neu­köll­ner Oper in der Fas­sung von John von Düf­fel unter der Regie von Fabi­an Ger­hardt sei­ne Urauf­füh­rung. Das Musik­thea­ter­stück (musi­ka­li­sche Lei­tung: Chri­sto­pher Ver­wor­ner und Claas Krau­se) han­delt von Dro­gen und Abstür­zen, es wird getanzt und gekro­chen, die Büh­ne ist eine schie­fe Ebe­ne aus Stahl.

Nach einer trost­lo­sen Jugend bei einer allein­er­zie­hen­den Mut­ter nahe Dres­den sucht der Held Eric, ein pas­sio­nier­ter Ska­ter, immer wie­der nach einer Beschäf­ti­gung, die ihm Freu­de macht. Ver­geb­lich. Alko­hol, Haschisch und Crack geben ihm kurz­fri­sti­ge Genüs­se, die ihn lee­rer als zuvor zurück­las­sen. Ver­knallt­hei­ten enden im Cha­os. Eines Tages kommt er auf die Dro­ge Cry­s­tal Meth und bleibt mit ihr in einem atem­be­rau­ben­den Zustand »9 Tage wach«, danach will er ster­ben, stirbt aber nicht, wird statt­des­sen Schau­spie­ler und macht am Ende Kar­rie­re, vor­her noch jah­re­lan­ge Quä­le­rei bei Entziehungskuren.

Schon an der Geschich­te stör­te mich etwas; sie ist wohl so pas­siert, aber das Zudröh­nen mit Dro­gen hat auf den Stoff abge­färbt, er kratzt nur an der Ober­flä­che, bleibt leer, tot, geht nir­gends in die Tie­fe. Die Neu­köll­ner Oper hat dar­aus ein Stück gemacht, in dem viel Dis­komu­sik vor­kommt. Es hat mich lei­der auch nicht über­zeugt. Abge­se­hen davon, dass die gesun­ge­ne Spra­che, obwohl schlag­kräf­tig, kaum ver­ständ­lich war, begann der Inhalt im Lau­fe des Stückes zu zer­fa­sern, zum Teil wur­de er völ­lig unver­ständ­lich bezie­hungs­wei­se nur noch für die ver­steh­bar, die auch das Buch kann­ten. Die Musik war, nach viel­ver­spre­chen­dem Schlag­zeug- und Trom­mel­be­ginn, viel zu schlagerhaft.

Sehr gut zum Inhalt pass­te aller­dings die Cho­reo­gra­fie, wie die Prot­ago­ni­sten sich auf der schie­fen Ebe­ne wan­den, wie sie inein­an­der stürz­ten, wie sie fremd­be­stimmt-mario­net­ten­haft auf der Büh­ne wie blind und taub her­um­stol­per­ten, das sprach an.

Im Prin­zip hät­te das Stück nur cho­reo­gra­fiert als Pan­to­mi­me mit Musik gespielt wer­den kön­nen, also als rei­nes Tanz­thea­ter gege­ben wer­den sol­len, das wäre bes­ser gewe­sen. Der Text stör­te eher und erfüll­te auch nicht die aus dem Titel her­rüh­ren­den Erwar­tun­gen. Die Hand­lun­gen der neun Tage ver­san­ken im all­ge­mei­nen Gedröh­ne, blie­ben ins­ge­samt seicht, flach und pubertär.

Die Bil­der, beson­ders die Ver­zer­run­gen, mit denen man You­Tube-Lai­en­fil­me kopie­ren woll­te, fand ich mono­ton. Nach­dem man ein­mal ein mensch­li­ches Gesicht zur Frat­ze gemacht hat­te, wur­de das zur Masche.

Der Wunsch, Jugend zu errei­chen, war unüber­seh­bar, die eher älte­ren Anwe­sen­den fan­den das auch unbe­dingt not­wen­dig. Jedoch: Gut gewollt ist nicht immer gut gemacht.