Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Völkermord und Kapitalismus

Der deut­sche Außen­mi­ni­ster sei froh und dank­bar, ver­kün­de­te er am 28.05.2021 zum Abschluss der Ver­hand­lun­gen mit Nami­bia, dass es gelun­gen sei, eine Eini­gung über das dun­kel­ste Kapi­tel unse­rer gemein­sa­men Geschich­te zu erzie­len. »Unser Ziel war und ist es«, so Maas, »einen gemein­sa­men Weg zu ech­ter Ver­söh­nung im Ange­den­ken der Opfer zu fin­den.« Ihm fiel es im Namen der BRD zu, gegen­über der Welt­öf­fent­lich­keit nach über 110 Jah­ren den Völ­ker­mord deut­scher Kolo­ni­al­trup­pen an 65.000 Here­ros und min­de­stens 10.000 Namas im über 10 000 km ent­fern­ten Afri­ka ein­zu­ge­ste­hen. »Wir wer­den die Ereig­nis­se der deut­schen Kolo­ni­al­zeit im heu­ti­gen Nami­bia und ins­be­son­de­re die Gräu­el­ta­ten in der Zeit 1904 bis 1908 ohne Scho­nung und Beschö­ni­gung (…) jetzt auch offi­zi­ell als Völ­ker­mord bezeichnen.«

Es ist zu bezwei­feln, dass die­sem Schritt wei­te­re fol­gen wer­den, da die Herr­schen­den wenig Inter­es­se haben, die Büch­se der Pan­do­ra zu öff­nen. Das nami­bi­sche Volk um Ver­zei­hung zu bit­ten, die Mas­sa­ker offi­zi­ell als Völ­ker­mord zu qua­li­fi­zie­ren und Nami­bia und den Nach­kom­men der Opfer mit einem auf 30 Jah­re gestreck­ten Wie­der­auf­bau­pro­gramm in Höhe von 1,1 Mrd. Euro zu unter­stüt­zen, ist sicher nicht nichts, aber eigent­lich nur ein Trop­fen auf den hei­ßen Stein. Es stel­len sich näm­lich mit die­sem Ein­ge­ständ­nis des Geno­zids vie­le wei­te­re Fra­gen, die der öffent­li­chen Debat­te bedür­fen, um ins öffent­li­che Bewusst­sein geho­ben zu wer­den. Der Völ­ker­mord steht nicht im luft­lee­ren Raum; er ist ein­ge­bet­tet in den gesam­ten deut­schen Kolo­nia­lis­mus in der Zeit von Mit­te der 1880er Jah­re bis zum I. Welt­krieg. Zu erin­nern wäre auch an die deutsch-kolo­nia­le Blut­spur gegen Chi­ne­sen im Boxer­krieg und die Nie­der­schla­gung des Maji-Maji-Auf­stan­des mit 75.000 bis 300.000 Toten im Süden Deutsch-Ost­afri­kas. All die­se Gewalt­ak­te ste­hen nicht außer­halb öko­no­mi­scher Struk­tu­ren und Gesetzmäßigkeiten.

Sol­che Struk­tu­ren und Gesetz­mä­ßig­kei­ten ver­or­te­te Marx in ein bestimm­tes Sta­di­um der Ent­wick­lung des Kapi­ta­lis­mus und nann­te es »ursprüng­li­che Akku­mu­la­ti­on«. Im »Kapi­tal« hat Marx die Aus­rot­tung und Ver­skla­vung der ein­ge­bo­re­nen Bevöl­ke­rung als die Mor­gen­rö­te der kapi­ta­li­sti­schen Pro­duk­ti­ons­ära bezeich­net. Das christ­li­chen Kolo­ni­al­sy­stem beschrieb B. Howitt 1838, den Marx zitier­te: »Die Bar­ba­rei­en und ruch­lo­sen Gräu­el­ta­ten der sog. christ­li­chen Racen, in jeder Regi­on der Welt und gegen jedes Volk, das sie unter­jo­chen konn­ten, fin­den kei­ne Par­al­le­len in irgend­ei­ner Ära der Welt­ge­schich­te, bei irgend­ei­ner Race, ob noch so wild und unge­bil­det, mit­leids­los und scham­los« (Kapi­tal, MEW Bd. 23, S. 779, Dietz, 1977).

Aber auch beim Über­gang des Kapi­ta­lis­mus in sein impe­ria­li­sti­sches Sta­di­um setz­te sich die Blut­spur des Kapi­tals fort. Deutsch­land erleb­te nach dem Sieg über Frank­reich einen wirt­schaft­li­chen Boom, für den die alten Absatz­märk­te nicht genüg­ten. Neue Chan­cen erblick­ten Lob­by­grup­pen des Indu­strie- und Bank­ka­pi­tals in der Kolo­ni­sie­rung Afri­kas. Wäh­rend Bis­marck anfangs etwas zöger­lich war, wur­de ihm schnell klar, dass es nicht um sei­ne Befind­lich­kei­ten ging, son­dern um die, deren Inter­es­sen er durch­zu­set­zen hat­te. Im Jah­re 1884 wur­de der Erwerb von Kolo­nien staats­of­fi­zi­ell, dem sich zumin­dest rhe­to­risch die Sozi­al­de­mo­kra­tie wider­setz­te, weil sie damals noch – auf dem Boden des Mar­xis­mus ste­hend – erkann­te, dass die »moder­ne Staats­ge­walt nur ein Aus­schuss ist, der die gemein­schaft­li­chen Inter­es­sen der gan­zen Bour­geoi­sie­klas­se ver­wal­tet«, wie es in der Geburts­ur­kun­de des wis­sen­schaft­li­chen Sozia­lis­mus heißt. Des­halb frag­te Bebel 1889 im Reichs­tag: »Nun, wer ist denn die­se Ost­afri­ka­ni­sche Gesell­schaft? Ein klei­ner Kreis von Groß­ka­pi­ta­li­sten, Ban­kiers, Kauf­leu­ten und Fabri­kan­ten, d. h. ein klei­ner Kreis von sehr rei­chen Leu­ten, deren Inter­es­sen mit denen des deut­schen Vol­kes gar nichts zu tun haben. (…) Wo immer wir die Geschich­te der Kolo­ni­al­po­li­tik in den letz­ten drei­hun­dert Jah­ren auf­schla­gen, über­all begeg­nen wir Gewalt­tä­tig­kei­ten und der Unter­drückung der betref­fen­den Völ­ker­schaf­ten (…), die nicht sel­ten mit deren voll­stän­di­gen Aus­rot­tung endet.«

Der­ar­ti­ge Zusam­men­hän­ge publik zu machen, soll­te auch heu­te noch Auf­ga­be der Sozi­al­de­mo­kra­tie sein. Es dürf­te auch nicht all­zu weit von der Wahr­heit ent­fernt sein, wenn es der deut­schen Regie­rung mit dem Ein­ge­ständ­nis des Geno­zids vor allem ums Pre­sti­ge ging. Da sich die BRD lan­ge Zeit aus Oppor­tu­ni­täts­grün­den gegen­über dem Nato-Bünd­nis­part­ner Tür­kei sperr­te, den von der osma­ni­schen Regie­rung ver­an­lass­ten Mas­sen­mord an 300.000 bis 1,5 Mil­lio­nen Arme­ni­ern den Jah­ren 1915 und 1916 als Völ­ker­mord zu benen­nen, aber sich and­rer­seits gern in der Rol­le des Anklä­gers gegen Mensch­lich­keits­ver­bre­chen gefällt, hät­te sie erheb­lich an Glaub­wür­dig­keit ver­lo­ren, wenn sie sich nicht zu die­sem Schritt durch­ge­run­gen hätte.

Auf das Ein­ge­ständ­nis, dass Krieg und Völ­ker­mord wesens­ei­gen zum Kapi­ta­lis­mus gehö­ren, wer­den wir wohl noch lan­ge war­ten müssen.